Report Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus
Wie hängen Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus zusammen? Österreichs beliebte Landschaften sind keine unberührte Natur, sondern über Jahrtausende gewachsene Kulturlandschaften. Bäuerliche Bewirtschaftung formt Wiesen, Almen und Felder – und schafft damit die Grundlage für Erholung, Kulinarik und einen zentralen Wirtschaftszweig.
Als die Landwirtschaft nach Österreich kam
Als die Landwirtschaft nach Österreich kam, veränderte sich alles von Grund auf: nicht nur die Lebensweise der Menschen, auch die Natur und das Aussehen der Landschaft. Nutztiere spielten dabei eine zentrale Rolle und tun es bis heute.
Die Landwirtschaft kam aus fernen Gegenden nach Europa – genau wie die Menschen, die sie zuerst betrieben. Sie waren auch die Vorfahren jener, die sich heute Österreicherinnen und Österreicher nennen.
Was war vor der Landwirtschaft?
Aber auch schon vor Ankunft der ersten Ackerbau-Kulturen lebten in Europa Menschen, auch in jenem Teil, der sehr viel später einmal „Österreich“ heißen sollte. Diese Menschen sind unter dem Begriff „Jäger und Sammler“ oder auch „Wildbeuter“ bekannt. Sie hatten noch keine festen Behausungen, sondern zogen wahrscheinlich in Gruppen von 20 bis 25 Individuen umher. Dabei wohnten sie – über Stunden bis zu mehreren Monaten – in Lagern aus Zelten oder natürlichen Unterständen, etwa den Eingangsbereichen von Höhlen.
Vor der Landwirtschaft: Menschen aßen, was da war
Je nach Ort und Zeit ernährten sich diese Menschen von dem, was in der natürlichen Umgebung zu finden beziehungsweise zu erlegen war. „Biologisch gesehen sind wir Menschen Omnivoren, das heißt ‚Allesfresser‘“, sagt Caroline Posch, Steinzeit-Expertin vom Naturhistorischen Museum Wien. „In diesem Sinne können wir sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrungsmittel zu uns nehmen und verdauen. Ganz wesentlich für diese Zeit ist aber, dass die Menschen ihre Lebensmittel noch nicht selbst produzierten, sondern sich durch die Jagd und das Sammeln aneigneten.“
Die bislang letzte große Kaltzeit – umgangssprachlich „Eiszeit“ genannt – dauerte rund 100.000 Jahre und endete vor grob 12.000 Jahren. Während dieser Zeit waren es Tiere wie Rentiere, Pferde, Wisente, Mammuts, Saiga-Antilopen, Moschusochsen oder auch kleinere Tiere wie Hasen, die in der tundraartigen „Mammutsteppe“ lebten und den Menschen als Nahrungsgrundlage dienten. Diese Mammutsteppe beschränkte sich in Österreich allerdings auf das Alpenvorland oder das östliche Flachland.
Zwar waren während etwas wärmerer Phasen der Kaltzeit auch manche Alpentäler eisfrei. Aber zu ihrem Höhepunkt vor ungefähr 22.000 Jahren waren die Alpen samt der Täler von einem mehrere hundert Meter dicken Eispanzer bedeckt und menschenleer.
Als sich das Eis vor 12.000 Jahren in die Gipfelregionen zurückzog und dichte Wälder sich bis auf rund 2.000 Meter Höhe auszubreiten begannen, änderte sich die natürliche Artenzusammensetzung und damit auch der Speiseplan der Menschen. „In der Zeit um 9.000 Jahre vor heute, also noch am Beginn der heutigen Warmzeit, blieb die generelle Lebensweise der Menschen zunächst noch die gleiche, nur die Ernährung passte sich viel stärker an den jeweiligen Lebensraum an“, stellt Caroline Posch fest.
Durch die Klimaveränderungen bildeten sich in Europa verschiedenste Ökosysteme. Landschaften wie die alpinen Täler und Hochflächen konnten nun besiedelt werden und boten eine vielfältige Nahrungspalette an Pflanzen- und Tierarten. „Wir wissen von Fundstellen in Norditalien, Westösterreich oder der Schweiz, was die Menschen vornehmlich erlegt haben dürften: In den Niederungen und Tälern waren es Wildschwein, Rothirsch und Reh, weiter oben Gams, Steinbock und Murmeltier. Entlang von Flüssen wurde Fischfang betrieben sowie Otter und Biber gejagt beziehungsweise mittels Fallen erlegt.“
Als Ergänzung zur Jagdbeute sammelten die Menschen – abhängig von der Jahreszeit – andere Nahrungsbestandteile. Dazu gehören Vogeleier, Beeren wie Brombeeren und Himbeeren, Pilze, wilder Fenchel, möglicherweise auch Wildgräser, Rohrkolben und Insekten. Nicht alles lässt sich explizit für Österreich nachweisen und trotzdem liegt eine Nutzung aufgrund von Funden anderswo in Europa nahe.
Wissenschaftlerin Posch berichtet: „Aus Norddeutschland wissen wir, dass die Menschen Haselnüsse pflückten und auf heißem Sand rösteten, um sie dadurch haltbar zu machen. Haselnüsse sind extrem kalorienreich und fast überall verfügbar. Es ist wohl davon auszugehen, dass sie auch in Österreich gegessen wurden.“
Und welche Bedeutung hatte speziell die Jagd beziehungsweise der Verzehr von Fleisch gegenüber anderen Ernährungsbestandteilen? „Wir gehen davon aus, dass die Jagd während der Hochphase der letzten Eiszeit aufgrund der klimatischen Bedingungen der größte Lieferant von Nahrung war“, so Caroline Posch. „Mit Beginn der Warmzeit nahm aber die Bedeutung gesammelter Nahrung stark zu und konnte, abhängig von Region und Jahreszeit, bis zu mehr als die Hälfte des Speiseplans ausmachen.“
War das Jäger-und-Sammler-Leben paradiesisch?
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert beobachteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Gruppen von Menschen, die zu diesem Zeitpunkt in entlegenen Weltgegenden noch als „Jäger und Sammler“ lebten. Deren Leben unterschied sich wahrscheinlich nur wenig von jenem, das Menschen 10.000 Jahre zuvor lebten. Solche sogenannten ethnografischen Vergleiche helfen der Wissenschaft noch heute, sich ein Bild der lange zurückliegenden Vergangenheit vor Einführung der Landwirtschaft zu machen.
Eine unter anderem daraus abgeleitete These besagt, dass unsere in Wildbeutergruppen lebenden Vorfahren im Schnitt vier bis fünf Stunden täglich für die Nahrungsbeschaffung und -zubereitung benötigten. Und dass sie ein im Vergleich zu den späteren Bauernkulturen weniger hartes Leben führten.
Kerstin Kowarik, Archäologin bei den Österreichischen Akademien der Wissenschaften, meint dazu: „Teilweise wird das Jäger-und-Sammler-Leben fast paradiesisch dargestellt. Und in der Tat ist es so, dass diese Menschen größer und stärker gewachsen waren als danach die frühen Ackerbauern, was ein Hinweis auf bessere Lebensumstände ist.“
Bekannt ist zum Beispiel, dass die bäuerliche Lebensweise mit ihrer stark getreidehaltigen Kost die Zähne stärker abnutzte und Karies förderte. Ebenso führte das enge Zusammenleben von Menschen mit ihren Haustieren innerhalb fester Behausungen zur Entstehung oder zumindest viel stärkeren Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Die Masern etwa stammen ursprünglich vom Rind.
„Andererseits wissen wir aus Gesprächsanalysen neuzeitlicher Jäger und Sammler, dass sie ständig über Essen geredet und sich Sorgen gemacht haben, ob die nächste Jagd erfolgreich sein und die Nahrung ausreichen wird. Also auch die Wildleute kannten den Hunger“, gibt Kerstin Kowarik zu bedenken.
„Es wird auch davon ausgegangen, dass angesichts knapper Ressourcen Infantizid, also Kindstötung, in wildbeuterischen Gesellschaften als Form der Geburtenkontrolle vorgekommen ist. Vielleicht haben sie nur vier Stunden gearbeitet, aber dass es gar so paradiesisch war, darf bezweifelt werden.“
Dennoch sei das Phänomen der Kindstötung keinesfalls auf die Wildbeuter beschränkt.
Österreich war wild
Wie genau das Leben der Menschen in Österreich vor acht- oder zehntausend Jahren, also vor Einführung der Landwirtschaft, ausgesehen hat, wissen wir nicht. Fest steht aber, dass sie ohne Äcker, Ställe, Häuser, Dörfer oder gar Städte lebten. Durch den mehr oder weniger permanenten Aufenthalt unter freiem Himmel war ihr Leben durch engsten Kontakt zur natürlichen Umgebung geprägt. Diese Umgebung bestand in weiten Teilen aus dichten Urwäldern, Sümpfen und sich wild durch die Täler und Ebenen schlängelnden Flüssen. Baumfreie Flächen dürften sich unterhalb der natürlichen Baumgrenze auf einzelne Bereiche innerhalb der Wälder, auf Lawinenbahnen im Gebirge, auf Flussläufe sowie auf Teile des trockeneren Flachlandes im Osten Österreichs beschränkt haben. Die großen Ströme wie Rhein und Donau waren nicht so wie heute in ein künstlich geschaffenes Flussbett gezwängt, sondern formten Flussarme mit unzähligen Seitenverästelungen, deren Verläufe sich nach jedem Hochwasser veränderten.
Die üppige Tier- und Pflanzenwelt prägte im Zusammenspiel mit Wetterereignissen und dem Wandel der Jahreszeiten die sinnlichen Erfahrungen der Menschen in einem Maß, wie es für den modernen Menschen nur noch schwer vorstellbar scheint. „Wir Menschen sind ja heute noch fasziniert, wenn wir etwa einen großen Vogelschwarm beobachten“, erklärt Archäologin Kowarik. „Aber das ist nichts verglichen mit der Fülle an Vögeln, Insekten und Säugetieren, die in dieser Zeit einfach überall präsent waren und deren Verhalten und Erscheinen sich ständig mit Temperatur und Niederschlag gewandelt haben.“
Das Entscheidende aber ist: Die Jäger und Sammler veränderten ihre natürliche Umgebung nicht beziehungsweise nur minimal. Sie lebten von dem, was die Natur ihnen „schenkte“, was sie sich mittels Jagd und Sammeln aneignen konnten.
Mit der Einführung der Landwirtschaft in Österreich vor grob 7.000 Jahren (5.000 vor Christus) veränderte sich das und damit auch das Aussehen des Landes radikal. Von nun an wurde die einst natürliche Umgebung in einem bis heute andauernden Prozess an die Bedürfnisse und Ziele der Menschen angepasst und fundamental umgestaltet.
Rein genetisch betrachtet ist der Mensch allerdings noch immer von den vielen hunderttausend Jahren vor dem Wechsel zu Ackerbau und Viehhaltung geprägt. Die Zeit der Landwirtschaft und erst recht die aktuelle „Phase der Büroarbeit“ gleicht dagegen einem Wimpernschlag. Oder wie es der israelische Historiker Yuval Harari in seinem Bestseller „Sapiens – Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ausdrückt:
„Bis heute sind unsere Gehirne daher auf ein Leben als Jäger und Sammler programmiert. Unsere Ernährungsgewohnheiten, unsere Konflikte und unsere Sexualität ergeben sich aus der Konfrontation unserer Steinzeitgehirne mit der entfremdeten Welt der Megastädte, Flugzeuge, Telefone und Computer. Dieser modernen Umwelt haben wir es zu verdanken, dass wir heute mehr Ressourcen zur Verfügung haben und länger leben als sämtliche unserer Vorfahren, doch dieselbe Umwelt ist auch dafür verantwortlich, dass wir uns oft einsam, deprimiert und gestresst fühlen.“1
Wie die Landwirtschaft alles veränderte
Die Landwirtschaft kam vor etwas mehr als 7.000 Jahren nach Österreich, laut Stand der Forschung noch vor 5.000 vor Christus. Eingeführt wurde sie von Menschen, die, neben anderen Routen, vor allem über den Balkan entlang der Donau in den Osten Österreichs und von dort weiter in die Alpen und tiefer nach Mitteleuropa vordrangen.
„Erfunden“ worden war die Landwirtschaft allerdings noch einmal rund 7.000 Jahre zuvor in einem Gebiet, das auch als „Fruchtbarer Halbmond“ bekannt ist. Heute finden sich in diesem Gebiet Staaten wie Israel, Syrien, Jordanien, Iran, Irak oder die Türkei. Dort begannen Menschen vor rund 12.000 Jahren weltweit erstmals, Landwirtschaft zu betreiben.
Über Jahrtausende hinweg wagten sich Nachfahren dieser Menschen immer wieder ein Stück weiter Richtung Mitteleuropa vor und landeten schließlich auch im Gebiet des heutigen Österreichs. Im Gepäck hatten sie das sogenannte „neolithic package“, also das „jungsteinzeitliche Gesamtpaket“, wenn man so will. Als Jungsteinzeit oder Neolithikum versteht man die Epoche des Übergangs hin zur Landwirtschaft. „Neben allem anderen, was diese neue Kultur der Ackerbauern und Hirten mit sich bringt, enthält das neolithische Paket allem voran die Sesshaftigkeit, die Keramikherstellung sowie Nutztiere und Nutzpflanzen“, erklärt Andreas Heiss, Archäobotaniker und Zimmernachbar von Kerstin Kowarik im Archäologischen Institut der Österreichischen Akademien der Wissenschaften in Wien. „Die Menschen brachten Einkorn und Emmer mit, also die Verwandten unseres heutigen Weizens, ebenso Erbsen und Linsen, etwas später auch Lein beziehungsweise Flachs, Gerste und Mohn.“ Wesentlicher Teil des Pakets waren zudem bereits domestizierte Rinder, Schafe und Ziegen, also die bereits lange zuvor zu Haustieren gezüchteten Nachfahren der entsprechenden Wildtiere. Auch Schweine kamen aus dem Nahen Osten, Hühner aus dem entfernteren asiatischen Raum, beide allerdings später.
Zumindest für einige Jahrhunderte, vermutlich Jahrtausende, lebten die neu ankommenden Menschen wohl Seite an Seite mit den Wildbeutern. Auch Vermischungen sind nachgewiesen. Da die Landwirtschaft aber von einer bestimmten Fläche viel mehr Menschen ernähren konnte, waren die Bauernkulturen bald in der Überzahl und verdrängten die Jäger und Sammler beziehungsweise übernahmen letztere vielleicht auch einfach die neue Lebensweise.
Weniger Wald, mehr Vielfalt
Grundlage dieser neuen Lebensweise war allerdings die mehr oder weniger radikale Umgestaltung der Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft. Über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg wurde in unterschiedlich intensiven Phasen immer mehr Wald gerodet, Sümpfe und Moore wurden trockengelegt, stattdessen Äcker, Weiden und Dörfer, später ganze Städte angelegt. Abgesehen von Gipfelregionen und wenigen anderen Ausnahmen ist in Österreich heute kein Teil des Landschaftsbildes auch nur annähernd in seinem ursprünglichen Zustand. Vor acht- oder zehntausend Jahren hätte sich alles vollkommen anders präsentiert.
Interessanterweise vergrößerten sich die landschaftliche und die biologische Vielfalt zunächst sogar dadurch, dass Bäuerinnen und Bauern Bäume rodeten und so mehr offene, lichtdurchflutete Bereiche in bis dahin dichten Wäldern schufen (mehr dazu findest du hier). Neben Weiden und Äckern mit unterschiedlichen Anbaukulturen kamen Landschaftselemente wie Raine, Terrassen, Böschungen, Hecken, Obstbäume, Gräben, Teiche, Scheunen, Feldwege und vieles Weitere hinzu. Diese Elemente waren zwar künstlich angelegt, schufen aber auch unterschiedliche ökologische Nischen auf engstem Raum. Diese wurden von einer Vielzahl unterschiedlichster Tier- und Pflanzenarten in Beschlag genommen.
„Schon von den Anfängen der Landwirtschaft lässt sich über alle Epochen hinweg ein Muster erkennen: Die Landschaft war immer kleinteilig und vielfältig“, erklärt Andreas Heiss, der unter anderem pflanzliche Überreste aus Grabungen wissenschaftlich untersucht. „Natürlich hat sich die Zusammensetzung der angebauten Kulturpflanzen je nach Zeit und Ort immer etwas verändert. Aber man hat nie nur eine Getreideart angebaut.“
Die längste Zeit der Vergangenheit hindurch gab es nur wenig überregionalen Handel und Warenaustausch. Nahezu alles, was auf den Tisch kam, musste aus eigenem Anbau beziehungsweise von den eigenen Tieren kommen. Genauso wie andere Rohstoffe, etwa Textilien aus Hanf oder pflanzliche Farbstoffe. Der Anbau verschiedener Kulturen war für die sich selbst versorgenden Ackerbauern aber auch eine Möglichkeit, das Risiko von schlechten Ernten zu verkleinern. Die daraus resultierende landschaftliche Vielfalt war eine Art Nebenprodukt.
Die Reste solcher kleinteiligen, vielfältigen und von Bäuerinnen und Bauern über viele Generationen erschaffenen Kulturlandschaften machen einen wesentlichen Teil dessen aus, was wir heute unter dem Begriff „Naturschutz“ erhalten möchten. Gleichzeitig sind sie das, was Menschen unter einer „schönen Landschaft“ verstehen und die Basis des Tourismus in Österreich ausmacht.
Hunger war immer normal
Zwar konnte die Landwirtschaft viel mehr Menschen ernähren als zuvor die Wildbeuter. Aber gleichzeitig waren die Menschen nun auf Besitz in Form von festen Häusern, Vieh, Ackerland und ihren Vorräten angewiesen. In widrigen Zeiten konnten sie nicht einfach weiterziehen, so wie die Jäger und Sammler es konnten. Das Risiko schrecklicher Notzeiten war auch für die Ackerbauern immer gegeben.
„Es ist davon auszugehen, dass immer wieder auch Familien oder ganze Siedlergruppen vom Hungertod ausgerottet wurden“, sagt Archäobotaniker Heiss. „Auch, wenn man sich das heute nicht mehr vorstellen kann: Hunger war bis zu den 1950er-Jahren auch bei uns in Österreich normal. Das vergisst man oft.“
Game Changer „Moderne Landwirtschaft“
Die weltweit existierende Hungerproblematik wurde erst durch die Modernisierung der Landwirtschaft weitgehend entschärft. Diese Modernisierung kam in Form der Mechanisierung (Maschinen und Traktoren statt Handarbeit und Zugtiere), mineralischer Düngemittel, von Pflanzenschutzmitteln und stark verbesserten Pflanzensorten, die durch gezielte Züchtung vor allem ertragreicher gemacht wurden. All dies verbreitete sich ungefähr ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und ganz besonders nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die entscheidende Leistung der modernen Landwirtschaft ist ihre Produktivität bei gleichzeitiger Flächen- und Arbeitskräfteeffizienz. Auch in Österreich wächst auf einem Hektar Ackerland heute im Vergleich zur Mitte des 20. Jahrhunderts ungefähr die dreifache Menge Getreide. Eine österreichische Kuh gibt statt 2.400 Litern Milch, wie noch im Jahr 1960, heutzutage durchschnittlich mehr als 7.200 Liter pro Jahr. Dabei nimmt diese, zum Teil auch als „industrialisiert“ bezeichnete Form der Landwirtschaft pro erzeugter Menge weniger Fläche und weniger Arbeitskraft in Anspruch. Während eine landwirtschaftliche Arbeitskraft in Österreich heute so viel Lebensmittelmenge produziert, dass durchschnittlich hundert Menschen davon satt werden, konnten die prähistorischen Ackerbauern manchmal nur mit Glück sich selbst und einen Teil ihrer Kinder über den nächsten Winter bringen.
Diese Modernisierung der Landwirtschaft stellt damit auch die alles entscheidende Voraussetzung sämtlicher Errungenschaften der Moderne dar – von der Mondlandung über den Mobilfunk und die globale Vernetzung bis hin zur künstlichen Intelligenz (KI). Nur deshalb, weil sich der weit überwiegende Teil der Bevölkerung nicht mehr selbst um die Beschaffung von Lebensmitteln kümmern musste, konnte sich die bis heute praktizierte Arbeitsteilung entwickeln. Menschen konnten die unterschiedlichsten Berufe ausüben und so die Grundlage des Fortschritts schaffen. Die moderne Landwirtschaft stellt somit die Basis unseres heutigen Wohlstands dar.
Für Landschaft und Umwelt bringt die modernisierte und intensivierte Landwirtschaft zwei unterschiedliche Entwicklungen mit sich. Auf der einen Seite ist die traditionelle, kleinteilige Kulturlandschaft durch die Intensivierung stark gefährdet. Vereinfacht ausgedrückt führt sie zu größeren und einheitlicheren Feldern, weniger Vielfalt bei den angebauten Kulturen und unerwünschten Nebeneffekten durch Nährstoffeinträge oder Pflanzenschutzmittel. Auf der anderen Seite ist die Vielfalt der Landschaft in Europa auch durch das genaue Gegenteil, nämlich die völlige Nutzungsaufgabe, gefährdet. Dies ist in Österreich besonders im Bereich der Almen zu sehen und unter anderem daran ablesbar, dass die Waldflächen seit ungefähr 1850 wieder stark zunehmen. Sie breiten sich vor allem auf aufgegebenen Almflächen aus und führen dort zu einem Rückgang der biologischen Vielfalt.
Beide Phänomene, Intensivierung und Nutzungsaufgabe, vermindern zugleich auch den ästhetischen Wert beziehungsweise die Schönheit der Landschaft. Die moderne Landwirtschaft ist grundsätzlich also zugleich Garant für Wohlstand und Sicherheit als auch eine Herausforderung in Sachen Umwelt und Tourismus. Beide gedeihen in einer vielfältigen und abwechslungsreichen Landschaft besser.
Die prägende Rolle der Tierhaltung und der Weiden
Nutztiere spielten bei der Besiedelung Österreichs durch die ersten sesshaft lebenden Menschen eine zentrale Rolle. Zwar ist in diesem Zusammenhang oft von den „ersten Ackerbauern“ die Rede, allerdings war für sie auch die Haltung von Rindern, Schafen oder Ziegen von zentraler Bedeutung. Die Nutztiere hatten wohl die Funktion einer Art „Lebensversicherung“. Als Wiederkäuer ernähren sie sich von Gras, das grundsätzlich von ganz allein und ohne Zutun des Menschen wächst – auf Waldlichtungen, Rodungsflächen, den Steppenarealen des östlichen Tieflandes oder über der Waldgrenze. Wenn nach einem verregneten Sommer die Getreideernte schlecht oder ganz ausfällt, dann gibt ein Schaf oder eine Kuh noch immer fett- und vitaminreiche Milch, die als Joghurt oder Käse haltbar gemacht werden kann. Zur Not können die Tiere auch geschlachtet werden und als Fleischlieferant dienen.
Besiedelung nur mit tierischer Hilfe?
Das gilt umso mehr für den Bereich der Alpen, wo die Bedingungen für den Ackerbau viel schlechter sind als in den Niederungen. „Gerade die Nordalpen sind kein einfacher Raum zum Besiedeln: kalt, viel Regen, wenig Sonne“, sagt Archäologin Kerstin Kowarik. „Es gibt innerhalb der Wissenschaft die These, dass die Menschen erst durch die Milchwirtschaft in der Lage waren, zusammen mit dem Ackerbau ausreichend Kalorien zu produzieren, um dauerhaft in dieser Landschaft Fuß fassen zu können.“
Gestützt wird diese These unter anderem durch modernste molekulare Analysen. Mit ihrer Hilfe lassen sich in bis zu 3.000 Jahre alten Keramikgefäßen, die man in Höhenlagen von über 2.000 Metern gefunden hatte, Milchfett nachweisen.2 Auch war damit wahrscheinlich schon eine sehr frühe Form der Almwirtschaft verbunden. Man schonte die Weideflächen im Tal, indem man mit den Tieren im Sommer auf die Hochweide (Alm) zog.
Vieles spricht dafür, dass die ersten Schritte zur Besiedelung der Alpen überhaupt erst durch reine Hirten und von den Bergen in Richtung Tal erfolgten. Archäologin Kerstin Kowarik sagt: „Im Alpenraum finden wir die Spuren der ersten jungsteinzeitlichen Menschen häufig zuerst in den Höhenlagen.“ Vermutlich sind Menschen über den Sommer etwa von der trockeneren Alpensüdseite aus immer wieder für beschränkte Dauer mit ihrem Weidevieh zu den Grünlandflächen oberhalb der natürlichen Baumgrenze vorgestoßen. Dort war zu dieser Zeit gerade der Schnee geschmolzen und das Gras spross üppig.
„Über solche Formen von mobiler Viehwirtschaft hat man diese natürlich vorhandenen Flächen als Urweiden genutzt. Große dauerhafte Siedlungen datieren im Alpenraum in der Regel etwas später.“ Aber auch aus dem Osten sei es denkbar, dass Teile von Dorfgemeinschaften mit ihren Herden über den Sommer in die Berge gezogen sind. Solche als Transhumanz oder Wanderweidewirtschaft bezeichneten Formen der Tierhaltung gibt es – in ihren Resten – bis heute.
Und was haben die ersten Bauern- und Hirtenfamilien gegessen? Neben Getreidebreien und gebackenen Brotfladen dürften Milch und Milchprodukte schon viel früher als lange angenommen weit verbreitet gewesen sein. „Es wurde auch Fleisch gegessen“, stellt Kowarik fest. „Keine Unmengen, aber doch.“ Zum Teil dürfte dieses Fleisch auch noch von erlegten Wildtieren gestammt haben – vom Biber bis zum Auerochsen. In den Ebenen des Ostens gehörte auch die Großtrappe, eine Vogelart, dazu.
Nutztiere als alltägliche Erscheinung und Grundlage von Biodiversität
Die prägende Rolle speziell der Rinderhaltung ist in Österreich bis heute gegeben. Ohne sie würden vor allem im Bereich der Alpen sämtliche Grünlandflächen, die Futtergrundlage der Rinder, verbuschen und verwalden. Das Aussehen der Landschaft wäre auf den Kopf gestellt.
Gleichzeitig sind Nutztiere heutzutage aus dem Alltag und dem Blickfeld der allermeisten Menschen vollkommen verschwunden, vor allem in den städtischeren Gebieten. Selbst am Land sind sie zum größten Teil in kaum einsehbaren Ställen untergebracht. Auch die noch vorhandenen Weiden sind, bis auf Teile der Almen, durch Zäune vom Rest des Dorflebens abgetrennt.
Bis vor rund hundert Jahren und zum Teil auch wenigen Jahrzehnten war das vollkommen anders. Enger Kontakt zu Nutztieren war selbst in den Städten der Normalfall, zum Beispiel durch Pferde im Transportwesen oder Kleinsthaltungen von Hühnern, Schweinen oder „Stallhasen“ (Hauskaninchen) im Hinterhof. In den Dörfern waren Rinder und Schweine sowieso dauerpräsent.
„Früher hatte jedes Dorf seinen Gemeinde-Hirten“, stellt Alexander Mrkvicka, Naturschutzexperte und Ökologe vom Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien fest. „Der Hirte hat jeden Morgen die Tiere im Dorf eingesammelt, durch die Straßen und hinaus auf die Gemeindeweide getrieben – immer genau dorthin, wo gerade das beste Gras stand. Zäune brauchte man dabei keine.“
Am Abend wurden die Tiere zurück in die Ställe getrieben. Der dort anfallende Dung diente der Ernährung des Gemüses in den Gärten oder des Getreides auf den Äckern. Auf diese Weise wurden den Weideböden über lange Zeiträume hinweg Nährstoffe entzogen, wodurch sich dort eine einzigartige Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten etablieren konnte.
Zur Erklärung: Besonders artenreich ist eine Wiese dann, wenn ihr Boden nährstoffarm ist. Unter nährstoffreichen Bedingungen setzen sich dagegen nur ein paar wenige Pflanzenarten durch, die genetisch auf gute Nährstoffverwertung und damit schnelles Wachstum programmiert sind.
Viele dieser ehemaligen Gemeindeweiden sind heute wieder bewaldet oder bebaut. „Viele der großen Wiener Gemeindebauten sind in der Zwischenkriegszeit und auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg auf ehemaligen Gemeindeweiden errichtet worden“, berichtet Alexander Mrkvicka und nennt den im Jahr 1930 eröffneten Karl-Marx-Hof im Wiener Gemeindebezirk Döbling als Beispiel.
Die an dem für 5.000 Menschen konzipierten Gemeindebau vorbeiführende Heiligenstädter Straße war bis zu seiner Trockenlegung unter Kaiser Josef II. ein Seitenarm der Donau. An seinen Ufern beziehungsweise in den Auen weidete auch später noch das Vieh. Die den Gemeindebau noch heute querende und 1865 so benannte Halteraugasse ist ein – wenngleich versteckter – Hinweis darauf: „Halter“ ist nämlich ein anderes Wort für „Hirte“.
Mit dem Verschwinden der Hirten kamen die Wohnhäuser. „Das waren halt große Flächen ohne Bäume, die aus damaliger Sicht nutzlos waren, nachdem die Viehwirtschaft aus dem Gebiet verbannt worden war. Es waren ideale Standorte für die Gemeindebauten.“
Letzte Reste solcher ehemaligen Dorf- oder Gemeindeweiden zählen heute zu den artenreichsten und damit wertvollsten Naturschutzflächen. Um sie zu erhalten, machen oftmals freiwillige Helferinnen und Helfer die Arbeit, die früher das Vieh nebenbei erledigt hat: den Aufwuchs von Gehölzen eindämmen.
Ein Beispiel ist die Perchtoldsdorfer Heide am südwestlichen Stadtrand von Wien, heute ein beliebtes Ausflugsziel. Ihre Weideflächen waren noch 1880 rund neunmal größer als heute.3
Auch wesentliche Teile des heutigen Nationalparks Neusiedler See – Seewinkel gehen auf solche ehemaligen gemeinschaftlich genutzten Weiden zurück. Diese werden auch als „Hutweide“ bezeichnet – „Hut“ kommt von „hüten“. Erst mit dem Niedergang der Viehwirtschaft im Burgenland ab den 1970er-Jahren drohten diese Flächen zu verbuschen oder wurden als Acker- oder Rebfläche umgenutzt.
Auf der Website des Nationalparks ist zu lesen: „Ab Mitte der 1980er-Jahre, als wertvolle Lebensräume durch deren Nicht-Nutzung verloren zu gehen drohten, wurde mit der Beweidung im Sinne des Naturschutzes begonnen. Begleitet von wissenschaftlichen Langzeitstudien wurden die Hutweiden und Wiesenbereiche seither stetig erweitert.“4
Der Weg der Ochsen aus Ungarn
Heute kaum noch vorstellbar dürften auch die riesigen Viehtriebe sein, die seit dem Mittelalter Ochsen aus Ungarn über Niederösterreich, das Burgenland und Wien bis nach München, Augsburg, Ulm oder Nürnberg führten. Als es weder Eisenbahn noch Kühlmöglichkeiten wie heute gab, wurde Rindfleisch vielfach lebend auf vier Beinen zum Ort des Verzehrs gebracht.
In Wien marschierten die riesigen Herden ungarischer Grauochsen mit ihren Treibern über die Landstraßer Hauptstraße bis zum Ochsenmarkt vor dem Stubentor. Die nahe verlaufende Ungargasse verweist noch heute auf die ungarischen Händler, die damals dort Quartier bezogen. Solche Viehmärkte wurden in kleinerem Maßstab überall in Österreich abgehalten.
Das Wien-Museum schreibt dazu anlässlich seiner Ausstellung „Fleisch“ Anfang 2026: „Jeden Freitag, am Markttag, mussten die Straßen geräumt und alle Türen und Läden geschlossen werden, an denen die Ochsenherden vorbeikamen. Der Trieb durch urbanes Gebiet, der bei Schaulustigen äußerst beliebt war, war nicht ungefährlich: Das Spektakel wurde von Soldaten und der Stadtguardia bzw. der Polizeiwache begleitet. Im Jahr 1874 verzeichnete die Stadtpolizei 271 Fälle scheuer Pferde und Ochsen, die eingefangen werden mussten.“5
Auch das Schlachten lief lange vor den Augen der Öffentlichkeit ab – in Wien oftmals auf Brücken über den Donaukanal. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts führten die Viehtriebe vermehrt zu neu errichteten Schlachthöfen in Gumpendorf, Meidling oder St. Marx.
„Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Ökologe Mrkvicka. „Es ist schade, dass es von den Viehtrieben kaum Fotos gibt. Aber Fotografieren war damals teuer und deshalb hat man fast nie Alltägliches fotografiert.“
Bald gab es einen offiziellen Schlachthauszwang, der die viele Jahrtausende alte, aber inzwischen auch industrialisierte Tätigkeit endgültig aus der Öffentlichkeit verbannte. Viehtriebe wurden in Wien erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten. Und mit dem Schlachthof St. Marx wurde 1997 der letzte Schlachthof Wiens geschlossen.
All diese Beispiele verdeutlichen, dass der Umgang und die Abhängigkeit von Nutztieren nicht nur die Geschichte der Menschen in Österreich, sondern auch der Kulturlandschaft wesentlich prägten. Mehr dazu findest du im Artikel zu den Themen „Almen“ und „Tourismus“.
Quellen
1 Yuval Noah Harari (2024): SAPIENS - Eine kurze Geschichte der Menschheit, Taschenbuch, Penguin-Verlag, S. 57
2 Carrer et al. (2016): Chemical Analysis of Pottery Demonstrates Prehistoric Origin for High-Altitude Alpine Dairying
3 Freunde der Perchtoldsdorfer Heide (perchtoldsdorfer-heide.at: Geschichte; Zugriff: 13.02.2026)
4 Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel (nationalparkneusiedlersee.at: Beweidung; Zugriff: 13.02.2026)
5 Museen der Stadt Wien (magazin.wienmuseum.at: Achtung, Viehtrieb! Nutztiere in der Stadt; Zugriff: 13.02.2026)
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Tourismus und Landwirtschaft: Warum ist Österreich bei Gästen so beliebt?
Der Tourismus ist eine tragende Säule der Wirtschaft in Österreich und sorgt für beträchtliche Wertschöpfung. Seine Basis dürfte vielen Menschen kaum bewusst sein: die von Bäuerinnen und Bauern gepflegte Kulturlandschaft.
Ohne Tourismus und Freizeitwirtschaft wäre Österreich ein deutlich ärmeres Land. Mit der Beherbergung, Verköstigung oder Unterhaltung von Gästen verdienen viele Menschen hierzulande ihren Lebensunterhalt. Und so manch verarmtes Bergbauerndorf hat sich – aufgrund vermehrt kommender Gäste – innerhalb weniger Jahrzehnte zum wohlhabenden Tourismusmagneten entwickelt. Doch wo genau liegen die Anfänge dieses heute so wichtigen Wirtschaftszweiges, was genau ist es eigentlich, das Menschen zur Erholung nach Österreich zieht? Und in welcher Weise hängen Tourismus und Landwirtschaft voneinander ab?
Aktueller Tourismus in Österreich – die wichtigsten Zahlen
Laut Statistik Austria6 konnten Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen in Österreich im Jahr 2024 mit mehr als 154 Millionen Nächtigungen einen neuen Rekord verbuchen. Damit lag die Anzahl der Übernachtungen noch einmal um ein Prozent über dem bisherigen Rekordjahr 2019. Im Durchschnitt verbrachte jeder Gast 3,3 Nächte in touristischen Unterkünften.
Fast drei Viertel (74 Prozent), genauer gesagt rund 114 Millionen dieser Übernachtungen fielen dabei auf Gäste aus dem Ausland, wobei Deutschland mit großem Abstand das wichtigste Herkunftsland darstellt. Besuche von unserem nördlichen Nachbarn waren allein für 38 Prozent oder 59 Millionen der Nächtigungen des Jahres 2024 verantwortlich. Das zweitwichtigste auswärtige Herkunftsland für die Tourismusbranche waren die Niederlande mit sieben Prozent, auf dem dritten Platz folgten die Schweiz und Lichtenstein mit zusammen rund drei Prozent der Übernachtungen.
Unverzichtbar für die Tourismusbranche sind aber auch jene Gäste, die aus dem eigenen Land kommen und in hiesigen Gefilden Erholung suchen. Auf sie fiel 2024 ein gutes Viertel (26 Prozent) oder 40 Millionen der Nächtigungen. So gesehen stellt Österreich selbst das zweitwichtigste Herkunftsland für die heimische Tourismusbranche dar.
Auf Ebene der Bundesländer zeigt sich eine ungleiche Verteilung: Mehr als die Hälfte aller Übernachtungen, rund 79 Millionen, entfielen im Jahr 2024 auf Tirol und Salzburg. Zählt man das in dieser Hinsicht drittstärkste Bundesland Wien dazu, dann übernachten rund zwei Drittel aller Gäste in diesen drei Bundesländern.
Interessant ist auch der Anteil des Städtetourismus. Wien und alle Bundesländerhauptstädte zusammengenommen verbuchten im Betrachtungsjahr mit annähernd 28 Millionen Nächtigungen einen Anteil von 18 Prozent aller Übernachtungen. Anders ausgedrückt: Mehr als vier von fünf Nächten verbringen Gäste in Österreich in Landgemeinden oder Kleinstädten.
Was ist Tourismus?
Das Wort „Tourismus“ stammt aus dem Französischen. Dort steht das Substantiv „le tour“ für die Reise, den Ausflug oder die Runde. Deshalb lässt sich das berühmteste Radrennen der Welt, die Tour de France, auch mit Frankreichrundfahrt übersetzen. Im 19. Jahrhundert, als in den Alpen das Wandern und Bergsteigen so richtig in Mode kam, bezog sich der Begriff Tourismus noch speziell auf die Runde, die jemand in den Bergen drehte. Ein Tourist war also ein Wanderer oder Bergsteiger.
Zum Überbegriff mit seiner heutigen Definition mutierte der Tourismus erst im 20. Jahrhundert, als er nach und nach den lange gebräuchlichen Begriff „Fremdenverkehr“ ablöste. Aber noch heute findet sich hier und da an der Fassade mancher Frühstückspension das Wort „Fremdenzimmer“.
Laut Definition der Tourismus-Organisation der Vereinten Nationen (UN Tourism) sind unter dem Begriff Tourismus die „Aktivitäten von Besuchern“ zu verstehen. Dabei ist mit einer Besucherin oder einem Besucher eine Person gemeint, die „für weniger als ein Jahr, aus einem (geschäftlichen, freizeitlichen oder anderem persönlichen) Haupt-Grund, (…) zu einem Hauptziel außerhalb ihrer gewohnten Umgebung reist.“ Ausgenommen sind lediglich Menschen, die bei einem ortsansässigen Unternehmen angestellt sind. Kurz gesagt: Touristinnen und Touristen besuchen einen Ort außerhalb ihres eigenen Wohn- und Arbeitsumfelds. Auch geschäftliche Aufenthalte zählen also dazu (außer, der eigene Arbeitsplatz wird aufgesucht). Eine Übernachtung ist übrigens nicht erforderlich, um eine Reise als touristisch zu qualifizieren.
Das Geld, das Touristinnen und Touristen am Ort ihrer Wahl ausgeben, sorgt für touristische Wertschöpfung. Zum Beispiel dadurch, dass sie eine Tageskarte für die Bergbahnen erwerben, einen Skikurs belegen, Wanderstöcke kaufen, im Restaurant essen oder im Supermarkt einkaufen.
Nicht dem Tourismus zuzuordnen sind jene Ausgaben, die für dieselben Waren und Dienstleistungen von Ortsansässigen getätigt werden. Schließlich fahren auch sie gerne auf ihren Hausbergen Ski, gehen wandern oder besuchen ihr Lieblings-Beisl ums Eck. Ein Beispiel: Fährt eine Wienerin zum Skifahren nach Stuhleck, dann ist sie Touristin. Der mit ihr in derselben Wohnung lebende Partner, der sich zur gleichen Zeit im Wiener Museumsquartier eine Ausstellung ansieht, ist kein Tourist. Er trägt stattdessen zur Wertschöpfung innerhalb der Freizeitwirtschaft bei. Die beiden Kategorien voneinander zu trennen, kann herausfordernd sein und ist Gegenstand wissenschaftlicher Analysen, wie sie etwa das WIFO mittels Befragungen, der Auswertung aller möglichen statistischen Daten und Modellrechnungen betreibt. Beispielsweise könnte man in mehreren Restaurants einer Gemeinde stichprobenartig ermitteln, ob es sich bei den Gästen eines Abends jeweils um Touristen oder um Einheimische handelt und die Ergebnisse anschließend hochrechnen. Außerdem führen das WIFO und die Statistik Austria gemeinsam ein sogenanntes Tourismus-Satellitenkonto. Dieses Satellitenkonto „kreist“ gewissermaßen um vorhandene Statistiken und Datensätze herum und nimmt alles auf, was gemäß internationalen Richtlinien dem Tourismus angerechnet werden kann.
Gemeinsam tragen Tourismus und Freizeitwirtschaft einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaftsleistung Österreichs bei.
Welche Werte schafft der Tourismus?
Laut Statistik Austria haben im Jahr 2023 Tagesgäste und nächtigende Gäste auf Urlaubs- und Geschäftsreisen in Österreich rund 37 Milliarden Euro ausgegeben. Davon fiel mit knapp 23 Milliarden mehr als die Hälfte auf Touristinnen und Touristen aus dem Ausland. Die daraus erzielte direkte Wertschöpfung betrug 4,2 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Österreichs beziehungsweise des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Aber was genau bedeutet eigentlich direkte Wertschöpfung und was unterscheidet sie von der Indirekten?
Welchen Wert bestimmte Aktivitäten für eine Volkswirtschaft haben beziehungsweise erschaffen, lässt sich mittels modellhafter Berechnungen der sogenannten Wertschöpfung abschätzen. Damit ist zum Beispiel Anna Burton vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) beschäftigt. Sie erklärt: „Vereinfacht gesagt ist die Wertschöpfung der Wert, der neu geschaffen wird, wobei die jeweiligen Vorleistungen nicht eingerechnet sind.“ Die direkte Wertschöpfung eines Hotels lässt sich demnach aus dem Zimmerpreis (ohne Mehrwertsteuer) errechnen, indem man jene Kosten für die notwendigen Vorleistungen abzieht, die das Hotel bei anderen Unternehmen einkaufen muss, um die eigene Leistung überhaupt erbringen zu können. Dazu gehört im Fall des Hotelzimmers etwa die Tischlerei, die das Hotelzimmer einrichtet oder die Wäscherei, die für frische Handtücher und Bettwäsche sorgt.
Wichtig zu beachten ist, dass das Hotel nach demselben Prinzip sowohl bei der Tischlerei als auch bei der Wäscherei zusätzlich für indirekte Wertschöpfung sorgt. „Die Leute von der Wäscherei kommen selbst zwar nie mit dem Touristen oder der Touristin in Kontakt, aber nur weil diese Urlaub machen, gibt es das Hotel, das die Wäscherei braucht“, sagt Anna Burton.
Die Modellrechnungen des WIFO7 zeigen beispielhaft für das Jahr 2023, dass allein der Tourismus innerhalb Österreichs für direkte und indirekte Wertschöpfungseffekte von fast 30 Mrd. Euro (28,9 Mrd.) sorgte. Das entspricht 6,1 Prozent des 2023-er BIP. Das BIP ist eine vielfach genannte statistische Größe zur Bemessung der wirtschaftlichen Stärke eines Landes. Sie umfasst den Gesamtwert aller in Österreich produzierten Waren und Dienstleistungen (inklusive der auf die Güter zu zahlenden Steuern, abzüglich der dafür empfangenen Subventionen).
Österreich ist eines der beliebtesten Urlaubsländer der Welt
Dass die Tourismuswirtschaft zum Wohlstand des Landes Zig-Milliardenbeträge an direkter und indirekter Wertschöpfung beisteuern kann, liegt auch an der internationalen Beliebtheit Österreichs als Urlaubsland. Wie beliebt genau, das zeigen die Statistiken der UN-Tourismusorganisation. Diese veröffentlicht alljährlich die Rangfolge der weltweit beliebtesten Urlaubsdestinationen, gemessen in der Anzahl internationaler Ankünfte. Eine Ankunft bezieht sich dabei jeweils auf eine Person, die aus dem Ausland kommend in Österreich ankommt. Dabei landete Österreich in jüngster Vergangenheit regelmäßig unter den ersten zehn Ländern.
Im Jahr 2024 belegte Österreich mit 32 Millionen internationalen Ankünften Platz 13 der beliebtesten Urlaubsnationen im weltweiten Tourismus. Dabei handelt es sich bei allen davor platzierten Ländern um deutlich größere Staaten. Platz eins erreichte zum Beispiel Frankreich mit 102 Millionen Ankünften, gefolgt von Spanien und den USA mit 94 beziehungsweise 72 Millionen Ankünften.
Österreichs Seilbahnen
In Österreich gibt es rund 640 Seilbahnbetriebe, die insgesamt circa 2.500 Seilbahnanlagen und Schlepplifte betreiben und vor allem vom Skitourismus leben. Wer gerne Ski- und Snowboard fährt, kann sich in Österreich laut Fachverband der Seilbahnen auf insgesamt 23.700 Hektar (237 Quadratkilometer) Pistenflächen austoben. Das entspricht ungefähr der Fläche der Insel Elba im Mittelmeer oder 0,3 Prozent des österreichischen Staatsgebiets.
Welche Werte schafft die Landwirtschaft?
Auch die Landwirtschaft schafft Werte. Diese bestehen in erster Linie aus Lebensmitteln bzw. landwirtschaftlichen Rohstoffen. Laut Statistik Austria8 lag die direkte Wertschöpfung der Landwirtschaft (ohne Forstwirtschaft) im Vergleichsjahr 2023 bei rund 4,4 Milliarden Euro. Und somit bei 0,9 Prozent des BIP.
Darüber hinaus erschaffen und erhalten Bäuerinnen und Bauern weitere Werte, die sich weniger leicht bemessen lassen und die in der Regel nicht in den Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse enthalten sind. Dazu gehören gegebenenfalls die Schönheit der Landschaft oder der Beitrag zur Selbstversorgung und damit zur Krisensicherheit des Landes. Für den Tourismus und die Freizeitwirtschaft ist dabei der Beitrag der Landwirtschaft zur Pflege der Kulturlandschaft von entscheidender Bedeutung. Unter Kulturlandschaft versteht man eine Landschaft, deren Aussehen durch Eingriffe des Menschen wesentlich verändert wurde. Vor allem die Land- und Forstwirtschaft erhalten und pflegen die Kulturlandschaft, indem sie sie zu Produktionszwecken nutzen. Im Gegensatz dazu verkörpert eine Wildnis eine sich weitgehend selbst überlassene Naturlandschaft. Als reine Wildnis wären weite Teile Österreichs von dichten Wäldern bedeckt.
Warum besuchen Menschen Österreich?
Menschen aus dem In- und Ausland, die den Lebensraum Österreich zu Erholungszwecken besuchen und nutzen, tragen ganz erheblich zum Wohlstand dieses Landes bei. Daher lohnt sich die Auseinandersetzung mit den Motiven dieser Menschen: Warum ist Österreich als Urlaubsland so beliebt? Was zieht jedes Jahr so viele Menschen nach Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Kärnten oder zu anderen schönen Flecken des Landes?
Solche und ähnliche Fragen sind essenziell für die nationale Tourismusorganisation „Österreich Werbung“. Deren Aufgabe liegt in der Bewerbung der Marke „Urlaub in Österreich“ sowie darin, sich für „den Erhalt bzw. den Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit des Tourismuslandes Österreich“9 einzusetzen. Anders gesagt: Auch in Zukunft soll Österreich als Urlaubsland bekannt und beliebt bleiben. Aus diesem Grund sammelt die Österreich-Werbung regelmäßig relevante Daten und will wissen, warum Gäste eigentlich ins Land kommen. Zuletzt wurden im Sommer 2024 rund 20.400 Gäste befragt, im darauffolgenden Winter 2024/25 nahmen 19.600 an der Befragung teil.
Der entscheidende Zusammenhang zwischen der Beliebtheit Österreichs auf der einen und den von der Landwirtschaft erschaffenen Werten auf der anderen Seite zeigt sich beim Blick auf die Frage „Was waren die Gründe für die Wahl der Destination?“. Dabei offenbart sich, dass „Natur“ und Landschaft den mit Abstand wichtigsten Grund für einen Besuch in Österreich darstellen. Am deutlichsten wird dies bei den Sommergästen. Unter Ihnen gaben 62 Prozent „Natur/Landschaft“ an, während der zweitwichtigste Grund, die Unterkunft, mit 29 Prozent der Befragten folgte. Bei den Wintergästen zeigten sich die Sportmöglichkeiten mit 47 Prozent als wichtigster Grund. Allerdings ist auch der mit Abstand wichtigste Wintersport Skifahren an die Landschaft als Austragungsort gekoppelt. Auch im Winter folgte als zweitwichtigster Grund explizit die Landschaft mit 37 Prozent.
Österreichs Landschaften sind stark geprägt durch die Landwirtschaft und gleichzeitig das wichtigste Motiv für Besucherinnen und Besucher. Der Schluss liegt daher nahe, dass Österreich ohne Bäuerinnen und Bauern ein großer Teil seines touristischen Markenkerns verloren ginge. Theresa Mitterer-Leitner ist Tourismusforscherin am Management-Center Innsbruck (MCI) und formuliert es so: „Gerade die Berglandwirtschaft mit ihren dazugehörigen Almen formt eine anziehende Kulturlandschaft, die seit über 150 Jahren für Sport und Erholung genutzt wird, von Gästen genauso wie von Einheimischen. Nur durch die fortlaufende Bewirtschaftung bleibt diese starke Anziehungskraft erhalten.“
Ohne diese Bewirtschaftung würde sich das vorherrschende Landschaftsbild durch Verbuschung und Verwaldung radikal verändern. Welche Werte dadurch verloren gingen, findest du weiter in diesem Report.
Quellen
6 Statistik Austria (statistik.at): Ankünfte und Nächtigungen im Kalenderjahr 2012 bis 2024 (Zugriff: 12.08.2025);
7 Statistik Austria (statistik.at): Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus, Tourismus- Satellitenkonten 2023 (Zugriff: 11.08.2025)
8 Statistik Austria (statistik.at): Landwirtschaftliche Gesamtrechnung auf nationaler Ebene; Zugriff: 20.02.2025
9 Österreich-Werbung (austriatourism.com): Die Österreich-Werbung /Austria Tourism; Zugriff: 20.02.2025
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Was ist eine schöne Landschaft?
Der Aufenthalt im Grünen ist gut für Körper und Geist. Welche Landschaften wir dabei besonders gerne besuchen, hat wenig mit persönlichem Geschmack zu tun – viel dagegen mit der Geschichte des Menschen.
Die Landschaft ist – direkt oder indirekt – der mit Abstand wichtigste Grund dafür, dass Menschen nach Österreich in den Urlaub fahren. Aber was genau macht eine Landschaft überhaupt anziehend oder schön? Wie sollte die ideale Landschaft aussehen? Wäre eine sich selbst überlassene Wildnis nicht mindestens genauso heiß begehrt bei Erholungssuchenden wie die von Menschen gepflegte Kulturlandschaft, die in Österreich dominiert? Und beruhen unsere Vorlieben für bestimmte Landschaftsformen einfach nur auf persönlichem Geschmack oder steckt mehr dahinter?
Mit Fragen wie diesen beschäftigen sich auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU University). Institutsleiter Arne Arnberger kennt den Stand der Wissenschaft und nennt den typischen englischen Landschaftspark als wissenschaftlich gut belegte Idealform einer „schönen“ Landschaft. Solche künstlich angelegten Landschaftsparks kamen im England des 18. Jahrhunderts bei wohlhabenden Grundstücksbesitzern in Mode und bestehen aus dem reizvollen Wechsel von Grasflächen, Einzelbäumen, Baumgrüppchen, Waldrändern, Gewässern und minimaler Bebauung, etwa mit Steinbrücken, nachgeahmten Tempeln oder Pagoden, sprich mehrgeschossigen Holztürmen, wie sie aus Asien bekannt waren.
Solche und ähnliche Landschaften werden als „halboffen“ bezeichnet. Darunter ist eine Art Mittelweg zu verstehen: zwischen einem vollkommen dichten, also geschlossenen Waldgebiet und einer völlig offenen Landschaft, ohne jeden Baum- oder Strauchbewuchs.
Englische Landschaftsparks sind nicht natürlichen Ursprungs, lehnen sich aber an bestimmte Ausschnitte aus der Natur an. Der „Englische Garten“ als eine Art eingehegter und gepflegter Natur wurde an vielen Orten der Welt kopiert, nicht zuletzt im bekannten Englischen Garten in München. Auch der Lainzer Tiergarten oder der Prater in Wien folgen zum Teil ähnlichen Prinzipien. Genau wie die unzähligen kleineren Parks, wie sie in vielen Gemeinden zu finden sind. Der Englische Garten dient noch heute als ein Sinn- und Leitbild in der Gartenkunst.
Warum gelten halboffene Landschaften als schön?
Legt man Menschen im Rahmen wissenschaftlicher Studien Fotos von verschiedenen Landschaften vor, dann zeigt sich auch dabei regelmäßig die Vorliebe für halboffene Landschaften. Warum ist das so? Arne Arnberger verweist auf verschiedene Theorien, die die sogenannten Landschaftspräferenzen erklären können. Vereinfacht gesagt deuten diese Theorien darauf hin, dass uns vor allem solche Landschaftsbilder zusagen, die unseren Vorfahren in der afrikanischen Savanne vor hunderttausenden Jahren am ehesten Schutz und Nahrung gewährten und damit das eigene Überleben wahrscheinlicher machten.
Savannen sind weite, ebene Graslandschaften mit unterschiedlich dichtem Gehölzbewuchs. Sie bilden den Übergang zwischen Wüsten- und Regenwaldgebieten und sind etwa vom Norden Tansanias bis in den Süden Kenias zu finden. Dort, in Ostafrika, liegt die Wiege der Menschheit, wo die Gattung Mensch den aufrechten Gang erlernte.
In Kombination mit Wasser versprachen halboffene Urzeit-Landschaften auf der einen Seite Nahrung in Form von Wild, das erlegt werden konnte. Auf der anderen Seite boten sie eine gewisse Übersicht und zugleich Deckung und Schutz. Das Motto lautete: sehen, ohne gesehen zu werden. Das half beim Anschleichen an die Jagdbeute, aber auch, wenn sich die Menschen selbst verstecken mussten. Schließlich war der Homo sapiens, also unsere eigene Art, zu Beginn seiner Entwicklung nicht nur Jäger, sondern oft genug auch selbst Gejagter.
Diese landschaftlichen Vorlieben haben sich im Laufe der Evolution durchgesetzt und sind auch im Erbgut des modernen Menschen festgeschrieben. Aufgrund unseres Erbes können wir in der Regel also gar nicht anders, als abwechslungsreiche, kleinstrukturierte und halboffene Landschaften deutlich gegenüber monotonen Landschaften vorzuziehen.
Als besonders schön gelten heute Landschaften, die nicht nur ein Mosaik aus verschiedenen Nutzungsformen wie etwa Wald, Wiese, Weide oder Streuobstwiesen zeigen, sondern auch weitere menschengemachte oder natürliche Elemente und Formen. Dazu zählen beispielsweise Felsen, Hecken, Einzelbäume, Bachläufe, Hütten, Scheunen, Bienenhäuser, Fischteiche, Pfade, Wege und historisch gewachsene dörfliche Strukturen. Auch Spuren aus der Vergangenheit, wie Burgen oder Anzeichen aktueller Geschehnisse, wie ein Traktor bei der Arbeit und vieles, vieles mehr können für Abwechslung und Spannung in der Landschaft sorgen. Aber auch in Bezug auf solche Landschaftselemente kommt es laut Arne Arnberger auf das richtige Maß an: „Eine Landschaft darf weder zu komplex sein noch zu sehr ausgeräumt und monoton. Am besten bewertet werden daher historische Kulturlandschaften wie beispielsweise die Wachau oder die Almen.“
Eine rein „traktorgerechte“ Landschaft, wie Arnberger sie nennt, zeichnet sich dagegen dadurch aus, dass die meisten Strukturen entfernt wurden, die im Zuge der Modernisierung der Landwirtschaft aus rein produktionstechnischer Sicht überflüssig geworden sind. Diese Art der „Flurbereinigung“ hat die einzelnen Parzellen größer werden lassen und aus einer Vielzahl an krummen und rundlichen Rändern wenige geradlinige gemacht. In solchen eher monotonen Landschaften lassen sich zwar Lebensmittel unter geringerem Energie- und Zeitaufwand und dadurch günstiger und klimaeffizienter produzieren. Ihr Wert für Freizeit und Erholung hat aber stark abgenommen, genau wie ihr ökologischer Wert. Wichtig zu verstehen ist allerdings, dass Traktoren keinen grundsätzlichen Widerspruch zu einer ökologisch wertvollen Landschaft darstellen. Zudem existieren in der Realität viele Abstufungen zwischen sehr monotonen, ausgeräumten und traditionellen, abwechslungsreichen Kulturlandschaften.
Kleinteilige Kulturlandschaft höher bewertet als dichter Wald
Die jedenfalls zum Teil sehr dichten Urwälder, die sich in der Naturlandschaft des heutigen Österreichs nach dem Ende der jüngsten Kaltzeit vor rund 12.000 Jahren etablierten, wären aus heutiger menschlicher Sicht kein Ideal. „Rein in Sachen Ästhetik wird eine kleingliedrige Kulturlandschaft höher bewertet als ein Urwald“, sagt BOKU-Forscher Arnberger. „Ein Urwald besteht aus mehreren Schichten mit Unterwuchs, Sträuchern und unterschiedlich hohen Bäumen. Er ist sehr dicht, außerdem liegt viel Totholz herum. Dadurch ist auch der Ausblick blockiert und der Urmensch in uns weiß nicht, ob hinter dem nächsten Busch der Säbelzahntiger sitzt oder nicht. Und deshalb haben wir instinktiv immer ein Problem mit dunklen, unübersichtlichen Umgebungen.“
Das heißt natürlich umgekehrt nicht, dass uns die Natur generell abschreckt oder kaltlässt. Im Gegenteil: Die Theorie der Biophilie, also der „Liebe zum Lebendigen“, geht davon aus, dass sich der Mensch aufgrund der Entwicklungsgeschichte seiner Art und dem damit verbundenen engen Naturkontakt grundsätzlich zu anderen Lebewesen hingezogen fühlt. Wer Kleinkinder dabei beobachtet, mit welcher Hingabe sie in Gartenerde nach Regenwürmern suchen oder am Wegesrand krabbelnde Tiere beobachten, der sieht den biophilen Charakter des Menschen bestätigt. Auch der Umstand, dass Tiere in Kinderliedern oder Märchen seit jeher eine zentrale Rolle spielen, Streichelzoos zu den beliebtesten Ausflugszielen für Familien mit Kleinkindern zählen und Haustiere sich ungebrochener Beliebtheit erfreuen, dürfte kein Zufall sein.
Zudem sind wir Menschen durchaus fasziniert von unberührter Wildnis wie dem tropischen Dschungel Südamerikas oder den tiefen Wäldern Nordamerikas, wie sie etwa in den Universum-Dokus im Fernsehen zu sehen sind. „Aber wenn man es genau betrachtet“, sagt Arne Arnberger, „dann ist auch die Universum-Kamera selten im dichten Wald unterwegs, sondern häufig an den offenen Flussläufen oder den Grünlandflächen, wo die Bisons weiden. Oder die Waldlandschaften werden vom Flugzeug aus von oben betrachtet.“ Insofern sei der Blick auf solche Wildnis-Gebiete durch eine Kamera etwas verfälscht. Durch den Kamera-Blick von oben wirken wahrscheinlich ähnliche Mechanismen wie beim Streben nach Aussichtspunkten während einer Wanderung: Die unten liegende Landschaft gefällt uns unter Umständen besser als in dem Moment, in dem wir uns mittendrin befinden.
So oder so lasst sich der Mensch von der Natur in ihren Bann ziehen. Und auch die menschengemachte Kulturlandschaft basiert schlussendlich auf dem, was in der Natur und durch die Naturkräfte entstanden ist. Im Gegensatz zur wilden, unberührten Natur steht die Kulturlandschaft aber für eine gezähmte und eben kultivierte Abwandlung der Natur, die Sicherheit und Geborgenheit gibt. Aus ihr heraus lassen sich Tiere, Pflanzen und andere Lebewesen bequem beobachten und erleben.
Was wir als schön und was eher als bedrohlich empfinden, ist also durch die menschliche Entwicklung und unsere Gene geprägt. Allerdings nicht ausschließlich.
Persönliche und kulturelle Prägung beeinflussen die Landschaftswahrnehmung
Auch persönliche Bedürfnisse und Erfahrungen, Bildung oder kulturelle Prägungen haben Einfluss auf die Wahrnehmung einer Landschaft oder bestimmter Landschaftselemente. Menschen können sich zum Beispiel mit dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind und den sie möglicherweise „Heimat“ nennen, besonders stark identifizieren. Wer etwa in der Norddeutschen Tiefebene lebt, kann das flache Land dort als schön empfinden, auch wenn er oder sie im Urlaub gerne etwas anderes ganz anderes sieht und erkundet und dazu in den ganz anders aussehenden Alpenraum reist.
Emotionale Bindung ist auch gegenüber Orten feststellbar, an denen Menschen ihren Hobbys oder anderen Bedürfnissen besonders gut nachgehen können. Sei es Skifahren, Wandern oder auf einer ganz bestimmten Sitzbank sitzen und ein Buch lesen.
Je nachdem, welche Art von Nutzen man persönlich hat oder wahrnimmt, kann die Bewertung einer Landschaft unterschiedlich ausfallen. Eine ortsansässige Landwirtin wird an größeren Getreidefeldern und einem produktionstechnisch nützlichen Landschaftsbild eher Gefallen finden als ein durchreisender Radfahrer, der abwechslungsreichere Landschaften bevorzugt. Jemand, der um den ökologischen Wert verlassener Industrie- oder Bahngelände weiß, kann solche verwilderten Gelände ansprechend finden, während andere Menschen diese abschätzig als nutzlose „Gstettn“ bezeichnen.
Universelle Präferenz für kleinräumige und abwechslungsreiche Landschaften
Und schließlich kann es sein, dass jüdisch-christlich geprägte Menschen eine Kirche in der Landschaft positiver bewerten als etwa ein Minarett als Symbol islamischer Religion. Genauso wird mittelalterlichen Burgen durch in Mitteleuropa aufgewachsene Urlauberinnen und Urlauber eher Nutzen und Wichtigkeit zugeschrieben als durch Menschen aus Asien.
Unter all diesen sich überlagernden Einflüssen schlummert aber stets die Präferenz für die kleinräumige, abwechslungsreiche, halboffene Landschaft, wie sie in Österreich durch die traditionelle Landwirtschaft geschaffen wurde. „Das Interessante ist, dass diese Landschafts- Präferenz allen Menschen gegeben ist, weil sie aus der Menschwerdung stammt“, sagt BOKU-Professor Arnberger. „Das können wir nicht verändern. Wenn wir die beiden anderen Dimensionen, das Soziale und das Individuelle, herausnehmen, dann haben alle Menschen im Prinzip eine sehr ähnliche Landschaftspräferenz.“
Warum lieben wir mysteriöse Landschaften und Aussichtspunkte? Überall auf der Welt steigen Menschen auf Türme, betreten Balkone und Terrassen, machen Halt am Rand der Höhenstraßen oder wandern und klettern auf die Gipfel von Bergen. Und was tun sie dort? Sie genießen die Aussicht. Aber warum genau tun wir das eigentlich? Worin liegt der offenbar unwiderstehliche Reiz des Nach-unten-Schauens?
Im Prinzip sind die Erklärungsmuster dieselben wie bei den generellen Vorlieben für die halb- offenen Landschaften: Unseren urmenschlichen Vorfahren und Verwandten haben Aussichtspunkte beim Überleben geholfen. Von oben konnten sie einen Überblick über potenziell neu zu besiedelnde Lebensräume bekommen. Sie entdeckten Wasserstellen, registrierten den Verlauf von Flüssen oder die Zugroute von Tierherden. Aufsteigender Rauch konnte sie vor möglicherweise feindlich gesinnten anderen Menschengruppen warnen.
Auch heute noch lassen sich bei Aussichtspunkten Menschengruppen beobachten, die sich angeregt darüber unterhalten, was sie in der Ferne zu erspähen glauben: bestimmte Ortschaften, markante Bauwerke, ferne Berggipfel oder Seen. Sich in einer Umgebung Orientierung zu verschaffen, ist ein urmenschliches Bedürfnis.
Wichtig zu wissen: Unterhalb der natürlichen Baumgrenze gäbe es in einer unberührten österreichischen Naturlandschaft ohne menschliche Aktivität beziehungsweise Landwirtschaft nur wenige Aussichtspunkte. Stattdessen wäre die Sicht an den meisten Stellen durch ein Dickicht aus Bäumen und Sträuchern verstellt. Fernblick gäbe es lediglich dort, wo Sturm, Feuer, Lawinen- oder Murenabgänge für Störungen im Waldbestand gesorgt haben oder wo Weidetiere diese offenhalten. Auch das ist ein Grund dafür, dass kleinteilige Kulturlandschaften häufig besser bewertet werden als mitteleuropäische Urwälder, die das Gros der potenziellen Naturlandschaften ausmachen.
Gewundene Wege besser als gerade
Es gibt einen weiteren Faktor, der die Attraktivität einer Landschaft erhöhen kann: Arne Arnberger bezeichnet diesen Faktor als „Mysteriösität“ und beschreibt ihn so: „Mysteriösität führt dazu, dass einen eine Landschaft gewissermaßen in sich hineinzieht, sodass man immer weiter gehen und um die nächste Ecke schauen will.“ Mysteriös können etwa sich windende Pfade wirken, die hinter dem nächsten Busch oder Felsen verschwinden. Oder Ruinen, verfallene Stadln (Scheunen), auffällige Steinformationen, Tierspuren und schlicht alles, was die Fantasie beflügeln kann. Manche sprechen in diesem Zusammenhang auch von „Landschaftsrätseln“, also Entdeckungen, die Fragen aufwerfen: Was genau sehe ich dort? Wozu wird das gebraucht? Was mag sich hier einmal abgespielt haben? Welches Tier oder welche Menschen haben hier ihre Spuren hinterlassen?
Besonders reizvoll: Die Alpen zwischen Kulturlandschaft und wilder Natur
Im Alpenraum ist es nicht die Kulturlandschaft allein, die die besonders hohe Anziehungs- kraft ausstrahlt. Vielmehr ist es laut Tourismus-Forscherin Theresa Mitterer-Leitner das unmittelbare Nebeneinander zwischen Kulturlandschaft und rauer Bergwelt. Sie weist darauf hin, dass die Höhenlagen der Alpen die meisten Menschen noch bis ins 18. Jahrhundert hinein eher abschreckten. Fels und Eis seien vor allem als unwirtlich und sogar bedrohlich wahrgenommen worden.
Das änderte sich erst mit dem wachsenden Interesse an den Naturwissenschaften und dem technischen Fortschritt. Erste Forschungsreisende und Bergsteiger schrieben Reiseberichte, die in den Städten mit großer Faszination gelesen worden seien. In einem Artikel10 schreibt die Wissenschaftlerin: „Die dadurch inspirierten Werke der reisenden Dichter und Maler des späten 18. und 19. Jahrhunderts zeigen, dass nicht nur die wilde Berglandschaft begeisterte, sondern dass gerade der Kontrast zwischen rauen Bergen und einer sanften, harmonisch anmutenden Kulturlandschaft mit Nutztieren und Hütten besonders anziehend war.“
Als im Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert schließlich Massen von Menschen vom Land in die Städte zogen, um in Fabriken zu arbeiten, etablierte sich das Motiv der vermeintlichen alpenländischen Idylle vollständig und besteht bis heute. „Die Abbildung der einfachen Lebensweise der Bewohner im Einklang mit der Natur wurde zu einer idealisierten und begehrten Gegenwelt zu den zunehmend industrialisierten Städten Europas“, schreibt Theresa Mitterer-Leitner in erwähntem Artikel.
Wie hat die Landwirtschaft den frühen Blick auf die Berge ermöglicht?
Angenommen, die frühen Dichter und Maler hätten sich nicht speziell für den Kontrast aus Kulturlandschaft und schroffer Wildnis interessiert, sondern allein für letzteres, allein für die unberührte Natur. Selbst dann wäre der Kulturlandschaft und somit der Landwirtschaft eine zentrale Rolle zugekommen. Denn ohne sie wäre auch die Wildnis weitgehend unsichtbar beziehungsweise kaum erlebbar geblieben.
Auf diesen Zusammenhang weist auch Alpenforscher Werner Bätzing hin: „Die Alpen wären von Natur aus ein dunkles, relativ finsteres Waldgebirge und bis in Höhen von 2000, teilweise bis zu 2300 Metern komplett mit Wald bedeckt. Waldfreie Fläche gab es nur an wenigen Stellen, etwa in Rinnen, wo regelmäßiger Steinschlag oder Lawinen Bäume verhindern.“ Auch unten im Tal seien lediglich jene Auen-Bereiche waldfrei geblieben, wo die frei hin- und herpendelnden Alpenflüsse immer wieder Sandbänke aufgeworfen haben. „Aber links und rechts stand der Auwald“, so Bätzing.
Diese nahezu vollständige Bedeckung mit Wald ist aus heutiger Sicht nur noch schwer vorstellbar. Aber sie hatte große Auswirkungen. Nicht nur auf die Zusammensetzung der hier beheimateten Tier- und Pflanzenarten. Wald in Reinform hätte auch enormen Einfluss auf die ästhetische Wirkung der Alpenlandschaften.
Das liegt zum einen daran, dass „Wald die Unterschiede des Untergrunds nivelliert“, wie es Werner Bätzing formuliert. Das heißt: Sämtliche Unebenheiten im Gelände werden optisch einander angeglichen. Etwa solche, wie sie die Gletscher der vergangenen Eiszeit in Form von unterschiedlich mächtigen Schutt- und Geröllbergen (Moränen) hinterlassen haben. „Wenn ein Wald auf solchen Flächen wächst, homogenisiert er das Ganze. Das Mikrorelief ver- schwindet im Wald und der Wald sieht sehr einheitlich aus. In einem solchen Waldgebirge haben wir eine sehr geringe landschaftliche Vielfalt und Kleinräumigkeit.“
Die Folge: Für das menschliche Auge wäre der Anblick naturbelassener Alpen vergleichs- weise langweilig. Theoretisch blieben dann zwar immer noch die majestätisch wirkenden Bergmassive aus Fels und Eis, die die natürliche Baumgrenze weit überragen. Aber: „Wenn man unten im Tal steht, dann kann man normalerweise nicht die Gipfel sehen, weil man ja mitten im Wald steht.“
Dies ist eine der Erklärungen dafür, warum auch schon die Anfänge des Alpentourismus ohne das Wirken der Landwirtschaft schwer denkbar sind. Bäuerinnen und Bauern haben – neben dem Bergbau – über unzählige Generationen hinweg Schneisen in den Urwald geschlagen, die Landschaft und damit auch den Blick auf die Berge geöffnet und so eine abwechslungs- reiche und kleinräumige Kulturlandschaft geschaffen. Diese ergab im Zusammenspiel mit den Resten wilder Natur den ästhetischen Reiz in den Augen der ersten „Influencer“, die das Bild der Alpen in alle Welt getragen haben.
Übrigens: Auch die Gipfelregionen selbst wurden durch die Landwirtschaft leichter zugänglich. Wie die Almen diesbezüglich als Trittbrett fungiert haben, liest du hier.
Mehr zu den Anfängen des Tourismus im Alpenraum findest du hier.
Zusammengefasst: Was macht eine Landschaft schön?
Halboffenheit: ein Mix aus Wald und offenen Flächen mit unterschiedlichen Bewuchs- formen
Abwechslung: ausreichend, aber nicht zu viele sich abwechselnde Landschaftselemente, kleinteilige Landschaftsmosaike
Mysteriösität: geschlungene Pfade und „Landschaftsrätsel“
Nützlichkeit: wenn man persönliche oder berufliche Ziele verwirklichen kann
Kulturelle Prägung: was man kennt und auch Mitmenschen als schön oder wichtig erachten
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Wirken (Kultur-)Landschaften gesundheitsfördernd?
Körperlich aktiv zu sein, ist gesund. Auch der reine Aufenthalt im Freien ist mit einer Reihe positiver Wirkungen auf den menschlichen Körper verbunden. Allerdings gilt beides nur innerhalb eines gewissen Rahmens. Bei extremer körperlicher Anstrengung, beispielsweise in Verbindung mit Höhenluft oder im Rahmen sogenannter Extremsportarten, können die Risiken den Nutzen überwiegen. Auch der Aufenthalt im Freien kann unter bestimmten Umständen gesundheitliche Schäden verursachen, zum Beispiel durch ungeschütztes und langes Sonnenbaden oder durch Unterkühlung.
Dennoch gilt grundsätzlich, dass der menschliche Körper sowohl für moderate Bewegung als auch für das Draußen-Sein geschaffen ist. Unsere viele hunderttausend Jahre dauernde Entwicklungsgeschichte als Jäger und Sammler war durch die Kombination aus beidem geprägt: Als „Steppenläufer“ durchstreiften unsere Vorfahren die afrikanische Savanne, um zu jagen und essbare Pflanzen zu sammeln. Ihr Leben bestand wesentlich aus Bewegung im Freien.
Wissenschaftliche Studien, die mögliche Unterschiede zwischen Bewegung drinnen oder draußen untersuchen, kommen zwar nicht zu einheitlichen Ergebnissen, und die rein körperlichen Effekte einer Sporteinheit sind möglicherweise dieselben, unabhängig davon, wo sie stattfinden. Einiges spricht aber zumindest für mentale Vorteile von Bewegung an der frischen Luft. Dazu gehören mehr subjektiv empfundene Freude an der Bewegung, eine bessere Wirkung bei Stressreduktion und Stimmungsverbesserung sowie größere Motivation, den Sport zu wiederholen.
Wie viel Bewegung ist gesund?
Grundsätzlich gilt der gesundheitliche Nutzen körperlicher Aktivität an sich in der Wissenschaft als unbestritten und dürfte sich in weiten Teilen der Bevölkerung herumgesprochen haben. Was weniger bekannt ist: Es gibt sogar „offizielle“ Bewegungs-Empfehlungen. Vergleichbar mit jenen für eine gesunde Ernährung gibt es auch die „Österreichischen Empfehlungen für eine gesundheitswirksame Bewegung"11. Sie wurden im Auftrag des Fonds Gesundes Österreich erarbeitet. Darin heißt es: „Erwachsene sollten jede Gelegenheit nutzen, körperlich aktiv zu sein. Jede Bewegung ist besser als keine Bewegung, weil der Wechsel vom Zustand ,körperlich inaktiv‘ zum Zustand ,geringfügig körperlich aktiv‘ ein wichtiger erster Schritt ist.“
Konkret legen die Empfehlungen erwachsenen Menschen nahe, sich jede Woche zumindest zweieinhalb Stunden mit mittlerer oder eineinviertel Stunden mit höherer Intensität zu bewegen. Idealerweise sollte sich die Bewegung über möglichst viele Wochentage verteilen und pro Einheit zumindest zehn Minuten dauern. Wer sich mehr als das bewegt, der darf mit einem „zusätzlichen und weiter reichenden gesundheitlichen Nutzen“ rechnen.
Kleinteilige Kulturlandschaften wirken erholsam und sind gut gegen Stress
Aber was passiert, wenn wir nach draußen gehen und Asphalt, Beton und Verkehrslärm hinter uns lassen? „Wir können schon davon ausgehen, dass der Aufenthalt im Grünen einen positiven Effekt auf unsere Gesundheit hat“, sagt Landschaftsforscher Arne Arnberger von der BOKU. Er und seine weltweite Kollegenschaft untersuchen mittels verschiedener wissenschaftlicher Methoden die Effekte von Landschaften auf Menschen, die sie besuchen, bewohnen oder einfach nur betrachten. Dabei sollen Probandinnen und Probanden mal ihnen im Labor vorgelegte Fotos beurteilen, mal geht es hinaus, um unterschiedliche ländliche und städtische Umgebungen vor Ort zu testen und zu vergleichen. „Wenn wir mit Personen raus ins Grüne gehen und Messungen der mentalen Gesundheit machen, dann sehen wir nahezu immer positive Effekte“, stellt Arne Arnberger fest.
Beispiel: Naturpark Geras im nördlichen Waldviertel. Hier schickten Arnberger und seine drei Kolleginnen Beatrix Schiesser, Claudia Weidl und Renate Eder 27 Menschen auf drei unterschiedliche, rund zwei Kilometer lange und 90 Minuten andauernde Spaziergänge. Einer dieser absolvierten Spaziergänge führte durch einen Laub-, einer durch einen Nadelwald und ein dritter durch Offenland, bestehend aus Ackerflächen und den für das nördliche Waldviertel charakteristischen Karpfenteichen. Jeweils am Beginn, in der Mitte und am Ende des Spaziergangs führten die Forschenden bestimmte Messungen auf emotionaler, physischer und kognitiver, sprich verstandesmäßiger Ebene durch.
Beispielsweise mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf einer Skala von eins bis fünf angeben, wie sehr sie sich gerade frisch, missmutig, ärgerlich, locker oder gelöst fühlten. Auf ähnliche Weise wurden weitere Aspekte des subjektiven Wohlempfindens sowie die Wahrnehmung der Landschaften abgefragt. Eine Aussage über die Konzentrationsfähigkeit erlaubten zudem kurze mathematische Aufgaben, in deren Rahmen unter Zeitdruck mehrfach die Quersumme aus zehn einstelligen Zahlen gebildet werden musste. Puls- und Blutdruckmessungen rundeten das Bild ab.
Das Ergebnis der im Jahr 2021 im Auftrag des Bundesforschungszentrums für Wald (BfW) veröffentlichten Studie12: Alle drei durchwanderten Landschaften zeigten positive Effekte auf das Wohlbefinden, führten zu einer Reduktion des selbst wahrgenommenen Stresslevels und verliehen den spazierenden Menschen das Gefühl, sich besser konzentrieren zu können. Eine signifikant verbesserte Konzentrationsfähigkeit bestätigte sich auch mittels objektiver Messung durch die Rechenaufgaben. Dabei zeigte die Laubwaldroute in fast allen genannten Kategorien die besten Ergebnisse. Die objektiv gemessene Konzentrationsfähigkeit steigerte sich dagegen am stärksten im Nadelwald.
Aber ist es nicht vielleicht der Spaziergang selbst, der unabhängig von der Umgebung all diese positiven Effekte zeigt? Schließlich weiß man, wie oben beschrieben, dass körperliche Aktivität so oder so gut für uns ist.
Städte in Sachen Erholung negativ bewertet
Eine Antwort gibt eine ähnliche frühere Studie13, an der Arne Arnberger beteiligt war. Dabei wurden 44 Personen auf fünf unterschiedliche 45-minütige Spaziergänge geschickt. Vier führten durch jeweils verschiedene Kulturlandschaftstypen innerhalb des UNESCO- Biosphärenparks Wiener Wald und einer über die Laxenburger Straße mitten in Wien. Das Ergebnis der Befragungen war eindeutig: Fast alle Probandinnen und Probanden gaben an, sich in der Stadt „am wenigsten erholt“ zu haben. Die beste Erholungswirkung zeigte dagegen ein Spaziergang über eine Wiese, gefolgt von einem Waldspaziergang.
An erster Stelle stand die Wiese auch bei der Frage nach dem persönlichen Gefallen einer Landschaft, während die Stadt im Mittel „eher nicht bis überhaupt nicht“ gefallen hat. Auch bei anderen Parametern wie „Stressabbau“, „Wiederherstellung der Konzentrationsfähigkeit“ oder „Eignung zur Erholung“ belegte die Wiese den Spitzenplatz, während die Stadt als einziger Aufenthaltsraum durchgehend negativ bewertet wurde.
Wichtig ist dabei allerdings auch: Nicht alle Menschen ticken genau gleich, daher rufen bestimmte Landschaften auch unterschiedliche Reaktionen hervor. „So hat sich zwar die Hälfte der ProbandInnen in der Wiese am besten erholt, jedoch standen bei den übrigen TeilnehmerInnen der Wald, der Weingarten oder der Waldbach an erster Stelle der persönlichen Erholungswirkung“, heißt es beispielhaft im Resümee des Forschungsberichts.
Einzelstudien wie die beschriebenen lassen für sich allein zwar keine endgültigen oder gar allgemeingültigen Aussagen zu. Viel spricht allerdings dafür, dass die menschliche Psyche vom Besuch unterschiedlicher Landschaftstypen profitiert, erst recht im Vergleich zu städtischen Umgebungen.
Kann ein Spaziergang im Grünen Depressionen lindern?
Auch die internationale Forschung liefert spannende Ergebnisse zu den unterschiedlichen Wirkungen eines Aufenthalts im Grünen verglichen mit der Stadt. Besonders relevant ist dies auch aufgrund der Tatsache, dass noch nie so viele Menschen in so großem Abstand zur „Natur“ beziehungsweise zu ländlichen Gegenden gelebt haben. Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, wobei dieser Anteil bis 2050 voraussichtlich auf 70 Prozent anwachsen wird. In Österreich waren es laut der Datenwebseite Our World in Data im Jahr 2023 bereits 60 Prozent der Menschen, die in städtischen Gebieten lebten. Diese fortschreitende globale Verstädterung geht einher mit einem erhöhten Maß an psychischen Erkrankungen, zu denen unter anderem Angststörungen und Depressionen zu zählen sind. Wodurch genau diese allerdings hervorgerufen werden, ist bislang weitgehend unbekannt. Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass mehrere Ursachen eine Rolle spielen.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung untersuchte ein Forschungsteam der berühmten Universität von Stanford in Kalifornien (USA) einen der möglichen Wirkmechanismen, genauer gesagt den Einfluss von Naturerfahrungen auf das Grübeln. Grübeln wird in der Studie als „schädliches Verhaltensmuster selbstbezogener Gedanken“ bezeichnet. Wer häufig in negativen Gedankenschleifen festhängt, sei es aus Sorge um den Arbeitsplatz, die Gesundheit, aufgrund von Beziehungsproblemen oder anderem, der trägt ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Ähnliches. Das Standford-Team schickte 38 gesunde Versuchspersonen ohne mentale Auffälligkeiten auf je einen von zwei unterschiedlichen, 90 Minuten andauernden Spaziergängen.
Der „Naturspaziergang“ führte in einer rund fünf Kilometer langen Schleife durch offenes Grünland mit verstreuten Eichen und Sträuchern, weitgehend entfernt von Straßen- und Stadtlärm. Der Routenverlauf bot Ausblicke auf umliegende Hügel sowie die entfernt liegende Bucht von San Francisco. Er war außerdem frei von Autos, Fahrrädern und Hunden. Nur etwa zehn Prozent der Fläche im Umkreis von 50 Metern um den Pfad waren mit Asphalt oder ähnlichem versiegelt.
Der „Stadtspaziergang“ führte die Probandinnen und Probanden hingegen auf gleicher Distanz entlang einer Hauptverkehrsstraße von Palo Alto mit drei bis vier Fahrbahnen in beiden Richtungen und hohem Verkehrsaufkommen. Die Umgebung war stark bebaut mit Geschäften, Motels und Imbissen. Rund 76 Prozent der Fläche im jeweiligen 50-Meter-Umkreis waren versiegelt.
Das Ergebnis der Studie14 wurde 2015 im renommierten US-amerikanischen Wissenschafts- Journal PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) veröffentlicht. Anhand spezieller, von den Versuchspersonen ausgefüllter Fragebögen zeigte sich ein deutlicher Rückgang des Grübelns nach dem Naturspaziergang. Sogar noch stärker konnte der Effekt anhand von Gehirn-Scans gemessen werden. Sie zeigten eine erheblich geringere Durchblutung jenes Hirnbereichs, der während des Grübelns aktiv ist. Da wiederholtes Grübeln, wie erwähnt, mit einem erhöhten Risiko von psychischen Erkrankungen einhergeht, bestärkt das Experiment aus wissenschaftlicher Sicht die zuvor gehegte Vermutung: Mangelnder Zugang zu naturnahen Gegenden und offenen Landschaften scheint das Risiko für Depressionen und andere mentale Leiden zu vergrößern.
Wirken Landschaften womöglich sogar schmerzlindernd?
Eine Anfang 2025 im renommierten Nature-Verlag veröffentlichte Studie fasst den Stand der bisherigen Forschung zum Zusammenhang zwischen Naturerfahrungen und menschlichem Befinden wie folgt zusammen:
„Natürliche Umgebungen wie Parks, Wälder, Küsten und ihre Bestandteile, einschließlich Pflanzen, Sonnenuntergänge und natürliche Geräuschkulissen, können eine Reihe von Gesundheitsfaktoren unterstützen und das Wohlbefinden fördern. Menschen, die in grüneren Gegenden leben, reagieren tendenziell weniger stark auf Belastungen und haben langfristig eine bessere psychische Gesundheit. Regelmäßige Naturbesucher berichten über weniger negative und ausgeprägtere positive emotionale Zustände. Und selbst kurze experimentelle Naturexpositionen können sich positiv auf subjektive und neuronale (auf das Gehirn bezogene, Anmerkung) Indikatoren des Wohlbefindens auswirken.“15
Laut Max Steininger von der Uni Wien, Erstautor der Studie, gebe es für die Annahme, dass sich Natur positiv auf die menschliche Gesundheit auswirkt, „sehr viele bestätigende Studienergebnisse“. Steininger forscht am Übergang zwischen Neurowissenschaften und Umweltpsychologie. Er möchte unter anderem herausfinden, wie genau die Umwelt auf das menschliche Nervensystem wirkt. Die Wirkmechanismen bestimmter Landschaften oder deren Elemente seien längst nicht exakt geklärt. Bei vielen Einflüssen dient die Landschaft womöglich vor allem als Bühne für gesundheitsförderliche Aktivitäten, nicht als eigentlicher Auslöser positiver Wirkungen. „Die potenziellen Wirkmechanismen sind vielfältig und reichen von mehr Bewegung, über mehr Sozialkontakt bis hin zu besserer Luftqualität oder der Wirkung von Sonne.“
Aber auch ganz ohne Bewegung, Kontakt zu anderen Menschen, frische Luft und gesundes Sonnenlicht könnte Landschaft wirken. Womöglich genügt allein der Anblick einer grünen Umgebung, um sogar Schmerzen zu lindern. Darauf deutet jedenfalls das Experiment hin, das Steininger und sein Team im Rahmen der erwähnten Studie durchgeführt haben. Dabei wurden Menschen im Forschungslabor mittels elektrischem Strom leichten schmerzhaften Erfahrungen ausgesetzt, während sie je drei unterschiedliche virtuelle Szenen betrachteten: mal eine Naturlandschaft mit einem See, mal einen umbauten See innerhalb einer Stadt und schließlich eine Büro-Umgebung mit Schreibtisch und Computer. Unterlegt waren die Szenen mit den dafür typischen Geräuschkulissen inklusive Vogelzwitschern, hupenden Autos oder Computersurren. Gleichzeitig wurde die Reaktion des Gehirns mittels Magnetresonanztomografie (MRT) gemessen.
Das Ergebnis offenbarte signifikante Unterschiede in puncto Schmerzempfinden: Bei Betrachtung der natürlichen Umgebung berichteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von geringeren Schmerzen im Vergleich zur bebauten Szenerie und der Büroumgebung. Die Wirkung zeigte sich aber nicht nur in den subjektiven Antworten der Versuchspersonen, sondern auch in den entsprechenden Reaktionen ihres Gehirns. Das heißt, der Anblick der natürlichen Umgebung bewirkte konkret messbare Veränderungen der Signalverarbeitung und damit: Schmerzlinderung. „Die Veränderung der sensorischen Wahrnehmung, die wir im Gehirn messen konnten, lassen sich am ehesten mit Ablenkungseffekten erklären“, erläutert Max Steininger.
Dass natürliche Umgebungen besonders gut für die Erholung eines gestressten und ermüdeten Geistes seien, besagt schon die innerhalb der Wissenschaft weit verbreitete sogenannte Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie. Demnach kann „Natur“ die menschliche Aufmerksamkeit auf angenehme und gleichzeitig entspannende Weise auf sich ziehen, dadurch von unangenehmen Dingen ablenken und so für Erholung sorgen. Womöglich kann dies auch das verminderte Schmerzempfinden erklären. Allerdings sei weitere Forschung notwendig, um diese Interpretation der Zusammenhänge zu bestätigen.
Laut Studienautor Steininger wurde der Begriff „Natur“ im Rahmen der Studie nicht näher definiert. Damit lässt das Studienergebnis offen, ob die gemessene Schmerzlinderung durch Kulturlandschaften genauso wie durch unberührte Wildnis, also echte Natur im Sinne dieses Reports, ausgelöst werden kann. „Welche spezifischen Aspekte oder natürlichen Umgebungen hier von besonderer Relevanz sind, bleibt noch völlig offen“, gibt Steininger zu bedenken. Die in der Studie verwendete „Natur“-Videoszene entspricht allerdings durchaus einer Landschaft, wie sie durch Nutzung und Pflege zustande kommen, bzw. erhalten werden kann, sprich einer traditionellen Kulturlandschaft.
Fazit
Den Aufenthalt in unterschiedlich geprägten (Kultur-)Landschaften, zumal in Verbindung mit körperlicher Betätigung oder Sozialkontakten, bringt die Wissenschaft mit allerlei positiven Wirkungen auf das menschliche Wohlbefinden in Verbindung. Eigenschaften wie Kleinstrukturiertheit, Abwechslungsreichtum, Offenheit und Aussichtsreichtum bringen da- bei Vorteile gegenüber monotonen und eher düsteren Landschaftsbildern.
Die Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie
Menschen können sich besonders gut von mentaler Anstrengung und Ermüdung erholen, wenn sie Zeit in der „Natur“ verbringen oder auch nur Szenen aus der Natur betrachten. Das besagt die Theorie über die Wiederherstellung der Aufmerksamkeit oder Aufmerksamkeits- Erholungs-Theorie (engl.: Attention Restoration Theory, ART). Die innerhalb der Wissenschaft einflussreiche und viel zitierte Theorie wurde vom Psychologen-Ehepaar Rachel und Stephen Kaplan Ende der 1980-er, Anfang der 1990-er Jahre aufgestellt. Bereits zuvor war man in der Psychologie davon ausgegangen, dass es zwei verschiedene Arten von Aufmerksamkeit gibt.
Bei der gerichteten Aufmerksamkeit konzentriert sich der Mensch bewusst und willentlich auf eine bestimmte Aufgabe bzw. einen Reiz, wie etwa beim Lernen oder Arbeiten. Da die Konzentrationsfähigkeit des Gehirns aber begrenzt ist, wirkt die gerichtete Aufmerksamkeit mit der Zeit ermüdend, man wird leichter ablenkbar und neigt zu Reizbarkeit. Als beispielhafte Situation, in der ein Zustand der Aufmerksamkeitsermüdung eintreten kann, wird häufig das Ausfüllen der Steuererklärung genannt, während im Hintergrund die eigenen Kinder zu hören sind, die im Garten spielen.
Ganz anders bei der ungerichteten Aufmerksamkeit, auch als Faszination bezeichnet. In diesem Zustand widmen wir uns einer Sache automatisch und mühelos, es bedarf keiner willentlichen Konzentrations-Anstrengung. Stattdessen werden wir wie von selbst in etwas „hineingezogen“, während unser Gehirn sich erholen und gewissermaßen seine „Akkus“ wie- der aufladen kann. Laut der Theorie der Kaplans wird der Zustand der ungerichteten Aufmerksamkeit durch naturnahe Umgebungen stark begünstigt. Rachel Kaplan fand in einer eigenen Studie zum Beispiel heraus, dass in einem Büro arbeitende Menschen ihren Beruf mehr mochten sowie gesünder und zufriedener waren, wenn sie durch das Bürofenster eine Aussicht ins Grüne hatten.
Der Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie zufolge sind es vor allem vier Schlüsselkomponenten, die eine Umgebung erholsam machen:
Being away: Wörtlich übersetzt mit „weg sein“ erlaubt es diese Komponente einer Landschaft, dem Alltag zu entfliehen und seine Gedanken von den täglichen Sorgen und Anforderungen zu entkoppeln. „Idyllische“ Orte wie das Meer, die Berge, Seen, Flüsse oder Wiesen seien dafür besonders geeignet.
Soft fascinations: Natürliche Umgebungen sind reich an faszinierenden Objekten und Prozessen, die von vielen Menschen als fesselnd empfunden werden. In der Theorie werden manche davon als „sanfte Faszinationen“ charakterisiert, wie zum Beispiel Wolken, Sonnenuntergänge, Muster in einer Schneedecke oder die Bewegung von Blättern im Wind. Derartige Vorgänge ziehen uns „auf undramatische Weise“ in ihren Bann. Ihnen lässt sich mühelose Aufmerksamkeit schenken, wodurch reichlich Möglichkeiten entstehen, über andere Dinge nachzudenken.
Extent: Bei der Eigenschaft „Ausdehnung“ geht es darum, dass eine Umgebung das Gefühl ermöglicht, vollkommen eingetaucht und mit der Umwelt verbunden zu sein. Dazu muss man die Landschaft zwar nicht zuvor schon einmal besucht haben, sie sollte einem aber irgendwie bekannt vorkommen oder bekannten Orten ähneln und jedenfalls keine ungewöhnlichen oder unerwarteten Merkmale aufweisen. Unter solchen Umständen kann der Aufenthalt in einer solchen Umgebung komfortabel, behaglich und entspannend wirken.
Compatibility: Eine Umgebung sollte zu den Erholungswünschen und Wertvorstellungen der jeweiligen Besucherin bzw. des Besuchers passen, also „kompatibel“ sein. Das kann etwa bedeuten, dass man seiner Lieblingssportart dort gut nachgehen kann oder das Interesse an Geschichte und historischen Hinterlassenschaften angesprochen wird. Der Aufenthalt sollte aufgrund eigener Motivation und nicht aufgrund äußerer Zwänge erfolgen.16 17
Als eines der wichtigsten Werke des Ehepaars Kaplan wird das 1989 erschienene Buch „The Experience of Nature: A Psychological Perspective“ betrachtet. Rachel und Stephen Kaplan untersuchen darin ausführlich die psychologische Rolle der Natur. Mit ihrer Forschung haben die beiden laut der US-amerikanischen Psychologenvereinigung APA „eine ganze Generation von Umweltpsychologen beeinflusst.“
Können Kulturlandschaften ein Gefühl von „Heimat“ fördern?
Kulturlandschaften haben aus Sicht des Geografen und Alpenforschers Werner Bätzing noch eine weitere, eher selten thematisierte Funktion bzw. Eigenschaft. Wobei sich der Wissenschaftler nach eigener Aussage darüber wundert, „dass darüber heute überhaupt nicht gesprochen wird“. Bätzing möchte daher die Tatsache in den Fokus rücken, dass Kulturlandschaften von den darin lebenden und arbeitenden Menschen geschaffen und gestaltet werden. Dies führe nach seiner Beobachtung zu einem Gefühl der Bindung an die Landschaft und wirke sich dadurch positiv auf die Psyche aus.
„Die Menschen sehen in der Kulturlandschaft das Ergebnis ihrer eigenen Arbeit, die sie jeden Tag machen“, erläutert der Forscher. Wer also eine Wiese gemäht, ein Stadl gebaut, einen Pfad freigeschnitten oder im eigenen Garten ein Gemüsebeet angelegt hat, der kann diese Umgestaltung seiner Umgebung täglich sehen und erleben. „Die Bewohner der Kulturlandschaft, vor allem natürlich die Bauern, haben die Wirkung ihres Schaffens zum Anfassen vor sich. Sie sehen auch die Arbeit der vergangenen Generationen und haben ein Bewusstsein dafür, was ihr Tun für die nachfolgenden Generationen bedeutet“, führt der auch als „Alpen-Papst“ bezeichnete Wissenschaftler und Autor weiter. „Diese Korrespondenz zwischen Innenwelt und Außenwelt ist meines Erachtens etwas sehr Wichtiges, damit die Menschen sich an einem Ort wohl und zu Hause fühlen. Ich würde sagen, das ist eigentlich das, was man mit ‚Heimat‘ bezeichnet, obwohl dieser Begriff so furchtbar abgedroschen ist. Um ihn zu vermeiden, sprechen heute viele von ‚regionaler Identität‘.“
Als besonders relevant könnten sich Bätzings Beobachtungen vor dem Hintergrund der er- wähnten zunehmenden Verstädterung der Welt zeigen. So hätten sich heutige Innenstädte seiner Meinung nach vielfach zu Konsumzentren entwickelt, wo sich Menschen mit Konsumprodukten identifizierten, aber „mit sonst nichts weiter“. Ähnlich kritisch sieht er den Charakter bestimmter städtischer Wohngebiete: „Das sind austauschbare Gebiete. Die sehen in ganz Europa und inzwischen fast auf der gesamten Welt überall gleich aus. Da stehen riesige Wohnmaschinen in Reih und Glied und man kann sich praktisch gar nicht mehr orientieren. Man sieht nicht mehr ‚was ist mein Hochhaus, was ist das andere Hochhaus‘. Oder die riesigen Einfamilienhaussiedlungen, die alle gleich aussehen, eine wie die andere. Da ist keine Identität mehr möglich.“
Aus Sicht des im deutschen Bundesland Hessen geborenen und aufgewachsenen Professors für Kulturgeografie, der zuletzt an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrte, liege die Ursache mancher aktuellen gesellschaftlichen Probleme an einem Mangel ebendieser Korrespondenz zwischen Innenwelt und Außenwelt. Die führe zu einer fehlenden Bindung und betreffe die Verantwortung für Landschaft und Heimat ebenso wie für Nachbarn und sich selbst.
In dem Ganzen liegen nach Ansicht Bätzings aber auch Chancen, vor allem für sanftere Formen des Tourismus innerhalb noch erhaltener, traditioneller Kulturlandschaften, gerade in den Alpen und in ländlichen Räumen. Ein Besuch in den Alpen, im Waldviertel oder den alten Dörfern des Burgenlandes könnte demnach die Möglichkeit eröffnen, in Landschaften mehr als nur etwas Schönes zu erkennen. „Wenn Touristen angeleitet werden, neben der Ästhetik, auch die Spuren der Arbeit in der Landschaft zu sehen, die Geschichte der landschaftlichen Umgestaltung wahrzunehmen, zu merken, dass die Landschaft nicht einfach bloß ‚Natur‘ ist, dann wird die Landschaft sofort sehr viel interessanter und die Besucher kriegen ein anderes Verhältnis zur Landschaft.“ Werner Bätzing glaubt, dass solche Art der Anregung Menschen über ihren Urlaub hinaus inspirieren kann. „Dann können sie vielleicht auch in ihrem Wohnumfeld anfangen, Landschaft und Umgebungen so zu gestalten, dass sie sich da ein Stück weit, wenigstens ansatzweise, darin wiedererkennen.“
Ausgangspunkt sei aber stets die Freude über den Anblick einer Landschaft.
Quellen
10 Mitterer-Leitner (2023): Mehr als schön – die Almen, Der Beitrag der Almlandschaft zum touristischen Produkt
11 Fonds Gesundes Österreich, Titze et al. (2012): Österreichische Empfehlungen für gesundheitswirksame Bewegung
12 Arnberger et al. (2021): Forschungsbericht BOKU: Gesundheitswege im Wald. Wissenschaftliche Analysen am Beispiel Geras
13 Allex at al. (2016): Endbericht Health Spaces – Biosphärenpark-Landschaften und ihre Bedeutung für die Gesundheit: Analyse des Potenzials des Biosphärenparks Wiener Wald hinsichtlich Lebensqualität und Wohlbefinden
14 Bratman et al. (2015): Nature experience reduces rumination and subgenual prefrontal cortex activation, PNAS
15 Steininger et al. (2025): Nature exposure induces analgesic effects by acting on nociception-related neural processing; Nature Communications
16 Kaplan (1995): The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework, Journal of Environmental Psychology
17 positivepsychology.com: What is Kaplan's Attention Restauration Theory (ART)? Zugriff: 24.03.2025
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Warum Europa die Alpen entdeckte – Geschichte des Tourismus I
Schon Menschen im Alten Ägypten reisten Menschen aus purem Vergnügen. Doch bis zu dem weitverbreiteten Phänomen, das wir heute Tourismus nennen, war es ein weiter Weg. Neben den Küsten spielten die Alpen dabei eine zentrale Rolle.
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Das Reisen liegt offensichtlich in der menschlichen Natur. Jedenfalls, wenn man es im Sinne der Betretung von Neuland und der Entdeckung und Erkundung zuvor unbekannter Orte betrachtet. Ohne ihren Entdeckerdrang hätte es die auf dem afrikanischen Kontinent entstandene Art Homo sapiens erst gar nicht geschafft, den Rest des Erdballs zu besiedeln. Auch, um Handel zu treiben oder Rohstoffe zu beschaffen, reisten Menschen schon in frühester Vergangenheit. So wurden etwa in Krems an der Donau Feuersteine gefunden, die Menschen vor rund 31.000 Jahren aus einer 300 Kilometer entfernten Lagerstätte im Norden Mährens beschafft hatten. Das konnten Forscherinnen und Forscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nachweisen.18
Aber nicht auf der Suche nach neuen Lebensräumen oder nach Rohstoffen waren unsere Vorfahren früh unterwegs. Schon tausend und mehr Jahre vor Christi Geburt reisten im ägyptischen Pharaonenreich privilegierte Bevölkerungsschichten auch zum reinen Zeitvertreib oder zu Erholungszwecken. Das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte schreibt dazu:
„Sie besuchten, wie aus ihren Inschriften ersichtlich ist, berühmte Monumente und Zeugnisse der altägyptischen Kultur, darunter z. B. die Stufenpyramide von Sakkara, die Sphinx und die großen Pyramiden von Gizeh – Bauwerke, die gut tausend Jahre zuvor errichtet worden waren.“19
Auch im antiken Griechenland wurde gereist, etwa zum berühmten Orakel von Delphi oder zu den Olympischen Spielen. Und 300 nach Christus diente im Römischen Reich das rund
90.000 Kilometer lange Netz aus Überlandstraßen wohl nicht nur dem Transport von Truppen und Waren, sondern auch professionell organisierten Einzel- und Gruppenreisen. „Der vornehme Römer suchte im Sommer Erholung in den Seebädern im Süden oder verweilte an den Stränden Ägyptens und Griechenlands. Die Antike kannte aber nicht nur den Typus ‚Badereise‘ – sie entwickelte auch eine Frühform der ‚Sommerfrische‘ in mondänen Thermalbädern und Luxusorten, von denen reiche Stadtbürger während der heißen Monate Gebrauch machten“, schreibt das Institut. Mit dem Niedergang des Römischen Reichs und dem Zerfall seiner Straßen wurde auch das Reisen für Jahrhunderte wieder beschwerlicher und gefährlicher.
Im Mittelalter war das Reisen auf wenige, kleine Personenkreise beschränkt. Zu Ihnen gehörten Kaufleute, Pilger, Soldaten, Handwerksgesellen oder auch Räuber. Seit dem 16. Jahrhundert galt für die Gesellen bestimmter Handwerkszünfte sogar eine mehrjährige Wanderpflicht.
Als eine Art frühe Form des modernen Tourismus kann man die so genannte Grand Tour oder Kavaliersreise betrachten. In ihrem Rahmen wurden schon seit dem 16. Jahrhundert junge Adelige und andere Mitglieder der Oberschicht, oft mehrere Jahre lang, auf Europareise geschickt. Sie besuchten dabei andere Herrscherhäuser und bedeutende Städte wie Paris, Wien oder Rom. Die elitäre und „minutiös geplante“ Grand Tour diente als eine Art Abschluss der Erziehung und sollte dazu beitragen, die Bildung zu erweitern und die „weltmännisch-gesellschaftlichen Umgangsformen“ zu festigen. Mit der Zeit ging es laut Leibniz-Institut für Europäische Geschichte aber immer mehr auch um „Muße und Vergnügungen".
Was ist die Vorgeschichte des modernen Alpentourismus?
Der moderne Tourismus hat eine Vorgeschichte jenseits der Antike. Ohne sie ist gerade das Phänomen des heutigen Alpentourismus nicht zu verstehen. Die Geschichte des modernen Tourismus beginnt nämlich nicht etwa mit einer vergnüglichen Kutschfahrt oder dem Bau eines Hotels, sondern mit einer neuen Weltsicht.
Aufbauend auf der alten Weltsicht und noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hinein galten die Alpen eher als „schreckliche und furchterregende Berge, als ‚montes horribiles‘, in denen man nicht leben kann bzw. in denen nur ‚Barbaren‘ auf primitive Weise leben.“ So kann man es im fast 500 Seiten langen Standardwerk „Die Alpen – Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ nachlesen. Das Buch wurde vom Kulturgeografen Werner Bätzing verfasst, den einige auch den „Alpen-Papst“ nennen. Die Sicht auf die Alpen sei laut Bätzing noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts von dem geprägt gewesen, was einst römische Schriftsteller über das höchste Gebirge Europas festgehalten hatten.
Einer der wichtigsten dieser römischen Geschichtsschreiber war Titus Livius, der in den Jahren 59 vor bis 17 nach Christus lebte und die frühe Geschichte des Römischen Reiches dokumentierte. Unter anderem schrieb Livius über den Moment, als die Armee des Karthagers Hannibal im Jahr 218 vor Christus vor ihrer geschichtsträchtigen Alpenüberquerung stand:
„Doch der Anblick der Alpen weckte die schlimmsten Ängste in den Köpfen seiner Männer. Obwohl Gerüchte, die im Allgemeinen unbekannte Gefahren vergrößern, sie mit düsteren Vorahnungen erfüllt hatten, erwies sich der nähere Anblick als noch viel furchterregender. Die Höhe der Berge, die nun so nahe waren, der Schnee, der sich fast im Himmel verlor, die armseligen Hütten auf den Felsen, die vor Kälte verkrüppelten und verkümmerten Herden, die wilden und ungepflegten Menschen, alles Belebte und Unbelebte, das vor Frost erstarrt war, und andere unbeschreiblich schreckliche Anblicke – all das trug dazu bei, ihre Beunruhigung weiter zu steigern.“20
Obwohl die Alpen auch schon zu Römerzeiten längst nicht überall gefährlich und schrecklich waren, änderte sich ihr Bild in den Augen Außenstehender erst während des Zeitalters der Aufklärung.
Die Alpen: Vom Ort des Schreckens zum Ort der Sehnsüchte
Die neue Weltsicht entwickelte sich in Etappen. Es begann mit der Renaissance im 15. Jahrhundert, als die Lehren und kulturellen Leistungen der Antike von Künstlern und Gelehrten wiederentdeckt wurden. Sie leiteten damit das Ende des Mittelalters ein. Die Entwicklung setzte sich in einer als „Wissenschaftliche Revolution“ bezeichneten Epoche während des 16. und 17. Jahrhunderts fort, als Größen wie Nikolaus Kopernikus oder Galileo Galilei den Weg für eine wissenschaftliche Weltsicht ebneten.
Aber erst während des europäischen Zeitalters der Aufklärung setzten sich die neuen, revolutionären Denkweisen allmählich in breiteren Bevölkerungsschichten durch. Die Aufklärung erstreckte sich über das 18. Jahrhundert hinweg und veränderte den Blick der Menschen auf alles Bekannte und Unbekannte grundlegend. Während dieser Zeit zwischen den Jahren 1700 und 1800 rückte die Vernunft (Rationalität) als Maßstab allen Handelns endgültig in den Mittelpunkt. Statt allein auf Glauben beziehungsweise Aberglauben zu vertrauen, forderten Aufklärer wie der deutsche Philosoph Immanuel Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Althergebrachte Erklärungen und Sichtweisen wurden nun zunehmend in Frage gestellt. In Österreich zeigte sich die neue Denkrichtung unter anderem in den Staats- und Bildungsreformen von Erzherzogin Maria Theresia und ihrem Sohn Joseph II.
Beginnend zu dieser Zeit zeigte sich auch ein zunehmendes Bestreben, die Natur zu erforschen. Statt Wetterphänomene, Tiere oder Pflanzen als gottgegeben hinzunehmen, begann nun verstärkt die bis heute andauernde Suche nach logischen Erklärungen für die Dinge, die man beobachtete. Einer der berühmtesten Naturforscher dieser Zeit war Alexander von Humboldt, der unter anderem durch die wissenschaftliche Aufarbeitung seiner Südamerika-Reisen neue Maßstäbe setzte.
Andere Forscher, Entdecker, Abenteurer sowie erste Bergsteiger und, der Zeit entsprechend, sehr wenige Bergsteigerinnen, richteten ihren Blick auf die Alpen. Nachdem das Gebirge viele Jahrtausende den meisten Menschen eher unheimlich war, wollte man es von nun an erkunden und erleben.
Einer der Ersten, der die Alpen systematisch und intensiv erforschte, war der Schweizer Mediziner und Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer. Zwischen 1702 und 1711 erkundete er in jeweils vierwöchigen Forschungsreisen alle Regionen der Schweiz, mitfinanziert durch die britische Wissenschaftsakademie Royal Society, deren Mitglied Scheuchzer 1703 geworden war. Auf seinen Reisen sammelte er zum Beispiel Pflanzen- und Gesteinsproben, beobachtete das Tierleben, maß die Höhe von Bergen, notierte meteorologische Daten und führte Gespräche mit der lokalen Bevölkerung. Die Ergebnisse seiner Forschung veröffentlichte er danach in seinem dreibändigen Werk „Die Natur-Historie des Schweitzerlandes“, das laut der Universität von Cambridge in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts „breite Beachtung unter europäischen Intellektuellen“ fand und gemeinsam mit nachfolgenden Werken anderer Schweizer Autoren „wesentlich zur enthusiastischen Aufnahme der Alpenlandschaft in den folgenden Jahrzehnten beitrug.“21
Ein Meilenstein der Alpenforschung war auch die Erstbesteigung des Mont Blanc durch den Bauer Jacques Balmat und den Arzt Michel-Gabriel Paccard am 8. August 1786. Sie gilt gleichzeitig als der Beginn des modernen Alpinismus, sprich des Bergsteigens und Bergwanderns.
Erstbesteigungen der höchsten Alpengipfel
Mont Blanc, 8. August 1786
Ganz der Epoche der Aufklärung entsprechend, hatte man den Mont Blanc Mitte des 18. Jahr- hunderts vermessen und wusste seither, dass es der höchste Berg der Alpen ist. Noch hatte ihn aber niemand bestiegen. Jedenfalls sind keine früheren Besteigungen dokumentiert. Nun wurde seine Erklimmung zum Ziel für Naturforscher, die das Hochgebirge besser verstehen wollten, genauso wie für Abenteurer auf der Suche nach dem Unbekannten. Immer wieder scheiterten Versuche, den Gipfel zu erreichen.
Im August 1786 gelang es schließlich. Der Arzt Michel-Gabriel Paccard aus dem Talort Cha- monix hatte mit dem Fernglas eine mögliche Route auf den Berg ausgemacht. Zusammen mit Jacques Balmat, einem Bauern, Gamsjäger und erfahrenen Bergsteiger, ebenfalls aus Chamonix, macht er sich auf den Weg. Der Genfer Naturforscher Horace Bénédict de Saussure hatte mehr als 25 Jahre zuvor bereits eine Belohnung für die Erstbesteigung ausgelobt. Er hoffte, so neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Hochgebirge zu gewinnen. Am 8. August 1786, um 18.23 Uhr standen Paccard und Balmat erstmals am Mont-Blanc-Gipfel. Nach einem lebensgefährlichen und strapaziösen Abstieg kamen sie am nächsten Morgen entkräftet und schneeblind zurück ins Tal.
Übrigens: Auch Frauen wurden von den höchsten Gipfeln angezogen. Auch wenn der Alpinismus, wie so vieles in der Vergangenheit, zu Beginn eine fast ausschließliche Männerdomäne war, am Gipfel des Mont Blanc stand wenige Jahre nach der Erstbesteigung auch erstmals eine Frau: Die Französin Marie Paradies gelangte im Sommer 1808 zusammen mit dem Erstbesteiger Balmat und zwei weiteren Bergführern bis ganz nach oben, wobei sie streckenweise getragen wurde.
Aus eigener Kraft und als zweite Frau erreichte die französische Adelige Henriette d’Angeville im September 1838 den Gipfel. Sie hatte ihre Tour selbst geplant und ihre eigene Bergbekleidung dafür entworfen. Am Gipfel trank sie ein Glas Champagner und schrieb ihr Motto in den Schnee: „Wollen ist Können.“
Großglockner, 28. Juli 1800
Der Großglockner ist der höchste Berg im heutigen Österreich. Bis zum Ersten Weltkrieg war es der Ortler im heute zu Italien gehörenden Südtirol. Für den naturkundlich interessierten Kärntner Fürstbischof Franz Xaver Salm-Reifferscheidt lieferte der Berg dennoch ausreichend Gründe, eine wissenschaftlich begleitete Expedition zu organisieren. Im Lauf des Sommers 1799 wurde am Aufstieg von Heiligenblut zum Gipfel eine Hütte errichtet, deren Nachfolgebau noch heute „Salm“-Hütte heißt. Im selben Jahr scheiterten allerdings zwei Ver- suche, den Gipfel zu erreichen. Ein Jahr später folgt ein neuer Anlauf – besser vorbereitet und mit der Salm-Hütte als Trittbrett.
Die Gruppe bestand aus Geistlichen, Trägern, Handwerkern und einheimischen Führern – darunter auch die zwei Heiligenbluter Zimmerleute Martin und Sepp Klotz. Am 28. Juli 1800 erreicht ein Teil der Gruppe zunächst den Kleinglockner, später gelingt es zwei Männern, den Hauptgipfel zu bezwingen. Wer genau ganz oben stand, ist nicht zweifelsfrei belegt. In der Überlieferung ist von zwei anonymen Führern die Rede, möglich ist aber auch, dass einer der Klotz-Brüder dabei war. Laut mancher Quellen standen auch alle fünf Teilnehmer am Gipfel. Die Expedition brachte jedenfalls erste wissenschaftliche Beobachtungen aus großer Höhe und gilt als Meilenstein des Alpinismus in Österreich.
Ortler, 27. September 1804
Anfang des 19. Jahrhunderts galt der Ortler in Südtirol als höchster Berg des habsburgischen Kaiserreichs. Erzherzog Johann beauftragte im Jahr 1804 den Topografen Johannes Gebhard, die Besteigung des Berges zu organisieren – auch als Zeichen von Entdeckergeist und wissenschaftlichem Interesse. In Begleitung zweier Zillertaler scheiterten mehrere Versuche Gebhards. Schließlich meldete sich am 26. September 1804 der Gamsjäger Joseph Pichler aus Schluderns im Vinschgau, genannt Pseierer Josele. Gegen Mittag des 27. September 1804 erreichte Pichler mit zwei weiteren Begleitern nach neunstündigem Marsch über die eisfreie Nordwestflanke der „Hinteren Wandln“ den Gipfel des Ortler. Der Rückweg verlief glimpflich und der Erfolg wurde rasch in Wien bekannt. Die Ortler-Besteigung gilt als frühes Beispiel für alpinistische Unternehmungen mit staatlichem Auftrag.
Die Berge im romantisch-verklärten Blick von Dichtung und Malerei
Im Zeitalter der Aufklärung begannen sich die Alpen also zum Forschungsobjekt zu verwandeln. Die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetze, fügte dieser rationalen Sichtweise den gefühlsbetonten Blick hinzu. Maler und Dichter der Romantik thematisierten individuelle Emotionen, Leidenschaft und seelisches Erleben und machten Landschaften, ganz besonders die Alpen, zusätzlich zu ästhetischen und emotionalen Sehnsuchtsorten. Erste Reiseberichte, Gedichte und Gemälde schwärmten von der Erhabenheit der Gipfel, von der wilden Schönheit der Landschaft, von der Ursprünglichkeit des Lebens in den Bergen. Solche Berichte stießen auf großes Interesse bei Adel und Bürgertum.
Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner bezeichnet die – meist männlichen – Verfasser solcher Berichte als die „ersten Influencer“. Zu ihnen gehörten auch bekannte Namen wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und später etwa Mark Twain. „Es gibt sehr, sehr viele berühmte Werke, die ein schwärmerisches Bild über die Berge zeichnen und damit eine echte Zeitenwende einleiten“, erklärt die Wissenschaftlerin. Zuvor galten die Berge vor allem als unvermeidliches Hindernis, das man auf dem Weg Richtung Süden möglichst schnell hinter sich lassen wollte. Diese neuen Berichte zeichneten oftmals ein ebenso wenig realistisches Zerrbild wie zuvor die römischen Schreckensberichte, nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.
– Albrecht von Haller im Jahr 1729Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide, Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her; Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, Und seine Hügel sind von hundert Herden schwer.
– Jean-Jacques Rousseau 1761In der That ist dies ein allgemeiner Eindruck, welchen alle Menschen empfinden, obwohl sie nicht alle darauf achten, daß man auf hohen Bergen, wo die Luft rein und dünn ist, mit größerer Leichtigkeit athmet, mehr Federkraft im Körper, mehr Heiterkeit im Geiste spürt; das Lustgefühl ist dort weniger hitzig, die Leidenschaften sind gemäßigter.
– Mark Twain über den Anblick eines Alpenpanoramas 1880Wir konnten nicht sprechen. Wir konnten kaum atmen. Wir konnten nur in trunkenem Entzücken hinstarren und alles in uns einsaugen.
Auch die Kinderbücher rund um Heidi haben enorme Bedeutung erlangt und ein romantisch-idyllisches Alpenbild in alle Welt transportiert. Sie erschienen 1880/81 und waren laut dem schweizerischen Alpenforscher Jon Mathieu anschließend „praktisch ununterbrochen in der Druckerpresse“. Als Filme und Serien schafften es Heidi und die Alpen als krisenloser Zufluchtsort bis in die USA und nach Japan.
Sowohl in der Literatur als auch in der Malerei ist seit der Zeit der Aufklärung ein durchgängiges Prinzip erkennbar: Der Reiz der Alpen lebt vom Zusammenwirken zwischen Idylle und Bedrohlichem.
„Das Auffällige ist, dass es nicht nur die reine Bergwelt war, die da beschrieben oder gemalt wurde", erläutert Tourismusexpertin Theresa Mitterer-Leitner. „Stattdessen war die Darstellung der Alpen von Anfang an mit der Kulturlandschaft verbunden. Es war genau der Kontrast zwischen schroffer, eisbedeckter Bergwelt einerseits und den lieblichen Landschaftsausschnitten anderseits, der den Reiz ausmachte. Vor allem die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlenden Almen, wo die Tiere friedlich neben einer Hütte grasen, stehen aus Sicht der gewissermaßen verklärten Städter für die idyllische alpenländische Lebensweise.“
Dieser in der Wissenschaft viel zitierte Kontrast zwischen der schönen, pittoresken (also beschaulich oder malerischen) Kulturlandschaft und der Erhabenheit der Bergwelt spiegelte sich auch in der Landschaftsmalerei wider. Ebenso wie die Literatur trug sie dazu bei, den Blick auf die Natur und speziell auf die Alpen zu verändern. Das typische und bis in die heutige Zeit prägende Motiv: die vermeintlich sanfte Welt der Almen oder einer barocken Kirche und ähnlichen kulturellen Werken im Vordergrund – harter, schneebedeckter Fels im Hintergrund. Dieses Bild hat sich längst ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Mischung aus Naturgewalt und bäuerlich-dörflicher Geborgenheit machte die Alpen einzigartig. Passend zum Leben innerhalb der Alpen, das sich stark von der Welt drumherum unterscheidet, nennt die Expertin auch den Begriff der Binnen-Exotik. Will heißen: In Form einer Reise in die Alpen können Menschen den vielzitierten „Tapetenwechsel“ auf ähnlich intensive Weise erleben, wie es sonst vielleicht nur der Besuch ferner Kontinente, beziehungsweise „exotischer“ Länder ermöglicht.
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Exkurs für Liebhaber:innen: Die schwärmerischen Werke der „Influencer“ des 18. und 19. Jahrhunderts
Der Schweizer Mediziner und Botaniker Albrecht von Haller verfasste 1729 mit dem Gedicht „Die Alpen“ (erschienen 1732) eines der ersten literarischen Werke, die die Alpen in einem neuen Licht darstellten. Aus diesem Grund wurde es in der Encyclopaedia Britannica schon 1911 als „historisch bedeutsam“ eingeordnet, auch wenn es „in erster Linie darauf abzielt, das einfache und idyllische Leben der Alpenbewohner mit dem verderbten und dekadenten Leben der Menschen des Flachlandes zu kontrastieren.“22
Im folgenden Vers23 thematisiert Haller den Kontrast zwischen schroffer Natur und vermeintlich sanfter, von Menschen geformter Kulturlandschaft. Ein häufiges Motiv in der Beschreibung der Alpen.
Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder, Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich getürmt, Sein frostiger Kristall schickt alle Strahlen wieder, Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt. Nicht fern vom Eise streckt, voll Futterreicher Weide, Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her; Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, Und seine Hügel sind von hundert Herden schwer. Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen Trennt nur ein enges Tal, wo kühle Schatten wohnen.
Eine bedeutende Rolle bei der Neubewertung der Alpen kommt auch dem 1761 veröffentlichten Briefroman „Julie oder Die neue Heloise“24 des Genfer Philosophen und Aufklärers Jean- Jacques Rousseau zu. Das Buch war ein großer Publikumserfolg und erschien bis Ende des
18. Jahrhunderts in mehr als 70 Auflagen und Raubdrucken. Rousseau verknüpfte eine mit viel Leidenschaft versehene Liebesgeschichte mit der Beschreibung von Alpenlandschaften. Im 23. seiner fiktiven Briefe, gerichtet an Julie, lässt Rousseau seine Romanfigur St. Preux, Julies Liebhaber, „auf ziemlich rauhen Fußpfaden aufwärts“ durch die Schweizer Bergwelt wandern und Folgendes berichte
Ich wollte meinen Träumen nachhängen, und immer zog mich irgendein neues überraschendes Schauspiel davon ab. Bald hingen ungeheure Felsen in Trümmern über meinem Haupt nieder; bald benetzten mich hoch herabstürzende Wasserfälle mit ihrem dichten Staub; bald eröffnete sich neben mir ein endloser Strom, eine Kluft, deren Tiefe das Auge nicht ermessen konnte. Manchmal verlor ich mich in das Dunkel einer dicken Waldung; manchmal ward ich beim Austritt aus einer Schlucht durch den Anblick einer lachenden Wiese gelabt. Ein staunenswürdiges Gemisch von wilder und angebauter Natur verrieth überall die Hand des Menschen, wo man hätte glauben sollen, daß sie niemals hingedrungen wäre; dicht neben einer Höhle fand man Wohngebäude; man erblickte entblätterte Rebstöcke, wo man nichts als Dornen gesucht hätte, Weingärten auf zusammengestürztem Boden, herrliche Fruchtbäume auf Felsmassen und Aecker in Abgründen.
Am Folgetag lässt sich Rousseaus Wanderer schließlich vollständig von der Landschaft vereinnahmen:
Da entdeckte ich allmählig in der Reinheit der Luft, worin ich mich befand, die wahre Ursache des Wechsels, der in meiner Stimmung vorgegangen war, und der Rückkehr jenes Innern Friedens, den ich seit so langer Zeit verloren hatte. In der That ist dies ein allgemeiner Eindruck, welchen alle Menschen empfinden, obwohl sie nicht alle darauf achten, daß man auf hohen Bergen, wo die Luft rein und dünn ist, mit größerer Leichtigkeit athmet, mehr Federkraft im Körper, mehr Heiterkeit im Geiste spürt; das Lustgefühl ist dort weniger hitzig, die Leidenschaften sind gemäßigter. Die Gedanken nehmen etwas Großes, Erhabenes an, wie es den Gegenständen entspricht, die uns vor Augen liegen, eine gewisse selige Ruhe, worin nichts Brennendes und Sinnliches ist. Es scheint, als ob man, sich erhebend über die Wohnstätten der Sterblichen, alle niederen, irdischen Gefühle zurückließe, als ob die Seele, je mehr man sich der ätherischen Region nähert, etwas von deren unwandelbarer Reinheit annähme. Man fühlt sich ernst gestimmt ohne Wehmuth, friedvoll ohne Schlaffheit, froh des Daseins und des Denkens; jede zu lebhafte Begierde dämpft sich ab, verliert den scharfen Stachel, der sie schmerzhaft macht, und läßt im Herzen nichts als eine leichte sanfte Erregung; und so bewirkt ein glückliches Klima, daß zur Glückseligkeit des Menschen die Leidenschaften dienen, welche ihm anderwärts zur Marter werden.
Johann Wolfgang von Goethe war ebenfalls daran beteiligt, in Europa ein neues Bild der Alpen zu etablieren. Goethe war, neben Friedrich Schiller, der bekannteste deutschsprachige Dichter seiner Zeit, zugleich aber auch ein Naturforscher. Er bereiste die Schweiz dreimal. 1775, 1779 und 1997. Seine Eindrücke verarbeitete er in „Briefe aus der Schweiz“25, hier beispielhaft Goethes Worte über eine winterliche Bergtour:
Wir stiegen nunmehr links den Berg hinan und sanken in tiefen Schnee. Einer von unsern Führern mußte voran und brach, indem er herzhaft durchschritt, die Bahn, in der wir folgten. Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Moment seine Aufmerksamkeit von dem Wege ab und auf sich selbst und die Gesellschaft wendete: in der ödesten Gegend der Welt, und in einer ungeheuren einförmigen schneebedeckten Gebirgs-Wüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß, wo man auf beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Gebirge hat, eine Reihe Menschen zu sehen, deren einer in des andern tiefe Fußtapfen tritt, und wo in der ganzen glatt überzogenen Weite nichts in die Augen fällt, als die Furche die man gezogen hat.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts leistete auch der US-Autor Mark Twain einen Bei- trag, Europa als Reiseziel US-amerikanischer Touristinnen und Touristen zu etablieren. Weltruhm erlangte Twain durch seine Romane über die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Zwischen 1897 und 1899 verbrachte er mehrere Monate in Wien, außerdem in Kaltenleutgeben sowie im Sommerurlaub in Bad Ischl. Für den Alpentourismus von Bedeutung war vor allem seine frühere Reise, die ihn bereits 1878 durch Deutschland, die Alpen und Italien führte. Sie mündete in dem zum Teil fiktiven und satirischen Reisebericht „Bummel durch Europa“ („A Tramp Abroad“), der erstmals im Jahr 1880 erschien.
In Kapitel 25 des Buches schildert Twain mit viel Humor, wie er und seine Reisebegleiter mehrfach, aber vergeblich, versuchen, das Naturschauspiel eines Sonnenaufgangs zu erleben. Nach einer erschöpfenden Wanderung hatten sie im Berghotel Rigi-Kulm geschlafen, bis sie „das Dröhnen des Alphorns weckte.“ In jener Zeit war es üblich, Hotelgäste frühmorgens zu wecken, um sie den mutmaßlich besonders wohltuenden Sonnenaufgang erleben zu lassen.
Wir warfen uns in ein paar Kleidungsstücke, wickelten uns, wie es sich gehört, in die roten Decken und stürzten barhäuptig die Gänge entlang und hinaus in den pfeifenden Wind. Auf der höchsten Spitze des Gipfels, etwa hundert Yard weit entfernt, sahen wir ein hohes Holz- gerüst und wandten uns dorthin. Wir rasten die Stufen zur Plattform dieses Gerüstes hinauf und standen dort, über der weithin ausgebreiteten Welt, mit fliegenden Haaren und roten Decken, die in der heftigen Brise wehten und knatterten. ‚Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!‘ sagte Harris mit ärgerlicher Stimme. ‚Die Sonne steht deutlich über dem Horizont.‘ ‚Macht nichts‘, sagte ich, ‚es ist ein überaus prächtiges Schauspiel, und wir werden sie immerhin bei ihrem restlichen Aufgang sehen.‘ Wir konnten nicht sprechen. Wir konnten kaum atmen. Wir konnten nur in trunkenem Entzücken hinstarren und alles in uns einsaugen. Plötzlich rief Harris aus: ‚Nanu, verdammt, sie geht ja unter!‘ Vollkommen wahr. Wir hatten das morgendliche Horntuten verpasst und den ganzen Tag durchgeschlafen. Es war verblüffend. Harris sagte: ‚Hör mal, hier ist nicht die Sonne das Schaustück – wir sind es – hier oben auf diesem Schafott in den idiotischen Decken aufgebaut, und da unten stehen zweihundertfünfzig gutangezogene Männer und Frauen, glotzen uns an und kümmern sich nicht die Bohne darum, ob die Sonne auf- oder untergeht, wenn sie ein derart lächerliches Bild in ihren Notizbüchern festzuhalten haben. Sie scheinen sich kaputt zu lachen, und dort ist ein Mädchen, das ganz und gar zu platzen scheint. Ich habe noch nie einen Menschen wie dich erlebt. Ich glaube, du bist ein Esel in höchster Vollendung.‘ ‚Was habe ich denn getan?‘ erwiderte ich hitzig. ‚Was du getan hast? Du bist um halb acht Uhr abends aufgestanden, um die Sonne aufgehen zu sehen, das hast du getan.‘
Welchen Einfluss hatte die Industrialisierung bei der Entstehung des Tourismus?
Beschreibungen einer vermeintlichen Idylle allein sind aber nicht genug, um die Entstehung des Tourismus zu erklären. Der neuen Wahrnehmung der Natur folgte nämlich auch ein tief- greifender gesellschaftlicher Wandel: die Industrialisierung. Sie erfasste im 19. Jahrhundert fast ganz Europa und die USA. Die über viele Jahrtausende bestehende Agrargesellschaft wandelte sich jetzt innerhalb relativ kurzer Zeit in eine Industriegesellschaft. Während der weit überwiegende Anteil der Menschen zuvor als Bäuerinnen und Bauern seinen Lebensunterhalt bestritt, standen deren Kinder und Enkel nun als Arbeiterinnen und Arbeiter an den Werkbänken der Industrie.
Fabriken, Maschinen und neue Arbeitsrhythmen veränderten das Leben in den Städten, die immer mehr Menschen anzogen. Der Alltag wurde lauter, dichter, schneller. Gleichzeitig wuchs der Wohlstand, zunächst fast ausschließlich in der städtischen Oberschicht, später in der breiten Masse der Bevölkerung, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. In dieser neuen Arbeits- und Lebenswelt entstand bald der Wunsch, dem Alltag zeitweise zu entfliehen. Erholung wurde zu einem neuen Bedürfnis. Wer es sich leisten konnte, suchte Entspannung – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Entspannung und Erholung fanden die Bürgerinnen und Bürger des neuen Industriezeitalters an zwei bis heute idealtypischen Urlaubsorten: an den Meeresküsten und in den Bergen.
Der Tourismus entstand aber nicht nur deshalb, weil die Industrialisierung Wohlstand und Erholungsbedarf und damit auch Nachfrage nach touristischen Angeboten geschaffen hatte. Eine nicht minder entscheidende Veränderung brachte zudem die Erfindung und der Ausbau der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Sie erleichterte und verbilligte neben dem Transport von Waren auch das Reisen auf revolutionäre Weise. Die Eisenbahn gilt als „Geburtshelferin“ des Tourismus. Auch die Dampfschifffahrt leistete ihren Anteil. Mehr dazu hier.
Warum stammten die ersten Touristen vor allem aus England?
Der erste Alpenverein der Welt wurde nicht, wie man vermuten könnte, in einem Land der Alpen gegründet. Vielmehr war der erste seiner Art der im Jahr 1857 in London gegründete Alpine Club. Erst fünf Jahre später folgte der Österreichische Alpenverein und wenig später die Pendants der anderen Anrainerstaaten der Alpen. Mehr zur Rolle der Alpenvereine findest du hier. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass die Engländer die Ersten waren, die sich für das Bergsteigen als Trendsport und damit auch für die Alpen regelrecht massenhaft begeisterten. Warum war das so?
England ist das Land, von dem die Industrialisierung ausgegangen war. Dort war zum Beispiel 1769 durch den Erfinder James Watt die Dampfmaschine entscheidend verbessert worden. Auch die erste öffentliche Eisenbahn wurde 1825 in England in Betrieb genommen. Das Land war Zentrum des Britischen Weltreichs, das im 19. Jahrhundert die einzige Weltmacht und das reichste Land der Welt darstellte.
Zwar ging die Industrialisierung zunächst auch mit elenden Lebens- und Arbeitsverhältnissen der neu entstandenen Arbeiterklasse einher. Aber ungefähr ab Mitte des Jahrhunderts wuchs in England, früher als anderswo, der Wohlstand breiterer Schichten der Bevölkerung. Diese konnten sich nun zunehmend Dinge leisten, die außerhalb des unbedingt Lebensnot- wendigen lagen – das Reisen gehörte dazu. Es war der Beginn des Zeitalters des Massenkonsums, das neben den USA, in Großbritannien eingeleitet wurde.
Wie ein Komiker die Alpen in Großbritannien berühmt machte
Eine nicht unwesentliche Rolle hat auch der britische Schriftsteller, Humorist und Entertainer Albert Richard Smith (1816–1860) gespielt. Bergsteigerlegende Reinhold Messner nennt Smith „eines der ersten Vermarktungsgenies des Alpinismus“. Smith hatte im Jahr 1851 im Rahmen einer geführten Tour den Mont Blanc bestiegen und anschließend darüber ein Buch geschrieben. Vor allem aber entwickelte er eine Bühnenshow, mit der er unter dem Titel The Ascent of Mont Blanc in den folgenden Jahren mehr als eine halbe Million Briten begeisterte. Queen Victoria soll gleich drei Privatvorführungen bekommen haben. Die Show „löste eine regelrechte Montblanc-Begeisterung aus und trug dazu bei, das Bergsteigen in Großbritannien populär zu machen“, wie Messner schreibt. Mit dem Verkauf von Postkarten, Zeichnungen oder Fächern mit Mont-Blanc-Motiven betrieb Smith auch eine frühe Form des Merchandisings.26
All dies erklärt, warum es vor allem reichere Engländerinnen und Engländer waren, die im 19. Jahrhundert als erste in vergleichsweise großer Zahl Erholung und Abenteuer in den Alpen suchten. Auch wenn die Situation mit der heutigen schwer vergleichbar ist, nahm die Anzahl der Reisenden ab 1850 deutlich zu. In dieser Zeit wurde die Schweiz auch – nach dem Titel eines 1871 erschienenen Buches von Sir Leslie Stephen – als „Der Spielplatz Europas“ (The Playground of Europe) bekannt.
Passend dazu schildert auch Mark Twain seinen persönlichen Eindruck während seines
„Bummel durch Europa“ 1878: „Die Hälfte der Meute, die im Sommer die Schweiz bevölkert, besteht aus Engländern; die andere Hälfte setzt sich aus vielen Nationalitäten zusammen, wobei die Deutschen vorangehen und die Amerikaner als nächste folgen.“
Warum startete der Tourismus zuerst in der Schweiz?
In Quellen über die Geschichte des Tourismus in den Alpen ist es die Schweiz, die stets als erster Anlaufpunkt erscheint. Einer der öfter genannten Gründe dafür ist die Tatsache, dass die oben beschriebene Grand Tour, die Bildungsreise junger Mitglieder der Oberschicht, fast immer in das kulturell reiche und geschichtsträchtige Italien mit seinen antiken Stätten führte. Und dort über den Landweg hinzukommen, mussten die Alpen überquert werden, wobei von eher westlichen Teilen Europas aus die kürzeste Verbindung über die Schweiz führte. Da Reisende in Zeiten der Pferdekutsche dabei mehrfach übernachten mussten, wurde die Schweiz zunächst zur Zwischenstation innerhalb der Alpen. Dem Ruf der romantischen Schilderungen der Künstler folgend, wurde die Schweiz nach und nach selbst zum ersten touristischen Reiseziel innerhalb der Alpen.
Gleichzeitig war die Schweiz im 19. Jahrhundert führend beim Ausbau der touristischen Infrastruktur. So wurde etwa bei Luzern, auf dem Gipfel des Rigi Kulm in fast 1.800 Meter Seehöhe, bereits im August 1816 das erste Gipfelhotel der Alpen eröffnet. Es hatte sechs Betten und genügte dem Ansturm schon bald nicht mehr. Bereits im Juni 1848 empfing ein Neubau aus Stein mit jetzt 130 Betten seine ersten Gäste. 1856 folgte ein zweites Hotel mit 200 Betten und 1875 ein drittes, „palastartiges Grand-Hotel“ mit weiteren 300 Betten.27 Ein paar Meter unterhalb des Gipfels war im Mai 1871 auf der Vitznau-Rigi-Linie die erste aus vornehmlich touristischen Gründen auf einen Berg geführte Zahnradbahn Europas in Betrieb gegangen. Sie war nach der 1869 eröffneten Zahnradbahn auf den Mount Washington (USA) die zweite der Welt. Gäste konnten nun ohne Anstrengung auf den Berg kommen, übernachten und frühmorgens auf einem eigens errichteten Holzgerüst den Sonnenaufgang bewundern, wie es Mark Twain humorvoll schilderte.
Nach und nach wurden in dieser Zeit große, luxuriöse, steinerne Palasthotels und Grandhotels gebaut, von denen ein großer Teil in der Schweiz liegt.
Ein weiterer Grund für die touristische Vorreiterrolle der Schweiz, ist in den natürlichen Voraussetzungen zu finden. Österreichs westlicher Nachbar beheimatet einige besonders herausragende oder majestätisch erscheinende Berge wie das Matterhorn oder das Massiv aus Eiger, Mönch und Jungfrau (auf das Jungfraujoch führt seit 1912 eine elektrische Zahnradbahn). Alle Alpen-Viertausender liegen zudem außerhalb Österreichs in den Westalpen, viele davon in der Schweiz. Von diesen höchsten Gipfeln fühlten sich gerade englische Bergsteiger und Bergsteigerinnen zuerst angezogen.
In einer als „Goldenes Zeitalter des Alpinismus“ bezeichneten Phase in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden besonders viele Alpengipfel erstmals – dokumentiert – bestiegen, beziehungsweise „erobert“, wie es damals häufig hieß. Die in Europa aufkommenden nationalistischen Strömungen spielten auch in den Bergen eine zunehmende Rolle und waren neben sportlichem Wettkampf eine Komponente bei der Konkurrenz um die Erstbesteigungen. Der Schweizer Alpen-Historiker Jon Mathieu gibt in seinem Buch „Die Alpen – Raum, Kultur, Geschichte“ den Verlauf der Anzahl an Erstbesteigungen wieder: „Für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nennen die Annalen des Alpinismus 86 Erstbesteigungen, für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts schon 210 und für dessen zweite Hälfte 1010.“ In die Geschichte ging unter anderem das Drama um die Erstbesteigung des Matterhorns ein. Dabei stürzten am 14. Juli 1865 vier Männer aus der Seilschaft des britischen Erstbesteigers Edward Whymper beim Abstieg in den Tod.
Dass die Schweiz im Tourismus des 19. Jahrhunderts in mancherlei Hinsicht eine Vorbildfunktion hatte, lässt sich auch an der Tatsache ablesen, dass weltweit ungefähr 200 Orte den Namenszusatz „Schweiz“ tragen. Sie wurden oftmals schon zur Zeit der Romantik so benannt. Durch den Vergleich mit dem Original wollte man Regionen adeln und ihren Namen touristisch aufwerten.
Am bekanntesten sind etwa die Fränkische Schweiz oder die Sächsische Schweiz in Deutschland. Sogar hoch im Norden Deutschlands gibt es eine Bremer Schweiz, keine 50 Kilometer von der Nordsee entfernt. Daneben gibt es etwa in Tschechien die Böhmische Schweiz, die Kleine Schweiz bei Haifa in Israel und selbst im US-Bundesstaat North Carolina existiert seit 1910, inspiriert durch die umliegenden Berge, ein Little Switzerland.
Schon der Schriftsteller Theodor Fontane kommentierte im 19. Jahrhundert die Mode, selbst sanfte Hügellandschaften als „Schweiz“ zu bezeichnen, spöttisch. Er notierte 1862 in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg: „Die Schweize werden jetzt immer kleiner, und so gibt es nicht bloß mehr eine Märkische, sondern bereits auch eine Ruppiner Schweiz.“
Quellen
18 Österreichische Akademie der Wissenschaften (oeaw.ac.at): Steinzeitliche Handelsrouten unter dem Mikroskop (Zugriff: 17.04.2025)
19 Ueli Gyr, Leibnitz-Institut für Europäische Geschichte (2010): Geschichte des Tourismus: Strukturen auf dem Weg zur Moderne
20 Titus Livius (Livy): The History of Rome, Book 21, Chapter 32 via Perseus Digital Library (perseus.tufts.edu); Zugriff: 26.03.2025; eigene Übersetzung aus dem Englischen
21 Cambridge University Press 2023 (cambridge.org): Johann Jakob Scheuchzer, The Natural History of Switzerland (1716); (Zugriff: 23.04.2025)
22 Hugh Chisholm (1911): 1911 Encyclopædia Britannica, Volume 12: Haller, Albrecht von (1708–1777) via en.wikisource.org; (Zugriff: 31.03.2025)
23 Albrecht von Haller (1729): Die Alpen; via projekt-gutenberg.org; Zugriff: 26.03.2025
24 Jean-Jacques Rousseau (1761): Julie oder Die neue Heloise, Dreiundzwanzigster Brief. An Julie.; E-Book via thalia.at, Erscheinungsdatum 08.01.2024
25 Johann Wolfgang von Goethe (1808): Briefe aus der Schweiz, Realp, den 12. Nov. Abends.; E-Book via thalia.at, Erscheinungsdatum 04.05.2015
26 Reinhold Messner (2021): Zwischen Durchkommen und Umkommen – Die Faszination des Bergsteigens, S. 216
27 Rigi-Kulm-Hotel (rigikulm.ch): Gastfreundschaft seit 1816 (Zugriff: 10.04.2025)
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Raus aus der Stadt: Wie der Tourismus nach Österreich kam
Schon vor 200 Jahren wollten Menschen aus Wien und anderen Städten zu Erholungszwecken hinaus aufs Land. Industrielle Revolution und Eisenbahnbau legten schließlich den Grundstein für ein Massenphänomen.
Wenn man so will, dann lassen sich schon die Wallfahrten, beziehungsweise Pilgerreisen des Mittelalters als Frühform des Tourismus betrachten. Laut des Lehrbuchs „Einführung in die Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Österreich“ sind solche religiös motivierten Reisen zu österreichischen Wallfahrtsorten schon aus dem 14. Jahrhundert überliefert. Seit dem 15. Jahrhundert sind demnach auch Kuraufenthalte an Orten wie Baden bei Wien oder Bad Gastein dokumentiert.
Auch die hier erwähnten Bildungsreisen junger Adeliger (Grand Tour) im 17. und 18. Jahrhundert führten zu Orten innerhalb des heutigen Österreichs, etwa nach Wien oder in die Stadt Salzburg, die erst seit 1816 ein Teil Österreichs ist. Ebenso besuchten Maler oder Dichter Städte und Landschaften, um sie zu malen oder sich einfach nur inspirieren zu lassen.
Aber was ist mit dem Reisen zum Selbstzweck? Menschen entwickelten schon im 18. Jahr- hundert an vielen Orten Europas zunehmend das Bedürfnis, zumindest zeitweise den langsam größer werdenden Städten zu entfliehen. In Österreich wurde die Idee, die ländliche Umgebung einer Stadt allein aus Gründen der Erholung aufzusuchen, unter anderem durch den in Krems (Niederösterreich) geborenen Pädagogen und Lokalhistoriker Franz de Paula Gaheis befördert.
Gaheis durchwanderte Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts die vor Wien liegenden Dörfer und Städtchen – von denen etliche inzwischen selbst Teil der Stadt sind – und schrieb den Verlauf seiner Routen sowie seine gewonnenen Eindrücke auf. Ab 1797 wurden neun „Bändchen“ seiner „Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden um Wien“ veröffentlicht. Laut offizieller Wiener Geschichtsschreibung leitete Franz de Paula Gaheis damit die „Entdeckung der Wiener Landschaft“ ein.28
Man kann das Werk auch als eine Art Vorläufer moderner Reiseführer betrachten.
Sich „dem Stadtgetümmel entrissen wünschen“
Erholung und „Stressabbau“ lockten somit schon an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, also vor über 200 Jahren, Menschen aus den Städten in die von Bäuerinnen und Bauern geformte Kulturlandschaft. Das macht innerhalb der Gaheis'schen Heftreihe zum Beispiel die Einleitung zum Kapitel „Spazierfahrt von Wien nach Kalksburg“ deutlich. Kalksburg war ein Dorf, dessen Namen sich von einer ursprünglich so etwas wie „Kälberberg“ bedeutenden Bezeichnung ableitet, wo also einst Kälber weideten. Der Ort gehört heute zum 23. Wiener Gemeindebezirk und liegt in der Nähe des Lainzer Tiergartens.
Unter dem Eindruck seiner Wanderungen dorthin schreibt Gaheis im Jahr 1802:
Für jene, welche sich gerne in stillen und einsamen Gegenden mit sich selbst und der sie umgebenden Natur beschäftigen, hat die Fahrt in diese romantische Landschaft gewiß sehr viel Anziehendes. Und wer wird sich wohl nicht auch zuweilen seiner Geschäfte entledigt und dem Stadtgetümmel entrissen wünschen, um die reinere Landluft zu geniessen, und in der Ruhe wieder Kräfte zu neuer Thätigkeit zu sammeln?
Dazu muss man wissen: Um das Jahr 1800 war die Luft in Wien dreckig. Fast 100 Prozent des Energiebedarfs der Stadt, etwa zum Kochen und Heizen, wurde aus Holz gedeckt (im Lauf des Jahrhunderts schließlich vermehrt aus Kohle). Die Öfen und Schornsteine der Häuser sorgten stetig für verrauchte Gassen. Zusätzlich verursachten die zum Teil noch ungepflasterten Straßen mit ihren unzähligen Pferdegespannen oder die Verwitterung des häufig verwendeten Wiener Sandsteins viele Beschwerden aufgrund von Staubentwicklung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt rasant und die Luftqualität verschlechterte sich weiter.
Beschwerde über den Wiener Staub
In der der humoristisch-satirischen Wochenschrift mit dem Titel „Hans Jörgel von Gumpoldskirchen“, Ausgabe vom 3. August 1872, ist eine bissige Beschwerde über den Schmutz Wiens nachzulesen. Die darin erwähnte „Heugassen“ entspricht der heutigen Prinz-Eugen-Straße, die westlich am Schloss Belvedere vorbeiführt. Auf ihr wurden einst allwöchentlich große Mengen Heu aus Ungarn zum Heumarkt transportiert.
„Die Heugassen ist schmal und wird nicht gespritzt. Man mag sich nun ein' Begriff machen, wie groß der Staub is', den die hunderte von Wagen aufwirbeln und den die Fußgänger und Bewohner der Heugassen schlucken müssen. Es ist geradezu gewissenlos, wie unsere Stadt- väter ihre armen Kinder in Staub ersticken lassen; Brust, Lunge, Augen sein immer in Gefahr, aber die Herren Väter lassen fünfe grad sein. Der Ring, ja, der wird ordentlich gespritzt, aber sehr schlecht gekehrt, aus allen Seitengasse aber wirbelt der Staub heraus, und so kommt's, daß man unten im Koth watet, während man oben in einer Staubwolken athmet. Dass wir Wiener unseren berühmten Staub und Koth zugleich genießen können, das danken wir den weisen Anordnungen uns'rer Stadtväter.
Im Prater haben's die neuen Wege und Straßen mit einem Schotter (?), richtiger mit einer Erden überschüttet, die natürlich resch trocken worden is' und sich in ein' mehlartigen Staub verwandelt hat. Nun wandern aber alle Tag, besonders aber an Sonntagen, tausende von Menschen in den Prater, die vielen Füße, die praktischen Schleppen der Damen, endlich der Wind wirbeln den Staub auf und es entsteht eine Athmosphäre zum Verschmachten. Wenn zur Weltausstellung auch Afrikaner aus der Wüste Sahara kommen, die werden eine Freud haben, sie werden glauben, sie sein zu Haus.“29
Die vor allem in den Vorstädten noch mangelhaft ausgebaute Kanalisation sorgte zusätzlich für schlechte Luft. Auch die allgegenwärtigen Schlachttiere, die zu den Schlachthöfen getrieben wurden, verursachten Schmutz, Staub und schlechte Gerüche. Noch bevor die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts das Wachstum Wiens und seiner Fabriken erst richtig ankurbelte und die Umweltsituation zunächst verschärfte, gab es also das Bedürfnis nach regelmäßigen „Atempausen“. Mehr und mehr Menschen suchten sie in ländlicher Umgebung.
Was man heute einen Ausflug nennen würde, war im 19. Jahrhundert die „Landpartie“. Per Kutsche oder mit sogenannten Zeiselwagen, einfachen Leiterwagen mit Sitzbrettern und einer Beschattung aus Schilfrohrdecken, fuhr man gemeinsam aufs Land. Dort ging man spazieren, machte ein Picknick, tanzte oder genoss einfach frische Luft und Ruhe. Aufgrund der gegebenen Transportmöglichkeiten führten die Landpartien meist „nur“ in die Vororte. Menschen aus Wien etwa fuhren nach Nussdorf, Hietzing, Kaltenleutgeben oder einen der vielen weiteren Orte rund um Wien.
Wie kam der moderne Tourismus nach Österreich?
In Österreich entwickelte sich der Tourismus mit seiner eigenen Infrastruktur vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Laut Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner waren in dieser Zeit zwei Faktoren besonders prägend: Auf der einen Seite die angenommenen gesundheitlichen Wirkungen von Luft, Sonne, Salzwasser oder Sand, auf der anderen Seite das „Naturerlebnis“, beziehungsweise die körperlich-sportliche Betätigung durch Wandern und Bergsteigen, gegen Ende des Jahrhunderts auch durch Skifahren. Mehr zur Geschichte des Skifahrens findest du hier.
Die Anfänge liegen schwerpunktmäßig eher in den Heil- und Kurorten, die zum Teil schon im Mittelalter aufgesucht worden waren. Entsprechende neu bereitgestellte touristische Angebote würde man heute wohl „Wellness-Angebote“ nennen. Sie wurden von nobleren Hotels oder Kureinrichtungen geschaffen und bedienten zahlungskräftigeres Publikum aus den Reihen des Adels sowie des Bürgertums, das im Lauf des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung größer und wohlhabender wurde.
Das 1823 gegründete Heilbad von Ischl löste einen Tourismus-Boom aus, ganz besonders seitdem die kaiserliche Familie den Ort als Domizil für die jährliche „Sommerfrische“ auserkoren hatte (mehr dazu). Auch in Bad Gastein, Baden bei Wien, am Semmering mit seinem legendären, 1882 eröffneten Südbahnhotel und an vielen anderen Orten entstanden Domizile für den erholsamen und komfortablen sommerlichen Landaufenthalt derer, die es sich leisten konnten.
Bis zum Ersten Weltkrieg verfügte Österreich zudem über einen Meerzugang. Der auch als „Österreichische Riviera“ bezeichnete Abschnitt der Adria nördlich und südlich von Triest zog schon im 19. Jahrhundert Mitglieder des Bürgertums und des Adels an. Ein Kuraufenthalt in der Lagunenstadt Grado kam in Mode, nachdem 1873 ein Seehospiz für kranke Kinder und seine bekannt gewordenen Heilerfolge mehr und mehr Besucher anlockte. Voraussetzung dafür war der Ausbau der Eisenbahn, der ab Mitte des Jahrhunderts vorangetrieben wurde.
Sommerfrische am Land – Die Bauernstube wird zum Fremdenzimmer
Die Sommerfrische gab es aber nicht nur als noble Variante in Grand Hotels, Kurbädern oder der eigenen Landvilla. Speziell das etwas weniger zahlungskräftige Publikum aus mittleren Beamten, Angestellten oder Geschäftsleuten verbrachte sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch auf Bauernhöfen. Dazu räumten die Bauernfamilien oftmals ihren eigenen Wohnbereich und wichen auf andere Räumlichkeiten des Bauernhofs aus. Laut Mitterer-Leitner wurde diese Form des Reisens aber keinesfalls als Urlaub zweiter Wahl wahrgenommen, ganz im Gegenteil. „Gerade in Verbindung mit dem Begriff Sommerfrische suchte man das einfache Landleben: Gemütlichkeit, Geborgenheit und – vor allem für die Kinder – die gesunde Umgebung jenseits der verdreckten Städte“, erklärt die Tourismus-Forscherin. „Die Sommerfrische war ab Ende des 19. Jahrhunderts stark mit monatelangen Aufenthalten am Land verbunden. Im Gegensatz zum Kurbad oder Kuraufenthalt ging es gar nicht um Luxus, zwar auch um Gesundheit, aber eher um das ‚rotbackige‘ einfache Landleben, die Gemütlichkeit, die Nähe zur Natur und eben auch zum Bäuerlichen. Man wohnte in eigenen Landvillen, Pensionen oder eben sehr häufig direkt auf Bauernhöfen. Schon damals wurden dazu Zimmer für die Städter freigemacht.“
Diese frühe Form des „Urlaubs auf dem Bauernhof“ diente nicht zuletzt auch Künstlern und Literatinnen als zum Teil schaffensreicher Rückzugsort. Einer der typischen Sommerfrische- Orte war Bad Aussee im steirischen Salzkammergut. Dort residierten zwischen Juni und September zwar auch Persönlichkeiten wie der deutsche Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst in ihren eigens erbauten Seehäusern, aber drumherum auch junge Künstler.
Für die bäuerliche und in bescheidenen Verhältnissen lebende Bevölkerung bedeuteten die Sommerfrischler Verdienstmöglichkeiten, die man sich nicht entgehen lassen wollte oder konnte. Nach Aussee kam unter anderem auch der Wiener Schriftsteller und Mitbegründer der Salzburger Festspiele Hugo von Hofmannsthal mit seiner Familie regelmäßig. In seiner Erzählung „Das Dorf im Gebirge“30 setzt er dieser frühen Verbindung aus Landwirtschaft und Tourismus fast eine Art Denkmal:
Im Juni sind die Leute aus der Stadt gekommen und wohnen in allen großen Stuben. Die Bauern und ihre Weiber schlafen in den Dachkammern, die voll alten Pferdegeschirrs hängen (...). Sie haben aus den unteren Stuben alle ihre Sachen weggetragen und alle Truhen für die Stadtleute freigemacht, und nichts ist in den Stuben zurückgeblieben als der Geruch von Keller mit großen Rahmeimern und altem Holz (...). Nur den Schmuck der Wände hat man zurückgelassen: die Geweihe und die vielen kleinen Bilder der Jungfrau Maria und der Heili- gen in geschnitzten und papierenen Rahmen (...). Die Frauen aus der Stadt hängen ihre großen Gartenhüte und ihre bunten Sonnenschirme an die Geweihe (...).
Die touristische Form der Sommerfrische erlebte um das Jahr 1900 herum einen Höhepunkt. Laut Tourismus-Forscherin Mitterer-Leitner war diese Form des Tourismus aber auch noch in den 1950-er und 60-er Jahren ein großes Thema. „Man kann natürlich darüber diskutieren, ab wann die Sommerfrische zum normalen Sommerurlaub wurde. Die Aufenthaltsdauern verkürzten sich sicher nach dem Zweiten Weltkrieg. Was aber blieb, ist die Bedeutung der Bauernhöfe als Unterkunftsgeber.“ Allerdings kam es nach und nach weniger häufig vor, dass die Bauernfamilien ihre eigenen Zimmer den Gästen überließen. Stattdessen schuf man jetzt eigene „Fremdenzimmer“ auf den Höfen. „Das hat auch mit dem Strukturwandel der Landwirtschaft zu tun. Knechte und Mägde fanden jetzt attraktivere Arbeitsplätze, etwa in der Industrie. Auf den Höfen wurden sie durch Maschinen ersetzt. Ihre Zimmer wurden frei und konnten stattdessen an Touristen vermietet werden.“
Tourismus auch in den Städten
Wichtig zu erwähnen ist: Wie beschrieben waren die Städte des Habsburgerreiches einerseits zwar Orte, die man zumindest phasenweise hinter sich lassen und von deren „hektischem“ Treiben man sich per Landpartie und auf Sommerfrische erholen wollte. Andererseits wurden sie aber aufgrund ihres aufblühenden Kunst-, Kultur- und Wirtschaftslebens auch selbst zum touristischen und ökonomischen Anziehungspunkt. Es entstanden mondäne Hotels ebenso in Salzburg, Linz, Graz, Klagenfurt, Innsbruck oder Wien.
In Wien eröffnete 1873 das Hotel Metropole, das berühmte Gäste wie etwa 1897 den Schriftsteller Mark Twain beherbergte (in der Nazi-Zeit aber eine unrühmliche Rolle als Gestapo-Hauptquartier einnahm, bei Kriegsende ausbrannte und später abgerissen wurde). 1873 war Wien auch Schauplatz der fünften Weltausstellung, einer internationalen Leistungsschau für technische und kunsthandwerkliche Neuheiten, die heute eher unter dem Namen EXPO bekannt ist.
Wien war damals der erste Austragungsort der Weltausstellung im deutschsprachigen Raum, wodurch „die ganze Welt“ in die Hauptstadt des Habsburgerreichs blickte. 35 Nationen und 53.000 Unternehmen nahmen daran teil und lockten für das sechsmonatige Großereignis mehr als sieben Millionen Gäste nach Wien. Im Vorfeld der Weltausstellung waren zahlreiche neue Hotels und Gasthöfe eröffnet und die allgemeine Infrastruktur ausgebaut worden. Nur drei Jahre später, 1876, wurde das berühmte Hotel Sacher gegründet, das noch heute einen Anziehungspunkt für internationale Gäste darstellt.31
Einer der Grundsteine für das „Tourismusland Österreich“ war im 19. Jahrhundert, wie erwähnt, der Gesundheitstourismus. Das zeigte sich nicht nur in der Beliebtheit der Kur-, Bade- und Sommerfrische-Orte. Auch in den Bergen war am Beginn der Entwicklung, neben dem Wandern und Klettern, das Thema Erholung & Gesundheit mitausschlaggebend.
„Schon damals hat man die frische Luft und vor allem auch die Sonne als echte Erholungs- und Gesundheitsfaktoren gesehen“, erklärt Theresa Mitterer-Leitner. „Und in den Grand Hotels hat man das regelrecht inszeniert, indem man die Gäste in der Früh geweckt, in eine Decke gehüllt und dann schlaftrunken hinausgeleitet hat. Draußen haben sie die Aussicht genossen und in den Sonnenaufgang geschaut. Ziel war, auf diese Art buchstäblich Sonne zu tanken, weil die Sonne als Gesundheitsfaktor wichtig war.“
Zum Thema Alpinismus und Bergtourismus, der neben den Gesundheitsaspekten die zweite wichtige Rolle spielte, findest du hier mehr.
Wie half der technische Fortschritt dem Tourismus in Österreich?
Im 19. Jahrhundert standen auch in Österreich alle Zeichen auf Fortschritt und Erneuerung. Die wichtigste Erfindung des Jahrhunderts, Eisenbahn bzw. Dampfmaschine, wurde eingeführt und ausgebaut und damit auch der Grundstein für den modernen Tourismus gelegt.
Im November 1837 wurde der erste Abschnitt der Kaiser-Ferdinand-Nordbahn zwischen Floridsdorf und Deutsch-Wagram feierlich eröffnet. Es war die erste dampfbetriebene Eisenbahn Österreichs – von Pferden gezogene hatte es schon ein paar Jahre früher gegeben. Das Eisenbahnnetz wurde in den 1840-er Jahren zügig ausgebaut und seit Juli 1857 konnte man per Zug ohne Umstieg direkt von Wien über die drei Jahre zuvor in Betrieb genommene Semmeringbahn bis an den Seehafen Triest fahren. Die Reisezeit an die Adria war damit von mehreren Tagen auf weniger als einen Tag verkürzt worden.
Während das reguläre Bahnnetz vor allem auch dem Handel und dem Militär diente, wurden im späteren 19. Jahrhundert auch erste rein touristische Bahnprojekte in Angriff genommen. Nach dem Vorbild der Rigi-Bahn nahm am 7. März 1874, also keine drei Jahre nach dem schweizerischen Vorbild, die Kahlenbergbahn in Wien ihren Betrieb auf. Sie war die erste ihrer Art in Österreich und führte von Wien-Nußdorf im Endausbau über eine über 5,5 Kilometer lange Strecke bis auf den höchsten Punkt des Kahlenbergs.
Historische Aufnahmen von der Station Grinzing zeigen, wie die Bahnstrecke durch die kleinstrukturierte Kulturlandschaft führte. Sie ermöglichte den Fahrgästen sowohl den Blick auf die mit zahlreichen Einzelbäumen gespickten Weinberge als auch über die damals in diesem Gebiet noch vielfach vorhandenen Ackerflächen. Der Reiz der bäuerlich geprägten Umgebung Wiens ergab sich, ähnlich wie heute, auch aus dem Zusammenspiel landwirtschaftlicher Nutzflächen mit Hecken, Einzelbäumen, dem angrenzenden Wiener Wald sowie der imposant wirkenden Bebauung auf dem Kahlenberg. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Betrieb der Kahlenbergbahn eingestellt und die Strecke nahezu vollständig abgetragen.
Im Gegensatz dazu existieren andere solcher Bergbahnen auch heute noch. So etwa die 1893 in Betrieb gestellte Zahnradbahn auf den Schafberg im Salzkammergut oder die Schneeberg- bahn, die seit 1897 auf den höchsten Berg Niederösterreichs führt.
Österreichs erstes Berghotel auf dem Schafberg
Der 1.782 Meter hohe Schafberg im Salzkammergut ist ein grasbedeckter, markanter Felsen über dem Wolfgangsee. Nach Norden fällt er steil ab und gibt den Blick auf Mond- und Attersee frei. Wie es sein Name nahelegt, ist der berühmte Felsen nur deshalb so markant (und berühmt), weil der einst hier wachsende Wald vor Jahrhunderten gerodet und zur Schafweide umfunktioniert wurde. Schon im Jahr 841 wird er im Salzburger Urkundenbuch als „Skefesperc“ erwähnt.
Nach Ihrer Besteigung des Schafbergs schwärmte die deutsche Journalistin und Dichterin Helmina von Chézy im Jahr 1833: „O, welch ein Bild lohnte unsern Muth! – Schweigend lag die Welt unter uns, schon in nächtliches DunkeI verhüllt, nur zwei breite lichtere Streifen im Kreise herum, bezeichneten die stillen Flächen des Atter-, Mond- und Wolfgangsees.“
In St. Wolfgang am Fuße des Schafbergs gab es im 19. Jahrhundert rund 30 Sesselträger, von denen sich die „Damen der Gesellschaft“ üblicherweise auf den Berg tragen ließen. Bereits 1853 errichtete ein Gastronom aus St. Wolfgang auf dem Schafberg ein Gasthaus mit 16 Betten.32 1864 wurde das vornehme Hotel Schafbergspitze eröffnet. Es gilt heute als das älteste Berghotel Österreichs.
Die Schafbergbahn führt vom oberösterreichischen Ufer des Wolfgangsees, genauer gesagt von der Marktgemeinde St. Wolfgang aus, auf die Bergstation knapp unterhalb des Schafberggipfels. Sie wurde am 1. August 1893 feierlich eröffnet und ist die älteste und nach Betreiberangaben auch steilste Zahnradbahn Österreichs, die noch immer in Betrieb ist. Auf der knapp sechs Kilometer langen Strecke überwindet sie rund 1.190 Höhenmeter.
Der Schafberg ist für den gesamten Österreich-Tourismus von Bedeutung. Vor allem auch deshalb, weil er einer der Drehorte für den 1964 in Salzburg und Umgebung gedrehten Film „The Sound of Music“ (dt. Titel: „Meine Lieder – meine Träume“) war. Die Hollywood-Verfilmung des gleichnamigen Musicals zählt – obwohl im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt – zu den erfolgreichsten je produzierten Musikfilmen. Laut Österreichischer Nationalbibliothek33 wurde er nach seiner Veröffentlichung 1965 „zu einem der meistgesehenen Hollywood-Filme aller Zeiten – ein Oscar-gekrönter, bahnbrechender und globaler Erfolg.“ Zudem präge der Film „das Bild von Österreich im Ausland, besonders in den USA und Asien, nach wie vor wie kein anderer.“
Die ersten Tourismus-„Hotspots“ Österreichs
Viele Orte Österreichs können mit einer spannenden Geschichte aufwarten, auch was erste touristische Entwicklungen betrifft. Einige sind hier beispielhaft beschrieben.
Baden bei Wien
Schon die Römer badeten im Wasser der warmen Schwefelquellen und nannten die Ansiedlung an der Stelle der heutigen Stadt Baden bei Wien „Aquae", was zu Deutsch „Bäder“ heißt. Ebenso ist die Gegend an der sogenannten Thermenlinie seit mindestens 2.000 Jahren bekannt für ihren Weinbau. Wein und Badekultur wusste die Stadt lange vor der Erfindung des modernen Tourismus zu vermarkten.
Das Stadtwappen, das Kaiser Friedrich III. den Badenern im Jahr 1480 gemeinsam mit dem Stadtrecht verlieh, sorgte immer wieder für Diskussionen: Es zeigt einen nackten Mann und eine nackte Frau gemeinsam in einem hölzernen Badebottich – ein deutlicher Hinweis auf das beliebte Gesellschaftsbad, dessen Sitten zum Teil recht locker gewesen sein sollen. Be- merkenswert ist, dass dieses für damalige Zeiten ungewöhnliche Motiv von der kaiserlichen Kanzlei offiziell genehmigt wurde.
Später, im Jahr 1531, überließ Kaiser Ferdinand I. der Stadt die Quellen des heutigen Frauenbades. Zudem erlaubte er den Einwohnerinnen und Einwohnern, pro Badegast ein Eintrittsgeld von zwei Pfennig einzuheben – eine Maßnahme, die helfen sollte, die wirtschaftlich angeschlagene Stadt nach den Türkenkriegen zu sanieren.
Der Begründer des 1804 ins Leben gerufenen Kaisertums Österreich, Franz I., verbrachte zwischen 1796 und 1834, also über fast vier Jahrzehnte hinweg, jeden Sommer in Baden. In seinem Schlepptau kamen weitere Adelige, vermögende Bürger und bekannte Künstler. Dadurch konnte die Stadt zum bekannten Kurort aufsteigen. Auch Wolfgang Amadeus Mo- zart oder Franz Liszt gaben der Stadt die Ehre. Eine Bürgerin der Stadt war die bekannte Schauspielerin Katharina Schratt, zugleich wichtigste Geliebte des Kaisers Franz Joseph I.
Baden wurde früh elektrifiziert: Bereits 1894 nahm die Stadt die zweite elektrische Bahn Österreichs in Betrieb. Ab 1895 verband diese Linie auch das benachbarte Bad Vöslau mit Baden. Daraus entwickelte sich 1907 die noch heute existierende Badner Bahn (Wiener Lokalbahn), wodurch Badegäste und Sommerfrischler aus Wien noch vor Verbreitung des Automobils die Stadt bequem erreichen konnten. Heute gilt Baden als einer der bedeutendsten Kurorte Österreichs.
Bad Ischl
In Ischl – das „Bad“ darf die Stadt seit 1906 im Namen tragen – wurde bereits im Jahr 1827 mit dem Posthof das erste Hotel des Salzkammerguts errichtet. Vier Jahre zuvor, 1823, war das erste Ischler Heilbad gegründet worden und lockte immer mehr Kurgäste in die Stadt. Den Salzbädern wurde heilende Wirkung nachgesagt.
Den endgültigen Durchbruch als touristisches Ziel dürfte Ischl allerdings dem Wiener Arzt Franz Wirer zu verdanken haben. Er schickte die bis dahin mehrere Jahre kinderlose Erzherzogin Sophie und ihren Mann Franz Carl auf Kur nach Ischl, um Mineralsolebäder in Anspruch zu nehmen. Wenig später wurde im August 1830 der spätere Langzeit-Kaiser Franz Joseph I. geboren. Es folgten Maximilian, der spätere Kaiser von Mexiko, sowie zwei weitere Söhne. Da allgemein der – wissenschaftlich nicht begründete – Zusammenhang zu den Salzwasseranwendungen hergestellt wurde, gingen die vier Brüder als „Salzprinzen“ in die Geschichte ein. Franz Joseph lernte in Ischl auch die spätere Kaiserin Elisabeth („Sisi“) kennen und verlobte sich hier mit ihr. Ischl war mit seiner „Kaiservilla“ von 1849 bis 1914 die Sommerresidenz des Kaisers. Dadurch wurde Ischl auch für berühmte Künstler und das wohl- habende Bürgertum zum gesellschaftlichen Muss.
Seinen Erfolg verdankt der Ort aber nicht nur dem Salz und dem kaiserlichen Interesse, sondern auch der Arbeit von Bäuerinnen und Bauern, die die Umgebung prägen: So schreibt der Tourismusverband Bad Ischl auf seiner Webseite: „Mindestens so wichtig wie die Gesundheitskuren waren für die Erholung Suchenden die Einzigartigkeit der Landschaft und die vielen Möglichkeiten zu Landpartien und Bergtouren. Das Ortsbild von Ischl änderte sich zu dieser Zeit enorm. Aus dem ärmlichen Dorf wurde ein in die Welt hinaus bekannter Bade- und Kurort mit städtischem Charakter. Bäder, noble Hotels und vornehme Sommervillen prägten nun das Zentrum.“34
Gasteinertal
Das Gasteinertal im Salzburger Land war in frühgeschichtlicher Zeit eines von vielen finsteren und dicht bewaldeten Alpentälern. Spätestens im 8. Jahrhundert rodeten Bauern größere Teile dieser Wälder auch an talnahen Hängen. Sie schufen damit die Voraussetzung für die dauerhafte Besiedelung der drei heutigen Gemeinden des Gasteinertals: Bad Gastein, Bad Hofgastein und Dorfgastein.
Bad Gastein, früher als Wildbad oder Wildbad Gastein bezeichnet, entwickelte sich über Jahrhunderte vom abgelegenen Alpendorf zum international bekannten Kurort. Bereits 1350 wurde hier der erste Badebetrieb dokumentiert – auch wenn das warme Thermalwasser wahrscheinlich schon viel früher zu Heil- und Erholungszwecken genutzt wurde. Auch nach Gold und Silber wurde geschürft, Mitte des 16. Jahrhunderts soll Gastein eines der ertrag- reichsten Abbaugebiete für Gold gewesen sein. Der letzte Stollen sperrte im Jahr 1865 zu. Im 19. Jahrhundert begann der eigentliche Aufschwung des Kurwesens, unterstützt durch den Bau der ersten Thermalwasserleitungen und den Besuch prominenter Gäste wie Erzherzog Johann oder Kaiser Franz Joseph I., der hier auch mehrfach den Deutschen Kaiser Wilhelm I. traf. Mit dem Bau der Tauernbahn ab 1901 wurde das Tal verkehrstechnisch erschlossen – und damit für mehr Menschen besser erreichbar.
Typisch für die Zeit des Belle Époque wurde am 29. Mai 1909 im Zentrum von Bad Gastein das Grand Hotel de l’Europe eröffnet. Das Luxushotel war 10 Stockwerke hoch gebaut worden und maß 62 Meter in der Länge. Am Tag der Eröffnung stand in der Salzburger Chronik zu lesen: „148 Zimmer dienen zur Beherbergung der Gäste und Fremden. Außerdem befinden sich im Hause eine große Halle, Speisesaal, Frühstück- und Restaurationsräume, Damensalon, Lesezimmer, Herren- und Rauchsalon, 14 Thermal-Badekabinen und 14 Badezimmer in den Stockwerken, nebst einem Friseursalon.“35 Dieses größte Hotel dieser Art im Gasteinertal diente nach 1970 nicht weiter als Hotel. Es hat den einstigen Ruf Bad Gasteins als „Monte- Carlo der Alpen“ mitbegründet.
Nach den Einschnitten durch die Weltkriege erlebte Bad Gastein ab den 1950er Jahren einen neuen Aufschwung. 1958 fand hier die Ski-Weltmeisterschaft statt, 1969 ging mit der „Felsentherme“ die erste öffentliche Therme Österreichs nach heutiger Prägung in Betrieb. In den vergangenen Jahrzehnten standen einige der das Ortsbild prägenden Belle-Époque-Bauten leer, ein Teil des Glanzes vergangener Zeiten schien zu verblassen. Derzeit sind aber auch wieder Neu-Eröffnungen und Renovierungsarbeiten zu beobachten. Die Mischung aus traditioneller Kulturlandschaft und schroffer Bergwelt, historischer Bäderkultur und Wintersport zieht bis heute Gäste aus aller Welt an.
Grado
Der Tourismus in Grado begann Ende des 19. Jahrhunderts. Bereits 1873 wurde der Bau eines Seekurheims für kranke Kinder beschlossen, was die Basis für den späteren Kur- und Badetourismus legte. Wegen der als heilsam erachteten Wirkung von Meerwasser und Sand erhielt Grado 1892 von Kaiser Franz Joseph den offiziellen Status als Kurbetrieb.
1896 entstand das erste Hotel, und um 1900 war Grado schon als Heilbad in ganz Europa bekannt. Der Tourismus entwickelte sich weiter, unterstützt durch neue Hotels, Strandbäder und die direkte Anbindung an das Bahnnetz.
Quellen:
28 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Wienbibliothek im Rathaus (geschichtewiki.wien.gov.at): Franz Anton de Paula Gaheis (Zugriff: 13.04.2025)
29 Österreichische Nationalbibliothek (anno.onb.ac.at): Jörgel-Briefe, 3. August 1872, S. 5 (Zugriff: 07.05.2025)
30 Hugo von Hoffmannsthal (1896): Das Dorf im Gebirge via projekt-gutenberg.org (Zugriff: 04.07.2025)
31 Zimmermann, Gamper (2012): Die Geschichte des Tourismus, in: Einführung in die Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Österreich, S. 20
32 Gudrun & Herta Wallentin (2020): Alpingeschichte kurz und bündig – Steinbach am Attersee; ÖAV
33 Österreichische Nationalbibliothek (onb.ac.at): „Schnitzel mit Nudeln“ und andere Ungereimtheiten: 60 Jahre „The Sound of Music“ (Zugriff: 15.04.2025)
34 badischl.salzkammergut.at: Die Geschichte von Bad Ischl (Zugriff: 11.04.2025)
35 Österreichische Nationalbibliothek (anno.oc.at): Salzburger Chronik vom 29. Mai 1909 (Zugriff: 07.05.2025)
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Vom Schlafen am Heuboden bis zum Massentourismus: die prägende Rolle der Almen
Österreich ist ein Land des Bergtourismus, spätestens seit dem Verlust seiner Küstengebiete im Ersten Weltkrieg. Dass es dazu werden konnte, liegt aber auch an einem Zusammenwirken der Almen und der neu gegründeten alpinen Vereine. Und schließlich schufen aus Norwegen importierte Holzbretter die Grundlage des heutigen Wintersports.
Welche Rolle spielten Alpenvereine und Almen beim Aufbau des Bergtourismus?
Neben dem Gesundheitstourismus in Form von Kurbädern oder dem Genuss von Höhenluft und -sonne, wurde im 19. Jahrhundert das Bergsteigen als sportliche Aktivität immer populärer. Während auch in Österreich die Erstbesteigungen der höchsten Gipfel zu Beginn des Jahrhunderts noch vornehmlich aus Forschungsdrang vorangetrieben wurden („Erstbesteigungen der höchsten Alpengipfel“) rückten im Laufe der Zeit Natur-Erlebnis und sportliche Aktivität in den Vordergrund. Wandern und Bergsteigen entwickelten sich zu einer breiteren Bewegung. Dabei half in entscheidender Weise ein Zusammenspiel aus Alpenvereinen und Almen. Und damit auch die Zusammenarbeit von Menschen aus der Stadt, die die Alpenvereine prägten und Menschen vom Land, die die Almen bewirtschafteten.
Heute gibt es in Österreich mehrere sogenannte alpine Vereine, die sich mit den Alpen und dem Bergsport befassen. Die „Naturfreunde Österreich“ etwa wurden im Jahr 1895 in Wien aus der Arbeiterbewegung heraus gegründet (beim allerersten gemeinsamen Ausflug war auch der Jusstudent und spätere Staatskanzler und Bundespräsident Karl Renner dabei). Sechs Jahre zuvor, 1869, trat im Gasthaus Zur Schnecke im ersten Wiener Gemeindebezirk erstmals der „Österreichische Touristenclub“ zusammen.
Der älteste und heute größte alpine Verein des Landes ist der „Österreichische Alpenverein“ (ÖAV). Er wurde am 19. November 1862 auf Betreiben dreier Studenten ebenfalls in Wien gegründet. Er war damit nach dem britischen Alpine Club der zweite seiner Art weltweit. Sein Zweck sollte es laut Gründungsstatuten sein, „die Kenntnisse von den Alpen mit besonderer Berücksichtigung der oesterreichischen, zu verbreiten und zu erweitern, die Liebe zu ihnen zu fördern, und ihre Bereisung zu erleichtern.“
Eine der selbst auferlegten Aufgaben bestand vor allem darin, jene Pfade und Wege auszubauen, die durch die Landwirtschaft im bergigen Gelände bereits angelegt worden waren. Aber auch die Neuschaffung von Wanderwegen und Klettersteigen gehörte dazu. Neue Wege wurden vor allem oberhalb der bisherigen Nutzungsgrenze angelegt und markiert, also etwa in felsigem Gebiet, wo die Almwirtschaft nicht hinaufreichte. Die zuerst angelegten Wege dienten dem Zustieg zu den ebenfalls neu erbauten Schutzhütten. Danach folgten Wege und Pfade von den Hütten zu den Gipfeln und schließlich folgten Übergangswege, die von einer zur anderen Hütte führten.
Vor allem haben die Alpenvereine den Bau von teils massiven, steinernen Schutzhütten vorangetrieben und dadurch für relativ komfortable Übernachtungsmöglichkeiten im Hochgebirge gesorgt. Aus Stein wurden sie vor allem deshalb gebaut, weil oberhalb der Waldgrenze, im Gegensatz zu Holz, ausreichend Steinmaterial vorhanden war. Durch den Hüttenbau trugen die alpinen Vereine wesentlich dazu bei, die Berge zugänglich und erlebbar zu machen – auch für weniger hartgesottene Menschen.
Schutzhütten in Nähe der Alm? Wie komfortabel darf es sein?
Allerdings gab es schon in den Anfangszeiten des Alpenvereins Diskussionen darüber, inwieweit das Bergwandern überhaupt bequemer werden sollte, wie weit also die Attraktivität und Zugänglichkeit für immer größere Kreise der Bevölkerung gesteigert werden dürfe. Martin Achrainer betreut das historische Archiv des Österreichischen Alpenvereins in Innsbruck und kennt die frühen Auseinandersetzungen innerhalb des Vereins. Zum Beispiel jene um den Bau der Erzherzog-Rainer-Hütte am Wasserfallboden im Kapruner Tal (Salzburger Land). Sie wurde 1868 als erste Schutzhütte des Österreichischen Alpenvereins fertiggestellt. „Die Rainer-Hütte wurde in Steinwurfweite von bestehenden Almhütten gebaut, damit die Versorgung der Wanderer mit Milch, Butter und Roggenbrot gesichert ist“, erklärt Martin Achrainer.
„Das ist dann aber von Teilen des Alpenvereins sehr scharf kritisiert worden. Die haben argumentiert: Wenn eh schon eine Almhütte da ist, dann genügt das ja, dann sollen die Leute dort am Heuboden schlafen.“
Laut solchen Verfechtern eines puristischen Alpinismus sollte der Alpenverein nur dort seine eigenen Hütten bauen, wo keine Alm in Reichweite ist. Dennoch wurden viele Schutzhütten in der Nähe von Almen gebaut, wodurch zumindest am Anfang beide Seiten profitierten. Sofern die neuen Hütten auf dem Grund von Almen oder Gemeinschaftsalmen gebaut wurden, hätten sich die Grundbesitzer meist ausverhandelt, dass Milch und Butter von der Alm bezogen werden mussten. Dies sei laut Achrainer zu Beginn sehr wichtig gewesen. „Dadurch haben die Almen profitiert, weil sie ihre Produkte zum Verkaufen nicht ins Tal bringen mussten. Gleichzeitig haben es sich die Schutzhütten erspart, Lebensmittel aus dem Tal hinaufzuschleppen.“
Damals wie heute lässt sich auch in der vermeintlich friedlichen und idyllischen Bergwelt der Streit ums Geschäft nicht immer vermeiden. So ist über die Anfänge der Rainer-Hütte im seit 1875 erscheinenden Magazin des Österreichischen Alpenvereins nachzulesen36, dass man den Schlüssel zur Hütte am Anfang noch vom Senner der benachbarten Fürthermeier-Alm abholen musste. „Der aber kündigte die Zusammenarbeit mit dem Alpenverein bald auf, weil er mit Touristen wegen seinen Wucherpreisen für Lebensmittel in Streit geraten war. Das brachte dem Melker der Itzbach-Alm ein besseres Geschäft ein.“
Das Gegenstück zu Alpenverein und Co, die auf den Bergen aktiv waren, sind die sogenannten Verschönerungsvereine, die häufig Vorläufer der späteren Fremdenverkehrsverbände waren. Sie kümmerten sich um die Pflege von Wegen in und rund um die Ortschaften im Tal und errichteten oftmals auch Denkmäler, kleine Parks oder Aussichtstürme. Auch in Städten und Gemeinden außerhalb touristisch attraktiver Gegenden bildeten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Verschönerungsvereine. Dies lässt sich als ein weiteres Indiz dafür werten, dass mit wachsendem Wohlstand mehr und mehr Menschen Dinge wertschätzen konnten, die zum reinen Lebensunterhalt nicht notwendig sind.
Warum waren die Almen das Trittbrett der ersten Alpinisten/Touristen?
Die Landwirtschaft hat die Alpen sichtbar und erlebbar gemacht.Ohne die von ihr (und dem Bergbau) bewerkstelligten umfangreichen Rodungen der einstigen Urwälder oder die Trockenlegung von Sümpfen, wären die Alpen dunkel und schwer zu durchdringen geblieben. Neben der – allerdings eher unbeabsichtigten – Schaffung freier Sichtfelder – vom Berg ins Tal, genauso wie von unten hinauf auf die Gipfel – ist eine zweite wichtige touristische Grundlage auf die Landwirtschaft zurückzuführen: Diese ist in den Pfaden und Fuhrwegen zu finden, die vom Tal hinauf auf die Almen führten, genauso wie in den Almen und deren Hütten selbst. Diese bäuerliche Infrastruktur stellte zugleich eine Art erste touristische Infrastruktur dar. Diese war zwar vergleichsweise primitiv. Aber sie erleichterte bzw. ermöglichte erst den Zugang zu den höher gelegenen Regionen.
Diese frühe touristische Funktion der Almen nutzten die ersten Bergsteiger, Wissenschaftler oder Künstlerinnen, um auf die Berge zu gelangen und danach über ihre Erlebnisse zu berichten und dadurch breitere Bevölkerungsschichten für die Alpen zu begeistern.
Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Situation eine ganz andere als 50 oder gar 100 Jahre zuvor: Jetzt gab es die Eisenbahn, Hotels, menschliche als auch gedruckte Wanderführer und ein stark erweitertes Netz aus Wanderwegen und Hütten, die von den Alpenvereinen angelegt worden waren und fortlaufend betreut wurden. In diesem Zusammenhang bemerkenswert sind die Gedanken, die Johann Stüdl, einer der Mitbegründer des Alpenvereins, im Jahr 1899 niedergeschrieben hat. Stüdl meinte schon damals: „Der ganze idyllische Reiz dieses Wanderns geht jetzt fast gänzlich verloren. Man erkauft sich die Schnelligkeit und Bequemlichkeit des Reisens auf Kosten der Poesie!“
Das Reisen in den Alpen einst und jetzt
Der Alpinismus-Pionier und Mitbegründer des Alpenvereins, Johann Stüdl verfasste Ende des 19. Jahrhunderts einen Artikel37 über das „Reisen in den Alpen einst und jetzt“. Veröffentlicht wurde er im Jahr 1899 in „Dillinger's Reise- und Fremden-Zeitung“, die damals in Wien und Berlin erschien. Johann Stüdl beschreibt darin, wie sich das Reisen in den Alpen innerhalb der Jahrzehnte vor Erscheinen des Artikels verändert hatte und wie sehr der Tourismus in seinen Anfangszeiten auf die Almen angewiesen war. In seinen Worten spiegeln sich zugleich Wehmut über vergangene Zeiten als auch Freude über die Errungenschaften des technischen Fortschritts wider.
Über die Menschen, die Ende des Jahrhunderts bereits zahlreicher die Alpen besuchten, schreibt Stüdl, diese hätten „keine Ahnung, wie es vor etwa 50 Jahren in den Alpen bezüglich deren Zugänglichkeit aussah, wie lange es dauerte, um in das Hochgebirge zu gelangen, auf welche primitive Beförderungsmittel man angewiesen, wie schlecht es mitunter mit den Unterkünften insbesondere in den entlegenen Teilen, namentlich aber in den höheren Regionen bestellt war.“
Mitte des 19. Jahrhunderts war etwa der Bau eines europäischen Eisenbahnnetzes noch in seinen Anfängen. Reisende waren meist auf die Postkutsche oder andere Pferdegespanne angewiesen. War man nach „tagelanger, ermüdender Fahrt“ endlich in den Bergen, dann zeigte sich der „Mangel an tüchtigen, verlässlichen, ortskundigen Bergführern“ als weiteres Hindernis auf dem Weg zur Bergwanderung. Stüdl bemängelt: „Vielfach war man auf Jäger, Wildschützen, Senner, Steinklauber angewiesen, die auch nicht immer die nötige freie Zeit zur Führung des Touristen wegen ihres Berufes hatten, da ihnen die häuslichen Arbeiten wichtiger erschienen, als einen Touristen alle heiligen Zeiten einmal auf seinen oft langandauernden Touren zu begleiten.“
Der Weg zum Ausgangspunkt einer Bergtour musste damals meist zu Fuß zurückgelegt werden. Im Gebirge selbst gab es keinerlei touristische Infrastruktur. Wer es nicht innerhalb eines Tages vom Tal zum Ziel und wieder retour schaffte, und auch nicht im Freien übernachten wollte, der musste sich mit dem zufriedengeben, was vorzufinden war.
Stüdl schreibt:
Als einen höchst günstigen Umstand betrachtete man es damals bei Bergwanderungen, wenn zur Erleichterung der Tour es möglich war, in einer hochgelegenen Senn- oder Jagdhütte zu übernachten. War das Nachtlager am Heuboden solcher Hütten auch nicht sehr bequem und die Almkost, bestehend aus Milchsuppe und Schmarren, für verwöhnte Gaumen nicht recht einladend, so entbehrten solche Unterkünfte keinesfalls einer gewissen Idylle und einer köstlichen Unterhaltung – insbesondere in Sennhütten, die von Sennerinnen, wie z. B. im bayerischen Gebirge, im Salzkammergut etc., bezogen waren. Solche Almen zeichneten sich in der Regel durch große Sauberkeit und Nettigkeit aus – im Gegensatz zu jenen Almen, insbesondere in Tirol, die von Sennern bewirtschaftet wurden und durch Schmutz und Unordnung in allem und jeglichem sich unvorteilhaft von den anderen abhoben. Reichlichen Ersatz für den Mangel an Komfort und kulinarischen Genüssen boten vielfach jene von Sennerinnen bezogenen Almen. Sennerinnen in jener Schönheit, Jugend und Anmut zu finden, wie sie auf den Genrebildern unserer Maler dargestellt sind, wäre jedoch eine bittere Enttäuschung. Immerhin war das Leben in einer solchen Hütte reich an köstlichen Episoden, besonders wenn Besuch von den benachbarten Sennhütten oder Almen kam – wenn Bauernburschen aus dem Tal oder Jäger, Wildschützen und sonstiges fahrendes Volk in der Sennhütte vorsprachen. Da setzte man sich allabendlich um das prasselnde Herdfeuer, und bald hob ein fröhliches Geplauder voll Witz und Humor an. Die unglaublichsten Jagdgeschichten wurden zum Besten gegeben, herrliche alpine Lieder erklangen. War es ein schöner, warmer Abend, so versammelte sich die ganze Gesellschaft vor der Sennhütte oder auf einem benachbarten erhöhten Punkt, von dem man einen herrlichen Ausblick in die weite Ferne, über Berg und Tal, genoss. Wie lauschte man da voll Entzücken den wundersamen, echten, unverfälschten alpinen Liedern! Die herrlichsten Jodler und schneidigsten Juchzer erklangen in den feierlichen Abend hinaus, der sich langsam über die mächtigen Berggestalten niedersenkte. Das Echo der Berge hallte wider, oder es antworteten die Sennerinnen der benachbarten Almen in ebenso melodischer Weise, bis die Töne in den Bergwänden leise verklangen. Wer solche Abende in den Alpen erlebte, dem bleiben sie in unvergesslich schönster Erinnerung.
50 Jahre später, am Vorabend des 20. Jahrhunderts, hatte sich vieles verändert. Die Eisenbahn erleichterte nun die Anreise. Der Alpenverein hatte mit dem Bau von Schutzhütten und Wanderwegen touristische Infrastruktur bereitgestellt. Diese Entwicklung hatte auch der Autor des Artikels, Johann Stüdl vorangetrieben. Laut Österreichischem Alpenverein sei es die Vision des 1839 in Prag geborenen Kaufmanns gewesen, „die Bergwelt durch die Planung und den Bau von Schutzhütten und Wegen auch für jene Menschen zugänglich zu machen, die keine erfahrenen Bergsteiger waren.“
Dennoch blickt Stüdl in seinem Text für Dillingers Reisezeitung mit einem gehörigen Schuss Wehmut auf die Anfänge des Alpinismus zurück: „Durch die Raschheit, mit welcher der Tourist jetzt in die Berge gelangt, fehlt es ihm jedoch an Gelegenheit, das Leben der Alpenbewohner selbst kennen zu lernen und sich mit ihnen derart zu befreunden, wie es in alter Zeit der Fall war, wo der Alpenwanderer von Ort zu Ort zu Fuss seine Wege ging, überall länger verweilte und der Bevölkerung dadurch näher trat. Der ganze idyllische Reiz dieses Wanderns geht jetzt fast gänzlich verloren. Man erkauft sich die Schnelligkeit und Bequemlichkeit des Reisens auf Kosten der Poesie! Darum bleibt auch uns alten Bergfreunden die Erinnerung an die längst vergangenen schönen Wandertage in den Alpen unauslöschlich in dem Herzen als ein Kleinod der genussvollsten Reisezeit!“
Johann Stüdl war nicht nur ein Pionier der Berge, sondern laut Alpenverein auch ein „entschiedener Verfechter ethischer Prinzipien.“ Dies betont der Verein besonders im Zusammenhang mit dem unrühmlichen Teil seiner Geschichte. Er schreibt über Stüdl: „In den 1920er-Jahren, als der Antisemitismus im Alpenverein um sich griff, positionierte er sich klar gegen den Ausschluss der Sektion Donauland und ihrer jüdischen Mitglieder: ‚Das himmelschreiende Unrecht, [...] wird dem Alpenverein nicht den Frieden, sondern den Fluch der bösen Tat bringen.‘“ 38
Als Stüdl 1899 den oben zitierten Text geschrieben hatte, war er rund 60 Jahre alt. Mit 85 Jahren unternahm er seine letzte Wanderung. An der Stelle im Tennengebirge, wo er während dieser „letzten Bergfahrt“ am 26. Mai 1924 rastete, beim Anstieg zur Söldenhütte, erinnert heute eine Gedenktafel an ihn. Johann Stüdl starb im Jänner 1925 in Salzburg.
Warum tragen Schutzhütten in den österreichischen Alpen die Namen deutscher Großstädte?
Im Jahr 1869 wurde in München der Deutsche Alpenverein (DAV) ins Leben gerufen. Interessanterweise ist seine Gründung als Gegenbewegung zum sieben Jahre zuvor gegründeten Österreichischen Alpenverein (OeAV) zu verstehen. An der Gründung des DAV waren nämlich viele unzufriedene Mitglieder des OeAV beteiligt. Hintergrund: Die Unzufriedenen wollten sich an unterschiedlichen Orten aktiver in den Bau von Hütten und Wegen einbringen, als dies im anfangs sehr zentralistisch organisierten OeAV möglich war. Der OeAV hatte zwar 1868 seine erste eigene Hütte erbaut, setzte aber in den Anfangsjahren den Schwerpunkt eher auf Forderungen, wonach Wirtsleute sowie Länder und Gemeinden Hütten und Wege errichten sollten.
Der DAV wollte es bewusst anders machen und nahm den Hüttenbau und den Aufbau der Infrastruktur am Berg von Anfang an in eigene Hände. Bewerkstelligt wurde dies von den sogenannten Sektionen, den organisatorischen Untereinheiten des DAV, die sich an verschiedenen Orten gründeten – beispielsweise auch in Wien und Salzburg. Diese Organisationsform bewährte sich schließlich, was 1874 dazu führte, dass sich die beiden Vereine unter dem Dach des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV) zusammenschlossen. Der DuÖAV wurde nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland 1938 umbenannt, in die NS-Sportorganisation eingegliedert und hatte bis 1945 Bestand. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Alpenverein in beiden Ländern unabhängig voneinander neu gegründet.
Da das Wandern und der Bergsport in der Gründungszeit überall an Beliebtheit gewannen, wurden deutsche Sektionen auch an Orten weitab von den Alpen gegründet, etwa im Ruhrgebiet oder in Berlin. Da sie meist finanziell stärker waren als die Sektionen innerhalb der Alpen, nahmen gerade die städtischen Sektionen bald den Bau eigener Hütten in Angriff. Der Hüttenbau wurde auch zu einer Frage des Prestiges, vor allem innerhalb des Alpenvereins. Jede Sektion wollte ihre eigene Hütte haben.
Auch aufgrund des geringeren Anteils Deutschlands an den Alpen bauten deutsche Sektionen Hütten in Österreich. Zudem muss man sich bewusst machen, dass Deutschland und Österreich durch eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte kulturell und sprachlich eng verbunden waren und die Menschen das jeweils andere Land nicht so sehr als „Ausland“ wahrgenommen haben. Noch bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fühlte sich ein großer Teil der deutschsprachigen Mehrheit innerhalb Österreichs kulturell und ethnisch als „deutsch“ – ablesbar unter anderem an der Ausrufung der „Republik Deutschösterreich“ im November 1918.
Die deutschen Sektionen waren in den österreichischen Alpen als Hüttenbauer auch deshalb willkommen, weil sie genauso wie die Hütten der österreichischen Sektionen Arbeitsplätze schufen. Menschen der teils bitterarmen Bergregionen fanden Beschäftigung beim Bau der Hütten, etwa als Träger oder Handwerker, oder beim folgenden Betrieb in Form des notwendigen Küchenpersonals oder von Bergführern.
Ergebnis des Wirkens der deutschen Sektionen ist die Tatsache, dass heute innerhalb der österreichischen Alpen mehr als 180 Schutzhütten dem Deutschen Alpenverein beziehungs- weise seinen Sektionen gehören und von ihnen auch instand gehalten oder saniert werden. Einige der DAV-Hütten tragen den Ort des jeweiligen Sektionssitzes im Namen. So etwa die Berliner Hütte, deren Erstversion 1879 in den Zillertaler Alpen in Tirol eröffnet wurde. Oder die 1910 eingeweihte Duisburger Hütte in der Goldberggruppe bei Flattach in Kärnten. Der erste Bau des Hannoverhauses wurde 1888 in der Ankogelgruppe bei Mallnitz, ebenfalls in Kärnten, errichtet. Als eine von wenigen Hütten gehört sie keiner Sektion, sondern direkt dem DAV.
Wie kam das Skifahren nach Österreich?
Wer heute an Skifahren in Österreich denkt, dem kommen wahrscheinlich Orte wie der Arlberg, der Wilde Kaiser, Saalbach-Hinterglemm, Ischgl oder Schladming in den Sinn. Neben den dort zu findenden fünf größten Skigebieten Österreichs – gemessen an den Pistenkilometern – könnten einem aber auch eines der rund 400 anderen heimischen Skigebiete einfallen. Umso überraschender erscheint es womöglich, dass die Anfänge des Skisports innerhalb Österreichs an eher unvermuteten Schauplätzen wie in Mürzzuschlag, Lilienfeld und sogar Wien zu finden sind. Gemeinsam haben diese Orte eines: Skifahrerinnen und Skifahrer brauchten von Beginn an die baumfreien Wiesen- und Weidegründe, wie sie in der Regel durch die landwirtschaftliche Bewirtschaftung bereitgestellt werden. Warum speziell die Almen perfekte Skipisten darstellen, findest du im Artikel „Sitzen Landwirtschaft und Tourismus im selben Boot?“.
An die Bundeshauptstadt Wien denken die meisten in puncto Skifahren vermutlich zuletzt. Dokumentiert ist allerdings, dass während der Weltausstellung 1873 in Wien, im Pavillon Norwegens, ein Jäger- und Fischerverein „Norwegische Schneeschuhe“ präsentierte, wie die Skier damals auch genannt wurden.
Bezüglich ihrer ursprünglichen Herkunft weisen unterschiedliche Quellen darauf hin, dass Menschen in Skandinavien und Russland wohl schon vor bis zu 8.000 Jahren auf Skiern standen. Damals allerdings weniger aus Vergnügen, sondern vor allem, um auf der winterlichen Jagd im Schnee besser voranzukommen. In Norwegen mutierten die Jagd- und Transportbehelfe dann schließlich im Lauf des 19. Jahrhunderts zur Grundlage einer Freizeitbeschäftigung. Das Land gilt als Geburtsland des Skifahrens im Sinne einer Sportart.
Unter anderem in der Provinz Telemarken westlich von Oslo waren Skier etwa von Bäuerinnen und Bauern bis ins 19. Jahrhundert hinein benutzt worden. Der hier aufgewachsene Bauernsohn Sondre Auersen Norheim gilt als der „Vater des Skifahrens“ in Norwegen. Die von ihm entwickelte und in den 1860-er Jahren bekannter gewordene „Telemark“-Technik sowie der damit verbundene markante Ausfallschritt ist auf heutigen Pisten nur noch sehr selten zu bewundern. Fans des Skisprung-Sports ist er in abgewandelter Form als „Telemark-Landung“ bekannt.
Den ersten internationalen Durchbruch erfahren die Skier als Sportgerät ebenfalls durch einen Norweger: Im Sommer des Jahres 1888 gelang es dem Polarforscher Fridtjof Nansen und seinen fünf Begleitern, erstmals den Eisschild Grönlands zu überqueren – mit Schlitten und auf Skiern. Die gelungene Expedition sowie der von Nansen darüber verfasste Bericht in Buchform („Auf Schneeschuhen durch Grönland“) lösten in Mitteleuropa ein wahres „Nansen-Fieber“ aus, wodurch auch mehr und mehr Menschen von Skiern („Schneeschuhen“) zu hören bekamen. Auch Skipioniere in Österreich ließen sich von Nansen inspirieren.
Pioniere machen das Skifahren zum Sport
Noch im Jahr 1890 war das „Schneeschuh-Laufen“ zwar weitgehend unbekannt, wurde aber von einigen wenigen Pionieren bereits betrieben. Dazu gehören der Grazer Max Kleinoscheg, der sich 1889 Skier samt einer Anleitung aus Norwegen hatte kommen lassen. Genauso Toni Schruf, der Wirt des Hotels Post in Mürzzuschlag (Steiermark). Laut dem Österreichischen Biographischen Lexikon unternahmen die beiden Freunde spätestens im Dezember 1890 erste gemeinsame Skiversuche, wobei als Orte die Umgebung von Graz sowie Mürzzuschlag und der nahe gelegene Semmering genannt werden.
Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die rund vier Jahrzehnte zuvor fertiggestellte Südbahnstrecke der Eisenbahn durch Mürzzuschlag führt, erkannte der Hotelier Toni Schruf schnell das Potenzial der Skier für den Fremdenverkehr (Tourismus). Bald, genauer am 1. Februar 1893, wurde der „Verband Steirischer Skiläufer“ gegründet und tags darauf das erste internationale Skiwettlaufen Mitteleuropas veranstaltet. Das Hotel Post etablierte sich zu einem ersten Zentrum für Wintersport und Wintertouristik. Ein Höhepunkt stellte im Jahr 1904 die Austragung der „Nordischen Spiele“ in Mürzzuschlag dar, die laut Quellen ein „großer Publikumserfolg“ waren. Mürzzuschlag spielte demnach eine „maßgebliche Rolle bei der Einführung des Wintersports in Österreich“.39
Mehr oder weniger zeitgleich verbreitete sich der neue Trendsport auch in Wien. Da in der Hauptstadt bereits am 31. Oktober 1891 der „Erste Wiener Ski-Club“ – und damit der erste offizielle Ski-Verein Österreichs – gegründet wurde, ist davon auszugehen, dass, ähnlich wie in Mürzzuschlag, zumindest schon im Winter 1890/91 das Skifahren erprobt wurde. Das Übungsgebiet dieses Ski-Clubs lag in der Gemeinde Neuwaldegg (die Ende 1891 nach Wien eingemeindet wurde).
Auch in Pötzleinsdorf (ebenfalls seit 1892 Teil von Wien) lag eines der ersten „Skigebiete“ Österreichs. Der Start der Piste befand sich im Bereich der heutigen Dr.-Heinrich-Maier- Straße, der Auslauf beim Schloss Pötzleinsdorf. Öffentliche Wettbewerbe sorgten im Februar 1895 und noch mehr im Jänner 1896 für großes Interesse. Es kamen hochrangige Gäste nach Pötzleinsdorf, darunter Ministerpräsident Fürst Windischrätz, hohe k. u. k. Offiziere und weitere Aristokraten. Mehrere Bewerbe wurden ausgetragen. Höhepunkt war die Vereinsmeisterschaft, bei der eine Strecke über insgesamt 1.260 Meter zweimal bergauf und zweimal bergab führte, wobei zuletzt auch eine Sprungschanze zu bewältigen war. Als Sieger ging mit einer Bestzeit von 9.35 Minuten ein Ludwig Strasser hervor. Er „war der Besitzer jenes Restaurants in Pötzleinsdorf, in dem sich die Mitglieder des Vereins jeden Montag zu geselligem Beisammensein trafen“, wie Erich Bazalka 1977 in „Skigeschichte Österreichs“ festhielt.
Sogar eine elektrische Beleuchtung für nächtliche Übungsläufe wurde für die Saison 1896/97 am Pötzleinsdorfer Übungsplatz installiert. Etwas später, im November 1927, wurde in Wien in der Ankunftshalle des stillgelegten Nordwestbahnhofs auch die weltweit erste Skihalle eröffnet. Auch aufgrund eines schneereichen Winters musste der Betreiber allerdings schon im März 1928 die Halle wieder aufgeben.
Mathias Zdarsky: Der Mann, der die Skier fit für die Alpen machte
In der „wilden Experimentierphase“ Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war das Skifahren, beziehungsweise das „Schneeschuh-Laufen“, häufig noch eine Kombination aus heute strikt getrennten Disziplinen. Je nach Art des Schaulaufens oder Wettbewerbs mussten die Läufer mit ihren teils drei Meter langen Skiern bergauf vorankommen, bergab fahren oder möglichst weite Sprünge über eine Sprungschanze absolvieren. Auch aufgrund der vorhandenen Skitechnik mit den aus Norwegen übernommenen und seitlich eher instabilen Bindungen aus Rohr („Rohrstaberl-Bindung“), spielten sich die Anfänge des Skilaufens in flacherem Gelände ab.
In dieser Hinsicht leitete der in Mähren im heutigen Tschechien geborene Skipionier Mathias Zdarsky die entscheidende Änderung ein. Der sportbegeisterte Lehrer und Künstler, der seit dem zehnten Lebensjahr auf dem linken Auge blind war, kaufte sich 1889 ein heruntergekommenes Bauerngut in Lilienfeld, rund 20 Kilometer südlich von St. Pölten. Dorthin ließ auch er sich 1890 ein paar Skier aus Norwegen kommen und tüftelte in den folgenden Jahren, auch mit Hilfe eines Schmieds, an Material und Technik.
Das Ergebnis von Zdarskys Versuchen war schließlich die „Lilienfelder Stahlsohlenbindung“, die er 1896 patentieren ließ. Mit ihrer sowie der Hilfe eines Stocks als Steuer- und Bremshilfe konnte Zdarsky die Füße auf den Skiern stabilisieren, in stabilen Bögen fahren und dadurch auch steilere Abhänge sturzfrei meistern. Zudem verkürzte er die Skier und führte weitere technische Änderungen herbei. Als bahnbrechend wird sein Buch „Die Lilienfelder Skilauf-Technik“ betrachtet. Es erschien erstmals 1897, wurde bis 1925 in 17 Auflagen gedruckt und stellte laut Kritiken die erste brauchbare Anleitung für das Skifahren dar. Ab der zweiten Auflage lautete der Buchtitel „Alpine (Lilienfelder) Skilauf-Technik“. Zdarsky gab sein Wissen auch im Rahmen zahlloser Kurse weiter, für die Menschen per Bahn nach Lilienfeld pilgerten. Jedenfalls seinen eigenen Aussagen zufolge hat er nie Geld dafür genommen.
In den Folgejahren kam es zu intensiven und teils mit harten Bandagen geführten und öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzungen um die Frage, was die bessere Skifahr-Technik darstelle: Das importierte nordische Skilaufen, wie es rund um Wien und Mürzzuschlag betrieben wurde, oder die von Zdarsky gelehrte Alpine, bzw. Lilienfelder Technik.
Am 19. März 1905 markierte Zdarsky auf dem Muckenkogel bei Lilienfeld mit Stecken eine definierte Strecke und veranstaltete den 1. Slalom-Lauf der Welt. Wobei Zdarsky den Wettkampf eigentlich ablehnte und es den Menschen vor allem ermöglichen wollte, die winterliche Alpenwelt auf Skiern sicher und sturzfrei zu erleben.
Mathias Zdarsky gilt heute als der Vater des alpinen Skifahrens. Er brachte nicht nur sehr vielen Menschen das Skifahren bei, er entwickelte die Technik zudem für steiles Gelände weiter. Damit legte er den Grundstein für die Ausübung des Skisports über die gesamten Alpen hinweg. Auch Soldaten des österreichisch-ungarischen Heeres wurden in alpiner Skitechnik unterrichtet. Zdarsky selbst war für die Armee als Berater tätig, der Offizier Georg Bilgeri entwickelte seine Methoden zu einer einheitlichen Armee-Ausbildung weiter. 1913 gründete das Heer ein eigenes Skiläuferkorps und Soldaten auf Skiern nahmen an blutigen Gebirgsschlachten des Ersten Weltkriegs teil. Dadurch standen nach dem Krieg auch zusätzliche, einheitlich ausgebildete Skilehrer und Skiausrüstung zur Verfügung, wodurch der neue Sport weiteren Auftrieb erhielt. Laut Autor Jon Mathieu („Die Alpen – Raum, Kultur, Geschichte“) war das Militär „von zentraler Bedeutung für die Verbreitung des Skilaufs.“
Für sein Werken und Wirken erhielt Mathias Zdarsky zahlreiche Ehrungen. So etwa 1905 die Ehrenmitgliedschaft des Ski Club of Great Britain und 1931 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Mathias Zdarsky starb am 20. Juni 1940 in St. Pölten und „wurde auf seinem ehemaligen Besitz ‚Habernreith‘ in Lilienfeld am Waldesrand in einer Gruft beigesetzt“, wie das Museum Lilienfeld auf seiner Webseite schreibt. „Die Grabstätte ist auf einem Wanderweg jederzeit erreichbar.“
Bei der Einführung und Weiterentwicklung des Skisports haben neben den exemplarisch erwähnten viele weitere Menschen wichtige Rollen gespielt. Und in vielen der heutigen Ski- Hochburgen innerhalb Österreichs machten sich eigene Pioniere um die Einführung des alpinen Skisports verdient. In St. Anton am Arlberg sorgte beispielsweise der 1890 in Stuben am Arlberg geborene Hannes Schneider für Aufsehen. Schon als 13-Jähriger soll er seine eigene Abfahrtstechnik inklusive der Abfahrtshocke meisterlich beherrscht haben. Im Winter 1921/22 gründete er schließlich die erste Skischule in St. Anton am Arlberg.
In Kitzbühel war es unter anderem der 1863 in Kufstein geborene Franz Reisch, der sowohl als Ski- als auch als Tourismus-Pionier sowie im Gemeinderat und als Bürgermeister wirkte. Eine seiner Pionierleistungen war die Winterbesteigung des Kitzbüheler Horns auf Skiern am 15. März 1893. Er führte außerdem in den Kitzbüheler Herbergen internationale Gepflogenheiten ein und machte intensiv Werbung für die Stadt als Wintersportort.
Die Einführung des alpinen Skisports war der Startschuss für den Wintertourismus in den Alpen. Dieser wird bis zum heutigen Tag vom Skifahren über schneebedeckte Almwiesen und andere landwirtschaftliche Grünlandflächen dominiert. Mehr zu den Motiven heutiger Wintergäste findest du hier.
Wo wurden Österreichs erste Seilbahnen und Skilifte gebaut?
In den 1920er-Jahren erlebte das Skifahren in den Alpen einen Boom. Aber auch das Bergwandern im Sommer erfreute sich zunehmender Beliebtheit.
Wer zu Beginn des alpinen Skifahrens über einen Abhang hinuntergleiten wollte, der musste zuvor erst einmal den Berg hinaufkommen. Und das bedeutete für die Skifahrerinnen und Skifahrer der ersten Jahrzehnte, dass vor der Abfahrt der körperlich sehr viel anstrengendere und vor allem zeitaufwendigere Aufstieg stand. Kein Wunder also, dass sich Menschen in der Zeit des technischen Fortschritts vor dem Ersten Weltkrieg bereits Gedanken machten, wie man den Aufstieg verkürzen könnte.
Im Jahr 1907 wurde am Bödele in Vorarlberg die wohl erste Skilift Österreichs in Betrieb genommen, auch wenn es sich eher um eine Art mechanische Aufstiegshilfe als um einen klassischen Lift handelte. Genau genommen setzten sich bis zu sechs Passagiere in einen Schlitten, der von einem Stahlseil nach oben gezogen wurde. Der Motor eines Motorrads sorgte für die Antriebskraft. Der Schlittenlift wurde 30 Jahre vor Errichtung der späteren Schlepplifte konstruiert und führte zum Ausgangspunkt einer kleinen Sprungschanze. Er war aber nur wenige Jahre in Betrieb.
Österreichs erste Seilschwebebahn für den Personenverkehr wurde am 9. Juni 1926 in Reichenau an der Rax eröffnet. Nur wenige Wochen später folgte am 5. Juli 1926 die feierliche Inbetriebnahme der Österreichischen Zugspitzbahn. Am 31. Dezember 1927 die erste Seilschwebebahn Salzburgs auf die Schmittenhöhe bei Zell am See, am 8. Juli 1928 die Seegrubenbahn auf die Nordkette bei Innsbruck.
Der erste Schlepplift Österreichs ging 1936 am Feuerkogel in Ebensee (Salzkammergut, Oberösterreich) in Betrieb. Dabei handelte es sich allerdings um einen Stangenschlepplift, eine Konstruktionsart, die sich in Österreich nicht durchgesetzt hat.
Der erste klassische Bügelschlepplift des Landes wurde 1937 in Zürs am Arlberg errichtet. Bei ihm verlief das Stahlseil über den Köpfen der auf Skiern nach oben gezogenen Passagiere. Es war der erste Skilift der Firma Doppelmayr, des heutigen Weltmarktführers im Seilbahnbau. Das Unternehmen aus Wolfurt in Vorarlberg hatte zuvor vor allem Maschinen und Werkzeuge für die Land- und Forstwirtschaft konstruiert.
Seit wann gibt es in Österreich „Massentourismus“?
Es gibt zwar keine festgelegte Definition für „Massentourismus“, der Begriff wird aber mit verschiedenen Erscheinungen in Verbindung gebracht. Dazu gehört vor allem eine große Anzahl von Touristinnen und Touristen, die sich zugleich an einem Ort aufhalten und dort die heimische Bevölkerung zur Minderheit machen können. Auch lange Warteschlangen vor Skiliften und touristischen Attraktionen, überfüllte Bahnhöfe oder kilometerlange Staus auf Autobahnen werden heutzutage mit dem Begriff Massentourismus assoziiert. Auch eine Standardisierung der Dienstleistungen beziehungsweise der touristischen Erlebnisse werden damit in Verbindung gebracht. Der Begriff ist damit vor allem negativ belegt.
Positiv betrachtet lässt sich mit Massentourismus allerdings auch ein Zustand beschreiben, in dem es sich weite Teile der Bevölkerung leisten können, in den Urlaub zu fahren. Im Allgemeinen wird die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als der Beginn dieser Art des Massentourismus genannt. Das bedeutet aber nicht, dass der Tourismus zuvor keine wesentliche Rolle gespielt hat. „Insgesamt“, so ist es in einem Tourismus-Lehrbuch nachzulesen, „entwickelte sich der Tourismus bereits vor 1914 zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor.“40
Aber mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs Ende Juli 1914 endete in Europa eine mehrere Jahrzehnte andauernde Phase des Friedens abrupt. In diesem auch als Belle Époque („schönen Epoche“) genannten Zeitabschnitt waren die Industrialisierung und der wissenschaftlich-technische Fortschritt rasant vorangeschritten und hatten relativen Wohlstand in größere Teile der Bevölkerung gebracht. Auch Kunst und Kultur erlebten eine Blütezeit. Die Belle Époque gilt gleichzeitig als die erste und wichtige Ausbauphase des Tourismus in Österreich, sowie in anderen Teilen Europas. Der über vier Jahre andauernde Erste Weltkrieg forderte ungefähr 17 Millionen Menschenleben und lenkte die Ressourcen in die Kriegswirtschaft und damit auch weg vom Tourismus.
Nach dem Krieg, vor allem in den folgenden „Goldenen Zwanzigerjahren“ setzte sich die touristische Entwicklung fort. Durch die Niederlage im Krieg und den Zerfall der Habsburgermonarchie musste Österreich weitreichende Gebietsverluste hinnehmen. So sind etwa Böhmen, Mähren, Dalmatien, Istrien oder das sogenannte Küstenland um Triest („Österreichische Riviera“) seither nicht mehr Teil von Österreich. Laut Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner hatte dies auch für den Fremdenverkehr Folgen: „Der Kriegsausgang und die Zwischenkriegszeit waren sehr entscheidend für die touristische Entwicklung, auch deshalb, weil Österreich sein Meer verloren hatte. Plötzlich war Österreich fast ein reines Bergland geworden, auch wenn natürlich nicht alle Regionen in den Alpen liegen. Tourismus in Österreich ist seither stark vom alpinen Tourismus geprägt.“ Ab jetzt wurde auch der Wintertourismus zu einem immer wichtigeren Faktor. In Tirol oder Vorarlberg wurden Skischulen eröffnet, zum Teil von Männern, die während des Krieges eine Ski-Ausbildung erhalten hatten. Seilbahnen wurden gebaut und weitere Unterkünfte eröffnet. Im Gegensatz zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich diese allerdings weg von palastartigen Großbauten wie dem Südbahnhotel am Semmering. Stattdessen wurden nun kleinere Hotels und Pensionen zum neuen Standard.
Das Automobil und die Großglockner-Hochalpenstraße
Nach dem Bau der Eisenbahnen Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich in der Zwischenkriegszeit eine weitere Revolution des Verkehrswesens: die zunehmende Verbreitung des Automobils. Damit begann, was in den 1950-er und 60-er Jahren allmählich zum Standard wurde, und noch heute ist: mit dem Auto in den Urlaub zu fahren, aber auch, aus dem Auto heraus die Bergwelt zu erleben. Die Eröffnung der Großglockner-Hochalpenstraße am 3. August 1935 war in dieser Hinsicht ein symbolträchtiger Meilenstein. Ein Auto zu besitzen, war zu dieser Zeit zwar noch Luxus, aber schon verbreitet genug, um den Bau der Straße aus Sicht des damaligen Salzburger Landeshauptmanns Franz Rehrl als künftige touristische Einnahmequelle zu rechtfertigen. Ihr Bau war nicht darauf ausgerichtet, den Warenhandel zu erleichtern, sondern als gezielte Attraktion für den Automobiltourismus geplant. Heute zählt die mautpflichtige, aussichtsreiche Passstraße zwischen Kärnten und Salzburg zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Österreichs.
Aber auch die Eisenbahnstrecken wurden nach dem Ersten Weltkrieg weiter ausgebaut und mit der Eröffnung des Wiener Flughafens 1931 eine weitere Reisemöglichkeit nach Österreich etabliert.
Gesetzlicher Urlaub fördert die Tourismus-Wirtschaft
Wenn es um die Grundlagen für den weiteren Ausbau des Tourismus als Wirtschaftsfaktor geht, dann sind auch die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen zu nennen. Sie haben es der breiten Masse der Bevölkerung im In- und Ausland erst ermöglicht, Urlaub zu machen. Das österreichische Arbeiterurlaubsgesetz von 1919 zum Beispiel garantierte nach einjähriger Betriebszugehörigkeit einen Urlaub von einer Woche, nach vier weiteren Jahren im selben Betrieb erhöhte sich dieser Anspruch auf zwei Wochen.
In Deutschland, als wichtigstes Herkunftsland für den hiesigen Tourismus, war bereits das Reichsbeamtengesetz von 1873 ein Vorläufer in Sachen Urlaub, auch wenn genaue Regelungen nicht enthalten waren, bzw. vom Kaiser verordnet wurden. Die erste allgemeingültige Urlaubsregelung stellte in der Bundesrepublik Deutschland das Bundesurlaubsgesetz von 1963 dar. Es legte einen Mindesturlaubsanspruch von 24 Werktagen fest (wobei Samstage als Werktage gelten). Ein beträchtlicher Teil dieser Urlaubstage wird seitdem in Österreich zugebracht.
Spätestens in den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte der Tourismus eine nie zuvor gekannte Dynamik. Von nun an war das Reisen endgültig kein Privileg besser gestellter Schichten der Gesellschaft mehr. Auch „normale“ Leute machten sich nun auf den Weg in die Alpen oder ans Meer. Nicht selten mit dem Symbol der Wirtschaftswunderzeit, dem VW-Käfer. Es war der Beginn dessen, was wir heute als Massentourismus bezeichnen würden. Und das, obwohl die Größenordnungen auch damals noch weit entfernt von jenen lagen, die in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts zu beobachten sind.
Quellen
36 Michael Guggenberger (2020): In da Rainerhütten haben ma g’schlafen; Bergauf 04/2020
37 Stüdl (1899): Das Reisen in den Alpen einst und jetzt; Dillingers Reise- u. Fremden-Zeitung Nr. 35
38 alpenverein.at (2025): Johann Stüdl – Visionär und moralischer Kompass des Alpenvereins starb vor 100 Jahren; Zugriff: 26.02.2025
39 Österreichisches Biographisches Lexikon (biographien.ac.at): Schruf, Toni (Anton) (1863– 1932), Skipionier und Hotelier; (Zugriff: 28.04.2025)
40 Ribing, Zimmermann (2012): Einführung in die Tourismus- u. Freizeitwirtschaft in Österreich, S. 21
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Wie funktioniert eine Alm?
Die meisten Menschen dürften eine Vorstellung von Almen haben. Aber was genau ist eigentlich eine Alm? Wie sieht der Alltag auf dem Berg aus? Worin besteht die tägliche Arbeit von Bäuerinnen, Hirten oder Sennerinnen? Fest steht: Auf Almen dreht sich alles um das Vieh.
Eine Weide ist eine dauerhaft von Gräsern und Kräutern bewachsene Fläche, auf der Nutztieren grasen. Eine Alm ist dem Wortsinn nach eine Weide auf einem Berg. Oder, in einem Wort gesagt: eine Bergweide. Ganz im Westen Tirols, in Vorarlberg oder in der Schweiz benutzen die Menschen noch heute die älteren, gleichbedeutenden Begriffe Alp oder Alpe, die aus den alemannischen Dialekten stammen. Auch das Mittelgebirge Schwäbische Alb in Baden-Württemberg trägt seinen Namen aufgrund der Weideflächen, die seit jeher auf dieser Hochebene genutzt wurden. Gemeinsam mit dem Gebirgsnamen der Alpen gehen all diese Bezeichnungen wahrscheinlich auf ein vorindogermanisches Wort zurück, das für Berg oder hoher Berg stand. Die Menschen, die den Sommer über auf einer Alm arbeiten und sie bewirtschaften, werden auch „Almlerinnen“ und „Almler“ genannt. Im Salzburger Land sind dafür auch die Begriffe „Halterin“ und „Halter“ üblich. Als Hirtin oder Hirte bezeichnet man jenes Almpersonal, das sich speziell um die Tiere kümmert und diese gezielt zu wechselnden Weidebereichen der Alm treibt. Auf Almen, wo Käse gemacht wird, arbeiten „Sennerin“ und „Senner“.
Ist jede Weide innerhalb der Alpen eine Alm? Nein, eine reine Hanglage macht ein Stück Wiese, eine Kuh-, Schaf- oder Ziegenweide nicht automatisch zur Alm. Wichtig ist die Einschränkung, dass Almen weder am Talboden noch in Talnähe liegen. Vielmehr handelt es sich um eine gesondert zu betrachtende Bewirtschaftungseinheit in Lagen deutlich oberhalb von und in gewisser Entfernung zu den dazugehörigen Bergbauernhöfen. Zumindest müssen sie räumlich abgetrennt von diesen sein. Heutzutage gehört längst nicht mehr zu jedem Bergbauernhof eine Alm.
Was ist der Unterschied zwischen Almwirtschaft und Berglandwirtschaft?
Um Verwirrung zu vermeiden, ist ganz generell die Unterscheidung zwischen Almgebieten und Berggebieten wichtig. Dazu muss man sich vergegenwärtigen: Der Begriff Berglandwirtschaft ist als Überbegriff zu verstehen. Er umfasst sowohl die landwirtschaftlichen Flächen am Fuß der Berge beziehungsweise im Talbereich als auch die geografisch darüber liegenden Almflächen auf dem Berg.
Die Almwirtschaft ist also ein Teil der gesamten Berglandwirtschaft. Die Gebiete, in denen Berglandwirtschaft betrieben wird, sind gemäß einer EU-Verordnung als „Berggebiet“ definiert. Landwirtschaftlichen Betrieben innerhalb des Berggebiets stehen bestimmte öffentliche Gelder in Form von Ausgleichszulagen zu. Ausgleichen sollen diese Gelder die Benachteiligungen, die durch die Bewirtschaftung steiler Hänge oder schattiger, enger Tallagen gegenüber der Landwirtschaft im Flach- und Hügelland entstehen. Dies soll zum Erhalt der Berglandwirtschaft und damit der von ihr gepflegten Kulturlandschaft beitragen. Speziell die alpenländische Kulturlandschaft erfüllt von der Gesellschaft als erhaltenswert betrachte Funktionen im Bereich Tourismus, Biodiversität, Gefahrenvorsorge oder regionaler Lebensmittelproduktion.
70 Prozent der Staatsfläche Österreichs sowie mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche liegen definitionsgemäß im Berggebiet.41 Es umfasst neben dem Großteil der österreichischen Alpen auch auf der Böhmischen Masse gelegene Teile des Mühl- und Waldviertels in Ober- und Niederösterreich.
Es gibt zwar keine definierten Mindesthöhen oder Mindestentfernungen, aber Almen liegen jedenfalls oberhalb der ortsüblichen Siedlungsgrenze und sind für Mensch und Tier nur unter mehr oder weniger großem Aufwand erreichbar. Auch deshalb grenzen sie sich organisatorisch und in der Art und Weise ihrer Bewirtschaftung deutlich von den eigentlichen Bauernhöfen, den sogenannten Heimbetrieben, und deren Betriebsflächen in der näheren Umgebung ab.
Aufgrund ihrer Höhenlage und der damit verbundenen geringeren Temperaturen beginnen die Gräser und Kräuter der Almflächen im Jahresverlauf deutlich später mit dem Wachstum als in tieferen Lagen. Daher werden Rinder, Schafe, Ziegen oder Pferde ausschließlich über einen begrenzten Zeitraum während der Sommermonate auf der Alm gehalten. Dieser spezielle sommerliche Weidegang wird zum Teil auch „Sömmerung“ oder „Almbestoßung“ genannt. Ungefähr zwischen Oktober und Mai bleiben Almen innerhalb Österreichs in der Regel ohne landwirtschaftliche Nutzung. Allerdings verlängert sich durch den Klimawandel allmählich auch in den Höhenlagen der Berge die Vegetationszeit, also die naturbedingte Wachstumsphase.
Durch die zusätzliche Bewirtschaftung einer Alm steht dem dazugehörigen Bauernhof, dem „Heimbetrieb“, insgesamt eine größere Futterfläche zur Verfügung. Fachleute gehen davon aus, dass landwirtschaftliche Betriebe durch die Almen um bis zu ein Drittel mehr Tiere ernähren können. Die Menge der täglichen Futterration der Almtiere wird im Tal eingespart. Was dort während des Sommers wächst, kann stattdessen zu Heu oder Silage gemacht und für den Winter eingelagert werden.
Von Gästen wird der Begriff Alm häufig allein mit der Almhütte in Verbindung gebracht, auf die man während einer Bergwanderung stößt und wo man im besten Fall Erfrischungen und Stärkungen zu sich nehmen kann. Genau genommen sind Hütten, Zäune und Wege aber lediglich Teil der Infrastruktur einer Alm. Der flächenmäßig bedeutendste und funktional alles entscheidende Teil einer Alm sind ihre Weideflächen.
Almtypen nach Höhenlage37
Niederalmen/Niederleger
auf 1.300/14.00 Metern oder darunter (mittlere Seehöhe)
durchschnittlich über 120 Weidetage pro Jahr
Mittelalmen/Mittellleger
mittlere Seehöhe zwischen 1.300/1.400 und 1.700 Metern
durchschnittlich ca. 110 Weidetage pro Jahr
Hochalmen/Hochleger
oberhalb von 1.700 Metern (mittlere Seehöhe)
durchschnittlich ca. 90 Weidetage; oberhalb von 2.000 Metern: weniger als 75 Weidetage pro Jahr
Almwiesen und -wälder sind fast so groß wie Kärnten
Obwohl die generellen Voraussetzungen für die Landwirtschaft auf den Almen in Sachen Klima, Boden, Geländeform oder Verkehrsanbindung sehr viel ungünstiger sind als im Tal, gibt es in Österreich noch immer knapp 8.000 Almen (Stand: 2024). Ihr Kern besteht aus Weiden und Mähwiesen, die zusammen eine Almfutterfläche von etwas mehr als 320.000 Hektar ausmachen. Das entspricht knapp vier Prozent der Staatsfläche Österreichs und annähernd der achtfachen Fläche Wiens. Die Mähwiesen der Almen nennt man auch Bergmähder. Bergmähder sind Grünlandflächen, die höchstens einmal im Jahr, mindestens aber einmal in zwei Jahren gemäht werden. Sie liegen häufig an besonders steilen Stellen, die speziell für Rinder nur schwer zu begehen sind. Laut ÖPUL-Richtlinien ist maximal eine sogenannte Nachweide nach dem 15. August möglich.
Zu einer Alm gehören in der Regel aber auch Wald-, Geröll- oder von Fels dominierte Flächen. Addiert man sie dazu, dann kommen Österreichs Almen auf eine Gesamtfläche von annähernd 900.000 Hektar (Stand 2024). Der Lebensraum Alm als Ganzes nimmt damit 11 Prozent der Staatsfläche Österreichs ein, etwas weniger als das Bundesland Kärnten.
Mehr als 23.000 landwirtschaftliche Betriebe in Österreich schicken einen Teil ihres Tierbestandes im Sommer auf die Alm. Dass es dennoch „nur“ knapp 8.000 Almen gibt, liegt daran, dass manche von ihnen als Gemeinschaftsalmen geführt werden, also unter Beteiligung mehrerer Bauernhöfe. Zuletzt (2024) verbrachten in Österreich rund 430.000 Nutztiere ihren Sommer auf einer Alm – von der Ziege über das Rind bis zum Pony. Rinder machten dabei mit 70 Prozent (302.000 Stück) den weitaus größten Anteil aus, gefolgt von Schafen mit 24 Prozent (103.000 Stück) und Ziegen mit drei Prozent (13.000 Stück). Der Rest bestand aus Pferden mit ebenfalls rund drei Prozent (11.000 Stück).
Österreichs Almwirtschaft ist vergleichsweise kleinstrukturiert. Das bedeutet, dass sie von sehr vielen kleinen und mittelgroßen Almen geprägt ist und nur wenige vergleichsweise große Almen existieren. So zeigen Zahlen des Grünen Berichts für das Jahr 2022, dass 78 Prozent oder rund 6.200 der Almen über eine Futterfläche (Weiden und Bergmähder) von 50 Hektar oder weniger verfügen. Annähernd 1.300 Almen bestehen sogar nur aus einer Grünlandfläche von weniger als fünf Hektar. Fünf Hektar entsprechen genau sieben Fußballfeldern nach FIFA-Norm. Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich rund 200 Almen größer als 200 Hektar.
Auch bei der Anzahl der aufgetriebenen Tiere zeigt sich diese Kleinstrukturiertheit. Nimmt man die zahlenmäßig bedeutendste Kategorie der Almen mit Rindern, dann weiden auf einem Viertel (25 Prozent) der Rinderalmen zehn oder weniger Rinder. Auf dreiviertel (76 Prozent) dieser Almen sind es bis zu 50 Rinder. Im Bereich der größten Almen zeigt sich dagegen, dass laut Statistik nur rund 140 Betriebe auf mehr als 200 Rinder kamen.
Dabei ist zu beachten, dass ungefähr ein Viertel aller Almen als Gemeinschaftsalmen von mehreren landwirtschaftlichen Betrieben gemeinsam genutzt werden und somit auch die Tiere mehrere Bauernhöfe dort aufgetrieben werden.
Warum sind Almen keine „Natur“?
Auch wenn wir beim Wandern durch Almgebiete häufig von der „schönen Natur“ um uns herum sprechen, spiegelt sich darin im Grunde eine falsche Sichtweise wider. Diese wird durch eine Reihe von Umständen gefördert. Dazu gehören etwa das häufige Fehlen asphaltierter Straßen, lauten Verkehrslärms oder größerer Betonbauwerke. Genau wie der im Sommer meist üppig-grüne Bewuchs der Almen mit seinen bunten Blüten, die Geräuschkulisse aus plätschernden Bäche oder Kuhglocken oder der Duft nach frischem Gras. Zwar sind all diese almtypischen Erscheinungen auf die Kräfte der Natur zurückzuführen beziehungs- weise durch das Wirken der Naturgesetze entstanden, dennoch handelt es sich bei Almen nicht um Natur im Sinne einer unberührten Wildnis.
Almen sind Kultur-Landschaften, die von Menschen in der Regel schon vor Jahrhunderten oder länger zurück durch die Rodung von Wäldern angelegt wurden. Sie blieben nur aufgrund regelmäßiger Beweidung durch Nutztiere bis heute bestehen. Ohne diese Beweidung oder das Mähen zur Heugewinnung würden die meisten Almen wieder zu dem werden, was sie einst waren: Wälder. Genau wie bei den Kulturlandschaften der tiefer gelegenen Acker- und Wiesenlandschaften, handelt es sich bei den Almweiden also um landwirtschaftliche Nutzflächen, bei den dazugehörigen Wäldern um forstwirtschaftliche Nutzflächen. Allerdings werden Almen viel weniger intensiv genutzt als landwirtschaftliche Flächen im Tal. Da das Pflanzenwachstum wegen des Höhenklimas mit seinen kurzen Sommern sowie der oft dünnen Humusauflage der Böden verlangsamt ist, können die Almflächen viel weniger Tiere pro Hektar ernähren als Wiesen in fruchtbareren Tallagen. Daher sind vergleichsweise wenige Rinder, Schafe oder Ziegen auf großen, weitschweifenden Flächen unterwegs. Ihr Bo- den wird in der Regel niemals umgebrochen, da es keinen Ackerbau gibt. Somit sieht man auf Almen allenfalls selten größere Traktoren und andere schwere Maschinen. Zusammen mit der weiteren Entfernung zu Siedlungen und ihrer Infrastruktur, häufig in Verbindung mit unmittelbarer Nähe zu schroffen Felslandschaften und hohen Bergen, vermittelt uns all dies einen Gesamteindruck von Ursprünglichkeit, den wir allzu leicht mit und Natürlichkeit, Natur oder gar Wildnis verwechseln.
Nichtsdestotrotz sind Almen ein von Bäuerinnen und Bauern erschaffener Lebensraum. Warum sie dennoch auch aus Sicht des Artenschutzes und der Biodiversität schützenswert sind, erfährst du im Artikel „Wie helfen Almen beim Schutz der biologischen Vielfalt?“.
Wie viele Tiere leben auf Österreichs Almen?
Laut amtlicher Statistik wurden in Österreich im Jahr 2024 etwas mehr als 1,8 Millionen Rinder gehalten. Etwas mehr als 300.000 davon lebten über Sommer auf einer Alm. Das entspricht knapp 17 Prozent der Rinder. Etwas höher ist der Anteil der Schafe und Ziegen mit Almzugang, wobei von diesen Nutztierarten im Vergleich zu den Rindern insgesamt sehr viel weniger in Österreich gehalten werden.
Interessant sind die Unterschiede, die sich beim Blick auf die einzelnen Bundesländer zeigen: So liegt der Anteil der gealpten Rinder etwa in Tirol mit 60 Prozent deutlich über dem Bundesschnitt, ebenso in Vorarlberg mit 55 Prozent und im Bundesland Salzburg mit etwas mehr als 40 Prozent. Daneben haben Almen auch in Kärnten und der Steiermark noch eine Bedeutung für die Rinderwirtschaft. In Nieder- und Oberösterreich, wo die mit Abstand meisten Rinder innerhalb Österreichs gehalten werden, ist der Alm-Anteil am geringsten. In Wien und im Burgendland gibt es mangels höherer Berge keine Almen.
Dass Almen im Osten Österreichs weniger verbreitet sind, liegt unter anderem daran, dass klimatische und andere Bedingungen für die Landwirtschaft hier günstiger sind, vor allem in jenen Regionen, die zu den Voralpen zählen. Daher haben sich hier vor allem solche Formen der Rindfleisch- und Milchproduktion etabliert, die im Vergleich zur Rinderhaltung weiter westlich intensiver sind. So verfügen die Betriebe hier zum Beispiel über Ackerflächen, auf denen der Anbau von Mais möglich ist. Ihn zu verfüttern, lässt die Tier schneller wachsen und mehr Milch geben. Ein typischer Almbetrieb hat diese Möglichkeit nicht oder nur beschränkt. Welche Vor- und Nachteile die verschiedenen Produktionssysteme für die Lebensmittel Milch und Rindfleisch mit sich bringen, kannst du auf unserer Webseite nachlesen.
Die Statistik verrät auch, wie hoch der Anteil der gealpten Milchkühe im jeweiligen Bundesland ist. Auch hier liegt Tirol mit fast 50 Prozent vorne, genauso wie auch bei dieser Statistik die Bundesländer Vorarlberg und Salzburg auf Rang zwei und Rang drei folgen. Bemerkenswert ist hier, dass sogenannte Sennalmen, also Almen mit Milchkühen, nahezu ausschließlich in diesen drei Bundesländern zu finden sind. Österreichweit grasen derzeit zehn Prozent aller Milchkühe im Sommer auf einer Almweide (Stand 2024).
Übrigens: Weiden gibt es prinzipiell auch in tiefer gelegenen Lagen außerhalb der Almgebiete. Etwa in Form der Hofweide direkt beim landwirtschaftlichen Betrieb. Der Anteil der gealpten Tiere darf daher nicht gleichgesetzt werden mit dem allgemeinen Anteil der Tiere, die zumindest zeitweise Zugang zu einer Weide haben.
Was ist eine Sennalm und was machen Sennerinnen und Senner?
Auf einer Sennalm, auch als Melkalm bekannt, leben Kühe, sprich weibliche Rinder, die bereits mindestens einmal ein Kalb geboren haben und somit Milch geben. Die Kühe werden von Sennerinnen beziehungsweise Sennern betreut und auf der Alm zweimal täglich gemolken. Der Begriff Senner, auch der Senn, dürfte laut Duden auf das keltische Wort „sanion“ zurückzuführen sein, das für „Melker“ steht. Regional sind etliche alternative Bezeichnungen wie etwa Schwaigerin oder Brentler zu finden.
Neben dem in der Regel maschinellen Melken und der Hirten-Funktion sind Sennerin und Senn auch für die Vor-Ort-Verarbeitung der gewonnenen Milch zu Käse oder Butter verantwortlich. Diese beiden Lebensmittel dienten ursprünglich vor allem dazu, die auf Almen gewonnene Milch in eine transport- und lagerfähige Form zu überführen.
Eine Sennalm unterscheidet sich damit wesentlich von jenen heutzutage weit vorherrschen- den Almen, wo nicht gemolken wird. Dazu gehören die Galtalmen, wo das Galtvieh aufgetrieben wird, zum Beispiel Ochsen (kastrierte, männliche Rinder) oder Kalbinnen (weibliche Rinder, die noch kein Kalb geboren haben und daher keine Milch geben). Auch Kühe, die gerade keine Milch geben, sei es, weil sie trächtig sind oder im Herbst geschlachtet wer- den, sind hier zu finden. Das Adjektiv „galt“ stammt aus dem im Mittelalter gesprochenen Mittelhochdeutschen und bedeutet „keine Milch gebend“.
Daneben sind auch Mutterkuhherden auf Almen zu finden. Sogenannte Mutterkühe sind in Begleitung ihrer Kälber, die sie säugen. Diese Kühe geben zwar Milch, werden aber nicht gemolken. Der Arbeitsaufwand auf diesen zuletzt genannten Almen ist zwar nicht vergleich- bar mit dem einer Sennalm, aber dennoch beträchtlich.
Wir haben ausführlich aufbereitet, wie Käse hergestellt wird. Auch alles Wichtige zum Thema Rind haben wir bereits für dich recherchiert.
Was genau passiert bei Almauftrieb und Almabtrieb?
Wie es die Bezeichnung nahelegt, ist mit dem Almauftrieb die Übersiedelung des Viehs auf die Alm zu Beginn des Almsommers gemeint. In früheren Zeiten, vor Erfindung von Auto und Traktor, mussten die Tiere dazu grundsätzlich aus eigener Kraft den Berg hinaufgehen, sprich tatsächlich von Menschen geführt und getrieben werden. „Zum Teil musste man mitten in der Nacht mit dem Auftrieb beginnen“, erklärt Josef Obweger. Er ist Obmann des Kärntner Almwirtschaftsvereins sowie der österreichweiten Interessensvertretung Almwirtschaft Österreich. „Die Leute waren dann sehr lange unterwegs und sind mit ihren Tieren irgend- wann am Nachmittag auf der Alm oben angekommen.“ Heutzutage bringt oftmals ein Traktor mit Viehanhänger die Tiere auf die Alm. Streng genommen müsste man also in diesem Fall eher von der Almauffahrt statt vom Almauftrieb sprechen. Aber auch der traditionelle Fußmarsch ist nach wie vor gängige Praxis. „Ob eher getrieben oder eher gefahren wird, ist von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich“, sagt Josef Obweger. „Auf unsere eigene Alm treiben wir auf. Aber Österreich ist heute viel mehr verbaut als früher und wenn der Weg vom Heimbetrieb längere Strecken durch Wohngebiete oder über viel befahrene Straßen führt, dann ist es schwierig. Dazu kommt Personalmangel und natürlich kommt es auch auf die Streckenlänge insgesamt an.“ Um Risiken zu vermeiden und Zeit zu sparen, wählen viele Betriebe daher die motorisierte Variante.
Am Ende des Sommers geht es für Mensch und Tier retour ins Tal. Auch dieser Weg wird inzwischen häufig motorisiert zurückgelegt. Da der Weg nach unten aber etwas weniger anstrengend ist und schneller abläuft – zumal die Tiere dann aus dem „Höhentraining“ zurückkommen und meist fitter sind – wird in diese Richtung noch häufiger getrieben. Und das auch in Form des traditionellen, festlichen Almabtriebs. An manchen Orten gleicht der Almabtrieb einem offiziellen Feiertag und ist ein wichtiger Bestandteil des Dorflebens – nicht selten auch eine touristische Attraktion. Je nach Region wird er zu einem feststehenden alljährlichen Termin im September oder Anfang Oktober gefeiert, begleitet von Blasmusik, Kirtag, Trachtengruppen und ähnlichem Rahmenprogramm.
Es gibt aber auch die stillere Variante des Almabtriebs, die in keinem Veranstaltungskalender vermerkt ist. Sie dient als eine Art Abschlussfest, beim dem die Bauernfamilien mit den oftmals außerfamiliären Hirtinnen und Hirten zusammensitzen, um für die geleistete Arbeit zu danken und den Almsommer ausklingen zu lassen.
Regional unterschiedliche Bräuche zum Almabtrieb
Zum Almabtrieb werden die Rinder mit aufwendigen Kränzen aus Blumen und Reisig, Glocken, bestickten Lederschildern, Spiegeln, Schnitzereien, Heiligenfiguren oder bunten Bändern und Maschen geschmückt und anschließend talwärts geleitet. Der Brauch soll ursprünglich böse Geister vertreiben und göttlichen Segen für eine sichere Rückkehr in den heimischen Stall erbitten. Dabei tragen Leittiere oder jene mit der besten Milchleistung den prächtigsten Schmuck, wobei die Art des typischen Schmucks je nach Region variiert.
Laut dem Webportal Unsere Almen tragen die Rinder beispielsweise beim Almabtrieb in Kärnten Marienbilder und das Landeswappen, typisch für die Steiermark sind glänzende Metallfolien. In Tirol fällt der Kopfschmuck besonders üppig aus und wird aus vielen bunten Naturmaterialien, Papierblumen, bestickten Bändern und Halftern, Heiligenbildern und sogar ganzen kleinen Fichtenbäumchen gestaltet. In Vorarlberg legt man dagegen Wert auf eher schlichter ausfallende Kränze.
Sollte es während des Sommers einen Todesfall unter Mensch oder Tier gegeben haben, ver- bietet die Tradition bunten Schmuck. Dieser wird dann zum Teil durch einen Trauerflor ersetzt, also einen schwarzen Stoff als Form der Beileidsbekundung. Oder es wird gar nicht „aufgekranzt“.
Wie sieht der Alltag auf Almen aus?
Der Tagesablauf auf den heute noch bewirtschafteten rund 8.000 Almen Österreichs hängt von verschiedenen Umständen ab und ist auf jeder Alm individuell geregelt. Den größten Unterschied macht dabei wohl die Frage, ob auf der Alm gemolken und gekäst, also Käse hergestellt wird, oder nicht. Auf Sennalmen dreht sich alles um das besonders zeit- und arbeitsaufwendige Melken und Käsen. Von Natur aus würde eine Kuh ihr Kalb mehrfach täglich säugen und dabei eine entsprechende Menge Milch abgeben. Möchte man ihre Milch stattdessen als Lebensmittel gewinnen, muss sie jeden Morgen und jeden Abend gemolken werden – auch an Sonn- und Feiertagen. Ansonsten würde die Kuh Schmerzen erleiden und das Risiko für Euterentzündungen und andere gesundheitliche Folgen wäre deutlich größer. Auf Sennalmen dreht sich alles ums Melken. Zudem kann der Tag wesentlich durch die Herstellung von Butter und Käse bestimmt werden. Das gilt zumindest dann, wenn gewonnene Milch nicht von einer Molkerei abgeholt, sondern selbst verarbeitet wird.
Auch die Entfernung zum Heimbetrieb, also zum eigentlichen Bauernhof, wirkt sich stark auf die Almlogistik aus. Leichter und schneller erreichbare Almen werden heute zum Teil nicht mehr von Menschen bewohnt, sondern vom Tal aus betrieben. Im Fall einer Sennalm kann das bedeuten, dass die Bäuerin oder der Bauer zweimal täglich vom Hof aus per Auto oder Traktor auf die Alm fährt, um zu melken.
Aber auch auf Almen ohne zu melkendes Vieh (Galtalmen) muss regelmäßig jemand nach dem Rechten sehen, auch wenn sie vom Tal aus gemanagt werden. Maßgeblich ist dabei das Tierschutzgesetz. Für nicht in Ställen untergebrachte Tiere sieht es vor, dass diese „soweit erforderlich vor widrigen Witterungsbedingungen und soweit möglich vor Raubtieren und sonstigen Gefahren für ihr Wohlbefinden zu schützen“ sind. Um dies zu gewährleisten, sind „regelmäßige“ Kontrollen explizit vorgeschrieben.42
Die Alm-Bewirtschaftung ohne ständige Anwesenheit ist zum Teil auch der Tatsache ge-chuldet, dass für eine sommerlange Dauerbesetzung der Alm keine Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Zwar freut sich die Almwirtschaft über eine zuletzt wieder wachsende Zahl an Hirtinnen und Hirten – 2024 waren es 7.600 – für eine durchgehende Behirtung reicht dies allerdings nicht. Zudem wäre dies für die vielen kleinen Almen mit fünf, zehn oder 20 Rindern weder leistbar noch rentabel. In früheren Jahrhunderten war es Standard, dass Hirtinnen und Hirten den ganzen Sommer lang auf den Almen lebten und mehr oder weniger rund um die Uhr in der Nähe ihrer Tiere waren. Im Rahmen einer heutigen regulären Anstellung mit ihren gesetzlichen Arbeitszeiten erscheint ein solches Modell für die meisten Almen unrealistisch.
Auf etlichen Almen ist es aber auch heute noch so, dass mit dem Almauftrieb im Mai oder Juni nicht nur das Vieh, sondern auch die dazugehörigen Menschen ihr Sommerquartier voll- ständig auf der Alm beziehen. Diese Hirten, Sennerinnen oder Almler sind in dieser Zeit für das Wohl der Tiere und den möglichst reibungslosen Ablauf des Almbetriebs verantwortlich. Falls es sich um eine Alm mit Bewirtungsbetrieb handelt, dann gehören auch die Zubereitung von Speisen und die Verköstigung von Wanderern und Bergsteigerinnen zum Aufgabenbereich der Almbewohnerinnen und -bewohner.
Was gibt es auf Almen zu tun?
Vor allem auf Sennalmen beginnt der Tag früh. Dies gilt umso mehr, je größer und weitläufiger die Alm ist. Auf einigen können sich dutzende Kühe über ein Areal von mehreren hundert Hektar bewegen. Zum Vergleich: Der Wiener Prater umfasst rund 600 Hektar, inklusive der hinter dem Vergnügungsbereich liegenden Parklandschaft. Um sie morgens zum Melken rechtzeitig „einzusammeln“ und zum Stall – und damit zur Melkmaschine – treiben zu können, müssen Hirtinnen und Hirten manchmal schon vor Sonnenaufgang mit der Taschenlampe ausrücken. Aber auch auf kleineren Sennalmen beginnt der Tag selten nach sechs Uhr morgens. Nach dem Eintreiben der Kühe werden diese gemolken. Das Frühstück steht für die Almlerinnen und Almler in der Regel erst danach an.
Am späten Nachmittag folgt das gleiche Melkprozedere wie am frühen Morgen. Auf einigen Betrieben wird die Arbeit aber dadurch erleichtert, dass die Kühe zwischen dem morgendlichen und abendlichen Melken im Stall verbleiben und erst nach Letzterem wieder auf die Weideflächen entlassen werden, wo sie die Abend- und Nachtstunden verbringen. So lässt sich der tägliche Arbeitsaufwand für das Eintreiben der Tiere um die Hälfte reduzieren. Je nach Alm kann dies bedeuten, dass die Tiere während dieser Stallzeit angebunden bleiben. Mehr zu den Haltungsformen bei Rindern im Allgemeinen findest du hier. Falls eine Käserei direkt zur Sennalm gehört, sind auch die dazu gehörenden Arbeiten zu erledigen.
Etwas entspannter kann das Leben auf einer Galtalm aussehen. Da hier nicht gemolken wird, entfallen zwei zentrale und zeitintensive Fixpunkte des Tages. Aber auch hier gibt es ausreichend Arbeit: vor allem die Betreuung oder Behirtung der Tiere, das Weidemanagement sowie die Instandhaltung oder Erneuerung von Zäunen, Gattern (Tore einer Umzäunung), Tränken, Wegen, des Stalls oder der Almhütte. Auch die Pflege von Weideflächen gehört dazu, sowie das Ausmisten des Stalls, sofern dieser vorhanden ist oder genutzt wird. All diese Tätigkeiten fallen auf einer Sennalm zusätzlich zum Melken und gegebenenfalls Käsen an.
Oftmals endet der Arbeitstag auf einer Alm erst mit Einbruch der Dunkelheit. Wer am nächsten Morgen um vier Uhr wieder ausrücken muss, geht oftmals schon um neun, halb zehn am Abend schlafen. Alles in allem gibt es aber nicht den typischen Tagesablauf auf einer Alm.
„Dazu sind die Almen in Österreich heute zu unterschiedlich“, wie es Peter Fuchs vom Webportal „Unsere Almen“ begründet. „Auf einer typischen Melkalm im Tiroler Oberland geht's wirklich schon um drei oder vier in der Früh aus dem Bett, um nachher mit dem Melken rechtzeitig dran zu sein. Danach geht ein Teil der Hirten mit raus, um die Tiere zu bewachen, der andere bleibt da und käst.“ Der Tiroler Peter Fuchs ist ehemaliger Mitarbeiter von Land schafft Leben und hat schon mehr als ein Dutzend Sommer lang auf unterschiedlichen Almen gearbeitet, in den meisten Fällen als allein verantwortlicher „Alminger“. Er weist auf die unterschiedlichen Gegebenheiten und Größenverhältnisse der Almen hin. „Auf reinen Galtalmen mag sich der eine oder andere Tag relativ entspannt anfühlen. Wenn die Sonne scheint, alle Tiere gesund sind und sich nicht ‚verstecken‘. Am Tag darauf irrst du aber vielleicht von morgens bis abends im Nebel herum. Am Abend jedenfalls schläfst du nur gut, wenn du alle Tiere tagsüber gesehen hast.“
Was genau machen Hirtinnen und Hirten?
Derzeit erfreut sich der Hirtenberuf zunehmender Beliebtheit. Im Jahr 2024 arbeiteten österreichweit rund 7.600 Hirtinnen und Hirten, rund tausend mehr als noch zu Beginn des Jahrtausends. Laut Josef Obweger, Obmann der Interessenvertretung Almwirtschaft Österreich, melden sich auch immer mehr Quereinsteiger für Hirtenkurse an.
Die Behirtung wird über das Agrarumweltprogramm ÖPUL gefördert. Dazu müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. So hat die Behirtung laut Förderrichtlinien der Agrarmarkt Austria (AMA) „zumindest während eines wesentlichen Teils des Tages zu erfolgen. Eine reine Nachschau ist nicht ausreichend.“ Aber was genau bringt der Hirtenberuf konkret mit sich? Josef Obweger, der mit seiner Familie selbst alljährlich rund 30 Rinder auf eine Gemeinschaftsalm bei Millstatt in Kärnten treibt, leitet außerdem regelmäßig einen fünftägigen Hirtenkurs. Er sagt: „Wir versuchen zu vermitteln, dass die Betreuung einer Alm kein romantischer Urlaub, sondern mit sehr viel Arbeit verbunden ist. Aber trotzdem ist es eine sehr befriedigende und erfüllende Arbeit, weil man am Abend zwar müde ist, aber weiß, wovon man müde ist.“
Sich um die gealpten Tiere zu kümmern, gehört zum zentralen Aufgabenbereich einer Hirtin oder eines Hirten. Dazu gehört etwa die Kontrolle der Wasserversorgung sowie der Gesundheit der Tiere. Ist ein Tier krank oder verletzt, muss es entsprechend behandelt oder eine tierärztliche Versorgung organisiert werden.
Zur Behirtung gehört aber auch die scheinbar simple Pflicht, fortwährend sicherzustellen, dass sich alle Tiere auf den vorgesehenen Weideflächen befinden. Immer wieder kommt es vor, dass Nutztiere auf einer Alm verloren gehen, zum Beispiel, weil sie sich „verlaufen“ haben oder aufgrund einer Verletzung nicht mehr mit der Herde ziehen können. Manchmal verenden Tiere auch auf der Alm. Zu den Todesursachen zählen dabei etwa der Absturz in steilem Gelände, Blitz- oder Steinschlag und Erkrankungen. Auch Risse durch Raubtiere wie Wölfe, Bären oder Goldschakale haben in jüngerer Vergangenheit für Aufsehen gesorgt.
Wenn ein Tier verendet ist, muss die Veterinärbehörde des zuständigen Bezirks informiert werden. Zudem ist die Bergung der Kadaver zu organisieren. Abtransport und Entsorgung über die Tierkörperverwertungsanstalt (TKV) sind etwa aus Gründen der Seuchenvorsorge gesetzlich vorgeschrieben und können nur in Ausnahmefällen und mit Sondergenehmigung umgangen werden. Auch wenn Hirtinnen und Hirten in solchen Extremfällen am Geschehen beteiligt sind, Letztverantwortliche bleiben jene, in deren Eigentum sich die Tiere befinden.
Laut einem Bericht des Forschungsinstituts Eurac Research kamen beispielsweise in Südtirol in den Sommern 2022 und 2023 von allen gealpten Schafen und Ziegen sechs Prozent um, was 5.700 Tieren entspricht. Davon gingen rund 17 Prozent auf das Konto von Beutetieren, rund 83 Prozent auf Ursachen wie Krankheit, Absturz, Blitzschlag und Ähnliches.43 In Österreich werden dazu bislang keine offiziellen Statistiken veröffentlicht. Einige Fachleute stellen aber eine Übertragbarkeit dieser Zahlen auf Österreich in Frage. In einem aktuellen Forschungsbericht zu mehreren Herdenschutzprojekten im Auftrag des Landes Tirol wird erwähnt, dass bei der Alpung von Schafen Abgänge in Höhe von circa fünf Prozent die Norm abbilden.44
Für alle Beteiligten deutlich erfreulicher ist die Geburt eines Kalbes auf der Alm, auch wenn das vergleichsweise selten vorkommt. In der Regel fallen geplante Geburtstermine trächtiger Kalbinnen oder Kühe auf die Zeit nach dem Almabtrieb, in manchen Fällen aber auch bewusst auf die Zeit des Almsommers.
Trotz der zunehmenden Beliebtheit des Berufes werden „nur“ rund 5.000 der 8.000 Almen durch Hirten betreut. Diese sind zum Teil auch abseits der Almen tätig. So kümmern sich zum Beispiel auch im Waldviertel oder im Burgendland Schaf- und Ziegenhirtinnen und -hirten um die extensive Beweidung von Naturschutzflächen und tragen so zum Erhalt von Biodiversität und Artenvielfalt bei.
Neben den Tieren und der Infrastruktur einer Alm muss sich das Hirtenpersonal auch um den Zustand der Weideflächen kümmern. Diese müssen gepflegt werden. Das bedeutet, dass der Mensch unter Umständen steuernd eingreifen muss, um einen günstigen Zustand der Weiden zu erhalten. Ein regelrechtes Weidemanagement ist zwar nicht zwingend vorgeschrieben, wird aber von Fachleuten empfohlen. Das gilt umso mehr in Anbetracht des Klimawandels.
Wozu brauchen Kühe Glocken?
Kuh mit Kuhglocke auf der Alm – dieses Motiv zählt zweifellos zu den meistverbreiteten Alpenbildern und ist seit Jahrhunderten fester Bestandteil der kollektiven Wahrnehmung der alpenländischen Kulturlandschaft. Beim Wandern durch Almgebiete gehört das schon von Weitem wahrnehmbare Bimmeln der Kuhglocken vielerorts zur Geräuschkulisse. Und genau hierin liegt auch ihre wichtigste und naheliegende Funktion: Rinder mit einer am Hals angebrachten Glocke sind durch die ständig wahrnehmbaren akustischen Signale auf den weitläufigen, teils aufgrund des Geländes schlecht einsehbaren oder zeitweise eingenebelten Almflächen leichter auffindbar. Auch bei Dämmerlicht oder im Falle von verlorengegangen Tieren erleichtern Glocken die Betreuung und Aufsicht der Herde beziehungsweise das Auf- spüren einzelner Tiere.
Es gibt unterschiedlich große Glocken, kleinere etwa für Schafe und Ziegen und größere für Rinder. Besonders große, fünf Kilogramm oder mehr wiegende und teils mit Gravuren und anderem verzierte Glocken werden in der Regel ausschließlich für Festtage wie den traditionellen Almabtrieb oder für Ausstellungen und dergleichen benutzt. Die im Almalltag getragenen Glocken sind normalerweise sehr viel kleiner. Ob Alm- oder auch Weidetiere abseits der Almen Glocken tragen, hängt von den näheren Umständen und der Entscheidung der Betriebsleiterin oder des Betriebsleiters ab.
Beeinträchtigen Glocken das Tierwohl?
Eine Studie45 der ETH Zürich sorgte Mitte der 2010er-Jahre für mediales Interesse. In ihrem Rahmen stellten vier Forscherinnen bei glockentragenden Kühen zeitlich reduziertes Wiederkäuen sowie eine verminderte Liegedauer fest. Beide Verhaltensweisen gelten als Maßstab für die Beurteilung des Tierwohls. Auch eine stummgeschaltete Glocke, also mit fixiertem Klöppel, zeigte Effekte in Form von Verhaltensänderungen, was auf ihr hohes Gewicht von mehr als fünf Kilogramm zurückzuführen sein könnte.
Eine schwerwiegende Hörschädigung konnten die Forscherinnen in einer Folgestudie nicht feststellen, obwohl 20 Zentimeter von der Glocke entfernt eine Lautstärke von mehr als 110 Dezibel gemessen wurde. Zum Vergleich: 85 Dezibel dürfen in Österreich am Arbeitsplatz nur überschritten werden, wenn es technisch unvermeidlich ist. Allerdings reagierten Kühe, die regelmäßig Glocken trugen, weniger sensibel auf laute Geräusche – was als ein möglicher Hinweis auf eine veränderte akustische Wahrnehmung interpretiert wird.46
Das hohe Gewicht der genutzten Glocke von fünf Kilogramm war einer der Hauptkritikpunkte an der Studie. Laut Fachkreisen liegt das Gewicht einer Kuhglocke in der Praxis eher im Be- reich von einem Kilogramm. Mit GPS-Sendern existiert heutzutage ein weiteres technisches Hilfsmittel: Sie sind leicht, geräuschlos und ermöglichen ebenfalls die Ortung – allerdings nur bei entsprechender Netzabdeckung. GPS-Sender werden in der Praxis auch in Kombination mit Glocken eingesetzt.
Was bedeutet „gelenkte Weideführung“?
Unter einer „gelenkten Weideführung“ ist das gezielte und planmäßige Hintreiben der Weidetiere auf bestimmte Teilflächen einer Alm zu verstehen. Dies soll verhindern, dass die Herde in einzelnen Bereichen der gesamten Almfutterfläche zu lange verweilt und diese zu stark abweidet, während sie andere Teilflächen zu wenig beweidet und dort deshalb unerwünschte Pflanzen aufkommen.
Anders gesagt: Die Tiere sollen einzelne Bereiche der Alm weder zu intensiv noch zu wenig nutzen. Fressen und treten sie immer an denselben Stellen, kann das Gras nicht schnell genug nachwachsen, wodurch größere, dauerhafte Schäden an der Grasnarbe und in Folge Bodenerosion entstehen können. Auf der anderen Seite können Qualität und ökologischer Nutzen einer Fläche negativ beeinträchtigt werden, wenn sie von den Tieren nur unzureichend abgefressen wird. Dort setzen sich dann allmählich Gehölze durch. Diese eignen sich nicht als Futter für Rinder oder Schafe, weshalb die Fläche durch eine solche Verbuschung ihren Wert als Weide verliert. Die in Sachen Futter deutlich anspruchsloseren und robusteren Ziegen sind diesbezüglich eine Ausnahme, da sie auch Blätter von Gehölzen oder gar deren Rinde fressen. Fachleute sehen in Ziegen daher klassische „Almputzer“, die auch das fressen, was andere Weidetiere verschmähen.
Mit der Verbuschung und Verwaldung geht der Verlust wertvoller Gräser und Kräuter einher. Die Fläche verliert damit neben ihrem Futterwert auch ihren speziellen ökologischen Wert als Lebensraum einer spezifischen Flora und Fauna. Mit dem Fortschreiten des Klimawandels wächst das Risiko der Verbuschung. Aufgrund der Erwärmung verlängern sich die durchschnittlichen Vegetationsperioden eines Jahres, wodurch insgesamt mehr Biomasse heranwächst. Weil aber gleichzeitig die Zahl der gealpten Tiere und damit auch der Futterverbrauch rückläufig sind, gibt es mehr unzureichend abgeweidete Fläche. Hinzukommt, dass durch den Klimawandel auch die natürliche Baumgrenze nach oben wandert. Eine an den jeweiligen Standort angepasste, gelenkte Beweidung kann dieser Entwicklung entgegenwirken. Seit dem Jahr 2025 wird die Erstellung und Umsetzung eines sogenannten Almweideplans aus Mitteln des ÖPUL-Programms gefördert.
Brauchen Almen Zäune?
Für eine gelenkte Beweidung kann es hilfreich sein, die Almweideflächen mit Zäunen zu unterteilen. Dabei handelt es sich in der Praxis überwiegend um Stacheldrahtzäune. Zäune, die sich für Rinder eignen, eignen sich nicht automatisch für Schafe oder Ziegen. Diese können Barrieren aufgrund ihrer geringeren Körpergröße leichter überwinden.
Werden Schafe eingezäunt, dann häufig mit elektrischen Netzen. Das Problem dabei ist allerdings: Bei langen Zäunen, die häufig an Sträuchern oder anderen Hindernissen entlangführen, kommt es immer wieder zu einer Ableitung des Stroms, wodurch der Zaun unwirksam wird. Wenn es über Nacht schneit, was im Hochgebirge auch mitten im Sommer vorkommt, kann der Zaun umfallen. Besonders auf größeren Schafalmen werden die Tiere daher häufig von Hirtinnen und Hirten begleitet, statt eingezäunt.
Als besonders heikel gilt das Einzäunen von Ziegen. Sie sind noch mobiler als Schafe und besonders geschickte Kletterer und können so Zäune vergleichsweise mühelos überwinden.
„Ein Stacheldrahtzaun mit drei Drähten hält schon ein Schaf nicht ab“, gibt Josef Obweger zu bedenken. „Aber die Königsdisziplin ist es, Ziegen einzuzäunen.“
Das bestätigt auch Almexperte Peter Fuchs. „Die Ziege wäre eigentlich ein ganz, ganz wichtiges Tier auf der Alm, weil sie selbst in steilstem Gelände gut zurechtkommt und auch die Blätter von Sträuchern frisst und deren Rinde annagt.“ Im Hinblick auf die Erhaltung der Almfutterflächen wären Ziegen die ideale Ergänzung zu den Rindern. „Aber leider wird die Geiß viel zu wenig gealpt, weil diese charakterstarken Tiere so schwer zu handhaben sind. Ziegen sind viel gescheiter als Schafe. Sie steigen herum und kennen keinen Zaun.“
Für ein gutes Weidemanagement und eine gelenkte Weideführung sind Zäune zwar hilfreich, aber nicht unbedingt erforderlich. Auch durch die Behirtung kann die Herde im passenden Ausmaß auf unterschiedliche Bereiche einer Alm geführt werden.
Unabhängig davon wird das Thema Zäune auch immer wieder im Zusammenhang mit dem Schutz von Menschen diskutiert, die Almen zum Wandern oder aus anderen Gründen besuchen. Folgt man der aktuellen Rechtsprechung in Österreich, dann besteht für Almbetriebe keine generelle Pflicht, Weidevieh mittels Zäunen am Betreten von Wanderwegen zu hindern. Dies wird als logistisch und finanziell nicht zumutbar bewertet und ist nur unter bestimmten Umständen vorgeschrieben. Zum Beispiel dann, wenn sich ein Tier wiederholt ungewöhnlich aggressiv gezeigt hat. Mehr zu potenziellen Konflikten auf Almen findest du hier.
Was bedeutet Schwenden?
Mit dem Schwenden ist das Entfernen von unerwünschtem Gehölzen auf Almfutterflächen gemeint. Heutzutage wird dies in der Regel per Motorsäge oder -sense erledigt. Wenn Almflächen über längere Zeiträume zu wenig bestoßen, sprich beweidet werden, machen sich beispielsweise Latschenkiefern und Grünerlen breit. Helferinnen und Helfer im Schwendeinsatz sägen sie ab und verbrennen das Material meist vor Ort. Zum Teil wird der Boden danach auch oberflächlich gelockert und neues Futterpflanzen-Saatgut ausgesät. Ziel der Maßnahmen ist der Erhalt oder die Wiederherstellung der zur Alm gehörenden Futterflächen. Das Schwenden einer Almfläche kann die Verbuschung aufhalten. Längerfristig erfolgreich ist sie aber nur in Verbindung mit einem ausreichenden Maß an darauffolgender Beweidung.
Das Schwenden erfolgt häufig in Gemeinschaftsarbeit, die an bestimmten Tagen von Mitgliedern der Bauernfamilie und Menschen aus deren Umfeld oder Hirtinnen und Hirten ausgeführt wird. Der Umgang mit Gehölzen sowie Sägen und Sensen ist trotz Motorisierung eine körperlich anstrengende Tätigkeit, zumal in steilem Gelände. In Kärnten kommen im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von AMS und Almwirtschaft seit einiger Zeit auch Langzeitarbeitslose zum Schwenden auf Almen. Laut Josef Obweger, der auch Obmann des Kärntner Almwirtschaftsvereins ist, mit Erfolg.
Quellen
41 bmluk.gv.at: Benachteiligte landwirtschaftliche Gebiete (Zugriff: 05.06.2025)
42 Lebensraum Tirol Holding GmbH (unsere-almen.at): Grundbergriffe der Almwirtschaft (Zugriff: 12.05.2025)
43 Rechtsinformationssystem des Bundes (ris.bka.gv.at): Tierschutzgesetz, § 19, 20 (Zugriff: 29.07.2025)
44 Eurac Research (eurac.edu), 2025: Almvieh in Gefahr? Abgänge von Schafen und Ziegen in Südtirol (Zugriff: 15.05.2025)
45 Moser, Willems (2025): Zwischenbericht 2024 zu den Herdenschutzprojekten Spisser Schafberg-Alm, Lader Heuberg-Alm und Verwall-Alm, S. 21
46 Johns et al. (2015): Do Bells Affect Behaviour and Heart Rate Variability in Grazing Dairy Cows?
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Artgerechte Haltung? – Was Almen für das Tierwohl bringen
Das Rind auf der (Alm-)Weide steht für ein hohes Maß an Tierwohl. Speziell die Almen werden mit verschiedenen tiergesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht. Aber warum sind manche Rinder im Winter angebunden?
Unsere heutigen europäischen Hausrinderrassen stammen von dem einst über ganz Eurasien verteilt lebenden Auerochsen ab. Als Lebensraum dieser Tierart werden Graslandschaften oder halboffene Wälder angenommen. Es gilt daher als unstrittig, dass von allen derzeit praktizierten Haltungsformen die Weidehaltung der natürlichen Lebensweise dieser Tiere am nächsten kommt. Daher wird von Fachleuten – wie auch von weiten Teilen der Gesellschaft – die Haltung auf der Alm als Variante der Weidehaltung positiv bewertet.
Für die meisten Fachleute wird das damit verbundene hohe Maß an Tierwohl auch dann kaum geschmälert, wenn die Tiere einen Teil ihres 24-Stunden-Rhythmus in einem Stall verbringen. Auf den Almen Österreichs sind diesbezüglich mehrere grundsätzliche Praktiken vorzufinden: Es gibt Almen, auf denen die Tiere Tag und Nacht draußen, sprich auf den Almweiden unterwegs sind. Laut Almwirtschaft Österreich betrifft dies die überwiegende Mehrheit der Almen. Auf einem Teil der Melkalmen ist es anders. Hier bleiben die Kühe entweder nachts im Stall, damit sie zum morgendlichen Melken nicht erst wieder von der Weide geholt werden müssen, oder sie verbringen den Tag im Stall und die Nacht im Freien. Letzteres wird auf niedriger gelegenen Almen auch zum Schutz vor tagaktiven Insekten und hohen Temperaturen zum Teil so gehandhabt.
Warum werden manche Almtiere vorübergehend angebunden?
Für das Almpersonal kann die vorübergehende Unterbringung von Milchkühen im Almstall eine erhebliche Arbeitserleichterung bedeuten. Sie müssen dadurch innerhalb von 24 Stunden einmal weniger von den Almflächen in den Stall getrieben, beziehungsweise gesucht werden. Im Stall befindet sich die Melkmaschine, wodurch dort zweimal täglich die Anwesenheit der Tiere erforderlich ist. Vor allem auf weitläufigeren Almen mit besonders großen Weideflächen kann diese Praxis sinnvoll sein.
Auf Almen kommen sowohl Laufställe als auch Anbindeställe vor. In einem Laufstall können die Tiere frei umhergehen. Handelt es sich um einen Anbindestall, dann ist die Kuh während ihrer Stallzeit mittels einer Kette oder einem Halsband an einem festen Platz fixiert. Da die Tiere auf einer Alm ohnehin zumindest zwölf von 24 Stunden Weidezugang haben, spielt die Art des Almstalls in öffentlichen Diskussionen eine untergeordnete Rolle. Stärker unterschiedliche Sichtweisen zeigen sich dagegen bei der Frage, in welchem Stallsystem ein Rind außerhalb des Almsommers auf dem Heimbetrieb gehalten wird.
Dabei gilt es den wichtigen Unterschied zwischen der dauerhaften Anbindehaltung und der sogenannten Kombinationshaltung zu beachten. Ein Rind dauerhaft, also das ganze Jahr über, ganztägig angebunden zu halten, ist in Österreich seit dem Jahr 2005 nur noch in bestimmten Ausnahmefällen erlaubt. Es ist ab dem 1. Jänner 2030 vollständig verboten. Für AMA-Gütesiegel-Betriebe ist die dauerhafte Anbindehaltung seit 2024 nicht mehr gestattet.
Der Begriff Kombinationshaltung beschreibt eine Kombination aus Anbindehaltung und Weidehaltung beziehungsweise Zugang zu einem befestigen Laufhof unter freiem Himmel. Die Rinder sind bei der Kombinationshaltung also zeitweise angebunden. Laut Tierschutzgesetz müssen sie bei dieser Haltungsform aber zumindest an 90 Tagen im Jahr Auslauf oder Weidezugang bekommen. Seit dem Jahr 2024 findet sich im Handel das AMA-Gütesiegel „Tierhaltung Plus“ für Milchprodukte. Auch dieses ermöglicht neben Laufstall- die Kombinationshaltung, wobei statt 90 mindestens 120 Weide- oder Auslauftage vorgeschrieben sind.
Klassischerweise werden Rinder in Kombinationshaltung über den Winter im Anbindestall gehalten, zum Teil inklusive tageweisem Auslauf auf einem befestigtem Laufhof. Ab Frühjahr, sobald das Gras auf den vorhandenen Weideflächen ausreichend wächst, bekommen sie Weidezugang. Grundsätzlich können diese Weiden direkt beim Heimbetrieb liegen oder auf einer Alm.
Auch dieses vorübergehende Anbinden von Tieren unter den Regeln der Kombinationshaltung steht in der Kritik, vor allem von Konsumentinnen und Konsumenten. Und auch der Lebensmittelhandel schließt es im Rahmen verschiedener Vermarktungsprogramme aus – die dauerhafte Anbindung ohnehin. De facto ist der Laufstall in Bezug auf das Tierwohl grundsätzlich die deutlich bessere Lösung. Gerade in der typisch kleinstrukturierten Berglandwirtschaft Tirols oder Salzburgs ist allerdings die Kombinationshaltung Standard. Sie charakterisiert den überwiegenden Anteil der Almbetriebe.
Warum sind Laufställe nicht der Standard für Almtiere?
Das liegt vor allem an den Kosten. Einen modernen Laufstall zu bauen, erfordert hohe Investitionskosten. Das gilt umso mehr für das Bauen im Berggebiet, wo die Platzverhältnisse aufgrund der Geländeform beengt, der Untergrund felsig und die Anfahrtswege lang sein können. Hinzu kommt, dass die Kosten pro Kuh für die typischen Kleinbetriebe der alpinen Regionen besonders hoch sind. Eine vergleichbare Baukostenauswertung für Bayern aus dem Jahr 2024 – ohne Fokus auf die Berggebiete – zeigt etwa für Laufstallneubauten mit Platz für rund 30 Kühe Baukosten von rund 25.000 Euro pro Kuh. Größere Ställe für 150 Kühe kommen dabei auf durchschnittlich 15.000 Euro pro Kuh48. In Österreich hatten laut Grünem Bericht 2025 zuletzt mehr als 70 Prozent aller Melkalmen 30 oder weniger Milchkühe. Daraus lassen sich für einen österreichischen Beispiel-Almbetrieb mit 10 Kühen Baukosten im Be- reich von grob 300.000 Euro ableiten.
Almwirtschaft-Österreich-Obmann Josef Obweger fürchtet einen massiven Verlust von Klein- und Kleinstbetrieben in den Berggebieten, sollte die Kombinationshaltung aus dem Markt verdrängt werden. „Der Druck, der vom Handel auf die Kombinationshaltung ausgeht, ist ein Riesenthema in den alpinen Regionen und betrifft gerade die Almwirtschaft“, erklärt er. „Ich bin überzeugt, dass ein Sommer auf der Alm die höchste Form des Tierwohls darstellt und das zeitweilige Anbinden im Winter kompensiert. Wenn das nicht mehr so gesehen würde, dann gäbe es viele Betriebe, die eine Laufstall-Pflicht nicht mitgehen könnten und stattdessen aufgeben würden.“
Bringt die Alm Vorteile für Tierwohl und -gesundheit?
Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA hat im Jahr 2023 das vorhandene Wissen zum Thema Tierwohl bei Milchkühen zusammengetragen und in Form einer wissenschaftlichen Stellungnahme49 veröffentlicht. Darin wird festgehalten, dass jede praktizierte Form der Milchkuhhaltung in puncto Tierwohl Vor- und Nachteile beziehungsweise potenzielle Risiken mit sich bringt.
Relativ eindeutig negativ bewertet wurde lediglich die dauerhafte Anbindung von Milchkühen, obwohl die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst bei dieser Haltungsform positive Aspekte feststellen: So kommen bestimmte Klauenkrankheiten etwas weniger häufig vor. Ein Pluspunkt besonders für schwächere Kühe ist die Tatsache, dass das Angebunden- sein an festen Plätzen Rangkämpfe innerhalb der Herde reduziert. Dadurch erleben die rangniedrigeren Tiere weniger Stress. Die Liste der Schwachpunkte der dauerhaften Anbindehaltung ist allerdings deutlich länger. Dies erklärt sich vor allem durch die nicht vorhandene Bewegungsfreiheit und das dadurch unterbundene Sozialverhalten dieser von Natur aus sehr sozialen Tiere. Umgekehrt bestätigt die wissenschaftliche Stellungnahme wenig überraschend die vielen Aspekte der Weidehaltung, die sich potenziell positiv auf Tierwohl und Gesundheit von Milchkühen auswirken. Vielleicht am eindrücklichsten erklärt sich dies durch folgende Feststellung: „Kühe, die Zugang ins Freie haben, entscheiden sich von sich aus, mehr Zeit auf der Weide als im Stall zu verbringen, außer bei schlechtem Wetter.“ Darüber hinaus ließen sich auf der Weide mehr natürliche Verhaltensweisen, eine insgesamt verbesserte Gesundheit des Bewegungsapparats, der Klauen und des Euters oder ein verbesserter Liegekomfort beobachten.
Weide allein garantiert kein Tierwohl
Aber auch die Weide ist nicht frei von Risiken. Zu ihnen gehören laut EFSA Hitzestress, Parasitenbefall oder Störungen des Verdauungsapparats. Auch andere wissenschaftliche Arbeiten betonen, dass der Zugang zu einer Weide oder einer Alm im Speziellen per se keine Garantie für ein ausgeprägtes Tierwohl darstellt. Es gibt auch Studien, die keine eindeutige Abhängigkeit zwischen Weidegang und Tierwohl, beziehungsweise Tiergesundheit finden konnten, zum Beispiel vom Institut für Ökologischen Landbau am deutschen Thünen-Institut.50 Stattdessen kommt es auf die individuellen Gegebenheiten an beziehungsweise auf die Frage, wie gut die einzelne Weide oder Alm geführt wird. So können zum Beispiel schlecht gepflegte Ziehwege oder scharfkantiger Felsuntergrund die Klauengesundheit der Rinder gefährden oder unzureichend gestaltete Almställe, schlechte Trinkwasserversorgung sowie nicht vorhandener Witterungsschutz und anderes das Wohlbefinden der Tiere beeinträchtigen.
Mehr Milch nach einer Jugend auf der Alm
Eine Untersuchung51 aus Bayern konnte im Jahr 2015 zeigen, dass Kühe mehr Milch gaben und länger als Milchkuh genutzt werden konnten, wenn sie während ihrer Aufzuchtphase ein oder zwei Sommer lang auf einer Alm lebten. Forscherinnen und Forscher der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) verglichen dazu in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Weihenstephan die Daten von mehr als 40.000 Kühen, die im Jugendalter auf einer Alm waren mit annähernd 400.000 Kühen aus den gleichen Regionen, die als Jungtier nie auf einer Alm waren. Durch die große Datenmenge glichen sich viele störende Einflussfaktoren aus oder konnten herausgerechnet werden.
Konkretes Ergebnis der Auswertung: Die gealpten Tiere zeigten bezüglich der Milchmenge eine um rund 13 Prozent gesteigerte durchschnittliche Lebensleistung. Außerdem verlängerte sich die durchschnittliche Nutzungsdauer der gealpten Tiere bei der Rasse Fleckvieh um 92 und bei der Rasse Braunvieh um 106 Tage. Gleichzeitig zeigten die gealpten Tiere aber ein deutlich erhöhtes Erstkalbealter, gebaren ihr erstes Kalb also später. Als mögliche Gründe für die insgesamt dennoch erhöhte Leistung der gealpten Tiere nennt die Studie einen „durch die natürlichen Umweltreize hervorgerufenen, allgemein verbesserten Gesundheitsstatus“ sowie Unterschiede, die das Almfutter gegenüber Stallfutter aufweist.
Alles in allem dürften die potenziellen positiven Auswirkungen der Weidehaltung auf das Tierwohl überwiegen. Fest steht, dass sie den natürlichen Lebensbedingungen dieser Tierart am nächsten kommt. Darüber werden Almen als spezielle Form der Weide von Expertinnen und Experten besondere Wirkungen zugeschrieben, die über die „normale“ Weide im Tal hinausgehen. Dazu gehören unter anderem:
in gestärkter Bewegungsapparat, der sich auf die Distanzen zurückführen lässt, die die Tiere auf der Futtersuche im bergigen Gelände zurücklegen;
eine verbesserte Lungenfunktion aufgrund des „Höhentrainings“ in der sauerstoffärmeren Höhenluft und der damit verbundenen gesteigerten Produktion von roten Blutkörperchen;
die verbesserte Durchblutung der Klauen durch die Fortbewegung auf unterschiedlichen Untergründen wie Grasmatten oder steinigerem Boden;
das auch im Vergleich zu Talweiden potenziell größere Platzangebot, das den Tieren so- wohl soziale Interaktion als auch das individuelle Bedürfnis nach Distanz ermöglicht;
allgemein gesteigertes Wohlbefinden aufgrund der im Vergleich zum Tal kühleren Höhenluft. Die Wohlfühltemperatur eines Rindes liegt zwischen sieben und 17 Grad Celsius. Diese wird in Zeiten des Klimawandels in tieferen Lagen immer häufiger bei Weitem überschritten. Ein „Ausweichen“ auf die Alm kann den dadurch verursachten Hitzestress der Tiere lindern.
Ob der sommerliche Aufenthalt auf einer Alm ein Rind für ein etwaiges winterliches Angebundensein gewissermaßen entschädigen kann, lässt sich aus der oben erwähnten EFSA-Stellungnahme nicht eindeutig beantworten. Zumal der Anbindestall am Heimbetrieb mit einem unterschiedlichen Maß an Zugang zu einem Laufhof, also einer befestigten Fläche unter freiem Himmel, verbunden sein kann. Ein Laufhof entspricht einem Außenbereich mit befestigtem Boden und kann als eine Art Mittelweg zwischen Stall und Weide betrachtet werden.
Vielmehr betont die EFSA die starke Abhängigkeit des Wohls der Tiere von den Bedingungen auf den individuellen Betrieben. Sie schreibt in den Schlussfolgerungen: „Die Ergebnisse variieren in Bezug auf das Wohlergehen der Tiere zwischen Betrieben aller Haltungssysteme. Daher sind die Auswirkungen der einzelnen Haltungssysteme auf das Wohlergehen der Tiere sehr unterschiedlich und hängen von der Qualität der physischen Umgebung und des Managements in einem bestimmten Betrieb ab. Es gibt jedoch stichhaltige Beweise dafür, dass das Wohlergehen von Kühen, die dauerhaft in Ställen gehalten werden, beeinträchtigt ist.“ Zusammenfassend kann man sagen: Eine fachgerecht geführte Alm birgt großes Potenzial für eine artgerechte Haltung von Rindern inklusive Milchkühen und anderen Nutztierarten. Sie kann laut Ansicht vieler Fachleute ein Höchstmaß an Tierwohl gewährleisten. Eine „g’mahte Wiesen“ ist die Alm in dieser Hinsicht allerdings nicht.
Quellen
48 Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft (2024): Baukosten von Milchviehlaufställen
49 EFSA Panel on Animal Health and Animal Welfare (2023): Scientific Opinion on the welfare of dairy cows
50 Thünen-Institut (thuenen.de): Welchen Einfluss hat der Weidegang auf Gesundheit und Wohlbefinden von Milchkühen? (Zugriff: 28.05.2025)
51 Krogmeier et al. (2015): Einfluss einer Jungviehalpung auf die Nutzungsdauer und die Leistungseigenschaften von Kühen der Rassen Braunvieh und Fleckvieh
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Alm und Umwelt: Was ist das Problem?
Überweidung und Stickstoff-Emissionen sind prinzipielle Umweltprobleme, die mit der Nutztierhaltung in Verbindung stehen können. Eine ganz andere Herausforderung bringt der Klimawandel mit sich. Wie ist die Situation auf Österreichs Almen?
Für Österreichs Almen gelten spezielle Umweltstandards. Sie sind unter anderem in den Förderrichtlinien des Agrarumweltprogramms ÖPUL festgeschrieben. Nahezu die gesamte Almfutterfläche des Landes wird über ÖPUL gefördert und unterliegt damit den speziellen Richtlinien. Im Jahr 2023 waren es laut Landwirtschaftsministerium 99 Prozent.
Die Almenförderung verfolgt mehrere Ziele. Grundlegendes Ziel ist der Erhalt der Kulturlandschaft. In der Folge geht es um ihre Funktionen, wie dem Schutz vor Naturgefahren sowie um die „Erhaltung der hohen pflanzlichen und tierischen Diversität auf Almflächen durch die Umsetzung extensiver landwirtschaftlicher Nutzungsformen“. Extensiv bedeutet in diesem Zusammenhang das Gegenteil von intensiv und spiegelt die Tatsache wider, dass auf Almfutterflächen weniger Futterbiomasse heranwächst als auf dem Grünland im Tal und somit auch weniger Tiere damit gefüttert werden können.
Gleichzeitig bewirkt die extensive Bewirtschaftung eine größere pflanzliche Artenvielfalt und in Folge auch eine größere tierische Artenvielfalt. Vereinfacht gesagt liegt das vor allem an geringeren Düngermengen sowie der Tatsache, dass einzelne Pflanzen nicht zu häufig von den Weidetieren abgefressen oder von Maschinen abgemäht werden. Dadurch gedeihen auch viele konkurrenzschwache Kräuter, die mehr Zeit zum Wachsen brauchen und genetisch nicht auf nährstoffreiche Böden angepasst sind. Diese hätten auf einer stark gedüngten Fläche, die intensiv und häufig abgefressen oder gemäht wird, keine Chance. Auf solchen intensiv bewirtschafteten Grünlandflächen, wie sie im Tal häufiger vorkommen, dominieren dagegen wenige, viel schneller wachsende Grasarten.
Um diese speziellen Bedingungen auf den Almfutterflächen zu honorieren und zu erhalten, begrenzen die Förderbedingungen die Zahl der Tiere pro Hektar. So dürfen im Regelfall pro Hektar Almweidefläche maximal 2,0 sogenannte Großvieheinheiten (GVE) an Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden, Ponys, Eseln, Lamas oder Alpakas aufgetrieben werden. Dabei entspricht eine GVE zum Beispiel einem ausgewachsenen Rind oder knapp sieben ausgewachsenen Schafen, Ziegen oder Alpakas. Aber auch nach unten gibt es eine Begrenzung: Es muss mindestens eine GVE pro Hektar aufgetrieben.
Ein Hektar umfasst 10.000 Quadratmeter und entspricht knapp eineinhalb Fußballfeldern. Der maximale Viehbesatz soll verhindern, dass Flächen überweidet werden, wodurch kahle Stellen und Bodenerosion entstehen könnten. In der Praxis ist das Problem aber eher, dass auf Österreichs Almen zu wenige Tiere unterwegs sind. Dadurch wächst das Risiko von Verbuschung und Verwaldung, was diesen speziellen Lebensraum ebenso gefährdet. Daher ist die nach Hektar ausbezahlte Prämie umgekehrt auch an einen Mindest-Viehbesatz gekoppelt.
Sind Österreichs Almen überdüngt?
Auf Österreichs Almfutterflächen dürfen nur solche Düngemittel ausgebracht werden, die gemäß der EU-Bioverordnung zugelassen sind. Dies gilt für alle über ÖPUL geförderten Almen, unabhängig davon, ob die Alm zu einem biologisch oder konventionell wirtschaftenden Betrieb gehört. Vor allem sind dadurch sogenannte leicht lösliche Mineraldünger ausgeschlossen. Diese werden umgangssprachlich auch als „Kunstdünger“ bezeichnet.
Solche Mineraldünger tragen weltweit zwar zu erheblichen Ertragssteigerungen bei. Auf Almen sind sie aber gemäß ÖPUL auch deshalb nicht erlaubt, weil sie aufgrund ihrer leichten Wasserlöslichkeit aus den eher dünnen und wenig speicherfähigen Almböden leichter ausgewaschen werden könnten. Der unerwünschte Eintrag von Nährstoffen in Gewässer und Ökosysteme wäre die Folge.
Allerdings kommen auch Almpflanzen nicht ohne Nährstoffe aus. Maßvolle Düngung sorgt für gute Futterqualität und stabile Erträge. Die Richtlinien erlauben die Düngung mit Gülle, Jauche oder Mist (Wirtschaftsdünger), in denen die Nährstoffe weniger konzentriert und zudem überwiegend in organisch gebundener Form vorliegen. Dabei gilt, dass der Wirtschaftsdünger auf der Alm selbst anfallen muss. Lediglich Stallmist darf auch vom Heimbetrieb oder von anderen Betrieben stammen.
Außerdem dürfen auf Österreich Almfutterflächen pro Jahr und Hektar höchstens 30 Kilogramm reiner Stickstoff als Wirtschaftsdünger ausgebracht werden. Dies gilt zusätzlich zu der Menge an Stickstoff, die die Weidetiere in Form ihrer Exkremente fallen lassen. Das regelt die sogenannte Nitrat-Aktionsprogramm-Verordnung (NAPV). Nitrat ist die pflanzenverfüg- bare Form des Stickstoffs. Zum Vergleich: Auf fünf- oder sechsmal jährlich gemähten Wiesen außerhalb der Almen dürfen es unter bestimmten Umständen bis zu 200 Kilogramm oder mehr sein – solange die Pflanzen den allergrößten Teil aufnehmen können und im Durchschnitt des Betriebes 170 Kilogramm pro Hektar nicht überschritten werden. Die genauen Höchstmengen sind detailliert, je nach Art der Grünlandfläche und ihres potenziellen Ertrages, festgeschrieben. Durch diese Mengenbegrenzung sind Nährstoffauswaschungen zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, aber das Risiko wird stark minimiert. Die Einhaltung der Bestimmungen wird unter anderem durch die Gewässeraufsicht überwacht.
Was ist der Unterschied zwischen Gülle, Mist und Jauche?
In der landwirtschaftlichen Tierhaltung fallen verschiedene Formen von Wirtschaftsdüngern an. Sie enthalten unter anderem die tierischen Exkremente.
Als Gülle bezeichnet man ein flüssiges Gemisch aus Kot, Harn, Wasser und zum Teil Einstreuresten. Sie fällt schwerpunktmäßig in Stallhaltungssystemen an, die ohne Einstreu, wie etwas Stroh arbeiten.
Die traditionelle Form der Lagerung von Dung ist der Misthaufen. Fester (Stall-)Mist oder Festmist besteht aus Kot, vermischt mit Einstreu und darin gebundenem Urin.
Zu einem Misthaufen gehört eine Jauchegrube. Darin sammelt sich zum einen der Harn, der nicht von der Einstreu aufgenommen wurde. Zum anderen enthält die Jauche das Sickerwasser, das in einem nicht überdachten Misthaufen von Regenwasser gebildet wird.
In allen drei Düngerformen liegen die Nährstoffe größtenteils in organisch gebundener Form vor. Vor allem festmist ist auch ein wertvoller Humuslieferant.
Pflanzenschutzmittel spielen auf Almen keine Rolle
Auf Almen ist der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel laut Förderrichtlinien nicht erlaubt. Zur Anwendung kommen dürften theoretisch zwar solche Wirkstoffe, die eine Zulassung gemäß der EU-Bio-Verordnung haben. Auf Weiden und Bergmähdern findet sich aber kein Zweck für ihre Anwendung.
Grundsätzlich benötigt die Landwirtschaft Pflanzenschutzmittel in erster Linie im Ackerbau beziehungsweise bei der Produktion von Getreide, Eiweiß- und Ölpflanzen, Obst und Gemüse. Bäuerinnen und Bauern müssen ihre Kulturpflanzen vor Schädlingen und konkurrierenden Wildpflanzen schützen. Das machen sie mit unterschiedlichsten Mitteln und Methoden, zu denen auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gehört. Wirkstoffe natürlichen Ursprungs kommen auch bei bestimmten Bio-Kulturen zum Einsatz.
Auf Wiesen und Weiden spielen Pflanzenschutzmittel auch außerhalb der Almen eine sehr untergeordnete Rolle. Nur in Ausnahmefällen kann es aus landwirtschaftlicher Sicht notwendig werden, auf einem Stück Grünland einzelne Gift- oder andere Problempflanzen mit einem chemischen Unkrautbekämpfungsmittel zu bekämpfen. Auch die komplette Neuaussaat kann sinnvoll sein, was die vorige chemische oder mechanische Abtötung des Altbestands voraussetzt. Da es unter den bio-konformen Wirkstoffen keinen Unkrautvernichter gibt, ist diese Art des Einsatzes auf Almen nicht relevant.
Die Grünlandflächen auf Österreichs Almen zählen zum extensiv bewirtschafteten Grünland Österreichs. Sie werden maximal einmal im Jahr gemäht beziehungsweise wenig intensiv beweidet, und die chemische Unkrautbekämpfung ist durch die Förderrichtlinien ausgeschlossen. Dadurch beheimaten sie eine große Artenvielfalt und leisten einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität.
Der Klimawandel und zu wenige Tiere sind das größte Problem für Österreichs Almen
Häufiger und intensiver auftretende Extremwetter wie Hitze, Trockenperioden oder Starkregen gehören zu jenen Folgen des Klimawandels, die regelmäßig und ausführlich in den Medien besprochen werden. Für Österreichs Almen ist allerdings eine andere Auswirkung entscheidend: die längere Vegetationsperiode. Unter der Vegetationsperiode ist jener Zeit- raum zu verstehen, in dem es warm genug für das Wachstum von Pflanzen ist. Grundsätzlich ist sie in Höhenlagen kürzer als in den Tieflagen. Grund dafür ist die physikalisch erklärbare Beobachtung, dass die Lufttemperatur pro 100 Höhenmeter um ein Grad Celsius sinkt.
Salopp gesagt bringt es der Klimawandel mit sich, dass der Frühling früher beginnt und der Herbst später endet. Die Vegetationsperiode verlängert sich sowohl nach vorne als auch nach hinten. Beispielsweise stellte die Geosphere Austria (ehemals ZAMG) fest: „Insgesamt war die Vegetationsperiode 2024 um zwei Wochen länger als in einem durchschnittlichen Jahr der Klimaperiode 1991–2020 und vier Wochen als in der Klimaperiode 1961–1990.“52 Im Rekordjahr 2020 wuchsen Pflanzen in Österreich gar fünf Wochen länger als noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Zwar haben einzelne Jahre für sich wenig Aussagekraft, aber der messbare Trend in Richtung längerer Vegetationsperioden ist eindeutig.
Wer zuhause einen Rasen hat und diesen vier oder fünf Wochen lang nicht mäht, der bekommt vielleicht ein Gefühl dafür, wie viel Biomasse auf den Almen zusätzlich heranwachsen kann – auch wenn das Gras auf Almen langsamer wächst als auf dem Durchschnittsrasen im Flachland. Prinzipiell bedeuten die längeren Vegetationsphasen somit mehr Futter für die Tiere, deren Anzahl sich dadurch vergrößern ließe. Prinzipiell also eine betriebswirtschaftlich erfreuliche Entwicklung. Aber dennoch hat das Ganze für die Almwirtschaft eine zweite Seite.
„Wenn für das zusätzliche Futter zu wenige Tiere auf der Alm sind, entsteht ein Nachteil“, erläutert Alm-Obmann Josef Obweger. „Die Tiere können dann gar nicht alles wegfressen und konzentrieren sich auf die schmackhaftesten Bereiche der Alm, während sie andere eher auslassen. In der Almwirtschaft ist das momentan unser Hauptproblem.“ Wo die Tiere nicht fressen und auch nicht gemäht wird, setzen sich nach und nach Farne, Zwergsträucher, Grünerlen oder Latschenkiefern durch. Die Fläche verbuscht und verwaldet allmählich.
Auch der allgemeine Strukturwandel in der Landwirtschaft nimmt Einfluss auf die Entwicklung. So hat sich die Zahl der Betriebe mit Almauftrieb seit dem Jahr 2010 um rund 5.000 reduziert. Hier zeigt sich auch ein grundlegender Unterschied zwischen der Berglandwirtschaft und der Landwirtschaft in der Ebene. Wird etwa ein Bauernhof im Weinviertel aufgegeben, dann übernehmen in der Regel Betriebe aus der unmittelbaren Umgebung die Bewirtschaftung der freigewordenen Äcker, die meist zwischen den Flächen der anderen Betriebe verteilt liegen.
Almflächen liegen dagegen in schwerer erreichbaren Berggebieten und nicht selten isoliert von Nachbarbetrieben. Für die ist es deswegen oft sehr viel schwerer bis unmöglich, frei gewordene Almflächen in den eigenen Betrieb zu integrieren. „Im Berggebiet ist es nicht so einfach, dass ein anderer die Flächen übernimmt“, meint Josef Obweger. Das liege auch daran, dass Alm-Arbeit viel Handarbeit ist und Arbeitskräfte knapp sind. „Wenn ein Bergbauernbetrieb aufhört, dann fehlen die Tiere einfach auf der Alm.“
Auf diese Weise gingen allein seit dem Jahr 2010 über 50.000 Hektar an Almfutterflächen und damit mehr als die Fläche Wiens verloren. Und damit auch wertvoller Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten, genauso wie etliche weitere Funktionen, die mit Almen verbunden sind. Ziel der Almwirtschaft Österreich ist es, dass künftig wieder Tiere den Sommer auf Österreichs Almen verbringen. Betriebe, die grundsätzlich auftreiben könnten, es aber derzeit nicht tun, sollen vor allem die tiergesundheitlichen Vorteile des Almauftriebs überzeugen.
Quelle
52 GeoSphere Austria (2024): Wärmstes Jahr der Messgeschichte; Pressemitteilung vom 19.12.2024
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Was Almprodukte wirklich auszeichnet
Fleisch- und Milchprodukte sind die wichtigsten Lebensmittel der Almwirtschaft. Auf Almen wachsen aber auch Pilze, Beeren oder Wildfleisch heran. Was zeichnet diese Lebensmittel aus und kann ich sie im Handel erkennen?
Mit der Bewirtschaftung von Almen sind eine Reihe von Funktionen verbunden, die über den ursprünglich wichtigsten Zweck der Lebensmittelproduktion hinausgehen. Dazu gehören Leistungen für die Tourismuswirtschaft, den Artenschutz oder die Abwehr von Naturgefahren.
Welche Lebensmittel kommen von Almen?
Die wichtigsten Almprodukte stammen von den gealpten, also über den Sommer auf Almen weidenden, Tieren. Das sind Fleisch, Milch und Milchprodukte. So werden zum Beispiel jedes Jahr um die 55.000 Tonnen Kuhmilch von Almen an Molkereien und Käsereien geliefert. Allerdings gibt es keine Verpflichtung, Almmilch gesondert zu erfassen oder zu verarbeiten, sodass die genaue Menge nicht bekannt ist. Zudem werden auch mehrere tausend Tonnen Almmilch direkt auf Almen zu Käse, Butter oder Joghurt weiterverarbeitet. Auch sie bleiben bei der abgelieferten Milchmenge außen vor.
Klar ist aber, dass die Almmilch nur einen kleinen einstelligen Prozentanteil der in Österreich insgesamt rund 3,5 Millionen Tonnen abgelieferten Milch ausmacht. Das liegt zum einen daran, dass der Anteil der Sennalmen, wo also Kühe gemolken werden, heute österreichweit nur noch im einstelligen Prozentbereich liegt und Almen eher von fleischliefernden Ochsen oder noch keine Milch gebenden Kalbinnen (Kuh-Nachwuchs) beweidet werden. Zum anderen ist frische Milch das ganze Jahr über verfügbar und wird nicht nur während des drei- oder vier- monatigen Almsommers produziert.
Historisch gesehen war das nicht immer so. Lange Zeit wurde nämlich der größte Teil der Milch über den Almsommer hinweg produziert und in Form von Käse für den Winter haltbar gemacht. In der kalten Jahreszeit dagegen, als weniger Futter zur Verfügung stand, waren die meisten Kühe „galt“, das heißt, sie „standen trocken“ und wurden nicht gemolken.
Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man nicht nur die Almen, sondern die Berglandwirtschaft als Ganzes betrachtet, die auch die tiefer gelegenen Berggebiete umfasst. Zusammengenommen liefert die österreichische Berglandwirtschaft annähernd 90 Prozent der abgelieferten heimischen Milchmenge.
Auch beim Fleisch lässt sich nicht immer genau sagen, ob das entsprechende Tier gealpt wurde. Bei jedem Almtier stellt der sommerliche Aufenthalt auf Almen einen saisonalen Ab- schnitt innerhalb des gesamten Produktionsablaufs dar. Je nach Betrieb und Produktionsform kann ein Schlachtrind ein oder zwei, bei Schlachtkühen auch mehr Sommer auf einer Alm verbringen, den Rest seiner Zeit lebt es auf einem Talbetrieb. Im Tal wird es auch geschlachtet, sodass Fleisch im strengen Sinne fast nie direkt von der Alm kommt, auch wenn die Alm einen wichtigen Teilabschnitt des Tierlebens ausgemacht hat. Bei einer Schafalm kommen die spätestens Anfang des Jahres geborenen Lämmer einen Sommer lang auf die Almweideflächen, um anschließend im Herbst im Tal endgemästet, also mit einem gewissen Anteil Kraftfutter gefüttert, und dann geschlachtet zu werden.
Es gibt also Lebensmittel, bei deren Herstellung Almen eine Rolle gespielt haben, ohne dass dies auf dem Produkt ersichtlich ist. Umgekehrt gibt es aber zahlreiche Lebensmittel, die mit dem guten Image der Almen beworben werden oder eine Almproduktion suggerieren, ohne dass Almen im Herstellungsprozess eine Rolle gespielt hätten. So werden beispielsweise Brote als „Almlaib“ bezeichnet, obwohl auf Almen kein Getreide wächst und Almen auch sonst keinerlei Rolle im Herstellungsprozess spielen. Oder es werden bestimmte Wurstwaren als „Alm-Aufschnitt“ vermarktet, obwohl für das verwendete Fleisch keine Herkunft angegeben ist. Auch der etablierte Begriff „Hüttenkäse“ beziehungsweise „Cottage Cheese“ für eine ganz bestimmte Käsesorte suggeriert im Prinzip die Produktion in einer Almhütte. Die Grenzen zwischen Marketing für heimische Lebensmittel und Trittbrettfahrertum sind fließend.
Welche Lebensmittel kommen wirklich von der Alm?
Als dritte Variante finden sich im Lebensmittelhandel aber auch Lebensmittel mit nachvoll- ziehbarer und transparenter Herkunft von österreichischen Almen, beziehungsweise Produkte aus Almmilch oder solche, bei denen die Alm als Herstellungsort eine wesentliche Rolle gespielt hat.
Gewährleistet wird dies zum Beispiel für drei regionale Käse, die das EU-Siegel „geschützte Ursprungsbezeichnung“ (g.U.) tragen. Die Auszeichnung mit diesem Siegel ist auf Lebens- mittel beschränkt, die in einem definierten geografischen Gebiet nach einem bestimmten Verfahren hergestellt werden und festgelegte Eigenschaften aufweisen müssen. Im speziellen Fall dieser Käsemarken betrifft dies die Herkunft von Almen. So garantiert das Label etwa beim „Gailtaler Almkäse g.U.“, dass dieser nach einem bestimmten traditionellen Verfahren aus der Milch von 13 Almen aus dem Gailtal im Südwesten Kärntens gemacht wurde. Ähnliches gilt im übertragenen Sinne für den „Vorarlberger Alpkäse g.U.“ und den „Tiroler Almkäse g.U.“.
Daneben hat die Interessensvertretung Almwirtschaft Österreich gemeinsam mit der AMA- Marketing die Marke „von der Alm“ entwickelt. Die Marke war zunächst vor allem für bäuerliche Direktvermarktungsbetriebe gedacht, soll allerdings bald auch den Einstieg beim Lebensmitteleinzelhandel (LEH) schaffen. „Von der Alm“ garantiert zum Beispiel für Milchprodukte die Verwendung von 100 Prozent Almmilch, die Verarbeitung beziehungsweise Herstellung auf der Alm sowie die Einhaltung weiterer definierter Umwelt- und Tierwohlkriterien. „Wir wünschen uns, dass dem wesentlich größeren Aufwand unserer Almbetriebe ein fair entlohntes Almprodukt gegenübersteht“, sagt dazu Almobmann Josef Obweger. „In einer Almbutter steckt nicht nur echte Handarbeit drin. Sie weist auch Vorzüge bei den Inhaltsstoffen und beim dahinterstehenden Tierwohl auf. Von der touristisch einzigartigen Kulturlandschaft, die wir durch diese Produktionsweise pflegen und erhalten, ganz zu schweigen.“ Josef Obweger sieht in einem möglichen Mehrerlös für Almprodukte die Chance des langfristigen Erhalts der Almen, unabhängig von politikabhängigen Ausgleichszahlungen für die Almbewirtschaftung.
Heumilch ist „landwirtschaftliches Kulturerbe von globaler Bedeutung"
Auch Lebensmittel aus der sogenannten Heumilch genießen einen EU-weiten Schutzstatus. Sie werden aus Milch hergestellt, die von Kühen, Schafen oder Ziegen aus abgegrenzten Berggebieten innerhalb Österreichs stammt. Andere Länder haben eigene Heumilchprodukte. Die Tiere grasen je nach Jahreszeit und Betrieb auf Almen oder anderen, „normalen“ Weiden oder fressen Gras, das für den Winter getrocknet und so haltbar gemacht wurde, sprich Heu. Damit grenzt sich diese Produktionsweise von anderen ab, bei denen auch zu Silage vergorenes Gras oder Maissilage verfüttert wird. Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch auf Basis dieser Heuwirtschaft ist in Österreich durch das EU-Siegel „Garantiert traditionelle Spezialität (g.t.S.)“ geschützt. Heumilch ist auch die Grundlage verschiedener Käsemarken und anderer Milchprodukte.
Der traditionellen Heumilchwirtschaft innerhalb des österreichischen Alpenbogens wurde erst im Jahr 2024 von der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die Auszeichnung „Landwirtschaftliches Kulturerbe von globaler Bedeutung“ verliehen. Die Auszeichnung haben bislang weltweit 99 landwirtschaftliche Systeme in 29 Ländern erhalten (Stand 2025). Sie zeichnen sich unter anderem durch vielschichtige, auf traditionellem Wissen beruhende Beziehungen zwischen Bäuerinnen und Bauern und der Landschaft aus, die sie auf nachhaltige Weise bewirtschaften. Auch ein hohes Maß an damit verbundener Agrobiodiversität gehört zu den Kriterien. Neben der Heumilchwirtschaft trägt die Auszeichnung innerhalb Österreichs auch die Waldviertler Karpfenteichwirtschaft.
Fleisch aus Weide- und/oder Almhaltung
Für Fleisch oder Fleischprodukte existieren unterschiedliche Markenprogramme, unter deren Dach etwa Fleisch vom „Almochsen“ oder „Almrind“ beworben werden. Zum Teil kann ein so beworbener Almochse aber auch „nur“ auf einer Weide abseits einer Alm gegrast haben. Findet sich etwa auf dem AMA-Gütesiegel für Rindfleisch der Zusatz „Almhaltung“, dann hat das entsprechende Tier laut AMA-Richtlinien zumindest einen Sommer lang auf der Alm ver- bracht. Der Zusatz „Weidehaltung“ steht hingegen für mindestens 120 Tage im Jahr Aufenthalt auf der Weide (ohne spezielle Almherkunft).
Eine Besonderheit sind die Almschweine. Schweine sind auf den ersten Blick zwar keine idealen Almbewohner, da sie das dort wachsende Gras sehr viel weniger effizient verdauen und verwerten können als Wiederkäuer, sprich Rinder, Schafe oder Ziegen. Dennoch waren sie früher ein fixer Bestandteil der Almen, um die bei der Käseherstellung anfallende Molke zu verwerten. Noch heute erhalten einige Sennalmen mit eigener Käserei diese Tradition aufrecht. Im Rahmen des Markenprogramms „Qualität Tirol“ muss den Almschweinen eine gewisse Mindestfläche im Almschweinestall und Auslauf unter freiem Himmel gewährt werden.
Woher kommt der Speck?
In diesem Zusammenhang sind auch die geschützten Bezeichnungen „Tiroler Speck g.g.A." und „Gailtaler Speck g.g.A.“ zu nennen. Das g.g.A.-Siegel ist das dritte der EU-Siegel und steht für „geschützte geografische Angabe“. Dieses Label schützt Produkte, die nach einer bestimmten Rezeptur in einem definierten geografischen Gebiet hergestellt wurden. Im Fall des Specks ist die Herkunft des wichtigsten Rohstoffs Schweinefleisch durch dieses EU-Siegel nicht geregelt. Allerdings haben sich die Tiroler Herstellungsbetriebe dazu verpflichtet, innerhalb Österreichs ausschließlich Speck aus Schweinefleisch österreichischer Herkunft anzubieten. Die Tiere werden demnach nach den gesetzlichen Mindestanforderungen inner- halb Österreichs geboren, gemästet, geschlachtet und zerlegt. Betriebe, die den Gailtaler Speck produzieren, verwenden dagegen laut Markenwebseite das Fleisch von Tieren, die im Gailtal oder im angrenzenden Gischtal aufgezogen, geschlachtet und – ebenfalls nach traditioneller Rezeptur – zu Speck verarbeitet wurden.
Generell ist die Schweinehaltung in Österreichs Berggebieten heute, gemessen an der Gesamtproduktion, eher die Ausnahme. Der überwiegende Teil der heimischen Schweine wird in Ackerbaugebieten gehalten, wo der Anbau von Mais und Getreide die Futtergrundlage für eine effizientere und schnellere Mast bereitstellt. Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie könnte es Touristinnen und Touristen innerhalb Österreichs erleichtern, bewusste Konsumentscheidungen zu treffen. Auf diese Weise würde auch ersichtlich, ob Speck oder andere Schweinefleischprodukte von Tieren stammen, die zwar mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf einer Alm, aber innerhalb Österreichs aufgewachsen sind.
Beeren, Latschen, Heubäder und andere Almprodukte
Neben den genannten tierischen Lebensmitteln kommen aus Österreichs Almgebieten auch noch weitere Produkte. Für sie gibt es häufig kleinere, regional beschränkte Märkte, zum Beispiel in Form der Verwendung in der Gastronomie oder dem Verkauf in Delikatessen- und Hofläden beziehungsweise bei regionalen Produktionsbetrieben.
Auf Almflächen wachsen zum Beispiel bestimmte essbare Wildbeeren. Zu nennen sind vor allem Schwarzbeeren und Preiselbeeren. Regional unterschiedliche Bezeichnungen sorgen auch bei den Beeren manchmal für Verwirrung. So sind die Schwarzbeeren auch als Blau- oder Heidelbeeren und speziell in Tirol auch als Moosbeeren bekannt. Preiselbeeren werden gerne zu Wildgerichten oder Wiener Schnitzel gereicht und sind in Österreich auch unter der Bezeichnung „Granten“ oder Abwandlungen davon bekannt.
Die süßlich schmeckenden, roten Preiselbeeren werden häufig mit den säuerlich-herben, ebenfalls roten, großfrüchtigen Cranberrys verwechselt. Cranberrys (zu Deutsch: Kranichbeeren) sind in nordamerikanischen Moorlandschaften heimisch, werden in großem Stil kultiviert und sind in Österreich unter dem irreführenden Namen Kulturpreiselbeere im Handel zu finden. In Nachschlagewerken ist die Cranberry auch als Großfrüchtige Moosbeere verzeichnet, was wiederum Verwechslungsgefahr mit der Tiroler Bezeichnung für die Schwarzbeere mit sich bringt.
Zu den Almen gehören auch Waldgebiete, in denen essbare Pilze beziehungsweise
„Schwammerl“ wachsen. Zu den beliebtesten gehören die Eierschwammerl (Pfifferlinge) oder der Herrenpilz (Steinpilz). Eierschwammerl tragen ihre in Österreich gebräuchliche Bezeichnung aufgrund ihrer eidottergelben Farbe. Beide Arten kommen in Laub- und Nadelwäldern bis in höhere Berglagen vor – und somit auch im Bereich von Almen.
Darf man Pilze und Beeren einfach so sammeln?
Beim Sammeln von Pilzen und Beeren gilt es in Österreich ein paar gesetzliche Regeln einzuhalten. Grundsätzlich ist zu beachten, dass Beeren und Pilze im Eigentum derjenigen Person stehen, der auch die Wald- beziehungsweise Almfläche gehört. Das Sammeln für den Eigenbedarf ist aber erlaubt, solange die Grundeigentümerin oder der Grundeigentümer dem nicht ausdrücklich in Form einer entsprechenden Beschilderung widerspricht oder das Sammeln derart beschränkt.
Explizit verbietet das Forstgesetz die „unbefugte Mitnahme von Pilzen in einer Menge von mehr als zwei Kiologramm pro Tag“. Auch Pilz- und Beerensammelveranstaltungen sind nicht erlaubt.
Gesonderte Regelungen finden sich zum Teil in den Landesgesetzen. Demnach ist etwa das Schwammerlsuchen in geschützten Gebieten wie Nationalparks beschränkt oder verboten.53
Verpachtung von Eigenjagden als zusätzliches Standbein
Auch das Fleisch von Wildtieren, die im Rahmen der Jagd erlegt werden dürfen und in der Jägersprache als „Wild“ bezeichnet werden, gehört zu den oftmals von Almen stammenden Lebensmitteln. Zum Wild zählen etwa Rothirsche (Rotwild), Gämsen (Gamswild), Rehe (Rehwild), Wildschweine (Schwarzwild) oder Birkhühner. Wer in Österreich Eigentümerin oder Eigentümer einer zusammenhängenden Fläche mit einer bestimmten Mindestgröße ist, der kann eine sogenannte Eigenjagd beantragen. Mit gültiger Jagdkarte kann das Jagdrecht selbst ausgeübt werden. Oftmals stellt aber die Verpachtung der Jagdreviere ein wichtiges finanzielles Standbein für die Almbetriebe dar. Laut Dachverband „Jagd Österreich“ variieren die Kosten für die klassische Jagdpacht stark und liegen zwischen 5.000 Euro und hohen fünfstelligen Beträgen pro Jahr – je nach Größe und Lage des Reviers sowie dessen Wildbestand.54
Zur Palette der Almprodukte zählen zahlreiche weitere Dinge wie etwa Salben, Duftöle, Kosmetikprodukte oder Spirituosen aus Latschenkiefern oder Zirben. Kleinportionierte Heumengen lassen sich als Kopfkissenfüllung oder Badezusatz verkaufen oder in Wellness- Hotels in Form von Heubädern anbieten.
Wie wirkt Zirbenholz?
Zirbenholz wird traditionell zur Auskleidung von Stuben in Wohn- und Gasthäusern genutzt. Laut Erfahrungswissen wirkt das Holz auf Menschen beruhigend. Eine Untersuchung der Forschungseinrichtung Joanneum Research an 30 gesunden Erwachsenen aus dem Jahr 2003 bestätigte dieses Erfahrungswissen. So zeigten sich bei ihrer Nutzung signifikante Unter- schiede zwischen Zimmern und Betten aus Zirbenholz und ihren jeweiligen Gegenstücken aus Holzdekor. Die Effekte traten sowohl mittels physiologischer Messungen als auch in Form der subjektiven Einschätzung durch die Versuchspersonen in Erscheinung. Das Zirbenholz bewirkte niedrigere Herzraten, beschleunigte Erholungsprozesse und eine „deutlich bessere Schlafqualität“.55
In Almgebieten finden sich zudem besondere Varietäten des Minerals Quarz. Dazu gehören etwa der Bergkristall als reine, transparente Form des Quarzes oder der rosa gefärbte Rosen- quarz. Sie lassen sich zu Schmuck oder Kunstgegenständen verarbeiten oder als Dekoration nutzen. Aussagen, wonach sie sich zur „Energetisierung“ von Wasser nutzen ließen, kommen hingegen aus dem Bereich der Esoterik. Für sie existiert keine plausible wissenschaftliche Erklärung.
Sind Lebensmittel von der Alm gesünder?
Von Almen stammenden Lebensmitteln wird häufig nachgesagt, sie seien besonders gesund. Begründet wird dies unter anderem mit der Tatsache, dass Almmilchprodukte besonders hohe Gehalte an Carotinoiden zeigen – bekanntester Vertreter ist das Beta-Carotin. Grünfutter, also ganze Gräser und Kräuter, enthält deutlich mehr davon als etwa Silage oder Getreide (Kraftfutter). Je höher der Grünfutteranteil bei Rindern liegt, desto mehr Carotinoide gehen auch in das Fleisch, genauer gesagt in das Fett, und in die Milch über.
Der gesundheitliche Wert des Beta-Carotins liegt im Fall der Almprodukte unter anderem in seiner antioxidativen Wirkung. Das bedeutet, dass der Stoff im Blut an sogenannte „freie Radikale“ bindet und diese neutralisiert. Bei freien Radikalen handelt es sich um aggressive Sauerstoffverbindungen, die zum Beispiel durch Entzündungen oder Umwelteinflüsse im Körper entstehen. Kann dieser sie nicht effektiv genug wieder „einfangen“, dann können freie Radikale an der Entstehung von Krankheiten wie etwa Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen mitwirken.
Carotinoide wie das Beta-Carotin können vom menschlichen Körper bei Bedarf aber auch in das wertvolle Vitamin A umgewandelt werden, während Vitamin A in tierischen Produkten bereits in seiner aktiven Form enthalten ist. Der menschliche Körper benötigt es unter anderem für sein Wachstum und die Neubildung von Zellen. Auch beim Sehvorgang und für das Immunsystem spielt es eine wichtige Rolle. Ein erhöhter Beta-Carotin-Gehalt zeigt sich an der intensiveren, gelblichen Färbung der Almbutter. Laut Österreichischem Lebensmittelbuch darf hierzulande hergestellter Butter kein Beta-Carotin als Farbstoff zugesetzt werden. Eine Ausnahme bilden sogenannte Milchstreichfette wie Halbfettbutter. Auch Schnitt- und Weichkäse dürfen zugesetztes Beta-Carotin enthalten.
Auch ein günstigeres Fettsäuremuster wird häufig als positive Eigenschaft von Almmilchprodukten genannt. Es zeigt sich in etwas geringeren Anteilen an gesättigten Fettsäuren. Bei hoher Zufuhr beeinflussen diese den menschlichen Cholesterinspiegel negativ und erhöhen das Risiko für Gefäßverkalkungen. Umgekehrt gilt ein höherer Anteil an ungesättigten Fettsäuren daher als positiv. Das günstigere Fettsäuremuster zeigt sich bei der Butter in einer verbesserten Streichfähigkeit. Auch das Fleisch von Weide- beziehungsweise Alm-Rindern zeigt laut Untersuchungen der HBLFA Raumberg-Gumpenstein ein verbessertes Fettsäuremuster.
Beide Merkmale – Fettsäuremuster und Carotinoid-Gehalt – charakterisieren vor allem fett- haltige Almmilchprodukte und sind auf den hohen Anteil an Grünfutter in der Futterration zurückzuführen. Hohe Grünfutteranteile gehören neben der Almhaltung zur Weidehaltung generell. Produkte aus Heumilch oder Wiesenmilch, die zum Teil auch Almmilch beinhalten, weisen daher ähnliche Eigenschaften auf.
Trotz der positiven Eigenschaften gelten auch für Almprodukte die allgemeinen Ernährungsempfehlungen. Zudem gilt festzuhalten, dass etwa Karotten oder andere Gemüsearten um ein Vielfaches höhere Gehalte an Carotinoiden aufweisen und dabei fettärmer sind. In einer Fachunterlage der Almwirtschaft Österreich ist zu lesen: „Die Datenlage in Bezug auf die gesundheitlichen Auswirkungen von Almprodukten lässt noch viel Raum für die Forschung offen. Es gibt bislang keine wissenschaftlichen Langzeitstudien mit hoher Evidenz, welche die direkte Verbindung zwischen dem Konsum von Almprodukten und den gesundheitlichen Auswirkungen untersucht haben.“
Unabhängig davon lässt sich aber sagen: Als Bestandteil einer insgesamt ausgewogenen Ernährung können Lebensmittel von Almen zu einem gesunden Ernährungsstil beitragen. Darüber hinaus stärkt ihr Konsum regionale Wertschöpfungsketten und trägt zum Erhalt ökologisch wertvoller Lebensräume bei.
Quellen
53 oesterreich.gv.at: Pilze und Beeren sammeln im Wald (Zugriff: 12.06.2025)
54 Jagd Österreich (jagdfakten.at): Was kostet die Jagd in Österreich? (Zugriff: 25.06.2025)
55 Joanneum Research (2003): Evaluation der Auswirkungen eines Zirbenholzumfeldes auf Kreislauf, Schlaf, Befinden und vegetative Regulation
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Können Almen vor Naturgefahren schützen?
Der Klimawandel bringt ein höheres Risiko für Naturkatastrophen wie etwa Schlammlawinen oder Überflutungen mit sich. Ein Teil der dadurch entstehenden Schäden geht aber nicht auf das Konto der erwärmten Erdatmosphäre. Auch die Aufgabe von Almweiden und andere Veränderungen bei der Landnutzung wirken sich negativ aus. Auch bei der Trinkwasserbildung spielen Almen eine wichtige Rolle.
Unter alpinen Naturgefahren sind Ereignisse wie etwa Muren (Schlamm-/Gerölllawinen), Hangrutschungen, Felsstürze, Hochwasser, Überflutungen oder Schneelawinen zu verstehen. Dabei kommen innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Wasser, Schnee, Erde, Fels oder Gestein einen Abhang herunter. Je nach Ort und Größe des Ereignisses können sie Häuser, Straßen und andere Infrastruktur zerstören sowie Menschenleben direkt gefährden.
Prinzipiell gehören Naturgefahren zur Natur, wie es der Begriff bereits verrät. Da Gebirge der natürlichen Verwitterung sowie Wetter- und Klimaschwankungen ausgesetzt sind, sind Muren, Lawinen und Co. immer schon Teil des Repertoires der Alpen. Zur Katastrophe werden solche Ereignisse erst dadurch, dass sich der Mensch mit seinen Siedlungen oder im Rahmen seiner Aktivitäten in ihren unmittelbaren Einflussbereich begibt.
Hinzu kommt, dass das Risiko von Naturgefahren mit dem voranschreitenden Klimawandel größer wird. Das liegt etwa daran, dass die wärmere Atmosphäre mehr Wasser aufnehmen kann, das dann in Form von stärkeren Niederschlägen wieder nach unten kommt. Ein anderes Beispiel sind Felsbereiche im Hochgebirge, die bislang dauerhaft gefroren waren und durch das Eis zusammengehalten wurden. Teile davon tauen inzwischen auf und werden dadurch instabiler. In eisfrei gewordene Ritzen und Spalten kann erneut Wasser eindringen und gefrieren. Da sich Wasser beim Gefrieren ausdehnt, kann es dabei das Gestein auseinanderdrücken. Dieser als Frostsprengung bezeichnete Vorgang trägt zur Instabilität von Felsbereichen bei.
Wie schützen Almen vor Naturgefahren?
Generell können auch Almflächen solche Naturkatastrophen nicht verhindern. Durch eine standortangepasste und nachhaltige Bewirtschaftung lässt sich ein Teil des Risikos allerdings verkleinern. Konkret kommt es dabei vor allem auf die Art des Bewuchses einer Fläche beziehungsweise auf deren Bewirtschaftung an.
Was ist ein Schutzwald?
Den besten Schutz vor Naturgefahren bieten Waldflächen. Dabei sind laut Gerhard Markart vom Institut für Naturgefahren am Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) vor allem zwei Wirkungen des Waldes maßgeblich: „Zum einen brechen die Bäume die Bewegungsenergie des Niederschlags, indem sie Regentropfen zerkleinern und deren Aufprallgeschwindigkeit am Boden reduzieren.“ Wo der Boden dagegen ohne den Schutz durch eine Pflanzendecke offen daliegt, prallen die Tropfen mit großer Wucht auf die Oberfläche und schleudern Bodenpartikel nach allen Seiten weg. Auf diese Weise wird der Boden zugleich verdichtet, eingeschlämmt und versiegelt. Nach und nach reduziert sich seine Fähigkeit, Wasser aufzunehmen. Bäume wirken dem entgegen. „Zum anderen haben Waldböden in der Regel ein deutlich höheres Wasseraufnahmevermögen als vergleichbare Böden ohne Wald“, fügt Gerhard Markart hinzu. „Das liegt daran, dass Bäume mehr Wasser aufnehmen und verdunsten als andere Pflanzen. Daher ist im Waldboden meist mehr freier Porenraum vorhanden, der etwa bei Starkregen wieder aufgefüllt werden kann.“
Als physische Barriere wirkt Wald auch Lawinen oder Steinschlag entgegen. Sie können hier kaum entstehen oder werden abgebremst werden, wenn sie von oberhalb kommen. Allerdings können Bäume auch zum Problem werden, zum Beispiel, wenn sie eine Hangrutschung einmal doch nicht verhindern können und in einen Bach stürzen. Dessen Wasser kann sich daraufhin anstauen. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Verklausung“. Wenn sie sich ruckartig wieder löst, können schwere Muren die Folge sein.
Die weitgehende Schutzfunktion des Waldes haben die Menschen aber dennoch bereits im Mittelalter erkannt und bestimmte Bereiche oberhalb besiedelter Flächen von der Rodung ausgeschlossen. Heute sind in Österreich gemäß dem Forstgesetz 1,6 Millionen Hektar Staatsfläche als Schutzwald festgelegt, das entspricht 42 Prozent der gesamten Waldfläche.56 Hier gelten spezielle gesetzliche Rahmenbedingungen für die Bewirtschaftung und Nutzung. Diese sollen dafür sorgen, dass die Funktion des Schutzwaldes erhalten bleibt. Laut Experte Markart sind für den Schutz des Bodens vor allem sogenannte Standortschutzwälder wichtig. „Ohne solche Wälder wäre der Boden in vielen Steillagen längst verschwunden und das Wasser könnte ungebremst zu Tal rauschen.“ Laut Landwirtschaftsministerium könnten ohne Schutzwälder fast die Hälfte des Lebens- und Wirtschaftsraums hierzulande nicht genutzt werden.
Brachliegende Almen vergrößern das Risiko für Lawinen
Neben den Schutzwäldern mindern auch gut geführte Almweiden das Risiko für bestimmte Naturgefahren. Auf den ersten Blick sollte eine Umwandlung von Almweide zu Wald also kein Problem darstellen. Schließlich würde der Schutz dadurch nur verbessert werden. Von entscheidender Bedeutung ist in diesem Zusammenhang aber die mehrere Jahrzehnte andauernde Übergangsphase, in der eine nicht mehr bewirtschaftete Fläche weder gepflegte Almweide noch richtiger Wald ist. Gerade dann herrscht für Lawinen oder bestimmte Formen der Erosion ein erhöhtes Risiko. Das liegt an den besonderen Bedingungen, die sich auf einer brachliegenden Almweide einstellen können.
Dazu gehört die zuvor beschriebene Tatsache, dass Gras ohne Beweidung oder Mahd zu langen Halmen heranwächst. Auch nieder wachsende Gehölze wie Grünerlen oder Latschenkiefern kommen allmählich auf. Je nach Bedingungen kann sich diese Art des Bewuchses unter Schneelast beugen und so zu einer Rutschfläche formen. Auf nicht beweideten oder gemähten Flächen in Hanglage erhöht sich dadurch die Intensität des sogenannten Schneegleitens. Ähnlich wie die Eismassen eines Gletschers langsam Richtung Tal fließen, gleitet auch eine Schneedecke als Ganzes ganz allmählich hangabwärts. Je nach Standort und Witterungsbedingungen kann die herabgleitende Schneedecke brechen und dadurch Lawinen, genauer gesagt Gleitschneelawinen, auslösen.
Gleitschneelawinen werden durch einen weiteren Prozess begünstigt, der sich auf brachliegenden Almflächen zeigen kann: Nicht gemähte oder abgefressene Grashalme sterben am Ende jeder Vegetationsperiode naturgemäß ab. Da sie im kühlen Bergklima nur langsam ver- rotten, können bestimmte Grasarten im Laufe der Jahre robuste Filzmatten bilden, durch die Wasser nur schwer versickern kann. Einige Arten verstärken den Effekt zusätzlich durch einen dichten Filz aus Wurzelfilz. Während Phasen der Schneeschmelze sickert das Wasser durch die Schneedecke hindurch und bildet zwischen Filzmatte und Schneedecke einen Wasserfilm. Dieser gerät umso dicker, je schwerer das Wasser im Boden versickern kann. Der Wasserfilm verringert den Reibungswiderstand der Schneedecke zusätzlich, und das Risiko für Gleitschneelawinen wächst.
Was sind Blaiken?
Bei einer Blaike handelt es sich um eine Art Wunde in der Grasnarbe eines Hangs. Zu einem erhöhten Risiko von Blaiken kann ebenfalls das Aufkommen bestimmter Pflanzenarten bei- tragen. Dazu gehören Gräser, die sogenannte Horste bilden. Von Horsten ist bei Pflanzen die Rede, bei denen viele Triebe oder Halme dicht beieinander und büschelartig wachsen. Die langen Halme horstbildender Gräser oder auch die Zweige starrwüchsiger Zwergsträucher können unter bestimmten Bedingungen in die Schneedecke einfrieren. Rutscht diese dann im Zuge des üblichen Schneegleitens nach unten, dann zieht sie die eingefrorenen Pflanzen samt Wurzeln und Erde mit nach unten. Kahle Stellen im Hang bleiben zurück.
Das Risiko für solche auch „Blaiken“ genannte Hangrutschungen ist sowohl auf brachliegenden als auch auf überweideten Flächen erhöht.
Erosion und Überschwemmungen durch brachliegende Almen?
Ein dichter Filz aus altem Gras kann auf aufgelassenen Almen auch im Sommerhalbjahr für Probleme sorgen, wie Naturgefahren-Experte Gerhard Markart erklärt: „Bei einem Starkregen wirkt der Filz wie ein Strohdach, von dem die Tropfen abperlen. Das Wasser fließt vermehrt oberflächlich ab, statt im Boden zu versickern.“ Das Problem dabei: Je mehr Wasser inner- halb kurzer Zeit vom Himmel fällt und nicht im Boden versickert, desto eher führt es weiter talwärts zu lokalen Überschwemmungen und Erosion. Mit Erosion ist in diesem Zusammenhang ein Phänomen gemeint, bei dem fließendes Wasser Bodenteilchen mit sich reißt. Dadurch können sich immer tiefer ins Gelände eingrabende Rinnen und Gräben bilden. In ihnen kann das Wasser bei starkem Regen mit hoher Geschwindigkeit Richtung Tal fließen und sich in Bächen sammeln. Außerdem geht auf betroffenen Flächen wertvoller Boden verloren.
Grundsätzlich sind Grünlandflächen (Wiesen und Weiden) wegen ihres dauerhaften Bewuchses zwar sehr viel weniger erosionsgefährdet als etwa hügeliges Ackerland. Bei Letzterem liegt der Boden meist phasenweise unbedeckt und schutzlos vor, zum Beispiel rund um die Aussaat einer neuen Kultur im Frühjahr oder Herbst. Aber auch auf Almfutterflächen kann es zu Erosion kommen.
Das Erosionsrisiko im Bereich von Almen vergrößert sich aber nicht nur durch Nutzungsaufgabe und potenzielle Filzmatten. Auch eine punktuell zu intensive Beweidung vergrößert das Erosionsrisiko. Wenn zu viele Tiere ständig dieselben Stellen betreten, sodass sich die Pflanzen nicht mehr erholen, kann die Grasnarbe dauerhaft aufreißen und so Eintrittspforten für Niederschlagswasser öffnen. Entlang von nicht befestigten Wanderwegen ist das Phänomen ebenfalls beobachtbar. Hier wird es teils durch Menschen, teils durch Weidevieh verursacht, das Wanderwege ebenfalls nutzt.
Starkregenereignisse sind in Österreich wegen des Klimawandels schon jetzt häufiger zu beobachten. Sie können selbst an kleinsten Bächen innerhalb kürzester Zeit zu verheerenden Überschwemmungen führen. Das gilt besonders für den Alpenraum, wo das Niederschlagswasser weiter Einzugsgebiete in relativ engen Talmulden zusammenläuft.
Laut Gerhard Markart macht man es sich aber zu einfach, wenn man die entstehenden Schäden allein dem Klimawandel zuschreibt. „Es wirken zwei Faktoren zusammen: Zum einen die inzwischen auch für Österreich belegbar extremer werdenden Starkregen. Zum anderen aber auch die seit Jahrzehnten vorangetriebenen Änderungen bei der Landnutzung, die dafür sorgen, dass die Landschaft weniger Wasser halten kann: immer mehr Straßen, Gebäude und sonstige Infrastruktur mit entsprechend versiegelten Böden, Maisanbau, wo früher eine Mähwiese war, Ausbau von Skipisten teils ohne geeignete Bodenschutzmaßnahmen, Auflassung von Almen und dadurch Wegfall der Almpflege. All das erhöht das lokale Risiko für Überflutungen und andere Naturgefahren, zusätzlich zum Klimawandel.“
Wald sowie fachlich gut bewirtschaftete Almfutterflächen und Skipisten leisten dagegen einen Beitrag, das Erosions- und Überschwemmungsrisiko zu mindern.
Wie kann die Almwirtschaft zur Risikominimierung beitragen?
Bei der Bewirtschaftung einer Alm lässt sich mit unterschiedlichen Maßnahmen dem Risiko von Erosion entgegenwirken. Dazu gehört zuallererst eine gut gemanagte, gleichmäßige Beweidung mit nicht zu wenigen und nicht zu vielen Tieren.
Zu viele Huftritte fördern Verletzungen der Grasnarbe vor allem an steileren Hängen und bei besonders feuchtem Bodenzustand. Da sich die Erde hier viel leichter nach unten treten lässt, sollten bestimmte Steillagen nicht von besonders schweren Tieren wie ausgewachsenen Milchkühen beweidet werden. Ziegen wären in diesem Fall besser geeignet. Häufig werden Steilflächen auch als Bergmähder genutzt. Dabei wird der Hang einmal jährlich oder zwei- jährlich zum Heumachen genutzt und von Weidetieren nicht oder nur für kurze Zeit betreten. Auch das dient dem Schutz der Flächen.
Eine gelenkte Weideführung mit Hilfe von Hirtinnen und Hirten oder der Unterteilung der Weiden mittels Zäunen (Koppelwirtschaft) kann die Tiere in den jeweils geeigneten Bereichen der Alm halten, je nach Witterung und Zustand der Flächen. So lassen sich Schäden minimieren. In der Praxis scheitern derartige Maßnahmen allerdings häufig an Personalmangel oder daran, dass die Kosten dafür in keinem Verhältnis zu den Erlösen aus der Almwirtschaft stehen.
Viehgangeln bremsen Wasser und Schnee
Umgekehrt kann das regelmäßige Betreten von Hängen durch Weidetiere – in nachhaltigem Ausmaß – das Erdreich auch leicht verfestigen und so vor Erosion schützen. Dieser Effekt zeigt sich in den Viehgangeln. Sie sehen nicht nur aus wie schmale Terrassen, sie wirken auch wie solche. Genau genommen bremsen die von den Weidetieren geschaffenen Geländestufen Wasser und Schnee auf dem Weg talwärts.
Die Erosionsgefahr vergrößert sich also sowohl durch eine zu intensive beziehungsweise nicht ideal gemanagte Nutzung der Almweiden als auch durch das genaue Gegenteil, nämlich die komplette Nutzungsaufgabe. Es kommt auf das passende Maß beziehungsweise die Intensität der Beweidung an. Betrachtet man die Österreichs Almen als Ganzes, dann steht das Problem einer zu geringen Bestoßung (Beweidung) laut vieler Fachleute deutlich im Vordergrund.
Auch die Sorgfältigkeit der Almpflege hat einen Einfluss. Die Neuansaat kahler Stellen im Almfrühling hilft bei der Regeneration der Weiden. Auch das Absammeln von Steinen ist Teil der Almpflege. Lawinen oder Steinschläge lassen diese manchmal auf den Almflächen zurück. Beim nächsten Schnee werden diese Steine von der sich bewegenden Schneedecke wie ein Pflug nach unten gezogen. Die folgenden Wunden in der Grasnarbe nennen Fachleute „Schneeschurf“. Das Entfernen von Steinen steigert außerdem den Futterertrag und mindert das Verletzungsrisiko für die Almtiere.
Auch eine optimale Düngung fördert eine möglichst gute Durchwurzelung des Bodens und stabilisiert so die Almflächen. Laut Gerhard Markart gehört eigentlich auch die Pflege von Be- und Entwässerungssystemen zur Almpflege.
Was sind Waale?
Als Waale werden in der Almwirtschaft schmale Gräben zur Bewässerung der Weideflächen bezeichnet. In ihnen fließt Wasser aus Bächen parallel zum Hang zu ausgewählten Almfutterflächen. Oft wurden Waale schon vor Jahrhunderten angelegt, vor allem in den trockeneren Regionen der Alpen. Meist handelt es sich um einfache, mit der Handhacke gezogene Rinnen, manchmal auch um schmale, mit Holz oder Stein ausgekleidete Kanäle. Innerhalb Österreich sind die pflegeaufwändigen Waale bis auf wenige Ausnahmen, wie im Tiroler Oberland, kaum noch zu finden. Die Tiroler Waale gehören inzwischen zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Wann kann die Umwandlung zur Skipiste zum Problem werden?
Die Nutzung einer Almfläche als Weide im Sommer und als Skipiste im Winter ergänzt sich in der Regel gut. So sorgen die Weidetiere für eine raue Grasnarbe, auf der schon mit relativ wenig Schnee eine gute Piste präpariert werden kann. Umgekehrt sorgt etwa die Erzeugung von Kunstschnee in trockeneren Wintern für zusätzliches Wasser zur Versorgung der Almfutterpflanzen. Auch helfen Einnahmen aus der Verpachtung der Flächen an die Bergbahnbetriebe bei der Erhaltung der Almwirtschaft.
Dennoch gibt es am Ausbau von Skigebieten auch Kritik. Laut Naturgefahren-Experte Gerhard Markart kann die Neuschaffung von Pistenflächen, wenn sie ohne Rücksicht auf den Boden gemacht wird, für eine schlechtere Wasseraufnahme und damit für vermehrten oberflächlichen Abfluss sorgen. „Die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens hängt von einem intakten Bodenleben und einer guten, gewachsenen Struktur des Bodens ab. Beides wird zerstört, wenn man ihn mit schwerem Gerät planiert und verdichtet“, erklärt Markart. Vor allem in höheren Lagen, wo die biologischen Prozesse besonders langsam ablaufen, brauche es dann lange Zeit, bis die Funktion des Bodens wieder hergestellt ist. „Wir empfehlen zum Beispiel, vor solchen Maßnahmen den Oberboden abzuschälen, auf der Seite zu lagern und nach der Planierung der Fläche wieder als oberste Schicht aufzutragen. Leider wird das nicht immer so gemacht.“ Auch die zu frühe Beweidung einer neu angesäten Pistenfläche könne kontraproduktiv sein.
Es gebe allerdings auch positive Beispiele von behutsamem Pistenausbau. Werden die Flächen etwa mit Stallmist gedüngt, fördert dies das Bodenleben und die Regeneration der Flächen.
Sind Almen gut für das Trinkwasser?
Almen spielen eine Rolle bei der Neubildung von Trinkwasser. Gegenüber einer Waldfläche bringen Almweiden den Vorteil mit sich, dass in der Regel mehr Wasser in tiefere Boden- schichten rinnen und so zur Neubildung von Trinkwasser beitragen kann. Zwei Mechanismen tragen zu diesem Effekt bei.
Um einen der beiden Effekte zu erklären, stellt Almexperte Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein eine Frage: „Wenn es zum Beispiel nieselt, dann werde ich bei einer Wanderung über die Alm nass. Wenn ich zur gleichen Zeit aber im Wald spazieren gehe, dann werde ich nicht nass. Warum ist das so? Weil die Wassertropfen auf den Bäumen oben hängenbleiben und von dort wieder verdunsten.“ Bei diesem als „Interzeption“ bezeichneten Vorgang können beträchtliche Anteile des Niederschlags „verloren gehen“, indem sie nicht in den Boden versickern und damit auch nicht zur Trinkwasserneubildung beitragen können.
Unterschiedliche Studien legen für Nadelwälder Interzeptionsverluste ungefähr zwischen 20 und 35 Prozent des jährlichen Niederschlags nahe. „Was die Trinkwasserspende betrifft, sind Almflächen klar im Vorteil“, hält Andreas Bohner fest, „weil der Wassertropfen auf den Weidepflanzen schnell Richtung Boden rinnt und dort versickert. Allerdings immer vorausgesetzt, dass die Weide nicht extrem verdichtet ist.“
Bäume brauchen mehr Wasser als Gras
Ein zweiter Effekt kommt hinzu: Auch von der Wassermenge, die in den Boden gelangt, kann auf einer Almweide mehr als im Wald zur Trinkwasserneubildung beitragen. Der Grund ist simpel: Bäume nehmen aufgrund ihrer Größe viel mehr Wasser auf als der Grasbewuchs der Weiden. Alle Pflanzen geben dieses Wasser im Zuge der sogenannten Transpiration über ihre Blätter oder Nadeln wieder an die Atmosphäre ab. Nur Bäume eben viel mehr als Gras. Weil die Bäume, salopp gesagt, ständig Wasser wegschaffen, kann ein Waldboden zwar meist mehr Wasser aufnehmen als ein Weideboden. Umgekehrt lässt die Weide aber größere Wassermengen in Richtung Grundwasser davonrinnen.
Nicht zuletzt deshalb werden Almen auch bei der Anpassung an den Klimawandel eine wichtige Rolle zugeschrieben. Dies ist etwa in einer Veröffentlichung des „Austrian Panel on Climate Change“ (APCC) nachzulesen. Das Gremium setzt sich aus den im Bereich Klimawandel renommiertesten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Landes zusammen. Es sammelt, ordnet und veröffentlicht regelmäßig Zusammenfassungen der für Österreich wichtigsten Klimaforschung. In seinem Sonderbericht zu Landnutzung und Klimawandel aus dem Jahr 2024 heißt es: „Aufgrund der im Vergleich zu Grünlandflächen erhöhten Evapotranspiration von Waldflächen führt die zunehmende Verwaldung und Verbuschung zu einer verstärkten negativen Entwicklung der Bodenwasserbilanz in den alpinen Tälern Österreichs.“57 Mit „Evapotranspiration“ ist in der Fachsprache das Zusammenspiel aus Transpiration, also der Verdunstung durch Pflanzen, und der Verdunstung von freien Oberflächen gemeint.
Übrigens: Im selben Abschnitt bezeichnet der Landnutzungs-Report die weidebasierte Milch- und Fleischproduktion der Almen als „nachhaltige Produktionsstrategie mit einer vergleichsweise hohen Umweltverträglichkeit“. Außerdem erwähnt er als Option zur Anpassung an den Klimawandel die Möglichkeit, „den Almfutterflächenverlust zu reduzieren und bereits verbuschte und verstrauchte Almflächen zu rekultivieren.“
Quellen
56 BML (2024): Der Schutzwald in Österreich, S. 5
57 Jandl et al. (2024): APCC Special Report: Landnutzung und Klimawandel in Österreich, S. 232
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Wie helfen Almen beim Schutz der biologischen Vielfalt?
Die meisten europäischen Pflanzenarten sind lichtbedürftig. Indem bewirtschaftete Almen die Ausbreitung des dunkleren Waldes verhindern, spielen sie eine wichtige Rolle als Rückzugsort zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. 100.000 Jahre Eiszeit sowie Bäuerinnen und Bauern haben diesen Zustand geschaffen.
Die traditionelle Landwirtschaft hat auf den von ihr genutzten Flächen die biologische Vielfalt (Biodiversität) gegenüber dem ursprünglichen, natürlichen Zustand vergrößert. Dies gilt auch und insbesondere für die Bewirtschaftung der Almen. Der wesentliche Grund dafür liegt in der großflächigen Rodung der Urwälder. Dadurch entstand ein abwechslungsreiches, kleinteiliges Landschaftsmosaik mit deutlich mehr offenen Bereichen als zuvor. Da es in Mitteleuropa von Natur aus mehr an das Offenland angepasste Arten gibt, konnten viele da- von ihr Verbreitungsgebiet im Zuge der Rodungen ausdehnen. Das gilt vor allem für solche, die gut mit Beweidung und Mahd zurechtkommen.
Vor der Verbreitung von Ackerbau, Grünlandwirtschaft und Viehhaltung, als sich Österreich noch weitgehend im Naturzustand befand, waren die Alpen bis weit nach oben mit Wäldern bedeckt. Und diese sind laut Expertinnen und Experten vergleichsweise artenarm.
Warum ist der Wald artenarm und das Offenland artenreich?
„Der wichtigste Grund für die heutige Artenarmut unter den Gehölzarten liegt in den Eiszeiten. Die haben nur wenige Arten durch den Rückzug in Refugien überstanden“ erklärt Peter Schönswetter, Professor für Botanik an der Uni Innsbruck. „Davor war die Gehölzflora Europas deutlich artenreicher.“
Die jüngste einer ganzen Reihe von Eiszeiten, die in der Wissenschaft eigentlich als „Kaltzeiten“ bezeichnet werden, endete nach einer Dauer von rund 100.000 Jahren vor ungefähr 12.000 Jahren. Weite Teile der Alpen sowie Nordeuropas waren zu dieser Zeit vergletschert und lagen unter einem dicken Eispanzer. In Österreich erreichte er Stärken von mehreren hundert bis über eintausend Metern. Dazwischen lag eine weitläufige, baumlose Tundra- und Steppenlandschaft. Da hier auch Mammuts grasten, wird diese eiszeitliche Landschaft auch als Mammutsteppe bezeichnet.
Pflanzen, die nicht zu den Gehölzen zählen, taten sich mit den Eiszeiten leichter. Vereinfacht gesagt waren ihre Ansprüche an Rückzugsorte geringer, zum Beispiel, weil sie weniger Wärme und Wasser brauchen als Bäume oder weil sie schneller Samen ausbilden, die noch dazu kleiner sind und sich deshalb leichter verbreiten lassen. Derartige Eigenschaften halfen vielen dieser Arten, sich schneller anzupassen und die rauen Zeiten besser zu überstehen. Die meisten haben sie in tieferen, eisfrei gebliebenen Lagen überdauert, etwa am Süd- oder Ostrand der Alpen. Nur wenige Baumarten haben dasselbe geschafft. Von ihren Rückzugsorten aus breiteten sich somit wenige Baum- und viele Offenlandarten im wärmeren Klima immer wieder über die gesamten Alpen aus. So auch nach der jüngsten Eiszeit.
Nach dieser waren aber die verbliebenen Baumarten wieder im Vorteil und der Wald breitete sich großflächig aus. Wo er wächst, können vergleichsweise wenige andere, an Schatten angepasste Arten bestehen. Sein Dach aus Baumkronen schirmt den darunterliegenden Boden von der Sonne ab. Auf diese Weise nivelliert ein Wald auch jene Unterschiede in den Geländeformen, die auf einer baumfreien Fläche für vielfältigere Standortbedingungen und somit größere Vielfalt an jeweils daran angepassten Arten sorgen. So kann beispielsweise eine Rinne auf einem Hang ohne Baumbestand je nach Sonnenstand unterschiedliche Licht- und Schattenbereiche aufweisen. Liegt der Hang aber im geschlossenen Wald, dann liegt die gesamte Rinne ganztägig im Schatten.
Trotz der Dominanz der Bäume fanden sich in den Alpen aber auch in deren natürlichen Zustand vor Ausbreitung der Landwirtschaft einige offene, waldfreie Bereiche. Dazu gehören etwa die alpinen Rasen oberhalb der Baumgrenze oder die Lawinenbahnen, auf denen wegen regelmäßig abgehenden Schneemassen keine Bäume wachsen konnten. Auch Stürme sorgten für Lücken im Wald, die zumindest eine Zeit lang von Wildtieren beweidet wurden. Außerdem gab es kleinflächige sogenannte Magerrasen oder Felsrasen. Sie entstanden etwa auf sehr durchlässigem Boden mit geringer Wasserspeicherkraft in sonniger Lage oder im Regenschatten großer Bergmassive. Diese Bedingungen verhinderten das Wachstum von Bäumen und förderten das von Gräsern und Kräutern. Ein weiterer baumfreier Lebensraum wurde durch die frei fließenden Flüsse in den Tälern geschaffen. Ihr Lauf veränderte sich ständig und hinterließ immer wieder neu geformte mächtige Sand- und Schotterbänke, auf denen sich eine spezifische Flora und Fauna etablieren konnten. In diese offenen Bereiche hatte sich die Artenvielfalt der Gräser oder Kräuter nach der Eiszeit ausgebreitet.
Mehr Lebensraum durch Landwirtschaft
Als schließlich, grob gesagt, ab etwa 5.000 vor Christus, also vor 7.000 Jahren, die ersten Ackerbau und Viehhaltung betreibenden Menschen nach Österreich einwanderten, erhielten diese Pflanzen des Offenlandes über die Jahrtausende hinweg nach und nach zusätzlichen Lebensraum. Zur neu gestalteten Landschaft gehörten neben Waldstücken und wenigen von Natur aus offenen Bereichen nun auch die neu geschaffenen Grünlandbereiche der Almen sowie Äcker, Weiden, Wiesen und dörfliche Strukturen weiter talwärts. Die teilweise Rodung der Wälder hat also zu einer größeren Verbreitung unterschiedlicher Lebensräume und ökologischer Nischen geführt. In das neu geschaffene Offenland konnten nun die Arten der alpinen Rasen, Lawinenbahnen und anderer Nischen vordringen.
Botaniker Peter Schönswetter erforscht die Biodiversität in Gebirgsregionen. Er sagt: „Es gibt keine Arten, die auf den Lebensraum Alm spezialisiert sind und nur dort vorkommen. Sie stammen überwiegend aus der Umgebung und waren schon vor den Almen da. Aber auf einer extensiv bewirtschafteten Almweide ist die Biodiversität größer als im geschlossenen, artenärmeren Wald.“
Der Wald ist zwar ein eigenes, wertvolles Ökosystem mit daran angepassten Lebewesen. Zu- dem spielt er als Speicher von Kohlenstoff bei der Eindämmung des Klimawandels, als Rohstofflieferant oder als Schutzwald eine wichtige und unersetzliche Rolle. Wo der Wald aber gerodet wird, dringt vermehrt Sonnenlicht auf den Boden und das Bodenwasser wird nicht mehr von Bäumen beansprucht. Dadurch entsteht ein neues Mikroklima und ein voll- kommen anderer Lebensraum.
Auch der Boden- und Vegetationsökologe Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein bestätigt, dass die in Österreich von Natur aus gegebene Artenausstattung mehrheitlich auf offene, waldarme oder waldfreie Flächen angewiesen ist. „Es gibt halt wenige Schattenpflanzen und viele Lichtpflanzen“, sagt der Wissenschaftler. „Daher kommen im Wald weniger unterschiedliche Pflanzen vor als auf offenen Flächen." Bohner hat sich intensiv mit der Flora, also der Pflanzenwelt der heimischen Almgebiete beschäftigt. Er ist zudem Autor des 2024 erschienenen Buches „Praxisführer Almpflanzen“, in dem er über 60 Futter- und Zeigerpflanzen des Alpenraums beschreibt.
Was macht Almen besonders artenreich?
In der Gegenwart sind es innerhalb des Alpenraums vor allem die Almen, die im Bemühen um den Erhalt von landschaftlicher Vielfalt und Biodiversität eine besondere Rolle spielen. Aber warum genau konzentrieren sich Lebensraum-Vielfalt und Artenreichtum gerade hier?
Auf Almen wirken neben dem vermehrten Lichteinfall durch die teilweise Rodung des Waldes eine ganze Reihe weiterer Faktoren. In Kombination führen sie zu einer besonders großen Vielfalt unterschiedlicher, aber eng beieinander liegender Lebensräume. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer großen Strukturvielfalt.
Einer dieser Faktoren ist in der geografischen Lage der Alpen zu finden. Das Gebirge liegt unter anderem im Grenzbereich zwischen dem als kühl-gemäßigt bezeichneten Klima Mitteleuropas und dem wärmeren und trockeneren Klima des Mittelmeerraums. Zudem sind die Alpenlandschaften naturgemäß durch große Höhenunterschiede auf engstem Raum gekennzeichnet. Je höher ein Organismus vordringt, desto besser muss er mit kühleren Temperaturen und stärkerem UV-Licht klarkommen. Daher kommen in den Alpen Pflanzen- arten vor, die an verschiedenste Klimazonen angepasst sind, wie die mitteleuropäisch, mediterran, pannonisch oder arktisch geprägte.
Für Almlandschaften sind zudem wechselhafte Reliefs mit in alle Himmelsrichtungen geneigten Hängen charakteristisch. Genauso Ebenen, Senken, Grate und andere Geländeformen. Da sie nicht von Wald bedeckt sind, werden sie je nach Ausrichtung von der Sonne unterschiedlich stark erwärmt. Damit ist auch die Verfügbarkeit von Wasser verbunden, da sonnenbeschienener Boden schneller trocknet als im Schatten liegender. In Senken wiederum sammelt sich das Wasser, was wieder andere, spezifische Standortbedingungen schafft. Selbst auf einer Weide herumliegende Felsen zeigen an ihren verschiedenen Seiten ein unterschiedliches Mikroklima. Sie speichern außerdem Sonnenwärme und geben sie nachts nach und nach wieder ab. Solche auf offenen Flächen wirksam werdenden Reliefunterschiede werden von einem Wald weitgehend ausgeglichen beziehungsweise nivelliert. Erst durch die Öffnung der Landschaft konnten sie ihre Wirksamkeit voll entfalten.
Außerdem haben geologische Kräfte während der Entstehung der Alpen innerhalb kurzer Distanzen unterschiedliche Gesteinsarten an die Oberfläche verfrachtet. Die verschiedenen Bodentypen, die daraus entstanden sind, liegen dadurch unmittelbar nebeneinander vor. Unterschiedliche Böden ziehen unterschiedliche Pflanzenarten an.
Traditionelle Almbewirtschaftung ermöglicht Artenvielfalt
Und schließlich trägt auch die verschiedenartige Bewirtschaftung der Almflächen zu einem Mosaik aus vielzähligen Kombinationen unterschiedlicher Standortfaktoren bei. So wurde der Mist aus dem Almstall aus praktischen Gründen meist immer schon in Nähe der Almgebäude ausgebracht. Dort entstanden sogenannte Bergfettwiesen. Andere Bereiche wurden dagegen nie gedüngt, was zur Entstehung von Magerwiesen führte. Als mager bezeichnen Expertinnen und Experten einen nährstoffarmen Boden. Verschiedene Almflächen werden auch unterschiedlich stark beweidet beziehungsweise einmal im Jahr oder einmal alle zwei Jahre gemäht.
Dort, wo die Hufe der Weidetiere kleine Öffnungen in die Grasnarbe treten, können neue Pflanzensamen auskeimen. Zum Teil werden diese auch im Fell der Tiere – besonders im dichten Fell der Schafe – mittransportiert. Und wo der Dung etwa in Form eines Kuhfladens zu Boden fällt, gedeihen eher nährstoffliebende Pflanzen, während direkt daneben Spezialisten für nährstoffärmere Bedingungen gedeihen können. Der Dung selbst schafft die Lebensgrundlage für bestimmte Insekten, die sich davon ernähren, zum Beispiel Dungkäfer oder bestimmte Fliegenarten. Auch auf der sonnenbeschienenen Seite von Steinmauern herrschen im Vergleich zu ihrer Rückseite spezifische Bedingungen. Bachläufe und weitere Strukturen wie Heuschober sorgen für zusätzliche Vielfalt.
Der Grund für die große Biodiversität der Almen liegt also an der Kombination aus naturbedingter großer Standortvielfalt und der menschengemachten Bewirtschaftungsvielfalt. Je nach Standort haben sich charakteristische Pflanzengesellschaften angesiedelt, die von Fachleuten mit Bezeichnungen wie beispielsweise Goldhaferwiese, Gold-Pippau-Kammgras- weide oder Krummseggenrasen versehen wurden. Zu den artenreichsten dieser Pflanzengesellschaften gehören die Violettschwingel- und Goldschwingelwiesen. Laut Fachliteratur können hier auf 50 Quadratmetern Fläche unter besonders günstigen Bedingungen annähernd 100 verschiedene Pflanzenarten vorkommen. Andere Almpflanzengesellschaften kommen auf 30, 40 oder 50 verschiedene Pflanzen pro 50 Quadratmeter. Die Fläche entspricht einem größeren Wohnzimmer von etwas mehr als sieben mal sieben Meter Seitenlänge.
Was bewirken intensivere Formen der Grünlandwirtschaft?
Zum Vergleich: Auf heute teils sehr intensiv bewirtschafteten Mähwiesen, die oft in Talbereichen und im Flachland liegen, wachsen häufig nur rund fünf bis sieben verschiedene Arten. Das liegt vor allem daran, dass diese Flächen stärker gedüngt und häufiger gemäht werden. Genau genommen kann deren Schnitthäufigkeit, statt bei ein- oder zweimal wie in der Vergangenheit, heute bei fünf- oder sechsmal – an dafür geeigneten Standorten auch bei bis zu siebenmal im Jahr liegen.
Bei dieser Kombination aus größeren Nährstoffmengen und kürzeren Schnittintervallen können nur wenige, genetisch darauf angepasste Arten bestehen. Andere Arten haben dagegen nicht die Fähigkeit, schnell genug zu wachsen. Sie werden überwuchert oder schaffen es nicht rechtzeitig, Samen auszubilden. Daher ist die Intensivierung der Grünlandbewirtschaftung ein Problem in puncto Artenvielfalt.
Dabei sind allerdings zwei Aspekte ebenso zu beachten: Erstens bringen intensivere Bewirtschaftungsformen logischerweise auch Vorteile mit sich: So erhöht sich mit Nährstoffmenge und Schnittfrequenz auch die Qualität des Grünfutters, was eine klimaeffizientere Produktion mit höheren Erträgen ermöglicht. Pro Kilogramm Fleisch oder Milch muss weniger Energie und Arbeitszeit aufgewendet werden, wodurch die Lebensmittel zu geringeren Kosten her- gestellt werden können. Resultat dieser Entwicklung ist, dass die Menschen in Österreich und anderen Industrieländern heute sehr viel geringere Anteile ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. In den 1950er-Jahren lag dieser Anteil noch bei rund 45 Prozent, heute bei ungefähr zwölf Prozent. Erst dadurch wurden Annehmlichkeiten des modernen Lebens wie elektronische Geräte, Urlaubsreisen oder größere Wohnungen und Häuser für weite Teile der Bevölkerung überhaupt erst möglich. Vor allem in den Tälern sowie außerhalb der Alpen ermöglichen bessere Böden und ein günstigeres Klima solche intensiveren, kostengünstigen Produktionsweisen. Hier wird auch der Großteil der heimischen Lebensmittel produziert.
Der zweite in diesem Zusammenhang zu beachtende Aspekt: Eine starre Einteilung der Landwirtschaft in intensiv und extensiv wird der Realität kaum gerecht. Vielmehr finden sich unter den Betrieben alle Abstufungen an Intensitäten. So sind in der Grünlandwirtschaft etwa auch Flächen mit drei- oder viermaliger Mahd keine Seltenheit. Diese lassen sich als mittel-intensiv bezeichnen. Zudem finden sich auch außerhalb der Almen extensiv bewirtschaftete Flächen.
Insgesamt stehen landwirtschaftliche Betriebe vor einer Reihe von Zielkonflikten. Diese ergeben sich aus dem Spannungsfeld zwischen Lebensmittelproduktion beziehungsweise Versorgung der Bevölkerung, Biodiversitäts- und Klimaschutz sowie dem eigenen wirtschaftlichen Dasein. Diese Zielkonflikte sind selten vollständig auflösbar.
Fest steht jedenfalls, dass die Artenvielfalt im Grünland sowohl durch Intensivierung als auch durch das extreme Gegenteil dessen bedroht ist: die völlige Aufgabe der Bewirtschaftung. Letzteres ist vor allem im Bereich der Almen das Problem.
Auch eine im Jänner 2023 präsentierte Studie58 zur Veränderung der Insektenpopulationen in Österreich diagnostiziert einen „markanten Intensivierungsschub in der Grünlandwirtschaft, vor allem ab dem Jahr 2000.“ In den vergangenen 30 Jahren seien knapp 690.000 Hektar Grünland in eine intensiviere Bewirtschaftung überführt worden. Zudem wird festgehalten, „dass die heute regional möglichen vier- bis sechsschnittigen Wiesen zu Beginn der Untersuchungsperiode absolute Ausnahmen waren.“
Insgesamt stellte die im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums durchgeführte Studie für Österreichs Insekten zwar relativ stabile Gesamtartenzahlen fest. Allerdings war eine deutliche Verschiebung des Artenspektrums zu beobachten. So sind inzwischen viele an nährstoffarme Verhältnisse angepasste Arten durch weniger spezialisierte Arten ersetzt worden. Laut dieser und anderer Studien „werden diese Intensivierungsprozesse durchwegs mit rückläufigen Beständen und Artenzahlen in Insektenpopulationen des Acker- und Grünlandes in Zusammenhang gebracht.“ Wobei auch mehrere andere Faktoren eine Rolle spielen. Um Österreichs Insektenvielfalt zu schützen, betont die zitierte Studie die Bedeutung der traditionellen, extensiven Grünlandwirtschaft, wie sie vor allem in den Almgebieten noch zu finden ist. Wörtlich heißt es:
„Die wichtigsten und effizientesten Maßnahmen zur langfristigen Absicherung arten- und individuenreicher Insektenpopulationen in Österreich wurden im abschließenden Teil der ‚Insektenstudie‘ ausformuliert. Besonders hervorzuheben ist dabei die Fortführung bzw. Ausweitung traditioneller Nutzungsformen in der Grünlandwirtschaft (v. a. ein- bis zweimähdige Wiesen, Streuwiesen, Bergmähder und extensive Weideflächen) sowie im Wald (...), wodurch vor allem der Artenreichtum sowie das Vorkommen anspruchsvoller und gefährdeter Arten gesichert werden kann.“59
Mit anderen Worten: Die Auflassung von Almen wirkt kontraproduktiv auf die Insektenvielfalt. Almen machen in Österreich den mit Abstand größten Teil der genannten traditionellen Nutzungsformen aus. Als weitere Maßnahmen zum Schutz von Insekten im Grünland nennt die Studie unter anderem das nicht gleichzeitige Mähen ganzer Wiesen („abgestufter Wiesenbau“), die Reduktion von Wurmmitteln in der Weidehaltung, die Reduktion von Stickstoffeinträgen sowie eine „starke Reduktion der Versiegelungsrate“. Letzteres betrifft die Tatsache, dass in Österreich durchschnittlich rund elf Hektar Land täglich verbaut werden. Rund die Hälfte davon wird dabei mit Asphalt oder Beton versiegelt (beim Rest handelt es sich um unversiegeltes Bauland wie Rasenflächen, Spielplätze, etc.).
Was ist der Unterschied zwischen Biodiversität und Artenvielfalt?
Mit Artenvielfalt ist, wie der Name schon sagt, die reine Anzahl unterschiedlicher Arten innerhalb eines definierten Lebensraums gemeint. Die Biodiversität ist gleichbedeutend mit der biologischen Vielfalt und umfasst neben der Artenvielfalt weitere Aspekte: Auch die Vielfalt der Lebensräume sowie die genetische Vielfalt innerhalb einer Art sind Teilgrößen der Biodiversität.
Was bringen Almen für die Biodiversität insgesamt?
Auch Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein betont die Bedeutung der Almen für die biologische Vielfalt. In einer Fachunterlage der Almwirtschaft Österreich schreibt er: „Bewirtschaftete Almen sind durch ein Mosaik unterschiedlicher Pflanzengesellschaften charakterisiert. Nachdem jede Pflanzengesellschaft eine charakteristische Flora und Fauna beherbergt, haben bewirtschaftete Almen für die Biodiversität eine große Bedeutung.“60
Ebenso unterstreicht Uta Schirpke vom „Institute for Alpine Environment“ (Institut für Alpine Umwelt) in Bozen, Teil der Forschungseinrichtung „Eurac Research“, den diesbezüglichen Wert der Almen: „Almen machen in Österreich einen großen Teil der noch erhaltenen extensiv bewirtschafteten Kulturlandschaften aus. Sie sind sehr, sehr biodivers, weil durch die kleinräumige Bewirtschaftung und das Gemisch aus Wald und offenen Bereichen sehr viele Lebensräume entstanden sind. Wenn die Almen nicht mehr bewirtschaftet werden, gehen diese Lebensräume verloren.“
Und schließlich schlägt mit der Biologin und Geografin Susanne Aigner auch ein Mitglied des Österreichischen Biodiversitätsrats in dieselbe Kerbe. Sie erforscht das Leben auf den Almen seit den 1990er-Jahren. In einem Video-Interview mit dem Webportal „Unsere Almen“ plädiert sie dafür, die Bedeutung der Rinderwirtschaft für die biologische Vielfalt in Österreich stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Sie sagt: „Almen sind nur mit Tieren Almen. Die Rinderhaltung ist für unsere Kulturlandschaft einfach unerlässlich.“ Dabei begründet sie ihren Appell mit dem Argument: „Die Almen in Österreich sind äußerst vielfältig. Almen können eine enorme Vielfalt an Tieren und Pflanzen beherbergen.“61
Warum werden Almen extensiv bewirtschaftet?
Die Almgebiete sind eher ungeeignet für die intensive und besonders ertragreiche Landwirtschaft. Würde man hier beispielsweise ähnlich stark düngen wie im Tal, dann könnten die Erträge dennoch nicht mithalten. Der Boden könnte die Nährstoffe nicht speichern und das Wachstum der Pflanzen bliebe wegen der kühleren Temperaturen und kürzeren Vegetations- zeit auch mit stärkerer Düngung begrenzt.
Die in Österreich noch erhaltenen rund 8.000 Almen sind daher so etwas wie der logische Rückzugsort der traditionellen, extensiven, sprich weniger intensiven Landwirtschaft – und damit auch einer der Rückzugsorte für die biologische Vielfalt Österreichs.
Das ist auch für den Botaniker Peter Schönswetter der entscheidende Punkt: „Extensiv be- wirtschaftete Almen erhalten Lebensräume für Arten, die es früher auch weiter Richtung Tal oder anderswo vermehrt gegeben hat, die aber dort etwa durch die ausufernde Verbauung oder intensivere Formen der Landwirtschaft kaum noch vorkommen.“
Laut Grünem Bericht fielen 25 Prozent der gesamten Grünlandfläche Österreichs im Jahr 2023 auf Almen und Bergmähder. Das entspricht mehr als der Hälfte des extensiv genutzten Grünlands. Dabei sind Flächen als extensiv definiert, die maximal zweimal im Jahr genutzt werden. Insgesamt macht das Extensiv-Grünland 47 Prozent der Gesamt-Grünlandfläche Österreichs aus.
Warum ist kleinräumige Landwirtschaft besonders wertvoll für die Biodiversität?
Der ökologische Wert der Almen liegt nicht allein in ihrer extensiven Bewirtschaftung. Auch speziell ihre Kleinräumigkeit beziehungsweise Kleinstrukturiertheit hat spezielle Auswirkungen. Für ein besseres Verständnis muss man sich dazu klarmachen, dass „extensiv“ und
„kleinräumig“ nicht dasselbe ist. Es werden nämlich auch kleinere Äcker oder Wiesen manch- mal sehr intensiv bewirtschaftet. Umgekehrt finden sich etwa auch große Felder, die eher extensiv bewirtschaftet werden.
Interessant ist dabei, dass der positive Effekt der Kleinräumigkeit sogar stärker sein kann als jener der extensiven Bewirtschaftung. Konkret haben zum Beispiel Studien der Universität Göttingen in Deutschland gezeigt, dass in Landschaften mit kleinen, intensiv bewirtschaften Feldern eine größere Artenvielfalt vorzufinden ist in solchen mit großen, extensiv bewirtschafteten.
Die Forscherinnen und Forscher führen das unter anderem auf sogenannte Grenzlinieneffekte zurück. Wenn viele kleine Einheiten aneinandergrenzen, finden sich automatisch mehr und insgesamt längere Grenzlinien, die ökologisch besonders wertvoll sind. An ihnen können sich zum Beispiel Insekten im Flug orientieren, während sie sehr große, monotone Einheiten nicht überqueren können. Zudem sorgt die Kleinräumigkeit vereinfacht gesagt eher dafür, dass etwa Insekten oder Spinnentiere in einem Bereich Zuflucht oder Futter finden, während ein anderer Bereich gerade gemäht oder von anderen Störungen betroffen wird. Die Überlebenschance von Lebewesen ist also in kleinen Strukturen größer.
Auf vielen Almen ist die Biodiversität daher auch deshalb so groß, weil hier die positiven Effekte der Kleinräumigkeit auf die positiven Effekte der extensiven Bewirtschaftung treffen. Diese Kombination hat sich auch in der Forschung aus Göttingen als ideal erwiesen. Nicht nur, dass die Almfutterflächen die unterschiedlichsten Bedingungen aufweisen, sie grenzen auch häufig an Fels- oder Waldbereiche. Speziell dadurch finden manche Lebewesen ideale Bedingungen vor. Ein Beispiel ist das Birkhuhn. Als Bodenbrüter kann die Vogelart drei verschiedene, nah beieinanderliegende Almbereiche für sich nutzen: Das Birkhuhn brütet seine Eier im Schutz von Zwergsträuchern oder kleinen Bäumchen aus. Aus dieser Deckung heraus gehen die Küken später auf die Jagd nach Insekten, die sie auf den Almwiesen finden. Von dort können sie bei Gefahr schnell in die Deckung zurückweichen. Im Lauf des Jahres bieten die Zwergsträucher dann auch Beeren als Nahrung. Als wechselwarmes Tier ist das Birkhuhn zudem für die Sonnenstrahlung auf diesen offenen Bereichen dankbar. Später, im Winter, suchen sie als flugfähige Tiere auf höheren Bäumen Schutz vor Bodenräubern und können sich von Fichtennadeln ernähren. Somit hat das Birkhuhn gelernt, Zwergsträucher, Almwiesen und Almwald gleichermaßen für sich zu nutzen.
Was bedeutet „extensive“ oder „intensive“ Landwirtschaft im Allgemeinen?
Extensive Landwirtschaft: Extensiv bedeutet wörtlich „ausgedehnt“ und meint Formen der Landwirtschaft, bei der dem einzelnen Tier mehr Platz zur Verfügung steht oder zur Erzielung einer bestimmten Erntemenge mehr Fläche vorgesehen ist. Extensiv bewirtschaftete Ackerflächen werden weniger stark gedüngt und der Bewuchs mit Kulturpflanzen ist häufig lichter. Extensives Grünland wird seltener gemäht – laut Definition des Grünen Berichts höchstens zweimal pro Jahr – oder von weniger Tieren beweidet und wenig gedüngt. Nicht zuletzt diese Umstände lassen mehr Raum für Wildkräuter und ermöglichen somit mehr Biodiversität. Dies spiegelt sich im Gegenzug in geringeren Erträgen wider. Je nach Kulturart und Form der Bewirtschaftung können diese Unterschiede ein geringeres bis zum Teil erhebliches Ausmaß erreichen.
Intensive Landwirtschaft: Intensiv ist ein Synonym für „gründlich“ oder „konzentriert“. Bei intensiven Formen der Landwirtschaft lassen sich unter erhöhtem Einsatz von Technik und Betriebsmitteln in Form von Dünger, Pflanzenschutzmitteln oder Bodenbearbeitung auf gegebener Fläche höhere Erträge erzielen. Der Bewuchs mit Kulturpflanzen ist meist dichter, Tiere sind auf kleineren Flächen konzentriert und haben weniger Platz als bei extensiven Formen der Tierhaltung. Konventionelle Landwirtschaft wird häufig intensiv betrieben, das muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein. Im Rahmen des Agrarumweltprogramms ÖPUL sowie der Anforderungen der EU integrieren konventionelle Betriebe Maßnahmen wie Blühflächen und Randstreifen, die einer Teil-Extensivierung gleichkommen.
FFH-Richtlinie: Extensive Landwirtschaft ist Naturschutz
Die Bedeutung der Almen spiegelt sich auch in der Flora-Fauna-Habitat- oder kurz FFH- Richtlinie wider. Mit ihr beschloss die EU 1992 eines ihrer wichtigsten Instrumente des Naturschutzes. Kern der FFH-Richtline ist die Schaffung eines europaweiten Netzwerks aus Schutzgebieten, das als „Natura 2000“ bezeichnet wird. Es soll zur Erhaltung der „natürlichen“ Lebensräume (Habitate) sowie wildlebender Tiere und Pflanzen dienen. In ganz Österreich finden sich 65 beziehungsweise rund ein Drittel aller Lebensraumtypen der EU, die gemäß der Richtlinie schützenswert sind. Davon sind 17 auf Almen zu finden und viele davon, wenngleich nicht alle, sind landwirtschaftlich geprägt. Zum Verständnis: Zu Österreichs Almflächen zählen auch Wälder oder Felslandschaften.
In einem „Handbuch der FFH-Lebensraumtypen Österreichs“ des Umweltbundesamtes findet sich das Wort Alm zwar selten, allerdings wird die extensive Bewirtschaftung mittels Beweidung und/oder Mahd bei etlichen der gelisteten Lebensraumtypen explizit als erforderliche und zugleich alternativlose Pflegemaßnahme genannt. So heißt es etwa beim „Naturnahen Kalk-Trockenrasen“, der sowohl außerhalb als auch innerhalb der Alpen vorkommt: „Eine extensive Beweidung oder Mahd bei Unterlassung einer Düngung ist erforderlich.“ Davon ausgenommen sind lediglich von Natur aus entstandene Trockenrasen, auf denen aus klimatischen Gründen und aufgrund des Bodens auch ohne Pflege keine Gehölze aufkommen können.
Das Hauptverbreitungsgebiet des Lebensraumtyps der „Artenreichen montanen Borstgras- rasen“ liegt dagegen auf Almen der Zentralalpen sowie der nördlichen und südlichen Kalkalpen. Kleinflächig kommt er auch noch in Mühl- und Waldviertel vor (Böhmische Masse). Zum Thema Pflege wird hierzu festgehalten: „Eine Pflege durch extensive Beweidung oder Mahd bei Unterlassung einer Düngung ist erforderlich.“
Und ein gewissermaßen für die Almen urtypischer FFH-Lebensraum sind die „Berg-Mähwiesen“. Sie kommen zwar noch relativ häufig vor, gelten aber laut Handbuch der Lebensraumtypen als gefährdet. Auch sie kommen ebenfalls noch in der Böhmischen Masse vor, sind dort aber „von vollständiger Vernichtung bedroht“. Die Antwort auf die Frage, wie dieser wertvolle Lebensraum gerettet werden kann, lautet auch bei diesem Beispiel: „Der Lebensraumtyp ist von einer extensiven Bewirtschaftung abhängig. Diese erfolgt durch 1–2-mal jährliche Mahd und keine bis wenig Düngegaben (zumeist Festmist). Eine extensive Nachbeweidung ist möglich.“63
Welche Pflanzenarten sind typisch für Almen und die Alpen?
Drei der bekanntesten Pflanzen des Alpenraums zieren jeweils eine eigene Euro-Cent-Münze österreichischer Prägung: der Enzian ist auf der 1-Cent-Münze zu sehen, das Edelweiß schmückt die 2-Cent- und die Alpenprimel die 5-Cent-Münze. Typisch für die Almen bedeutet nicht, dass sie ausschließlich auf Almen vorkommen. Durch die Erschaffung der Almen wurde ihre Verbreitung allerdings wesentlich ausgedehnt.
Enzian
Neben dem Edelweiß gehört der Enzian wohl zu den allerberühmtesten Almpflanzen, wobei es weltweit mehrere hundert Arten der Gattung Enzian gibt, die auch abseits von Gebirgen vorkommen. Auch in Österreich sind zahlreiche Arten vertreten. Charakteristisch ist für viele Enzian-Arten die intensive Blaufärbung ihrer Blüten, wobei es auch Arten in rötlich-violetten oder gelben Färbungen gibt.
In Form und Größe unterscheiden sich die verschiedenen Enzian-Arten zum Teil stark. So wird etwa der Frühlings-Enzian samt seinen Blüten nur maximal 15 Zentimeter hoch, während etwa der Gewöhnliche Gelb-Enzian stattliche Höhen von 1,40 Meter erreichen kann. Beide kommen auf mageren Bergwiesen und -weiden vor. Enziane können ein Alter von 60 Jahren erreichen. Allerdings dauert es auch acht Jahre vom Auskeimen des Samens bis zur ersten Blüte.
Wie vielen anderen Pflanzen werden dem Enzian, vor allem dem Gelben Enzian, heilsame Wirkungen zugeschrieben, was schon zur Römerzeit, genauer im ersten Jahrhundert nach Christus, dokumentiert ist. Die Wurzelstöcke des Gelben Enzians enthalten unter anderem Zuckerstoffe sowie bitter schmeckende natürliche Pflanzenschutzmittel, die Schädlingsfraß abwehren. Sie lassen sich zu Schnaps und Tee verarbeiten. In Tirol nahm das Ausgraben und Brennen der Enzianwurzel bereits im 17. und 18. Jahrhundert für den Pflanzenbestand bedrohliche Ausmaße an. Ein landesfürstliches Verbot im Jahr 1700 führte zu einer Zunahme des Schwarzbrennens.
Heute werden Enziane schwerpunktmäßig im Zillertal oder im Inntal ausgegraben und verarbeitet, zum Teil auch eigens ackerbaumäßig kultiviert.
Edelweiß
Kaum eine Pflanze des Alpenraums ist so bekannt und symbolträchtig wie das Edelweiß. Die Alpenblume mit den charakteristischen, filzartig-weißen Blüten ist vielfach besungen, gemalt und Motiv in Filmszenen. So schenkt Kaiser Franz Joseph I. im Film „Sissi – die junge Kaiserin“ von 1956 seiner Ehefrau ein Edelweiß. Laut des Wochenblattes „Carinthia“ hat der 26-jährige Kaiser bei seinem Besuch der Pasterze in Kärnten, am 7. September 1856, eigenhändig einen Strauß Edelweiß gepflückt und gerufen: „Das erste in meinem Leben, das ich selbst pflücke!“ In „The Sound of Music“ von 1965, einer der erfolgreichsten Musicalverfilmungen aller Zeiten, singt die Familie Trapp das Lied „Edelweiss“, kurz bevor sie in der Schlussszene Österreich auf der Flucht vor den Nazis verlassen muss. Auch ziert das Alpen-Edelweiß das Vereinsabzeichen der Alpenvereine in Deutschland und Österreich.
Das Edelweiß ist eine typische Pflanze des Hochgebirges und kommt in baumlosen Höhen von meist 2.000 Metern und mehr vor – bevorzugt an steilen, steinigen Hanglagen auf bestimmten kalkreichen Böden. Da es nur bis zu 20 Zentimeter hoch werden kann, ist es auf viel Licht in Bodennähe angewiesen und kommt mit dichtem Bewuchs von Konkurrenzpflanzen nicht zurecht. Die Gattung der Edelweiße stammt ursprünglich aus dem tibetischen Hochland und dürfte während des rund 2,5 Millionen Jahre andauernden Erdzeitalter des Pleistozäns – das vor rund 12.000 Jahren zu Ende ging – über die sibirische Steppe auch in die Alpen eingewandert sein.
Seine spezifischen Ansprüche machen das Alpen-Edelweiß schon von Natur aus vergleichs- weise selten. In Bedrängnis kam das Edelweiß daher schon mit Aufkommen des Bergtourismus im 19. Jahrhundert. Wegen seiner besonderen Schönheit wurde es als begehrtes Sammlerobjekt vor allem entlang von Wanderwegen gepflückt oder ausgegraben. Innerhalb Österreichs wurde die Pflanze im Bundesland Salzburg bereits im Jahr 1886 unter Schutz gestellt. Heute ist es in den meisten Bundesländern streng geschützt. Zum Teil wird das Edelweiß inzwischen züchterisch optimiert und zur Verwendung in Sonnen- und sogenannten Anti-Aging-Cremen, Likören und anderen Produkten angebaut.
Kärntner Wulfenie
Das natürliche Verbreitungsgebiet der äußerst seltenen Kärntner Wulfenie ist innerhalb Österreichs auf einen einzigen Berg und seine Almen beschränkt. Sie wächst am Gartnerkofel in den Karnischen Alpen (Kärnten) beiderseits der Grenze zu Italien. Vor allem ist sie in den Übergangsbereichen zwischen Almfutterflächen und Wald im Bereich lichter Baumbestände. Entdeckt wurde sie im Juli 1779 vom Kärntner Botaniker Franz Xaver Wulfen, nachdem sie auch benannt wurde. Laut Landesmuseum gilt sie zudem als „Kärtner Landesblume“.
Ihre volkstümliche Bezeichnung „Kuhtritt“ hat die meist 30 bis 40 Zentimeter hoch wach- sende und blauviolett blühende Pflanze davon, dass sie ihre Samen zum Auskeimen auf Verletzungen der Grasnarbe angewiesen sind, wie sie durch Kuhtritt entstehen. Eine andere Erklärung ist, dass sie möglicherweise im Fell der Tiere an offene Stellen verfrachtet wird. Bei ausbleibender Beweidung wird die lichtbedürftige Kärntner Wulfenie von anderen, konkurrenzstärkeren Pflanzen wie der Grünerle verdrängt.
Blauer Eisenhut
Der Blaue Eisenhut mit seinen auffälligen blau-violetten Blütenständen ist auf Almen weitverbreitet. Er wächst 40 bis 80 Zentimeter hoch und kommt bis in Höhen von 3.000 Metern vor. Er braucht nährstoffreichere Almböden und wird daher durch Düngung gefördert. Da alle Pflanzenteile allerdings sehr stark giftig sind, wird er vom Weidevieh verschmäht und gilt daher als Weideunkraut. Laut „Praxisführer Almpflanzen“ handelt es sich um die giftigste Pflanze Europas, wobei bereits eine aufgenommene Menge von 0,2 Gramm beim Menschen Vergiftungserscheinungen auslösen können. Seinen Namen hat der Eisenhut vom Erscheinungsbild seiner Einzelblüten, die wie die in der Vergangenheit von Soldaten getragenen Metallhelme aussehen.
Der Eisenhut wächst gerne um Almhütten und Viehställe herum, aber auch auf Berggipfeln, besonders bei Schafsbeweidung. Starken Tritt und Mahd verträgt die Pflanze allerdings nicht gut. Zur Bestäubung ist sie auf Insekten mit einem langen Rüssel angewiesen, die Eisenhuthummel hat sich darauf spezialisiert und ist der wichtigste Bestäuber des Blauen Eisenhuts.
Was bedroht die Artenvielfalt auf den Almen?
Die mit Einführung der Landwirtschaft vor vielen tausend Jahren gesteigerte biologische Vielfalt (Biodiversität) innerhalb der Alpen als Ganzes dürfte seit weit mehr als hundert Jahren wieder schrumpfen. Exakte Aussagen sind zwar schwierig, aber Werner Bätzing fasst mehrere wissenschaftliche Untersuchungen zusammen und schreibt in „Die Alpen“ davon,
„dass das historische Maximum der Biodiversität im Alpenraum im Zeitraum 1850–1880 zu finden ist, also auf dem Höhepunkt der traditionellen landwirtschaftlichen Nutzung der Alpen.“
Dieser Zeitraum dürfte zugleich einen historischen Tiefststand in der Waldbedeckung der Alpen markieren. Seit grob 150 Jahren ist die traditionelle Landwirtschaft im Alpenraum auf dem Rückzug. Die Auflassung von Almflächen ist dabei der entscheidende Treiber hinter den seit vielen Jahrzehnten zunehmenden Waldflächen, die heute bereits 48 Prozent der österreichischen Staatsfläche einnehmen. Während sie in ertragreicheren Lagen im Talbereich durch intensivere Formen der Landwirtschaft ersetzt wurden, tritt in den ertragsärmeren und schwerer zu bewirtschafteten Berglagen häufig das genaue Gegenteil ein: Die Flächen wer- den aufgegeben und verwalden. Beides wirkt sich negativ auf die Biodiversität aus.
Nutzungsaufgabe und zu wenige Almtiere als größte Probleme
Blickt man speziell auf die Almen, so sind sich die allermeisten Fachleute einig: die größte Bedrohung für die Biodiversität in diesem Bereich ist aus den oben genannten Gründen die Aufgabe der Almen. Aber auch für noch bewirtschaftete Almen existieren diesbezügliche Risiken. Auch wenn zum Teil die Überweidung durch vermeintlich zu viele Tiere genannt wird, ist Andreas Bohner von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein überzeugt: „Aus boden- und vegetationsökologischer Sicht müssen wir eigentlich mehr Vieh auftreiben. Von einer Überweidung sind wir insgesamt jedenfalls weit entfernt.“
Andreas Bohner begründet seine Aussage damit, dass zu geringe Auftriebszahlen dazu führen, dass auf den Almen vor allem die guten Futterflächen beweidet werden, während die schlechteren oder auch schwerer zugänglichen tendenziell zu wenige Tiere unterwegs sind. Dort droht dadurch eher die biodiversitätsschädliche Verbuschung der Flächen. Verschärft wird dieses Problem dadurch, dass die Almen tendenziell zu wenig betreut werden. „Früher hat es erfahrene Hirten gegeben, die die Tiere überall herumgetrieben haben. Und die fehlen heute. Das ist ein Problem.“
Dass umgekehrt vor allem um die Almställe und Tränken herum, wo sich das Vieh besonders häufig aufhält, eine sehr intensive Nutzung stattfindet, sieht Bohner nicht als Problem. Eher im Gegenteil. „Eine Landschaft hat dann die maximale Biodiversität, wenn sie eine Vielzahl an unterschiedlichen Lebensräumen aufweist. Und dazu gehören auch kleinere Flächen, die man für sich genommen als überweidet und überdüngt bezeichnen würde. Problematisch wäre das nur, wenn es großflächig passiert. Das kommt hier und da zwar auch mal vor, aber das große Problem ist der Mangel an Almvieh.“ Stark gedüngte Teilflächen innerhalb einer extensiv bewirtschafteten Almlandschaft bilden demnach eigene, zusätzliche Lebensräume für spezielle Arten. „Die Kleine Brennnessel oder der Gelbstern wachsen auf Almen nur um die Hütte herum, wo der Boden nährstoffreich ist.“
Entwurmungsmittel halten Almtiere gesund und schaden Insekten
Ein Problem für einen Teil der Biodiversität können Entwurmungsmittel sein, mit deren Hilfe Almtiere vor Parasiten des Verdauungsapparats geschützt werden können. Bestimmte Würmer und Leberegel sind typische Weideparasiten. Ihre Larven sitzen zum Beispiel auf dem Weidegras und gelangen so in den Körper der Weidetiere. Ihren Wirten bescheren die Parasiten zum Beispiel Blutverlust oder Durchfall. Unbehandelte Tiere können durch Parasitenbefall im schlimmsten Fall verenden. Rinder sind in der Regel weniger stark betroffen als Schafe und Ziegen. Auch deshalb, weil Rinder nach einem Wurmbefall normalerweise eine Immunität entwickeln.
Bestimmte Wirkstoffe können den Parasitenbefall lindern und sind nach der Anwendung einen Monat, manche auch länger aktiv. Über den Kot der Tiere werden sie nach und nach wieder ausgeschieden. Sofern die Entwurmung kurz vor oder während des Almsommers stattfindet, kann dies negative Folgen für solche Insekten haben, die vom Dung der Tiere leben. Dazu gehören etwa bestimmte Dungkäfer, Schmetterlinge oder Fliegen. Die Empfehlung lautet daher, Tiere nur nach einer Kotuntersuchung und bei einem tatsächlichen Befall, zu- dem mit spezifisch wirksamen und nicht mit Breitbandmitteln zu behandeln.
Grundsätzlich stellt der Dung der Weidetiere eine wertvolle Nahrungsquelle für Insekten dar.
Sollten Almen verwildern?
Innerhalb der Naturschutzbewegung gibt es eine Strömung, die große Landflächen von Ein- griffen des Menschen befreien und wieder vollständig der Natur überlassen möchte – nicht nur weltweit, sondern auch innerhalb Europas. Durch ein solches „Rewilding“ („Rückverwilderung“) soll zum einen die heimische Tier- und Pflanzenwelt durch die Erweiterung ihrer Lebensräume profitieren. Zum anderen soll die Neuentstehung von echter Wildnis und das damit verbundene Pflanzenwachstum einen Beitrag zum globalen Klimaschutz leisten. Vor allem Bäume könnten demnach vermehrt Kohlenstoff einlagern und so der Atmosphäre entziehen.
Der Rewilding-Ansatz geht damit weit über den herkömmlichen Naturschutz hinaus. In seinem Rahmen sollen nämlich vor allem noch intakte Landschaften wie etwa Flussauen oder Gebirgswälder geschützt werden. Ebenso grenzt sich das Rewilding von solchen Formen des Naturschutzes ab, bei der bestimmte Elemente der traditionellen Kulturlandschaft durch fort- geführte Bewirtschaftung erhalten bleiben sollen. Ein Beispiel dafür sind die Almen oder anderes traditionell bewirtschaftetes Grünland.
Die in den Niederlanden ansässige Organisation „Rewilding Europe“ schreibt auf ihrer Webseite: „Durch die Wiederbelebung natürlicher Prozesse werden unsere Landschaften und Meeresgebiete auf dynamische Weise geformt. Es gibt kein vom Menschen definiertes optimales Stadium oder einen Endzustand. Die Natur bestimmt die Richtung.“64 Als Beispielregion für einen bis dato gelingenden Rückverwilderungs-Prozess nennt die Organisation etwa die südostfranzösische Region der Dauphiné-Alpen. Diese sei seit dem 19. Jahrhundert stark von Abwanderung betroffen, wodurch sich die Landwirtschaft meist auf die Tallagen zurückgezogen habe und die Hänge weitestgehend „der Natur zurückgegeben“ worden seien. „Die Dauphiné-Alpen beheimaten prächtig gedeihende Populationen von Rot- und Rehwild, Wildschweinen, Gämsen, Alpensteinböcken, Wölfen, Fischottern, Bibern und Murmeltieren, zudem sind alle vier europäischen Geierarten vertreten“, schreibt die Organisation.
Der französische Zweig von Rewilding Europe will den Prozess weiter forcieren, etwa durch den Schutz sich selbst überlassener Wälder oder die Renaturierung von Flüssen. Gleichzeitig wird festgestellt, dass es in dem Gebiet noch zu wenige wilde Weidetiere gibt. Wörtlich heißt es: „Das bedeutet, dass es den verwilderten Wäldern in der Landschaft derzeit an natürlicher Beweidung durch große, freilebende Pflanzenfresser mangelt, die die biologische Vielfalt durch die Öffnung der Landschaft und die Verhinderung der Ausbreitung von Sträuchern verbessern kann.“ Durch die Aussetzung von halbwilden Pferderassen, wie Konik-Pferden oder etwa Galloway-Rindern soll dieser Zustand verbessert werden, wenn es nach den Vorstellungen der Organisation geht.
Auch andere Vereinigungen setzen sich für das Rewilding ein. „Mountain Wilderness Schweiz“ etwa betont jedoch zugleich auch die Notwendigkeit, „die Kulturlandschaft mit ih- ren vielfältigen Lebensräumen und der dazugehörigen Artenvielfalt zu schützen.“ Die Organisation setzt sich aber dafür ein, „dass es daneben auch Räume gibt, in denen Prozesse frei und dynamisch ablaufen können, ohne dass der Mensch lenkend eingreift.“65
Auch die Umweltschutzorganisation „We Planet“ fordert in einem Positionspapier „die groß angelegte Wiederherstellung von Ökosystemen bis zu dem Punkt, an dem die Natur für sich selbst sorgen kann.“66 Allerdings gibt es auch hier eine Einschränkung im Bereich der Almen ein. Andreas Fellner, österreichischer We-Planet-Vertreter sagt: „Das Ökosystem der Almen lässt sich übergangsweise mit extensiver Nutztierhaltung wahrscheinlich besser schützen, da in den Alpen schon lange keine Wisente oder Auerochsen mehr vorkommen, die die Rolle der Nutztiere übernehmen könnten.“ Auch eine Wiederansiedlung dieser Großsäuger dürfte kaum realistisch sein und ist im Fall des ausgestorbenen Auerochsen unmöglich. „Wir werden daher derweil voraussichtlich nur ein begrenztes Alpen-Rewilding fordern“, sagt Andreas Fellner über die Ausrichtung der 2021 gegründeten Organisation.
Grundsätzlich hält aber auch der Weltklimarat IPCC allgemein und mit globalem Bezug fest, dass in der „Wiederherstellung von Wäldern und anderen Ökosystemen“ großes Potenzial zur Eindämmung des Klimawandels steckt. Unter anderem könne demnach eine „nachhaltige landwirtschaftliche Intensivierung“ dabei helfen, „Flächen für Aufforstung und Ökosystemrestaurierung“67 freizusetzen. Damit ist gemeint, dass sich mit hohen Hektarerträgen der Landwirtschaft Flächen einsparen ließen, die dann wieder in natürliche Flächen umgewandelt werden könnten.
Braucht Österreich mehr Wildnis?
Reste von Wildnis gibt es auch in Österreich noch, zum Beispiel im Nationalpark Kalkalpen“. Der 1997 eingerichtete Nationalpark umfasst heute mehr als 20.000 Hektar Fläche und ist damit halb so groß wie das Gemeindegebiet der Bundeshauptstadt Wien. Rund drei Viertel der Parkfläche stehen als „eingriffsfreie Naturzone“ unter Schutz. Dazu gehören auch als Urwaldinseln bezeichnete Areale mit ihren Resten an ursprünglichen Wäldern. Diese waren von den umfangreichen Fällarbeiten verschont geblieben, die über Jahrhunderte hinweg in dem Gebiet stattfanden. Die älteste dort wachsende Buche ist laut Nationalpark-Webseite über 550 Jahre alt.
Der Nationalpark beheimatet in den verschiedenen Buchenwaldtypen insgesamt mehr als 10.000 Arten von Tieren, Pflanzen und Pilzen. Dazu gehören etwa Luchse, Steinadler, Weißrückenspechte, Fledermäuse und viele mehr. Der Luchs ist einer der Profiteure der Wildnis. Das Tier ist nämlich auf große, geschlossene Wälder angewiesen, während die für viele andere Arten so wertvollen Offenlandbereiche ihn eher an der Ausbreitung hindern. Der Weißrückenspecht wiederum fühlt sich in ungenutzten Naturwälder deshalb wohl, weil er dort einen hohen Anteil an Totholz findet. In den am Boden liegenden Stämmen abgestorbener Bäume findet er seine Nahrung, die hauptsächlich aus Insekten besteht.
Was, wenn die Idee der Rewilding-Bewegung, also die Neu-Etablierung von Wildnis, in Zukunft dort vonstattenginge, wo heute noch Almen zu finden sind? Bezogen auf die Biodiversität lässt sich grob zusammenfassen, dass davon zwar Tierarten profitieren könnten, die in störungsfreien Wäldern, wie jenen des Nationalparks Kalkalpen, ideale Bedingungen finden.
Auf der anderen Seite würde die spezielle Artenvielfalt der Almen durch die mittel- und langfristige Etablierung dichter Waldbestände verloren gehen. Auch ihre Funktion als Lieferant heimischer Lebensmittel oder viele Formen der touristischen Nutzung wären auf diesen Flächen dann nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich.
Auch Christian Pichler vom WWF Österreich wirft einen differenzierten Blick auf das Thema:
„Generell gibt es in Österreich nur mehr wenige Gebiete, wo natürliche Prozesse selbständig ablaufen können“, stellt der Artenschutzexperte fest. „Es gibt aber Arten, die darauf angewiesen sind, dass ihre Lebensräume wenig oder nicht bewirtschaftet werden. Sie finden in diesen Gebieten ihre Rückzugsräume. Dazu gehören etwa Totholzkäfer oder der Habichtskauz, der seine Nisthöhlen in alten Bäumen findet und daher in Wildnisgebieten häufiger vorkommt. Anders verhält es sich etwa bei vielen Heuschrecken- und Schmetterlingsarten, die auf Wiesen und Weiden leben und wiederum von einer extensiven Bewirtschaftung profitieren.“
Heutige Rinder und Schafe übernehmen dabei die Rolle, die vor der Verbreitung der Landwirtschaft, jedenfalls in Tieflagen, von wild lebenden Pflanzenfressern wie Auerochsen, Wildpferden oder Wisenten erfüllt wurden: Indem sie den Bewuchs fressen, verhindern als Nebeneffekt die flächige Ausbreitung von Bäumen, erhalten Offenlandschaften und somit auch den Lebensraum von Heuschrecken, Schmetterlingen und zahlreichen anderen Arten.
„Rein aus Sicht des Naturschutzes heißt das nicht, dass jede einzelne Alm erhalten werden muss. Aber es ist auch nicht Ziel, sämtliche Almen aufzulassen.“
Übrigens: Zum Nationalpark Kalkalpen gehören nicht nur jene Gebiete, in die der Mensch nicht mehr eingreift. Auch von Menschen einst durch Waldrodung erschaffene Almen gehören dazu. Laut Nationalpark nehmen sie sechs Prozent seiner Fläche ein und „bereichern die landschaftliche Vielfalt und die Biodiversität des Nationalparks in hohem Maße.“68 Auf den Almwiesen haben Expertinnen und Experten mehr als 800 Pflanzenarten entdeckt, was mehr als 80 Prozent der gesamten Pflanzenvielfalt des Nationalparks entspricht.
Rund ein Prozent der Wälder Österreichs ist Naturwald
Alternativ zur Umwandlung von Almen könnte zusätzliche Wildnis dort entstehen, wo sich heute schon Wälder befinden – jedenfalls in der Theorie. Wälder breiten sich in Österreich seit wahrscheinlich weit über 100 Jahren aus und bedecken heute 48 Prozent der Staatsfläche. Diese Ausbreitung erfolgt in erster Linie auf aufgegebenen Almflächen. Allerdings machen vollkommen sich selbst überlassene Naturwälder nur rund ein Prozent der Gesamtwaldfläche aus.
Auch in Österreich gibt es daher die Forderung, mehr Wald der Natur zu überlassen und nicht mehr einzugreifen, sprich zu bewirtschaften. So könnten Bäume ihre natürliche Altersgrenze erreichen und nach ihrem Absterben in Form von Totholz etwa unterschiedlichen Insekten- arten und anderen Lebewesen Lebensraum und Nahrung bieten sowie die Gesamtmenge des gespeicherten Kohlstoffes erhöhen. Forstwirtschaftliche Interessen beziehungsweise die Funktion der Wälder als wichtiger Rohstofflieferant stehen diesem Ansatz entgegen. Ein weiteres Argument gegen die großflächige Umwandlung in Naturwald kommt aus den Forst- und Klimawissenschaften: Werden geerntete Bäume zu langlebigen Holzprodukten wie Möbel oder Fußböden verarbeitet, dann ist die in insgesamt der Atmosphäre entzogene Menge an CO2 im Vergleich zu einem Naturwald größer. Schließlich wächst an der Stelle des gefällten Baumes ein neuer, während das Holz des anderen im Möbel erhalten bleibt. Ein Wirtschaftswald sei demnach also besser fürs Klima als ein Naturwald. Dies gelte besonders dann, wenn Holz energieintensivere Materialien wie etwa Beton ersetze.
Mehr Wald fürs Klima?
Würde die weitere Wiederbewaldung ehemaliger Almen nicht dennoch dem Klimaschutz dienen, weil mehr Bäume auch mehr des wichtigsten Klimagases Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Atmosphäre holen könnten?
Der im Jahr 2024 erschienene APCC-Sonderreport69 „Landnutzung und Klimawandel in Österreich“, in dem mehrere Dutzend österreichische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Stand der Wissenschaft zusammengetragen haben, hält zu der Frage der Bewirtschaftungsaufgabe von Almweiden Folgendes fest: „Der Übergang von Almweide zu Wald geht mit einem vorübergehend starken Anstieg der Kohlenstoffspeicherung einher.“
Das liegt aber nicht etwa daran, dass Waldböden sehr viel mehr Kohlenstoff speichern würden. Auch Grünlandböden zeichnen sich oft durch hohe Humus- beziehungsweise Kohlenstoffgehalte aus. Durch die Ausbreitung des Waldes bleiben sie laut APCC- Sonderreport „weitgehend unverändert“. Weil aber dicke und meterhohe Baumstämme, salopp gesagt, mehr Kohlenstoff aufnehmen und binden als kurze, kleine Grashalme „nimmt der gebundene Kohlenstoff in der Baumbiomasse so lange zu, bis sich ein stabiler Kohlen- stoffbestand etabliert hat.“ Innerhalb weniger Jahrzehnte könnten durch die Verwaldung von Almflächen bis zu über hundert Tonnen CO2 pro Hektar der Atmosphäre entzogen und gespeichert werden.
Wie Wald die Atmosphäre erwärmt
Allerdings steht dieser positiven Klimawirkung der Waldausbreitung eine negative entgegen: Diese entsteht durch die Tatsache, dass Wälder die Erdoberfläche dunkler machen als dies Grünlandflächen tun. Dadurch reflektieren sie weniger Sonnenlicht zurück ins Weltall, die Atmosphäre erwärmt sich. In der Sprache der Wissenschaft erklärt es der Sonderreport so:
„Mit der Bewaldung verändern sich allerdings auch die Oberflächenbeschaffenheit der Landschaft und deren Reflexionseigenschaften, wodurch die positiven Effekte auf die Strahlungsbilanz der Kohlenstoffsequestrierung in der Baumbiomasse teilweise, bzw. (...) vollständig verloren gehen können.“
An gleicher Stelle weist der Landnutzungs-Report zudem auf wissenschaftliche Ergebnisse hin, die zeigen, „dass aktiv bewirtschaftete Almweiden mehr CO2 aufnahmen als Weideflächen, welche seit 20 Jahren brach lagen.“ Dieser zumindest scheinbare Widerspruch zu den zuvor genannten Effekten eines Übergangs zu Wald ist mit ein Grund dafür, dass dieses Thema auch innerhalb der Wissenschaft kontrovers diskutiert wird.
Eher unstrittig ist allerdings eine weitere Aussage des Reports. Am Beginn der Ausführungen über die Almen heißt es: „Almen tragen maßgeblich zur Ästhetik des österreichischen Landschaftsbildes bei und erfüllen eine Reihe wichtiger Ökosystemleistungen zum Erhalt einer regional hochwertigen Landwirtschaft und einer hohen Artenvielfalt im alpinen Raum.“
Könnten Wildtiere die Almen offenhalten?
Durch Almwirtschaft und Nutztiere offen gehaltene Flächen stellen ökologisch bedeutsame Lebensräume dar. Gleichzeitig profitieren etliche Tierarten aber auch von einer ganz der Natur überlassenen Wildnis. Wäre daher aus Naturschutzsicht nicht eine Kombination von beidem ideal? Oder, anders gefragt: Könnten Wildtiere wie Reh-, Rot- und Gamswild nicht Rinder, Schafe und Ziegen ersetzen und Almflächen auch nach Aufgabe der Landwirtschaft offenhalten?
„Ich habe einmal eine Masterarbeit zu einer Alm im Nationalpark Gesäuse betreut, auf der gibt es kein Vieh mehr und trotzdem sind die Almflächen offen“, sagt Ökologe Andreas Bohner dazu. „Die Erklärung, die dort gefunden wurde, war, dass relativ viele Wildtiere unterwegs sind. Aber trotzdem muss uns klar sein, dass Wild unsere Nutztiere niemals großflächig ersetzen kann.“ Einer der schwerwiegendsten Gründe gegen diese Idee ist, dass der heute schon als hoch erachtete Wildbestand noch viel stärker wachsen müsste, sollte er dazu in der Lage sein, die heutigen Almflächen offenzuhalten. Gleichzeitig würde eine starke Vermehrung von Reh, Rothirsch und Co vor allem im Winter zu großen Waldschäden durch Wildverbiss führen. Finden die wilden Pflanzenfresser auf verschneiten Almwiesen nämlich kein Futter, dann nagen sie vermehrt die Rinde junger Bäume an.
Bereits gegenwärtig erschwert das Wild die Ausbreitung von Baumarten wie Tanne, Bergahorn oder Eiche. Das sind Arten, die den Wald in Zeiten des Klimawandels widerstandsfähiger und fitter machen – im Gegensatz zu häufig vorkommenden Fichten-Monokulturen. Im österreichischen Landnutzungs-Report von 2024 nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daher „eine Absenkung des schädlichen Wildeinflusses“ und nicht dessen Erhöhung als Option zur Anpassung an den Klimawandel. Wörtlich heißt es im Sonderreport „Landnutzung und Klimawandel in Österreich“: „Auf einem Großteil der verjüngungsnotwendigen Waldfläche wird die Verjüngung von Baumarten, die für die Begründung zukunftsfähiger Wälder im Klimawandel erforderlich sind, durch Schalenwildeinfluss erschwert oder lokal bis regional unmöglich gemacht.“70
Quellen
58 Zuna-Kratky et al. (2022): Veränderung von Insektenpopulationen in Österreich in den letz- ten 30 Jahren – Ursachen und ausgewählte Beispiele. Dokumentationsband, S. 48
59 Zuna-Kratky et al. (2022): Veränderung von Insektenpopulationen in Österreich in den letz- ten 30 Jahren – Ursachen und ausgewählte Beispiele. Endbericht, S. 8
60 Almwirtschaft Österreich, Ländliches Fortbildungsinstitut (2018): Fachunterlage Ökosys- tem Alm, Almwirtschaft und Jagd, S. 11
61 unsere-almen.at: Dr. Susanne Aigner: Artenvielfalt ist auf Almen enorm (Zugriff: 14.10.2025)
62 Jaritz, G. & Burkart-Aicher, B. (2013): Almen aktivieren - Neue Wege für die Vielfalt. Pro- jektergebnisse und Empfehlungen.
63 Umweltbundesamt (2000): Handbuch der FFH-Lebensraumtypen Österreichs
64 rewildingeurope.com: Rewilding Principles (Zugriff: 21.07.2025)
65 mountainwilderness.ch: Wildnis in der Schweiz (Zugriff: 21.07.2025)
66 RePlanet (2022): Position Paper Rewilding
67 IPCC (2023): Synthesebericht des 6. Sachstandsberichts, Zusammenfassung f. politische Entscheidungsträger, S. 29
68 kalkalpen.at: Almen und Mähwiesen (Zugriff: 24.07.2025)
69 Jandl et al. (2024): APCC Special Report: Landnutzung und Klimawandel in Österreich, S. 138–139
70 Jandl et al. (2024): APCC Special Report: Landnutzung und Klimawandel in Österreich, S.
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Der Wolf und die Alm: Warum gibt es Konflikte?
Seit sich der Wolf in Europa wieder ausbreitet, gibt es Debatten und Konflikte. Warum ist das so? Was für ein Tier ist der Wolf überhaupt und was sind die wichtigsten Argumente beider Seiten?
In den vergangenen rund 20 Jahren sorgen Konflikte und Debatten rund um das Thema Wolf immer wieder für Schlagzeilen. Grund dafür ist, dass sich die Tierart zunehmend wieder über Mittel- und Westeuropa verbreitet, nachdem sie hier mehr als hundert Jahre lang als ausgerottet gegolten hatte. Nicht zuletzt im Alpenraum reißen und töten Wölfe auch Nutztiere, etwas mehr in Berg- und Almgebieten, aber auch in Tallagen. In Österreich erreichten die Verluste von Nutztieren im Jahr 2022 einen Höhepunkt. Damals wurden laut „Österreichzent- rum Bär, Wolf, Luchs“ 1.780 Nutztiere nachgewiesenermaßen von einem Wolf getötet, verletzt oder waren nach einem Wolfangriff „abgängig“, also nicht mehr auffindbar. In den zwei darauffolgenden Jahren ging die Zahl der Risse zurück, 2024 lagen die Nutztierverluste österreichweit bei 726 Tieren.
Das Konfliktpotenzial rund um das Thema Wolf ist groß. Zuletzt wurden in jedem Bundesland Österreichs Wölfe nachgewiesen, mit Ausnahme von Wien. In seiner Rückkehr sehen manche einen Erfolg für den Natur- und Artenschutz. Andere nehmen dagegen vor allem die Schäden und Verluste durch Angriffe auf Nutztiere oder Wild wahr oder betonen indirekte Risiken für den Artenschutz. Demnach könnte der Wolf für den Verlust zahlreicher anderer Arten sorgen, in dem er den Rückzug der Almwirtschaft zusätzlich beschleunigt. Die darauf- folgende Verbuschung der Almflächen würde wertvolle Lebensräume für zahlreiche andere Arten kosten und so mehr Schaden als Nutzen anrichten. Schäden entstünden außerdem durch den Verlust von Produktionsflächen zur Herstellung heimischer Lebensmittel sowie von touristischen und kulturellen Werten.
Ein kurzes Portrait des Wolfes
Der Wolf (Canis lupus) ist das größte Raubtier innerhalb der Familie der Hunde. Aufgrund seiner hohen Anpassungsfähigkeit besiedelt er von Natur aus viele unterschiedliche Lebensräume (Habitate) – von der arktischen Tundra bis zu den Wüsten Nordamerikas und Zentralasiens. Er ist das am weitesten verbreitetes Landsäugetier der Erde.
Übrigens: Raubtiere sind in der zoologischen Systematik eine Ordnung der Säugetiere. Der lateinische Fachbegriff für die Raubtiere lautet „Carnivora", was so viel wie Fleischfresser bedeutet. Statt Raubtier ist in der Amts- oder Fachsprache bezüglich der Wölfe, Bären oder Luchse häufig die Wortneuschöpfung „Beutegreifer“ zu lesen. In der biologischen Systematik kommt dieser Begriff aber nicht vor. Das „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“ schreibt dazu:
„Der Begriff Beutegreifer bezeichnet Arten, die andere Tiere jagen und sich hauptsächlich von diesen ernähren. Die Bedeutung geht über die Raubtiere als Ordnung der Säugetiere im engeren Sinne hinaus.“71 Ein Mäusebussard zum Beispiel ist zwar ein Greifvogel und zählt damit zu den Beutegreifern. Da er aber nicht zu den Säugetieren gehört, ist er definitionsgemäß auch kein Raubtier.
Das Erbgut der Wölfe, codiert in Form der DNA, entspricht zu rund 99,9 Prozent dem Erbgut unserer Haushunde. Es handelt sich bei Wolf und Haushund also um ein und dieselbe Tierart, Canis lupus. Wölfe stellen die Wildform dieser Art dar, während es sich bei Hunden um das auf genetischen Veränderungen beruhende Ergebnis der gezielten Züchtung durch Menschen handelt. In unseren Breiten lebt eine Unterart des Wolfes, genauer gesagt der Europäische Wolf (Canis lupus lupus.) Der Haushund verkörpert dagegen als domestizierte („verhäuslichte“) Form des Wolfes die Unterart Canis lupus familiaris.
Wann bilden Wölfe neue Rudel?
Wölfe leben im Rudel. Bei einem Rudel handelt es sich um einen Familienverbund, bestehend aus zwei Elterntieren sowie deren Nachkommen aus dem jeweils jüngsten und dem vorangegangenen Wurf. Die Annahme, wonach innerhalb des Rudels explizit eine „strenge“ Hierarchie herrsche, gilt inzwischen als veraltet. Vielmehr gehen neuere Studien davon aus, dass der Familienverbund in freier Wildbahn lebender Wölfe eher arbeitsteilig organisiert ist: Die beiden Elterntiere leiten das Rudel bei seinen Aktivitäten an, wobei die Wölfin vor allem die Aufzucht der Jungen und die Verteidigung des Rudels verantwortet. Das männliche Elterntier führt die Familie dagegen eher bei der Nahrungsbeschaffung und den damit verbundenen Wanderungen an. Die Jungtiere aus dem vorjährigen Wurf beteiligen sich an der Aufzucht des jeweils aktuellen Wurfs. Ab der Geschlechtsreife der Jungtiere im Alter von 22 Monaten verlassen diese das Rudel. Gründe dafür sind die begrenzten Nahrungsressourcen innerhalb eines Territoriums, sexuelle Rivalität und der natürliche Drang, ein eigenes Rudel zu bilden.
Nach dem Verlassen des elterlichen Rudels streifen Wölfe als Einzeltiere umher. Treffen sich ein männliches und ein weibliches Einzeltier, die von unterschiedlichen Elterntieren abstammen, dann gründen sie ein neues Rudel. Je nach Nahrungsangebot eines Territoriums verteidigt ein Rudel 100 bis mehrere hundert Quadratkilometer große Reviere gegen Eindringlinge.
Eckdaten zum Europäischen Wolf (Canis lupus lupus)
Körperlänge: 100–150 Zentimeter
Schulterhöhe: 60–80 Zentimeter
Gewicht: 30–50 Kilogramm
Lebenserwartung: durchschnittlich 5–7 Jahre, möglich sind 10–13 Jahre
Paarungszeit: Jänner–März
Tragzeit: ca. 9 Wochen, Geburt zwischen April und Mai
Welpen pro Wurf: 3–8
Geschlechtsreife: mit 22 Monaten
Tiere pro Rudel im Schnitt: 7 (möglich bis zu 20, in Alaska auch 35 beobachtet)
Welche Lebensräume besiedeln Wölfe?
Wölfe sind sehr anpassungsfähig und besiedeln unterschiedlichste Habitate (Lebensraumtypen). Diese sind fast auf der gesamten Nordhalbkugel zu finden – überall, wo ausreichend Nahrung vorhanden ist und es zu wenig Störungen durch den Menschen kommt. Sie besiedeln Wälder, Wüsten, offene Graslandschaften (Steppen), Gebirgsregionen und Feuchtgebiete. Sie passen sich an Hitze, Kälte, Trockenheit und Wasser an.
Wölfe werden häufig als Tiere des Waldes wahrgenommen. Das liegt vor allem daran, dass sie der Mensch aus den offenen Landschaften vertrieben hatte. Prinzipiell können die Tiere aber auch in der vom Menschen geformten und besiedelten Kulturlandschaft Lebensraum finden. Wölfe sind äußerst mobile Tiere. Es sind Wanderdistanzen von mehr als 1.000 Kilometern dokumentiert. Für ein Tier ist sogar nachgewiesen, dass es innerhalb von 50 Tagen eine Strecke von 1.618 Kilometern gewandert ist. Es hat dabei 27-mal Autobahnen und sechs- mal große Wasserstraßen wie die Elbe überquert. Die maximale Distanz, die das Tier dabei innerhalb von 24 Stunden zurückgelegt hat, betrug 97 Kilometer.
Was jagen Wölfe?
Wölfe sind flexible Fleisch- und Aasfresser mit einer Präferenz für die am leichtesten verfügbare Beute. Die Zusammensetzung ihrer Nahrung ist wesentlich von der Verfügbarkeit der Beute abhängig. Hauptbeutetiere in Mitteleuropa sind zum Beispiel Rot-, Reh-, Gams-, Dam-, Schwarz- oder Muffelwild. Auch kleinere Säuger wie Feldhasen, Füchse oder Wühlmäuse werden erbeutet, bevorzugt alte, kranke und schwache Exemplare.
Zu den Beutetieren gehören ebenso Nutztiere, vor allem Schafe und Ziegen. Angriffe auf Rinder und Pferde finden deutlich seltener statt. Der Futterbedarf eines Wolfes liegt zwischen zwei und zehn Kilogramm Fleisch pro Tag, wobei ein Tier pro Mahlzeit nicht mehr als zehn Kilo aufnehmen kann. Daher profitieren zum Teil auch andere Tiere von den Resten eines Risses, die ein einzelner Wolf zurücklässt, zum Beispiel Krähen oder Wildschweine. Wölfe kommen auch zwei bis drei Wochen ohne Nahrung aus.
Wie jagen Wölfe?
Wölfe jagen – bis auf Einzeltiere – im Rudel, wobei sich die Tiere durch das Revier bewegen und potenzielle Beute per Geruchssinn aufspüren. Selektiert werden bevorzugt schwächere, ältere oder erkrankte Tiere. Wenn das flüchtende Beutetier nach einer bestimmten Zeit nicht gestellt wird, lässt der Wolf von ihm ab. Wenn er ein Tier aber erwischt, zwingt er es zu Boden, indem er es durch Bisse in die Hinterteile, Flanken und in den Rücken schwächt. Bisse in die Kehle töten die Beute schließlich.
Erlegte Beute wird umgehend aufgefressen. Dabei reißen Wölfe mit ihren scharfen Zähnen große Fleischstücke aus der Beute und verschlingen diese. Bevorzugt sind der hintere Teil des Beutekörpers und die Innereien. Häufig bleiben nur der Mageninhalt, die Wirbelsäule mit den Knochen der Extremitäten sowie Kopf und Haut zurück.
Es kann vorkommen, dass ein Wolf deutlich mehr Tiere tötet, als er auf einmal fressen kann. Zum Beispiel, wenn ein Tier den Zaun einer Schafskoppel überwindet. Innerhalb der Koppel trifft der Wolf in diesem Moment auf eine Vielzahl an potenziellen Beutetieren, die alle panisch reagieren und chaotisches Fluchtverhalten zeigen, ohne dadurch aber außer Reichweite des Wolfes zu gelangen. Diese unter natürlichen Bedingungen unwahrscheinliche Situation kann beim Wolf die übermäßige Tötung von Nutztieren auslösen. Dieses Phänomen ist als „surplus killing“ („Überschuss-Tötung“) auch bei anderen Raubtieren bekannt. So töten unter Umständen etwa auch Füchse mehrere Tiere auf einmal, wenn sie in einen Hühnerstall gelangen. Das Verhaltensmuster wird in den Medien häufig als „Blutrausch“ bezeichnet.
Wie viele Wölfe leben in Österreich?
Aktuelle Daten zu nachgewiesenen Wölfen aus den Bundesländern werden hierzulande durch das „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“ gesammelt und in Form von Karten, Grafiken sowie einem jährlichen Statusbericht veröffentlicht. Insgesamt wurde im Rahmen des Wolfsmonitorings im Jahr 2024 die Existenz von 102 Wölfen bestätigt, wobei 13 davon im Rahmen einer entsprechenden Verordnung erlegt worden waren und einer tot aufgefunden wurde. Wien ist dabei das einzige Bundesland, indem es keinen Wolfs-Nachweis gegeben hat. Den Zahlen zufolge leben derzeit neun Wolfrudel auf österreichischem Staatsgebiet, wobei einige Reviere teilweise auch mit Nachbarstaaten Österreichs geteilt werden.
Übrigens: Beim „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“ handelt es sich um einen 2019 gegründeten Verein, dessen ordentliche Mitglieder aus dem Bund sowie den Bundesländern bestehen. Darüber hinaus bringen verschiedene Organisationen als außerordentliche Mitglieder ihre Kompetenzen ein. Diese reichen von A wie Almwirtschaft Österreich, bis W wie WWF Österreich. Der Zweck des Vereins liegt unter anderem darin, den Umgang mit Wolf und Co. österreichweit zu koordinieren und laut seiner Vereinswebseite „eine möglichst konfliktarme Koexistenz von Landnutzern und Beutegreifern zu gewährleisten.“
Wölfe wurden mittlerweile in allen EU-Staaten außer Irland, Zypern und Malta registriert. In der gesamten EU wird ihre Anzahl aktuell (Stand 2025) auf ungefähr 20.000 Exemplare geschätzt. Laut Landwirtschaftsministerium ist der Wolf in Europa „nicht mehr vom Aussterben bedroht und vermehrt sich mittlerweile pro Jahr um bis zu 30 Prozent.“72 Global wird häufig der Bereich von ungefähr 170.000 Wölfen genannt.
Wann wurde der Wolf in Österreich ausgerottet?
Der Wolf wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im heutigen Österreich ausgerottet. Wann genau aber der letzte Wolf – möglicherweise ein Durchzügler aus anderen Ländern – innerhalb Österreichs erlegt oder gesehen wurde, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Das „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“ schreibt dazu in seinem Statusbericht des Jahres 2020: „1881 gab es die letzte Wolfssichtung im Salzkammergut, 1882 wurde der angeblich bzw. so genannte ‚letzte Wolf Österreichs‘ im Wechselgebiet geschossen. Danach gab es nur mehr vereinzelte Wölfe, die erlegt wurden: Unter anderem 1903 bei Ratschendorf und Mureck (Südsteiermark), im Wechselgebiet wurde ein Tier 1936 mit Strychnin vergiftet.“
Auch im restlichen Westeuropa sowie im Großteil der USA wurde die Art ausgerottet. Nicht so beispielsweise in Ost- und Südeuropa. Im italienischen Gebirgszug der Apenninen beispielsweise hat es auch während seiner Abwesenheit in Westeuropa stets kleinere Wolfspopulationen gegeben.
Seit Übernahme der Berner Konvention (1979) sowie der sogenannten FFH-Richtlinie (1992) steht der Wolf in der EU unter umfassendem Schutz. Auch die Tatsache, dass die Waldfläche in Österreich und Europa stetig wächst, begünstigt die erneute Ausbreitung der Tierart – ebenso wie die Landflucht, die in vielen Gebieten zu einer weniger dichten Besiedelung durch Menschen führt. Seit mehreren Jahrzehnten, vor allem aber in den vergangenen rund 20 Jahren, verbreiten sich Wölfe wieder über Westeuropa. Die Wiederbesiedelung erfolgte über Osteuropa und Italien.
Seit 1998 wurden in Österreich in einzelnen Jahren Wolfsexemplare gesichtet. Im Jahr 2009 wurden erstmals wieder mehrere Wölfe nachgewiesen. Bis 2016 blieb die Zahl der mittels Gen-Analyse oder Foto-Nachweis jährlich dokumentierten Individuen unter zehn. Im Jahr 2016 wurde das erste Rudel in Allentsteig (NÖ) nachgewiesen.
Wie hat sich der Schutzstatus des Wolfs geändert?
Im Jahr 2025 wurde der Schutzstatus für den Wolf innerhalb der EU von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabgesetzt. Dadurch sind die Hürden für ein behördlich genehmigtes Erle- gen von Wölfen etwas niedriger, das sogenannte Wolfsmanagement wird flexibler und erleichtert. Was genau bedeutet das und was sind die Hintergründe?
Große Raubtiere, also Wölfe, Bären und Luchse, genießen EU-weit einen hohen Schutzstatus. Dies wird im Rahmen von internationalen Abkommen und Rechtsakten gewährleistet. So hat sich Österreich durch die Berner Konvention, die FFH-Richtlinie (Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie) sowie das Washingtoner Artenschutzabkommen dazu verpflichtet, einen sogenannten „günstigen Erhaltungszustand“ für diese Tierarten wiederherzustellen.
Was ist bei Wölfen ein „günstiger Erhaltungszustand“?
Ein günstiger Erhaltungszustand für den Wolf in Österreich ist definitionsgemäß dann gegeben, wenn – vereinfacht gesagt – die Zahl der hier lebenden Tiere sowie der vorhandene Lebensraum ausreichen, um im (theoretischen) Falle eines Aussterbens im Rest Europas ein Wachstum der Population ohne Inzucht zu ermöglichen. Mit anderen Worten: Das langfristige Überleben der Population muss – auch in Österreich für sich genommen – gesichert sein. Für den österreichischen Teil des Alpenraums wäre der günstige Erhaltungszustand laut Fachanalysen bei einer Anzahl von rund 500 Wölfen (39 Rudel) erreicht, für Gesamt-Österreich bei rund 1.100 Individuen.73, 74 Innerhalb der EU wurden die Bestimmungen der Berner Konvention in Form der 1992 in Kraft getretenen FFH-Richtlinie umgesetzt. In Nicht-EU-Ländern wie der Schweiz oder Norwegen wurde die Berner Konvention direkt in nationales Recht umgesetzt. Aus diesem Unterschied können sich auch unterschiedliche Detailregelungen ergeben.
Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der EU
Bis 2025 war der Wolf durch Listung in Anhang IV der FFH-Richtlinie der EU rechtlich eine „streng zu schützende“ Tierart „von gemeinschaftlichem Interesse“. Grundsätzlich ist jede absichtliche Tötung oder Störung für in diesem Anhang gelistete Arten verboten und Ausnahmen von diesem Grundsatz sind mit strengen Hürden versehen. Dies galt in der gesamten EU, mit Ausnahme von Gebieten, wo der Wolf nicht ausgerottet war, also etwa in Teilen Spaniens, Griechenlands, Finnlands sowie mit deren EU-Beitritt auch in vielen Staaten Osteuropas.
Was ist neu?
Seit 2025 ist der Wolf nun statt in Anhang IV in Anhang V der FFH-Richtlinie gelistet. Damit ist seine absichtliche Tötung weniger kategorisch verboten als zuvor. Das bedeutet, dass sie nicht mehr einer strengen Einzelfallprüfung unterliegt. Stattdessen darf es bei Vorliegen des günstigen Erhaltungszustands eine Bejagung nach festgelegten Regeln im Rahmen eines Management-Plans geben.
Allerdings sind die Mitgliedsstaaten weiterhin dazu verpflichtet, ein Wolfsmonitoring durch- zuführen und für einen günstigen Erhaltungszustand der Art zu sorgen. Dem Wolf kommt als „prioritäre Art“ weiterhin ein besonderer Status zu. Grundsätzlich gilt jetzt, was für andere Arten mit einem Anhang-V-Status gilt. Konkret schreibt der Artikel 14 der FFH-Richtlinie für diese Arten vor, dass eine „Entnahme aus der Natur (...) mit der Aufrechterhaltung eines günstigen Erhaltungszustands vereinbar“ sein muss. Als mögliche Maßnahmen zur Einhaltung dieser Bestimmung sieht der Artikel unterschiedliche Instrumente vor. Dazu gehören beispielsweise ein „zeitlich oder örtlich begrenztes Verbot der Entnahme“, „Vorschriften bezüglich des Zugangs zu bestimmten Bereichen“ und mehrere andere vor.
Artikel 16 der FFH-Richtlinie
Bis zur Herabsetzung des Schutzstatus war die Tötung eines Wolfes in freier Wildbahn aus- schließlich nach einer Einzelfallprüfung gemäß Artikel 16 der FFH-Richtlinie möglich. Dieser ermöglicht eine „Entnahme“ von Exemplaren „streng geschützter“ Arten (Anhang IV), sofern zwei wichtige Voraussetzungen gegeben sind:
Es gibt „keine anderweitige zufriedenstellende Lösung“.
Die Populationen müssen „trotz der Ausnahmeregelung ohne Beeinträchtigung in einem günstigen Erhaltungszustand verweilen“.
In der Vergangenheit drehten sich etliche Auseinandersetzungen um die Auslegung dieser Bestimmungen. Dabei wurden zum Teil auch unterschiedliche geografische Bezugsrahmen für die Feststellung eines „günstigen Erhaltungszustandes“ herangezogen. Einige sahen den Wolf in der bio-geografischen Region „Alpenraum“ – und damit auch in weiten Teilen Österreichs – in einem günstigen Erhaltungszustand. Andere argumentierten mit der Zahl der Wölfe innerhalb Österreichs und stellten einen mangelhaften Erhaltungszustand fest. Auch um die Interpretation der „zufriedenstellenden Lösung“ (konkret: Schutzgrad durch Maßnahmen des Herdenschutzes) wurde gerungen.
Allerdings hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) in einem Urteil vom Juli 2024 eine Entscheidung in der Frage des „günstigen Erhaltungszustands“ getroffen. Das Landesverwaltungsgericht Tirol hatte das oberste EU-Gericht zuvor um Klärung gebeten. Konkret ging es um die Frage, unter welchen Umständen eine Ausnahme vom Wolfsjagdverbot gewährt werden könne. In einer Pressemitteilung des EUGH heißt es dazu unter anderem:
„Die Wolfspopulation muss sich in einem günstigen Erhaltungszustand sowohl auf lokaler Ebene (im Land Tirol) als auch auf nationaler Ebene (Österreich) befinden, was nicht der Fall ist.“75 Durch die Änderung des Schutzstatus des Wolfes werden Ausnahmegenehmigungen nach Artikel 16 hinfällig. Der günstige Erhaltungszustand muss stattdessen über die beschriebenen Maßnahmen aus Artikel 14 gewährleistet werden. Wann und wie genau die Änderungen in Österreich umgesetzt werden, lässt sich noch nicht sagen (Stand 2025).
Gesetze in Österreich
In Österreich gibt es keine nationale Gesetzgebung zur Regelung strittiger Fragen der Wolfsthematik. Die Umsetzung der FFH-Richtlinie wird grundsätzlich innerhalb der Landesgesetze, also der Jagd- und Naturschutzgesetze, unterschiedlich vollzogen.
Welche Schutzmaßnahmen sollen Nutztiere vor Wölfen schützen?
Unterschiedliche Herdenschutz-Maßnahmen sollen dabei helfen, Nutztiere vor Angriffen durch Wölfe zu schützen. Beispiele dafür sind:
(Elektro-)Zäune unterschiedlicher Höhe
Hirten (Behirtung)
Herdenschutzhunde
Die Kosten für Herdenschutz können sich laut einer Studie der BOKU aus dem Jahr 2018 grob zwischen 150 und 550 Euro pro Großvieheinheit bewegen. Herdenschutzmaßnahmen werden durch die Bundesländer höchst unterschiedlich gefördert. Dies reicht von keiner Förderung wie etwa in Kärnten oder in der Steiermark bis hin zu einer 80-prozentigen Übernahme der Anschaffungskosten, etwa von Hirtenhunden, beispielsweise in Salzburg.
Unterschiedliche Bewertungen
Verschiedene Interessenvertretungen bewerten das Thema Wolf aus ihrem jeweiligen Blickwinkel. So schreibt etwa der Naturschutzbund Österreich zur „Rolle des Wolfs im Ökosystem“ auf seiner Webseite: „Wölfe halten den Wildbestand fit und spielen damit eine unverzichtbare Rolle im Europäischen Waldökosystem. Sie können die Ausbreitung von Krankheiten verhindern und die wichtigen Schutzwälder stärken, indem sie zu hohe Wildbestände reduzieren. Außerdem hinterlassen sie Nahrungsreste für andere wichtige Arten im Ökosystem.“76
Der WWF Österreich schreibt in einer Aussendung im Frühjahr 2025: „Selbst nach der Entscheidung zur Abschwächung des Wolf-Schutzstatus in der FFH-Richtlinie bleibt die rechtliche Vorgabe bestehen, dass der Wolf in einen günstigen Erhaltungszustand gebracht werden muss. Davon ist Österreich mit derzeit acht Rudeln weit entfernt. Eine reguläre Bejagung des Wolfes in Österreich ist daher weiterhin ausgeschlossen.“77
Die Almwirtschaft Österreich sieht durch eine unregulierte Ausbreitung des Wolfes dagegen die Almen in Gefahr und fordert daher seine planmäßige Bejagung, ähnlich wie bei anderen Wildtieren. Almwirtschaft-Obmann Josef Obweger weist darauf hin, dass die österreichische Alm- und Berglandwirtschaft durch Kleinbetriebe geprägt ist, für die eine Umsetzung um- fangreicher Herdenschutzmaßnahmen nicht realistisch sei. „Auf der überwiegenden Anzahl der Almen weiden zehn oder 20 Rinder, sie werden von einer Bauernfamilie im Nebenerwerb bewirtschaftet. Selbst wenn man ihre Zäune und Herdenschutzhunde schenken würde, könnte sie ihre Tiere nicht 24 Stunden am Tag schützen. Dafür fehlt schlicht die Zeit.“ Zudem seien auf Herdenschutz abgerichtete Hunde eine potenzielle Gefahr für Menschen und daher im Tourismusland Österreich keine umfassende Option. „Auch finanzielle Entschädigungen für getötete Nutztiere werden auf Dauer nicht verhindern, dass Betriebe im Zweifel nicht mehr auftreiben und die Alm langsam verloren geht", sagt Josef Obweger. „Almbäuerinnen und Almbauern haben einen emotionalen Bezug zu ihren Tieren, der sich mit Geld nicht entschädigen lässt.“ Zwar gebe es mehrere Gründe für den allgemeinen Rückgang der gealpten Tiere, aber der Wolf stelle jedenfalls eine „große zusätzliche Herausforderung“ dar.
Quellen
71 Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs (baer-wolf-luchs.at): Beutegreifer (Zugriff: 16.07.2025)
72 BMLUK (bmluk.gv.at): EU-Kommission hat angekündigt den Schutzstatus des Wolfes sen- ken zu wollen (Zugriff: 17.07.2025)
73 Schnidrig et al. (2016): Wolf in the Alps: Recommendations for an internationally coordi- nated management, KORA-Bericht Nr. 72
74 Protect (2021): Rechtliche und fachliche Aspekte des Wolfsschutzes, Studie im Auftrag der O.. Umweltanwaltschaft
75 Europäischer Gerichtshof (2024): Pressemitteilung Nr. 111/2024: Das Wolfsjagdverbot in Österreich ist gültig
76 naturschutzbund.at (28.02.2025): Schutzstatus Wolf – Änderung der Berner Konvention ohne Auswirkung auf Österreich (Zugriff: 22.07.2025)
77 WWF Österreich (2025): Schutzstatus Wolf: WWF kritisiert Abschwächung als gefährlichen Präzedenzfall“; OTS 0119 vom 08.05.2025
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Weidevieh, Wind und Wetter: Was muss man beim Besuch einer Alm bedenken?
Wer eine Alm besucht, begibt sich nicht nur in die relative Abgeschiedenheit der Bergwelt, sondern kann auch in Kontakt mit Weidetieren kommen. Beides gilt es aus Sicherheitsgründen zu beachten.
Almen sind nicht nur Produktionsort hochwertiger Lebensmittel oder des Rohstoffs Holz, sondern auch ein Ort mit vielen Erholungsfunktionen. Für die österreichische Tourismus- und Freizeitwirtschaft sind Almen ein fast unersetzliches Zugpferd bei der Bewerbung Österreichs als Urlaubsziel. Und auch ganz konkrete Urlaubs- und Freizeitaktivitäten wie Wandern oder Mountainbiken spielen sich oftmals auf den von der Landwirtschaft gepflegten und erhaltenen Almflächen ab.
Besonders im Sommer kann es auf Almen auch zu Konflikt- beziehungsweise Gefahrensituationen kommen. Das hat mehrere Ursachen. Dazu gehört die Tatsache, dass zu dieser Zeit die Weidetiere auf den Almflächen unterwegs sind und Wanderwege die Aufenthaltsräume der Tiere kreuzen – sei es innerhalb oder außerhalb eingezäunter Areale. Wenn sich Menschen und Weidetiere begegnen, dann passiert in aller Regel überhaupt nichts. Aber unter ganz bestimmten Umständen ist es in der Vergangenheit vereinzelt zu Angriffen von Rindern auf Menschen gekommen. Aufgrund des Gewichts der Tiere von mehreren hundert Kilogramm können solche Angriffe im schlimmsten Fall tödlich enden.
Warum ist der moderne Mensch in der Bergwelt „ausgesetzt"?
Auch ganz unabhängig von Weidetieren sind die Almen und die darüberliegende Bergwelt ein Ort, wo Menschen sich bewusst oder unbewusst in eine gewisse Ausgesetztheit begeben. An keinem anderen Ort innerhalb Österreichs befindet man sich weiter entfernt von dörflicher oder städtischer Infrastruktur, an deren Versorgungs- und Schutzfunktion wir Menschen uns seit Langem angepasst haben. So kann es etwa bei Verletzungen oder anderen medizinischen Notlagen länger dauern, bis einen Rettungskräfte finden und erreichen. Das gilt vor allem, wenn zur Unfallzeit schlechtes Wetter herrscht. Auch von der einbrechenden Dunkelheit überrascht zu werden, bringt die meisten Menschen abseits des Siedlungsgebiets und ohne Straßenbeleuchtung in eine absolute Ausnahmesituation.
Wer in den Bergen in ein Gewitter gerät, findet abseits von Alm- oder Schutzhütten kaum Unterschlupf und ist gegebenenfalls der vollen Wucht der Naturkräfte ausgesetzt.
Blitzschlag ist ein reales Risiko, das wir, von unserer städtisch-dörflichen Schutzzone aus betrachtet, manchmal unterschätzen. Erst im Juni 2025 wurden drei erfahrene Bergsteiger, zwei Männer und eine Frau, beim Abstieg von der Mittagsspitze in Tirol vom Blitz getroffen und getötet. Die einem Blitzschlag folgende Druckwelle kann einen menschlichen Körper im Extremfall mehrere Meter durch die Luft schleudern, selbst wenn er nicht direkt getroffen wird. Auch ohne Blitzschlag können plötzliche Wetterumschwünge und das damit verbundene rapide Absinken der Temperatur im Gebirge Lebensgefahr bedeuten. Das gilt vor allem für Menschen, die ohne die notwendige Schutzkleidung im Hochgebirge unterwegs sind.
Insgesamt spielen Blitzschlag und Wettersturz als Todesursache bei Unfällen im Gebirge aber eine untergeordnete Rolle. Laut Österreichischem Kuratorium für Alpine Sicherheit waren im Zehn-Jahres-Mittel, Stand 2024, beide Ursachen zusammengenommen, für durchschnittlich 1,3 Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Insgesamt kamen in diesem Zeitraum durchschnittlich 292 Menschen pro Jahr bei Alpinunfällen in den österreichischen Bergen um. Unter den feststellbaren Unfallursachen liegen Herz-Kreislauf-Störungen mit 71 Todes- opfern im Zehn-Jahres-Mittel ganz vorne, gefolgt von „Sturz, Stolpern, Ausgleiten“ mit 48, Absturz mit 41 sowie Lawinen mit 19 Fällen. Nicht selten spielen dabei die Überschätzung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten oder die Fehleinschätzung anderer Umstände eine zentrale Rolle.
Wer haftet bei Unfällen mit Weidetieren?
Unfälle mit Weidetieren sind in der Statistik nicht eigens aufgeführt. Passieren sie dennoch, dann ist die mediale Aufmerksamkeit meist groß. Das mag auch daran liegen, dass im Falle einer „Kuh-Attacke“ eher die Frage der Schuld diskutiert wird als bei den statistisch bedeutsameren Unfallursachen, bei denen Fremdverschulden oftmals frühzeitig ausgeschlossen werden kann.
Im Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch ist die Frage der möglichen Haftung von Tierhalte- rinnen und Tierhaltern geregelt, aber auch die Eigenverantwortung jener Menschen festgehalten, die Almen besuchen. In einem als wegweisend wahrgenommenen Urteil des Obersten Gerichtshofs (OGH) hielt dieser im Frühjahr 2025, vereinfacht ausgedrückt, fest: Rinder grundsätzlich per Zaun von Wanderwegen fernzuhalten, ist für die Almbetriebe nicht zumutbar und nicht angemessen. Solange die Tiere kein ungewöhnlich aggressives Verhalten zeigen, genügt es, Warnschilder aufzustellen. Der Rest liegt in der Eigenverantwortung der die Alm besuchenden Menschen. Eine Ausnahme gilt nur bei belebten Liftstationen, Straßen oder bei verhaltensauffälligen Tieren. Dann ist die Bäuerin oder der Bauer dafür verantwortlich, für ausreichenden Schutz zu sorgen. Prinzipiell bleibt die Haftungsfrage aber immer einzelfallabhängig, wie der OGH in seinem Urteil betont.
Unter welchen Umständen können Rinder Menschen gefährlich werden?
Rinder sind, wie alle Tiere, vor allem instinktgesteuert. Sie reagieren auf bestimmte Schlüssel- reize mit angeborenen Verhaltensweisen, die ihrer Art im Laufe der Evolution einen Überlebensvorteil beschert haben. Wenn ihnen solche Reize eine Gefahr für sich oder ihren Nachwuchs signalisieren, dann kann die naturgegebene Reaktion die Flucht oder der Angriff sein. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Rinder, ähnlich wie Menschen, unterschiedliche Charaktere haben. Manche sind von Natur aus ruhiger, andere reagieren gereizter oder aggressiver.
Bedrohlich können auf Rinder zum Beispiel Lärm und hektische Bewegungen wirken, insbesondere, wenn sich die vermeintliche Bedrohung auf sie zubewegt. Dabei steigern mitgeführte Hunde das Risiko eines Zwischenfalls ganz besonders. Daher gilt es sich zu vergegenwärtigen, dass es sich bei Hunden letztlich um „genetisch manipulierte“ Wölfe handelt und der Wolf in der Entwicklungsgeschichte des Rindes einen der Hauptfeinde darstellt. Dass Rinder in Hunden unter Umständen eine Bedrohung sehen, liegt also in ihrer Natur.
Besondere Aufmerksamkeit ist dabei sogenannten Mutterkuhherden zu widmen. Sie sind daran zu erkennen, dass Jungtiere, sprich Kälber, Teil der Herde sind. Die entwicklungsgeschichtliche Programmierung der Rinder verleiht ihrem Nachwuchs den allerhöchsten Stellenwert, weshalb Kälber unter allen Umständen verteidigt werden müssen. Die Kälber selbst zeigen aber mitunter Neugier und suchen vielleicht sogar den Kontakt zu Menschen, wodurch gefährliche Situationen entstehen können.
Eher selten sind Mutterkuhherden auch von einem Stier begleitet, was für Nicht-Fachleute nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Stiere sind männliche, nicht kastrierte Rinder und vor allem an ihrer kräftigen, bulligen Gestalt erkennbar – in Deutschland sind sie auch als „Bullen“ bekannt. Ein weiteres Merkmal sind die ausgeprägten Hoden zwischen den Hinterbeinen. Auch Stiere können stärkeres Verteidigungs- beziehungsweise aggressives Verhalten zeigen.
Wie läuft die Konfrontation mit einem Rind ab?
Für einen kurz bevorstehenden Angriff durch ein Rind kann es verschiedene Warnsignale geben. Fühlt sich ein Rind bedroht, dann bleibt es stehen, fixiert sein Ziel und hebt und senkt seinen Kopf abwechselnd. Es geht dabei leicht in die Knie und fällt durch Brummen und Schnauben auf, was mit einem intensiven Riechen verbunden ist. Schließlich geht das Tier zunächst ein paar langsame Schritte auf sein Ziel und läuft dann mit hoher Geschwindigkeit weiter.
Der eigentliche Angriff erfolgt, indem die Tiere versuchen, den Menschen mit dem Kopf zu rammen, umzustoßen, zu Boden zu drücken oder buchstäblich auf die Hörner zu nehmen. Ohne Hilfe von außen lässt das Tier möglicherweise länger nicht von seinem Opfer ab, was zu schweren Verletzungen führen kann. Auch Tritte mit den Hinterbeinen sind möglich.
Wie soll ich mich beim Wandern auf einer Alm verhalten?
Das österreichische Landwirtschaftsministerium hat in Kooperation mit weiteren Institutionen „10 Verhaltensregeln für den Umgang mit Weidevieh“ zusammengestellt und zusammen mit weiteren Informationen rund um das Thema auf der Webseite sichere-almen.at veröffentlicht.
Land schafft Leben gibt diese Regeln hier im Originalwortlaut wieder, unsere Grafik zeigt die Regeln in einer kompakteren Variante:
Kontakt zum Weidevieh vermeiden, Tiere nicht füttern, sicheren Abstand halten!
Ruhig verhalten, Weidevieh nicht erschrecken!
Mutterkühe beschützen ihre Kälber. Begegnung von Mutterkühen und Hunden vermeiden!
Hunde immer unter Kontrolle halten und an der kurzen Leine führen. Ist ein Angriff durch ein Weidetier abzusehen: Sofort ableinen!
Gekennzeichnete Wander- und Radwege nicht verlassen!
Wenn Weidevieh den Weg versperrt, mit möglichst großem Abstand umgehen bzw. umfahren, allenfalls das Rad schieben!
Bei Herannahen von Weidevieh: Ruhig bleiben, nicht den Rücken zukehren, den Tieren ausweichen!
Schon bei ersten Anzeichen von Unruhe der Tiere Weidefläche zügig verlassen!
Zäune sind zu beachten! Falls es ein Tor gibt, dieses nutzen, danach wieder gut schließen und Weide zügig queren!
Begegnen Sie den hier arbeitenden Menschen, der Natur und den Tieren mit Respekt!
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Sitzen Landwirtschaft und Tourismus im selben Boot?
Der Tourismus in Österreich profitiert erheblich von der heimischen Landwirtschaft. Dasselbe gilt aber auch umgekehrt. Und trotzdem: Durch mehr „Österreich am Teller“ in Gastronomie und Hotellerie ließe sich die Symbiose zwischen Landwirtschaft und Tourismus weiter stärken.
Vieles spricht dafür, dass die Landwirtschaft und der Tourismus in Österreich voneinander abhängen und profitieren. So wären etwa viele Formen des Tourismus nicht oder nur in stark abgewandelter Form möglich, gäbe es nicht die von der Landwirtschaft gepflegte Kulturlandschaft. Wandern – für Menschen mit dem unterschiedlichsten Fitness-Level – Mountainbiken, Skifahren und vieles mehr hängt von der leichten Zugänglichkeit der Landschaft und seiner Infrastruktur ab und wäre in einer reinen Naturlandschaft, sprich in einer Wildnis, kaum möglich. Der ästhetische Reiz beziehungsweise die Schönheit der Landschaft sowie die Aktivitäten, die sie ermöglicht, ist für viele der Besucherinnen und Besucher Österreichs der wichtigste Grund für die Wahl ihres Reiseziels. Was genau die Schönheit einer Landschaft wissenschaftlich betrachtet ausmacht, erfährst du hier.
Umgekehrt stellt der Tourismus für viele in der Landwirtschaft beschäftigte Menschen eine zusätzliche Einkommensquelle dar, direkt oder indirekt. Gäbe es diese nicht, wäre das wirtschaftliche Überleben vieler Bauernhöfe zusätzlich erschwert.
Der Frage, ob Tourismus in Österreich ohne Landwirtschaft funktionieren könne, entgegnet Almexperte Peter Fuchs: „Die Frage kann man natürlich auch umdrehen: Geht Landwirtschaft ohne Tourismus?“ Der Tiroler kennt die Berglandwirtschaft seit Kindesbeinen. Für ihn ist klar, dass die hergestellten Lebensmittel allein keine ausreichende Basis sein können. „Wir produzieren hier am Berg mit viel Liebe und noch größerem Aufwand. Mit unseren Produktionskosten sind wir am Weltmarkt chancenlos. Somit ist klar, dass es zusätzliche Geldflüsse geben muss, wenn diese benachteiligten Regionen weiterhin bewirtschaftet werden sollen.“ Der erste Adressat sei dabei selbstverständlich die Tourismuswirtschaft, neben der öffentlichen Hand.
Aus Peter Fuchs' Sicht sind die Zahlungen im Rahmen der EU-Agrarpolitik ohnehin nur vordergründig als reine Unterstützung der Landwirtschaft zu verstehen. „Der Grund, warum Brüssel nach wie vor so viel Geld auch auf die Almen transferiert, ist nicht, weil wir da oben ein paar Liter Milch machen und fünf Kilo Fleisch produzieren, sondern weil die Menschen aus dem Ruhrpott und anderswo hier bei uns spazierengehen wollen. Schlicht und ergreifend. Und das sollen sie auch dürfen, wohlgemerkt.“
Demnach ist der Erhalt der Berglandwirtschaft samt ihrer Almen gleichbedeutend mit der Förderung des Tourismus, oder anders gesagt: mit dem Erhalt von Erholungsmöglichkeiten für breite Bevölkerungsschichten.
Eine weitere Möglichkeit zur Stärkung der kleinstrukturierten heimischen Landwirtschaft sehen Fachleute in einer engeren Verzahnung mit dem Tourismus auf der Ebene der Lebensmittel. Das bedeutet, dass Besucherinnen und Besucher nicht nur von der ästhetisch reizvollen Landschaft Österreichs angezogen, sondern im Restaurant auch die Lebensmittel genießen können sollen, die in dieser Landschaft hergestellt werden. Vereinfacht gesagt könnten durch eine solche Stärkung der heimischen Landwirtschaft auch Erhalt und Pflege der Kulturlandschaft und damit wiederum die Grundlage des Tourismus gesichert werden.
Neue Kulinarik-Strategie der Österreich-Werbung
Dazu passend hat die Österreich-Werbung im Jahr 2024 gemeinsam mit den Tourismus- Marketing-Gesellschaften der Länder, Gastronominnen und Gastronomen sowie weiteren Organisationen eine neue Kulinarik-Strategie ins Leben gerufen. Kern der Strategie ist das Ziel, Österreich als „eine führende Kulinarik-Destination Europas“ zu etablieren. Ein neues Motto, im Fachjargon als „Claim“ bezeichnet, soll diese Strategie begleiten. Der Claim „eatAUT“ („iss Österreich“) wird demnach für unterschiedlichste Aktivitäten genutzt und nicht zuletzt in Social-Media-Kanälen in Erscheinung treten.
Auf der Webseite der Österreich-Werbung heißt es dazu: „‚eatAUT‘ bringt Österreichs Kulinarik auf den Punkt: regionale Produkte, authentische Originale und das einzigartige Lebensgefühl des gemeinsamen Genießens. Der Claim lädt ein, Österreich mit allen Sinnen zu erleben – ob durch den Geschmack unserer Landschaften oder die Geselligkeit beim Essen.“78
Inwieweit sich dieses Ziel umsetzen lässt, werden die kommenden Jahre zeigen.
Wie profitiert der Tourismus von der Landwirtschaft?
Bäuerinnen und Bauern pflegen und erhalten die unterschiedlichen Kulturlandschaften Österreichs. Dies geschieht gewissermaßen als Nebeneffekt der Lebensmittelproduktion. Der Erhalt der Kulturlandschaft verhindert umgekehrt, dass der größte Teil des Landes verwaldet. Gerade im Alpenraum würden sich ohne die Pflege durch den Menschen wieder jene dichte und teils finstere Wälder ausbreiten, die einst sein Aussehen prägten.
Ohne Landwirtschaft würde der allergrößte Teil Österreichs ganz anders aussehen. Es gäbe keine Wachau mit ihren Wein- und Marillengärten, keine Südoststeiermark, kein Waldviertel und kein Burgendland mit ihren jeweils typischen Kulturlandschaften, regionalen Spezialitäten und einzigartigen Bräuchen. Mit am eindrücklichsten zeigen sich die Zusammenhänge im Alpenraum.
Wie profitiert der Tourismus von der Berglandwirtschaft und den Almen?
Almen sind ein wichtiger und prägender Teil Österreichs und speziell der Kulturlandschaft im Alpenraum. Und das liegt nicht allein daran, dass sie, ihre Waldflächen einbezogen, rund elf Prozent der gesamten Staatsfläche ausmachen. Almen gelten auch in hohem Maß als sinn- und identitätsstiftend, sie verkörpern Österreich und machen aus einer Landschaft eine schöne Landschaft.
Almen gehören zu den halboffenen Landschaften, in denen sich freie Grünlandflächen mit verschiedenen Formen von Gehölzbewuchs abwechseln. Solche halboffenen und abwechslungsreichen Kulturlandschaften werden von Besucherinnen und Besuchern in wissenschaftlichen Befragungen stets besonders positiv bewertetet. Letztlich „erinnern“ Almen den Urmenschen in uns an seine Ursprünge in der afrikanischen Savanne. Dort konnte ihm ein Mix aus unterschiedlich dicht bewachsenen Bereichen am ehesten Orientierung, Nahrung, Schutz und Deckung zugleich gewähren.
Warum sind Almen perfekt zum Wandern?
Almen haben in der Geschichte des Tourismus eine Schlüsselrolle gespielt. Typische Alm- Elemente wie die Almhütte oder grasende Weidetiere wurden von Beginn an häufig im Kontrast zur darüber oder dahinter liegenden schroffen, wilden Bergwelt gezeigt. Solche Bilder vereinen das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit einerseits und nach Abenteuer und wilder Natur andererseits. Almen werden als der eher sanfte Teil der Bergwelt wahrgenommen, der sich vergleichsweise bequem zu Fuß, auf dem Mountainbike oder auf Skiern erkunden und erleben lässt. Ebenso stellen Almen oft eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg in die höher gelegenen, schrofferen und wilderen Felslandschaften dar. Österreichs Landschaften sind der wichtigste Grund, warum Menschen ihren Urlaub in Österreich verbringen.
Speziell auf Almen wird auch das Höhenklima, die Bewegung an sauberer Luft, die Sonneneinstrahlung sowie die Ruhe als erholsam empfunden und beworben. Zudem sind Almen Produktionsort regionaler Lebensmittel. Im Fall von kulinarisch bewirtschafteten Almen können sie zugleich jener Ort sein, an dem regionale Lebensmittel in Form von Spezialitäten-Gerichten konsumiert werden. Regionale Gerichte und kulinarische Spezialitäten werden von Touristinnen und Touristen besonders geschätzt. Wahr ist aber auch, dass ein Teil des kulinarischen Angebots eine Herkunft oder Entstehung im Berg- und Alm- gebiet lediglich suggeriert. Auf diese Weise vereinnahmen einige Gastronominnen und Gastronomen das gute Image von Österreichs Berg- und Almlandschaften zur Bewerbung von kulinarischen Angeboten, deren Ursprung nicht nur nicht in den Bergen, sondern häufig sogar außerhalb Österreichs liegt. Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Lebensmittel in der Gastronomie könnte diesbezüglich durchgehende Transparenz und bewusste Konsumentscheidungen fördern.
Was der Begriff „Natur“ verschleiert
Unabhängig davon gilt: Almen machen also einen erheblichen Teil der touristischen Attraktivität Österreichs aus. Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner vom Management- Center Innsbruck (MCI) bringt die Bedeutung der Almen auf den Punkt: „Gerade die Berglandwirtschaft mit ihren dazugehörigen Almen formt eine anziehende Kulturlandschaft, die seit 150 Jahren für Sport und Erholung genutzt wird, von Gästen genauso wie von Einheimischen.“
Die Bezeichnung „Kulturlandschaft“ stellt dabei eine Art Knackpunkt dar. Sie gibt wieder, dass das Aussehen der als typisch österreichisch wahrgenommenen Landschaften wesentlich vom Menschen abhängt, vor allem von Bäuerinnen und Bauern. Dabei fallen der Landwirtschaft zwei wesentliche Rollen zu, eine historische und eine gegenwärtige: Historisch gesehen hat die Landwirtschaft die Almen als Kulturlandschaften erschaffen – durch die Rodung und damit grundlegende Umgestaltung der natürlich vorgefundenen Urwälder. In der Gegenwart sorgt sie mit ihren Nutztieren und der traditionellen Bewirtschaftung der Almflächen dafür, dass sie als solche bewahrt bleiben. Wo sich die Viehwirtschaft zurückzieht, setzt automatisch die allmähliche Rückumwandlung offener Almflächen in Waldgebiete ein.
Auch der Wald wird in Österreich bis auf wenige Ausnahmen bewirtschaftet, auch außerhalb der zu den Almen gehörenden Wälder. Menschen entscheiden also etwa darüber, welche Baumarten angepflanzt werden, beziehungsweise vorherrschen sollen oder welches Alter sie erreichen, bevor sie zur Holzgewinnung geerntet werden. Auch der Wald erfährt somit regelmäßige Eingriffe, wie sie in einer Naturlandschaft nicht vorkommen. Das dafür erforderliche Wegenetz macht den Wald als Nebeneffekt auch zugänglich für Besucherinnen und Besucher. Durch die Holzernte oder die Beseitigung von Sturmschäden bleiben zudem für viele Jahre lichtere Stellen und Aussichtspunkte, die die touristische Attraktivität des Waldes er- höhen. Ausgedehnte Urwälder, wie sie einst das Land prägten, wären für die an Zivilisation und Infrastruktur gewöhnten Menschen des 21. Jahrhunderts nur unter großer Anstrengung erlebbar. Österreichs heutige Wälder sind dagegen ein wichtiger Teil der Kulturlandschaft. Aber auch sie wären ohne das Zusammenspiel mit Almen und anderen offenen Flächen ästhetisch deutlich weniger anziehend.
Weil der Begriff Kulturlandschaft allerdings weniger werbewirksam als der Naturbegriff ist, werden Kulturlandschaften häufig mit Prädikaten wie „unberührte Natur“, „natürliche Idylle“,
„Naturparadies“ und ähnlichem beworben. Wobei auch die Landwirtschaft selbst oder die Lebensmittelwirtschaft nicht selten mit dem Naturbegriff werben. Droht dadurch nicht die Gefahr, die zentrale Funktion der Landwirtschaft beim Erhalt der Kulturlandschaft zu verschleiern? „Das würde ich nicht so sehen. Sowohl in der Landwirtschaft als auch im Tourismus werden oft beide Begriffe gemeinsam verwendet“, entgegnet Leo Bauernberger. Der Geschäftsführer der „SalzburgerLand Tourismus GmbH“ betont gleichzeitig die „Erfolgsgemeinschaft“, die Landwirtschaft und Tourismus aus seiner Sicht gemeinsam bilden.
„Wenn wir im Ausland auf Messen für das Land Salzburg als Reiseziel werben, dann ist immer jemand aus dem Bereich Gastronomie oder Landwirtschaft dabei. Und wir transportieren das immer mit, dass hinter dem Erscheinungsbild unserer Kulturlandschaft ein enormer Aufwand steckt.“ Auch die Begegnungen zwischen Gästen und Menschen aus der Landwirtschaft, etwa direkt auf den Almen, böten Gelegenheiten, die Zusammenhänge zwischen Lebensmittelproduktion und Landschaftsbild zu vermitteln.
Warum sind (Alm-)weiden perfekte Skipisten?
Im Sommer beweidete Hänge stellen im Winter eine besonders geeignete Grundlage für Skipisten dar. Das liegt an mehreren Gründen. Erstens verhindert die Beweidung die Verbuschung der Flächen. Weil kurzes Gras viel schneller unter Schnee verschwindet als langes Gras oder Gehölze, lässt sich schon mit einer vergleichsweise geringen Schneemenge eine gute Piste präparieren. Vor allem, wenn wenig Schnee vom Himmel fällt und mehr Kunstschnee erzeugt werden muss, macht sich das bemerkbar. Schneekanonen benötigen Wasser und Strom, ihr Betrieb erfordert logistischen Aufwand. Wenn eine Piste mit weniger Kunstschnee auskommt, kann sie, verglichen mit größeren erforderlichen Schneemengen, umweltfreundlicher und kostengünstiger hergestellt und erhalten werden.
Der zweite Grund, warum Weiden eine ideale Grundlage für Skipisten darstellen, liegt in ihrer Oberflächenbeschaffenheit. Kurze, aufrecht und stabil stehende Grashalme oder Grasstoppeln ergeben eine raue Oberfläche. Sie ist die Hinterlassenschaft regelmäßiger Mahd zur Futtergewinnung oder einer gut gemanagten Beweidung mit nicht zu wenigen und nicht zu vielen Tieren. Fällt auf diese raue Oberfläche Schnee, dann ragen die Grashalme in die entstehende Schneedecke hinein und verzahnen sie über ihre Wurzeln mit dem Untergrund.
Auch die für Almweiden typischen, parallel zum Hang verlaufenden Trittspuren, auch als Viehgangeln bezeichnet, erhöhen laut einer schweizerischen Übersichtsstudie die Oberflächenrauigkeit und vermindern dadurch das Schneegleiten deutlich.79
Was passiert ohne Mahd oder Beweidung? Auf stillgelegten Grünlandflächen und aufgelassenen Almweiden wächst das Gras zu langen Halmen, Gehölze kommen auf. Diese Art des Bewuchses neigt sich unter der Last einer wachsenden Schneedecke zu Boden. Dadurch entsteht eine eher glatte, rutschige Oberfläche, auf der sich die Schneedecke nicht gut halten kann. Die Herstellung einer stabilen Skipiste wird schwieriger. Auch das Risiko für Gleitschneelawinen erhöht sich dadurch.
Dort, wo Skipisten im Sommer nicht als Nebeneffekt der Viehwirtschaft gepflegt werden, sorgen die touristischen Betriebe oftmals selbst für das Mähen oder Mulchen der Flächen. Dies geschieht routinemäßig etwa in Nordamerika oder Skandinavien unter entsprechendem Kostenaufwand. Aber auch in Österreich zeigt sich eine Tendenz in dieser Richtung. So wird in einer wissenschaftlichen Untersuchung im Auftrag der Schmittenhöhebahn-AG aus dem Jahr 2019 festgehalten: „Immer häufiger werden die Pistenflächen durch die Seilbahnen offengehalten. Dies gilt vor allem für kleinteilige Flächen ohne almwirtschaftliche Nutzung.“80
In dieser Aussage spiegelt sich die Tatsache wider, dass die Almfutterfläche in Österreich seit Jahren rückläufig ist. Gleichzeitig wird der Löwenanteil der Pistenflächen nach wie vor im Sommer durch die Landwirtschaft genutzt.
Was ist der Unterschied zwischen Mähen und Mulchen?
Mähen: einfaches Abschneiden der ganzen Grashalme in Bodennähe. Gemähtes Gras kann anschließend zur Verwertung als Futter abtransportiert werden.
Mulchen: mehrfaches Zerschlagen/Kleinhäckseln der Grashalme zu kleinen Stücken. Das
Gras verbleibt anschließend auf der Fläche und verrottet.
Was passiert dort, wo sich die Landwirtschaft zurückzieht?
Dass sich die Landwirtschaft aus bestimmten Gebieten irgendwann wieder zurückzieht, ist kein neues Phänomen. Das zeigen die sogenannten „Wüstungen“ eindrucksvoll. Dabei handelt es sich um Siedlungen, die meist im Hochmittelalter (12./13. Jahrhundert) durch Waldrodung angelegt worden waren. Damals wuchs die Bevölkerung Mitteleuropas, wodurch die Menschen mehr Lebensraum für Ackerbau und Tierhaltung beanspruchten. Nachdem der „Schwarze Tod“ beziehungsweise der große Ausbruch der Pest um 1347/48 herum wahrscheinlich mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben gekostet hatte, verringerte sich der gesamte Platzanspruch der überlebenden Menschen für lange Zeit. Viele tausend Siedlungen wurden wieder aufgegeben und versanken mitsamt ihren einstigen Äckern und Weiden erneut im Wald. Die einzige Wüstung, die innerhalb Österreichs bis heute vollständig ausgegraben wurde, ist die Ausgrabung Hard bei Thaya im Waldviertel.81
Heutzutage werden in Österreich zwar keine größeren Siedlungen mehr aufgegeben. Wohl aber landwirtschaftliche Flächen in Form von schwer zu bewirtschaftenden und vergleichsweise unproduktiven Grünlandflächen, allen voran im Bereich der Almen. Viele tausend Hektar österreichischer Almwiesen und -weiden sind in den vergangenen hundert Jahren wieder zu Wald geworden.
Eine ungebremste Entwicklung in dieser Richtung wäre weder in ökologischer Hinsicht wünschenswert noch in Sachen Tourismus. Umgekehrt bringen abwechslungsreiche Landschaften aus Wald und Offenland Vorteile in beiderlei Hinsicht, wie zuvor ausführlich erörtert wurde.
Häufig wird daher auch ein direkter Zusammenhang zwischen dem Rückzug der Landwirtschaft und einem unmittelbaren Niedergang des Tourismus angenommen. Gegenden wie die Region Piemont oder die Provinz Trient (beide Italien) und andere in Frankreich oder Slowenien werden als Beispiel angeführt. „Almfuchs“ Peter Fuchs sagt etwa: „Wo die Almwirtschaft aufhört zu existieren, setzt der Exodus ganzer Talschaften ein. Zuerst verlässt der Bauer in Form seiner Alm das Familien-Silber, einige Zeit später zieht der ganze Bauernhof nach. Und mit dem Bauernhof rinnt sozusagen die ganze Talschaft den Bach hinunter.“ Auf diese Weise würden ganze Seitentäler menschenleer werden.
Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass Tourismus dadurch in der ganzen Region unmöglich wird. Allerdings ändert sich der Charakter eines Ortes, wenn die Landwirtschaft zu sehr an den Rand gedrängt wird. „An manchen dieser Orte, nehmen wir etwa Val d‘Isère in den französischen Alpen, gaukelt uns der Wintertourismus ein blühendes Leben vor. Aber dahinter steckt nicht viel: im Sommer so gut wie keine Schafe, Kühe oder Bauern, kaum Kultur. Und weil dort die Beweidung vor langer Zeit aufgegeben wurde und Skipisten auf nicht nachhaltige Weise planiert wurden, kam es zu großflächiger Erosion. Dort wächst im Sommer nichts mehr. Wer möchte dort noch hinfahren zum Spazierengehen?“
Val d‘Isère hat knapp 1.600 Einwohner und ist geprägt von Hotels mit zusammen mehr als 1.200 Zimmern sowie großen, mehrstöckigen Appartementbauten mit annähernd 7.000 Wohnungen. Dabei beträgt die Zweitwohnsitzrate fast 90 Prozent.82 Ein hoher Anteil an Zweitwohnsitzen ist für Kritikerinnen und Kritiker des Tourismus Teil einer negativen Entwicklung, die sich unter anderem in überhöhten Immobilienpreisen und schwindendem „Dorfleben“ äußert. Solche Appartements werden meist nur wenige Wochen im Jahr bewohnt und stehen in der verbleibenden Zeit leer. Im Winter 2023/24 verfügte Val d‘Isère über 26.000 touristische Betten.
Zum Vergleich: Das ebenfalls touristisch geprägte Kitzbühel in Tirol hat rund 8.300 Einwohner und verfügt neben seinen Hotels über knapp 8.000 Wohnungen. Laut offizieller Statistik des Landes Tirol handelt es sich bei 16 Prozent davon um Zweitwohnsitze, auch wenn der reale Wert etwas höher liegen dürfte. Im Winter 2023/24 wurden hier etwa 5.300 Gästebetten bereitgehalten. Die Zahlen der Betten und Zweitwohnsitze stehen damit in einem sehr viel engeren Verhältnis zur Einwohnerzahl als in Val d‘Isère.
Für „Alpen-Papst“ Werner Bätzing dienen Verhältnisse wie in Val d‘Isère oder anderen Orten als Negativbeispiele für eine wenig wünschenswerte Zukunft der Alpen. „Das ursprüngliche Motiv für den Alpentourismus, nämlich das persönliche Eintauchen, Beobachten und Erleben des Kontrasts zwischen schroffer Bergwelt und der idyllisch wirkenden bäuerlichen Kulturlandschaft, ist heute vielerorts verlorengegangen“, sagt Bätzing. Zwar gebe es etwa mit den sogenannten Bergsteigerdörfern, den Natur- und Nationalparks oder Weitwanderwegen wie der Via Alpina erfreuliche alternative Angebote für tiefergehende Erlebnisse. Aber: „Dort, wo mit dem Massentourismus das große Geld gemacht wird, bewegen sich die Besucher nur noch in städtisch geprägten Freizeitparks und erleben ‚die Alpen‘ nicht mehr.“
Aus einer solchen Sichtweise bleibt eine intakte Landwirtschaft für echte, authentische Urlaubserlebnisse eine der Grundvoraussetzungen. Mehr dazu findest du auch hier.
Verschwinden der Landwirtschaft hätte weitreichende Konsequenzen
Neben Erosion wirkt auch die Verbuschung und Verwaldung nach Rückzug der Almwirtschaft negativ auf den Tourismus – jedenfalls indirekt, indem der ästhetische Reiz einer Landschaft gemindert wird. „Das Zuwachsen von Aussichtspunkten und die Homogenisierung des Landschaftsbildes durch die Ausbreitung von Wald mindern allgemein gesehen dessen ästhetischen Wert“, bestätigt auch Landschafts-Forscherin Uta Schirpke. Damit liegen potenziell negative Auswirkungen auf den Tourismus nahe. Gleichzeitig würde die Zunahme des Waldes von verschiedenen Menschen unterschiedlich bewertet. „Wenn beispielsweise jemand den Klimawandel im Hinterkopf hat, die Alpen vielleicht eher als Wildnis-Gebiet sehen möchte und gleichzeitig wenig Bezug zu Geschichte und Kultur einer Landschaft hat, dann wird der Wald natürlich besser bewertet.“
Fest steht, dass sich Tourismus und Landwirtschaft gegenseitig stark beeinflussen. Ohne Landwirtschaft gäbe es für den Tourismus in Österreich vollkommen andere, wahrscheinlich häufig sehr viel schlechtere Voraussetzungen. Umgekehrt gäbe es viele landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetriebe ohne das Zusatzeinkommen aus dem Tourismus längst nicht mehr.
Werner Bätzing hält in seinem Buch fest: „Der Zusammenbruch der Landwirtschaft beinhaltet wegen der multifunktionalen Bedeutung der Kulturlandschaft viel mehr als das bloße Verschwinden einer einzelnen Wirtschaftsbranche: Indem damit zugleich die flächenhafte Kulturlandschaft verschwindet, geht der Charakter der Alpen als dezentral-flächenhaft geprägter menschlicher Lebensraum verloren, was weitreichende ökonomische, ökologische, ästhetische, infrastrukturelle und kulturelle Konsequenzen nach sich zieht.“83 An derselben Stelle gibt der Geograph Bäuerinnen und Bauern seine Vorstellung von der Zukunft mit auf den Weg: „Eine Zukunft kann die Landwirtschaft in den Alpen aber nur dann haben, wenn sie sich auf alpenspezifische Qualitätsprodukte in umwelt- und sozialverträglichen Produktionsformen konzentriert und nicht mehr für einen Mengenmarkt produziert.“
Wie profitiert die Landwirtschaft vom Tourismus?
Historisch betrachtet hat der Tourismus vielen Menschen in Österreich aus der Armut geholfen. Im Jahr 1869, dem Jahr der ersten modernen Volkszählung, waren beispielsweise in Tirol noch zwei Drittel oder 65,9 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig.84 Dabei handelte es sich um eine sogenannte Subsistenzwirtschaft, in deren Rahmen der Großteil der zum Leben benötigten Lebensmittel und anderen landwirtschaftlichen Rohstoffe – etwa Wolle, Hanf oder Lein für Textilien – selbst angebaut beziehungsweise gewonnen wurde. Heute würde man wahrscheinlich von einer Autarkie sprechen. Für die allermeisten Menschen bedeutete dies allerdings, mehr oder weniger von Kindesbeinen an, harte körperliche Arbeit bei wenig Lohn.
Gleichzeitig war die vermeintliche Autarkie stets von großer Unsicherheit begleitet. Die Erträge der Ackerfrüchte waren wechselhaft und meist kärglich. Auch die Milchleistung einer Kuh war im Vergleich zu heute um ein Vielfaches geringer. Ein paar Tage schlechtes Wetter zum falschen Zeitpunkt und eine darauffolgende Missernte konnten leicht dafür sorgen, dass Menschen Hungerphasen zu durchleiden hatten. Selbst wenn eine andere Region Europas zur selben Zeit Überschüsse produziert hätte – was kaum der Fall war –, es hätte wenig genutzt. Vor Ausbau der Eisenbahn waren nämlich auch die Transportmöglichkeiten beschränkt und somit die Chancen, Missernten durch Handel auszugleichen.
Tirol, früher: bäuerliches Leben in Armut
„Die Landwirtschaft in Tirol und damit der Großteil der Bevölkerung war immer eher arm, die Getreideversorgung prekär. Die Selbstversorgung mit Lebensmitteln konnte nur unter größten Mühen erreicht werden“, stellt auch Markus Schermer fest. Der Professor für Agrarsoziologie an der Universität Innsbruck hat jahrzehntelang die gesellschaftliche Stellung der Landwirtschaft sowie Einflüsse des Tourismus erforscht.
Durch die geringen Erträge pro Hektar war man gezwungen, mehr Land zu bewirtschaften als heutzutage. Kartoffeln, Weizen oder Roggen wurden selbst in eigentlich dafür wenig geeigneten Höhenlagen und in steilem Gelände angebaut. Starker Regen konnte den ohnehin dünnen Oberboden regelmäßig talwärts reißen. „Es hat ja früher ein Sprichwort gegeben, wonach viele Tiroler Bauern ihren Acker schon einmal auf dem Rücken getragen hätten“, erinnert Markus Schermer. „Nachdem die Erde heruntergeschwemmt war, musste sie unter größten Mühen wieder hinaufgetragen werden.“
Ähnliches ist im Zusammenhang mit der Tierhaltung überliefert. So konnten etwa schlechte Heuernten gefolgt von langen, harten Wintern die Tiere an ihre Grenzen bringen. „Historischen Berichten zufolge war das Vieh zu Frühlingsbeginn oft so ausgehungert, dass es fast auf die Weiden getragen werden musste“, sagt Schermer. „Insgesamt war es für viele Menschen ein mühsames und karges Leben mit wirklich krassen Verhältnissen in Sachen Ernährung.“
Wie misslich die Lage vieler Menschen werden konnte, zeigt sinnbildlich auch das Phänomen der sogenannten „Schwabenkinder“ beziehungsweise der „Schwabengängerei“. Dabei geht es um die Kinder armer Bergbauernfamilien, die seit dem 17. Jahrhundert aus dem Alpenraum zu Fuß nach Oberschwaben in Süddeutschland geschickt wurden, um dort auf größeren Bauernhöfen als Saisonarbeitskräfte das Sommerhalbjahr zu verbringen. Statt die Schule zu besuchen, mussten die sechs- bis 14-jährigen Kinder weit entfernt von ihren Familien Vieh hüten oder andere land- oder hauswirtschaftliche Tätigkeiten ausüben.
Ihren Höhepunkt erreichten die Kinderwanderungen Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals mussten schätzungsweise rund 4.000 Kinder jährlich, unter anderem aus Tirol und Vorarlberg, zu den Kindermärkten nach Ravensburg, Friedrichshafen oder anderen Marktorten wandern, um sich dort an Bauernhöfe vermitteln zu lassen. Vereinzelt war die „Schwabengängerei“ noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Realität.85
Allgemeiner Wohlstand hilft auch der Landwirtschaft
Erst die fortschreitende Industrialisierung, die auch den Tourismus ermöglichte, brachte allmählich Linderung. „Der Tourismus hat durch zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten sehr viel für die Landwirtschaft geleistet und dadurch automatisch auch zum Wohlstand des ganzen Landes beigetragen, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg“, so Schermer.
Aber schon in einem Zitat aus dem Jahr 1932 heißt es: „Ein Tirol ohne Fremdenverkehr wäre ein Tirol der Katastrophe (…), in dem alle Berufskreise auf das Allerschwerste betroffen und geschädigt werden würden.“86
Neben dem Tourismus profitieren Bäuerinnen und Bauern heutzutage auch vom allgemeinen materiellen Wohlstand in Österreich. Zu dessen enormem Wachstum hat in den vergangenen hundert Jahren die Wirtschaft als Ganzes beigetragen. Ablesen lässt sich die Entwicklung unter anderem daran, dass wir in Österreich heutzutage – laut neuester Konsumerhebung der Statistik Austria von 2024/25 – im Durchschnitt „nur“ noch rund 12 Prozent unserer Haushaltsausgaben für Lebensmittel aufwenden. In den 1950er-Jahren lag dieser Anteil noch bei rund 45 Prozent.
Aufgrund geringerer Lebensmittelkosten können wir heute einen großen Teil unseres Einkommens für andere Dinge ausgeben. Dazu gehören größere und vollständig beheizte Wohnräume, abwechslungsreichere Bekleidung aus importierter Baumwolle, Mobiltelefonie, Freizeit, Urlaub und vieles mehr. In Ländern mit geringerem allgemeinen Wohlstand liegt der Anteil der Lebensmittelausgaben auch heute noch bedeutend höher. Schaut man nur wenige hundert Kilometer in Richtung Südosten, dann lässt sich etwa für Bosnien-Herzegowina ein Anteil von rund einem Drittel feststellen. Im westafrikanischen Nigeria gaben die Menschen 2023 durchschnittlich rund 60 Prozent ihrer Gesamtausgaben für Lebensmittel aus.87
So gesehen profitieren also alle Bauernfamilien vom Tourismus als Teil der Gesamtwirtschaft, auch wenn sie selbst keine direkten touristischen Einnahmen verbuchen können.
Welche Rolle spielt „Urlaub am Bauernhof“?
Im Jahr 2024 erzielten in Österreich rund 8.000 landwirtschaftliche Betriebe ein direktes Einkommen aus dem Tourismus im Rahmen der „bäuerlichen Gästebeherbergung“. Mehr als jeder zehnte Beherbergungsbetrieb in Österreich ist damit ein Bauernhof. Die Statistik erfasst dabei sogenannte Privatquartiere und private Ferienwohnungen und -häuser, die sich auf dem Grund von Bauernhöfen befinden.
Privatquartiere bieten in der Regel zusätzlich ein Frühstück an und schließen maximal zehn Betten ein. Eine höhere Bettenanzahl erfordert die Anmeldung eines eigenen Gewerbebetriebs. Dieser wird nicht als bäuerliche Gästebeherbergung gewertet, unabhängig davon, ob der Betrieb auf dem Bauernhof oder außerhalb angesiedelt ist. Auch Ferienwohnungen, in denen sich Gäste selbst versorgen, gelten nur dann als „bäuerlich“, wenn sie auf dem Hofgelände angesiedelt und nicht-gewerblich sind. All das bedeutet, dass diese direkte Form des touristischen Einkommens von Bauernfamilien in der Statistik nicht vollständig abgebildet ist und lediglich als Anhaltspunkt dienen kann.
Was ist „Urlaub am Bauernhof“?
Der Begriff „Urlaub am Bauernhof“ (UaB) steht für eine gleichlautende Marke beziehungsweise für einen Verband. In diesem sind rund 2.300 Mitgliedsbetriebe – etwa in Form einer gemeinsamen Buchungsplattform – organisiert, darunter auch ein kleinerer Anteil gewerblicher Betriebe. Von den Aktivitäten des Verbandes, etwa der Öffentlichkeitsarbeit, profitiert laut einer Untersuchung88 aber der gesamte Bereich der bäuerlichen Gästebeherbergung. Dieser wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit der Marke „Urlaub am Bauernhof“ gleichgesetzt.
Die Ferien auf einem Bauernhof zu verbringen, war auch eine der ersten Urlaubsmöglichkeiten in Österreich und ein wichtiger Faktor in der Geschichte des Tourismus. Eng verbunden war dies mit dem Begriff der „Sommerfrische“, die schon Ende des 19. Jahrhunderts jährlich tausende Menschen von der Stadt aufs Land lockte.
Aber was bedeutet die Gästebeherbergung für die Landwirtschaft als Ganzes? Die rund 8.000 Betriebe der bäuerlichen Gästebeherbergung entsprechen zwar lediglich fünf Prozent aller land- und forstwirtschaftlichen Betriebe Österreichs. Dieser eher geringe Anteil kann aber über eine regional deutlich größere Bedeutung hinwegtäuschen. So ist etwa in Salzburg und Tirol jeder fünfte landwirtschaftliche Betrieb (21 beziehungsweise 19 Prozent, Stand: 2023) in der Beherbergung aktiv, in Vorarlberg sind es immerhin noch acht Prozent.
In einzelnen der rund 100 Tourismusregionen Österreichs kann die Bedeutung der bäuerlichen Gästebeherbergung über oder unter dem landesweiten Durchschnitt liegen. Unabhängig davon stellt sie für die betreffenden landwirtschaftlichen Betriebe eine wichtige Einkommensquelle dar. So zeigte eine Untersuchung des JOANNEUM RESEARCH89 aus dem Jahr 2021 unter Mitgliedsbetrieben des Verbands „Urlaub am Bauernhof“ (UaB), dass die Gästebeherbergung durchschnittlich für mehr als 40 Prozent des Einkommens der UaB-Betriebe verantwortlich war. Bei einem Drittel der Betriebe sicherte sie deren Fortbestand. Die Begutachtung im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums stellt außerdem fest: „Die UaB-Betriebe sind ein relevanter Teilbereich der Tourismuswirtschaft, gerade in Regionen mit geringer Tourismusintensität tragen sie mitunter wesentlich zum touristischen Angebot bei.“
Ähnlich wie im Rest der Landwirtschaft oder in anderen Wirtschaftsbereichen ist auch bei der bäuerlichen Gästebeherbergung in den vergangenen Jahrzehnten ein Strukturwandel zu beobachten. So weist die Statistik für das Jahr 2000 noch rund 12.000 entsprechende Betriebe auf. Im vergangenen knappen Vierteljahrhundert schrumpfte deren Anzahl somit um rund ein Drittel auf die genannten circa 8.000 Betriebe.
Gleichzeitig kam es zu einer Verschiebung innerhalb der Beherbergungsformen. Diese zeigt sich in einem drastischen Rückgang der Privatquartiere mit bis zu zehn Betten, während die Anzahl der Ferienwohnungen auf Bauernhöfen im selben Zeitraum sogar um rund ein Viertel zugenommen hat.
Almausschank und andere Einnahmequellen
Auch die Almen stellen eine Möglichkeit für die Landwirtschaft dar, direktes touristisches Einkommen zu erzielen, auch wenn dies von ihrer Lage und Nähe zu touristischen Zentren abhängt. Gastronomisch bewirtschaftete Almen sind beliebte Ausflugsziele für Wanderer, E-Bike-Fahrerinnen oder Wintersportbegeisterte.
Einige landwirtschaftliche Betriebe nutzen ihre Alm, um Gäste auch mit ihren eigenen Produkten zu verköstigen. Dies ist im Rahmen des sogenannten Almausschanks möglich. Dabei handelt es sich um ein landwirtschaftliches Nebengewerbe, für das es – unter Einhaltung bestimmter Kriterien – keine Gewerbeberechtigung braucht. Unter anderem müssen die dort angebotenen Speisen und Getränke zu einem Großteil vom Almbewirtschafter oder der -bewirtschafterin oder ihrem Personal selbst erzeugt worden sein. Lediglich ortsübliche Flaschengetränke wie Bier, Cola oder Holundersaft dürfen zugekauft werden, solange ihr Einkaufswert 25 Prozent des Umsatzes nicht übersteigt. Würde etwa nur der Speck für die Brettljause zugekauft werden, so wäre deren Verabreichung bereits nicht mehr durch den Almausschank gedeckt.
Auch über die Bereitstellung von Weideflächen für Skipisten, sei es auf Almflächen oder weiter talwärts, können Bauernfamilien Einkommen generieren. Hinzu kommen die zahlreichen Beschäftigungsmöglichkeiten in der Tourismusbranche, sei es bei Bergbahnen, in Hotellerie oder Gastronomie oder in anderen Bereichen.
Vor allem in tourismusintensiven Regionen stellt der Tourismus somit einen wichtigen Faktor für den Fortbestand landwirtschaftlicher Betriebe dar.
Regionalität in der Gastronomie – Woher kommt der Backhendlsalat?
Wenn es um Wertschöpfungsmöglichkeiten für die Landwirtschaft geht, dann spielt auch der Absatz von Lebensmitteln an die Gastronomie eine zentrale Rolle. Gerade im Bereich des Tourismus haben „typisch österreichische“ Speisen oder Spezialitäten einer bestimmten Region einen besonderen Stellenwert – jedenfalls in der Theorie.
In einer aus Sicht der Landwirtschaft idealen Welt finden sich auf den Speiskarten von Hütten, Imbissen, Hotel-Restaurants oder Haubenlokalen der Tourismus-Regionen so weit als möglich Lebensmittel aus dieser entsprechenden Region. Was es innerhalb der Region nicht gibt, kommt aus anderen Regionen innerhalb Österreichs. Auf diese Weise sorgt der Tourismus für Wertschöpfung bei der regionalen beziehungsweise österreichischen Landwirtschaft. Diese sorgt umgekehrt – als Nebeneffekt der Produktion dieser Lebensmittel – für den Erhalt der Kulturlandschaft. Die Realität weicht allerdings oft von der idealen Vorstellung ab.
Diese Kulturlandschaft wird zwar sowohl von Menschen aus aller Welt als auch von Einheimischen geschätzt und bildet die Grundlage des Tourismus in Österreich. Entfällt jedoch der pflegerische Eingriff durch die Landwirtschaft aufgrund mangelnder Einnahmen aus der Lebensmittelproduktion, geht mittelfristig auch die touristische Basis verloren.
Was erwarten sich Österreichs Gäste am Teller?
Regionale Zutaten sind auch das, was sich viele Touristinnen und Touristen beim Restaurantbesuch erwarten beziehungsweise wovon sie mehr oder weniger stillschweigend ausgehen. Darauf weist unter anderem eine Befragung von mehr als 600 Gästen aus Deutschland und Österreich hin, die im Jahr 2018 auf Initiative des Vereins „Land schafft Leben“ von Studierenden der FH Krems in der Region Schladming-Dachstein durchgeführt wurde. Mehr als 80 Prozent der befragten Gäste äußerten dabei „eher“ die Erwartung einer Speisenzubereitung mit regionalen Lebensmitteln.
Wichtig festzuhalten ist dabei die Tatsache, dass es für die Eigenschaft „regional“ keine festgelegten, einheitlichen Kriterien gibt. Für 44 Prozent der Befragten steht der Begriff für eine Lebensmittelherkunft aus der Region Schladming-Dachstein, nicht ganz 40 Prozent verstanden darunter eine Herkunft aus dem Bundesland Steiermark, weniger als 20 Prozent einen österreichischen Ursprung.
Bezüglich der unter Gästen vermuteten Regionalität in der Gastronomie hat Tourismusforscherin Theresa Mitterer-Leitner vom Management Center Innsbruck (MCI) ähnliche Beobachtungen gemacht: „Die Ergebnisse einer Masterarbeit am MCI auf Basis einer Befragung von 400 Touristinnen und Touristen in Kärnten zeigen, dass Regionalität von vielen Gästen erwartet wird. 70 Prozent vertrauten darauf, dass die in der Gastronomie angebotenen Lebensmittel aus der Region stammen. Regionalität ist damit auch eine Frage der Glaubwürdigkeit des touristischen Leistungsversprechens.“
Häufig unklare Lebensmittelherkunft in Österreichs Gastronomie
Aber wie sieht die Realität in den Küchen der heimischen Gastronomie aus? Die prinzipielle Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Umfassende Daten zum Anteil regionaler Lebensmittel in der österreichischen Gastronomie werden nicht erhoben.
Hinzu kommt, dass es für Wirtinnen und Wirte keine Verpflichtung gibt, Gäste über die Herkunft der angebotenen Speisen zu informieren. Die Forderung nach einer gesetzlich verpflichtenden Herkunftskennzeichnung wird zwar gerade aus den Reihen der Landwirtschaft regelmäßig erhoben, ist aber in Österreich derzeit (Stand Anfang 2026) nicht umgesetzt.
Daher bleiben Restaurantbesucherinnen und -besucher häufig im Unklaren darüber, ob das Kalbfleisch eines „Original Wiener Schnitzels“ nicht vielleicht aus den Niederlanden oder das Hühnerfleisch im „Steirischen Backhendlsalat“ womöglich aus Ungarn kommt. Gleiches gilt für jene, die beim Einkehrschwung auf der Skihütte einen Kaiserschmarrn bestellen, also eine Mehlspeise, wie sie wahrscheinlich österreichischer nicht sein kann. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit enthält dieser nämlich Eier aus hierzulande längst verbotener Käfighaltung von außerhalb der EU.
Mit derartiger Einkaufspolitik untergraben betroffene Gastronominnen und Gastronomen aus Sicht der Landwirtschaft nicht nur das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis mit dem Tourismus. Sie importieren damit häufig auch niedrigere Umwelt- oder Tierwohlstandards und verstoßen so gegen Werte, über die mittels Gesetzgebung eigentlich längst ein gesellschaftlicher Konsens hergestellt wurde. Wer Eier aus Käfighaltung importiert, umgeht so das in Österreich geltende Verbot dieser nicht artgerechten Haltungsform.
Regionales in der Gastronomie: Ausdruck von Respekt und Wertschätzung
Aus Sicht der Landwirtschaft drückt sich im Verzicht auf heimische Lebensmittel nicht nur ein fehlendes Bewusstsein für die Zusammenhänge, sondern auch mangelnde Wertschätzung gegenüber der Landwirtschaft aus.
Das hat unter anderem eine von Mitterer-Leitner 2023 veröffentlichte Studie90 zur „Tourismus-Gesinnung von Landwirt:innen in der Region Wilder Kaiser“ in Tirol zutage gebracht. Eine der Kernaussagen der Studie: „Wertschätzung und Respekt drücken sich aus Sicht der Landwirtschaft vor allem darin aus, dass die Primärprodukte der heimischen Landwirtschaft, Milch und Fleisch, im lokalen Tourismus Absatz finden. Dieser Absatz sichert und wertschätzt aus Sicht der Landwirtschaft das Fortbestehen der Kulturlandschaft.“ Zugleich sei aus Sicht der im Rahmen der Studie befragten Bäuerinnen und Bauern „die Verwendung regionaler Produkte Grundlage für ein authentisches, glaubwürdiges touristisches Produkt.“
Der subjektive Eindruck vieler Menschen aus der Landwirtschaft ist hingegen, dass die Gastronomie diesbezüglich Nachholbedarf hat. Sie nehmen eine Tendenz wahr, wonach der Zusammenhang zwischen der Schönheit der Kulturlandschaft als Grundlage des Tourismus und dem Absatz regionaler Lebensmittel in Gastronomie und Hotellerie insgesamt nur eingeschränkt gesehen wird. Dieses bäuerliche Meinungsbild zeigt sich auch in der Forschung von Mitterer-Leitner.
Das Problem: Harte Zahlen zum tatsächlichen Einkaufsverhalten von Gastronomie und Hotellerie gibt es (Stand März 2026) kaum. „Die Datenlage zur Angebots- und Nachfragesituation ist bislang unzureichend“, stellt Mitterer-Leitner fest. „Aber im Zuge einer Studie in einer der stärksten österreichischen Tourismusregionen wurden auch Erzeuger und Gastro-Großhändler befragt. Ihren Aussagen zufolge gibt es ganzjährig keine Engpässe bei Rindfleisch aus Österreich – auch bei Edelteilen nicht. Die Verfügbarkeit sei nicht das Problem. Ein Gastro-Großhändler erklärte jedoch, dass bei ihm im Bereich Rindfleisch dennoch die größte Nachfrage nach brasilianischem Tiefkühlfleisch besteht – obwohl er ein umfassendes österreichisches Angebot hätte und dieses aktiv bewerben würde.“
Auch Markus Schermer vom Institut für Soziologie an der Uni Innsbruck bestätigt: „Es hat in Tirol seit Mitte der 1980er immer wieder Anläufe, Projekte und Initiativen gegeben, um Landwirtschaft und Gastronomie besser zu koordinieren. Trotzdem besteht leider immer noch Luft nach oben.“
Dieses Lagebild wird ebenso durch Informationen gestützt, die Land schafft Leben aus dem Gastronomie-Großhandel erhalten hat (siehe Kasten). Demnach ist seit dem Jahr 2024 ein Trend weg von regionaler Herkunft und hin zu importierter Billigware zu beobachten, der sich vor allem beim Einkauf von Fleisch zeigt. Mehr als 50 Prozent des Fleischumsatzes werde mit den jeweils kostengünstigsten Angeboten gemacht – in der Branche als „Preiseinstiegssegment“ bezeichnet. Tendenz, Stand September 2025: steigend. Grund für den aktuell schwindenden Wert der Herkunft sei die Tatsache, dass diese den Restaurantbesucherinnen und -besuchern meist ohnehin nicht kommuniziert werde. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist umgekehrt die Aussage aus dem Großhandel, dass Gastronomiebetriebe, die die Herkunft ihrer Gerichte freiwillig kennzeichnen, in der Regel zu besseren Qualitäten aus Österreich greifen.
Kein Absatz im Tourismus – Wege gesperrt?
Die Frage des Absatzes regionaler Produkte durch Betriebe des Tourismus ist auch im Zusammenhang mit potenziellen Raumnutzungs-Konflikten zwischen Landwirtschaft und Tourismus zu sehen. Solche Konflikte können in stark genutzten beziehungsweise besuchten Landschaften beispielsweise dadurch entstehen, dass Besucherinnen und Besucher landwirtschaftliche Flächen betreten und dort Müll oder Hundekot hinterlassen. Auch die Missachtung von Absperrungen etwa bei Waldarbeiten sowie Fehlverhalten auf Mountainbikestrecken oder bei Kontakt mit Weidetieren gehören dazu. Generell können bei landwirtschaftlichen Betrieben durch Besucherströme Aufwand und Kosten entstehen, etwa durch verstärkt notwendige Kontrollen, Besucherlenkung durch den Aufbau von Zäunen oder die Verlegung bestimmter Arbeiten in Zeiten mit geringerer Besucherfrequenz.
Gerade bei Betrieben ohne wesentliches Einkommen aus dem Tourismus können solche Zusatzkosten – in Verbindung mit dem angesprochenen mangelnden Absatz ihrer Produkte – den Eindruck mangelnder Wertschätzung und fehlenden Respekts verschärfen. Auch dies zeigt die genannte Untersuchung in der Region Wilder Kaiser. Darin ist zu lesen:
„Um die geringe Marktmacht im Absatz ihrer Primärprodukte auszugleichen und betriebliche Einschränkungen zu verringern, erwägen einige Landwirt:innen die Nutzung der Kulturlandschaft in rechtlich möglichem Ausmaß einzuschränken. Wenn kein Vorteil durch den Tourismus für den landwirtschaftlichen Betrieb besteht, will man auch Nachteile nicht in Kauf nehmen.“
Der Regionalanteil im Gastronomie-Großhandel
Offiziell und standardmäßig erhobene Zahlen zum Anteil regionaler beziehungsweise österreichischer Lebensmittel in der Gastronomie gibt es nicht. Gespräche mit mehreren Großhändlern, die Land schafft Leben im September 2025 geführt hat, ergeben folgendes Bild in Form einer Momentaufnahme.
Bis zum Jahr 2023 waren die Qualität der Produkte, die Herkunft, Nachhaltigkeit und Convenience die stärksten Trends in der Sortimentsentwicklung und bei der Nachfrage der Kunden.
Seit 2024 steigt die Nachfrage nach günstigsten Artikeln im sogenannten Preiseinstiegssegment stark an.
Die Preiseinstiegs-Eigenmarke wuchs 2025 um über 20 Prozent im Vergleich zu 2024. Von 2023 auf 2024 war die Marke bereits um zehn Prozent gewachsen. Die Wachstumsgeschwindigkeit hat sich damit verdoppelt.
Eine übermäßige Dimension nimmt das Preiseinstiegssegment mittlerweile im Bereich Fleisch ein. Knapp über 50 Prozent des Fleischumsatzes werden im Preiseinstiegssegment gemacht, Tendenz steigend.
Zum Vergleich: Über das gesamte Großhandelssortiment hinweg betrachtet liegt der Anteil des Preiseinstiegssegments bei rund 15 Prozent. Daraus kann man ableiten, dass vor allem bei Fleisch der Preis das fast einzige Entscheidungskriterium ist. Herkunft und Qualitätskriterien rücken in den Hintergrund.
Die Herkunft der Lebensmittel ist vor allem deshalb kein Einkaufskriterium, weil sie Kundinnen und Kunden größtenteils nicht kommuniziert wird.
Gastronomiebetriebe, die die Herkunft freiwillig kommunizieren, kaufen dagegen kaum Preiseinstiegsware (unter fünf Prozent), stattdessen höhere Qualitäten aus Österreich.
Zunehmende Anfragen und Ausschreibungen zielen auf besonders niedrige Qualitätsstufen ab, die bis dato von österreichischen Großhändlern nur vereinzelt angeboten wurden. Diese Qualitäten beziehungsweise Qualitätsklassen, beispielsweise bei Obst, Gemüse und auch Fleisch, können wirtschaftlich nur im Ausland beschafft werden.
Eine generelle Verschiebung der Nachfrage auf niedrigere Qualitätsstufen ist Realität.
Ausnahme: Bio trotzt dem Trend und wächst insgesamt betrachtet. Allerdings fällt der Bio-Anteil bei Fleisch, wenngleich nur gering.
Vertriebswege für regionale Lebensmittel bestehen
In Österreich gibt es bereits zahlreiche Initiativen und Möglichkeiten, wie Gastronominnen und Gastronomen beziehungsweise Restaurantbesucherinnen und -besucher auf im engeren Sinne regionale oder österreichische Lebensmittel zurückgreifen können.
Letztere haben zum Beispiel die Möglichkeit, beim Essengehen nachzufragen, woher die Produkte auf der Speisekarte stammen, oder gezielt solche Lokale zu besuchen, die die Herkunft freiwillig auf ihrer Speisekarte auszeichnen. Auch das Gütesiegel der AMA-Genussregionen ist dabei zu nennen. Es garantiert die Herkunft wesentlicher Rohstoffe wie Fleisch, Milch, Eier, Kartoffeln, Obst oder Gemüse aus bestimmten, definierten Regionen innerhalb Österreichs und wird neben Gastronomiebetrieben auch von Bauernhöfen mit Direktvermarktung sowie etwa Bäckereien oder Fleischereien getragen.
Das allgemeine rot-weiß-rote AMA-Gütesiegel beziehungsweise Bio-Siegel steht neben allerlei Produktionsanforderungen für die Herkunft Österreichs.
Und schließlich stellen eigene Produktions- und Vermarktungsprogramme für bestimmte Produkte eine weitere Möglichkeit dar, auf etablierte Vertriebswege regionaler beziehungsweise österreichischer Lebensmittel zurückzugreifen. Das AMA-Gütesiegel „Kalb rosé“ etwa garantiert die Herkunft von Kalbfleisch aus Österreich – und damit österreichische Standards in puncto Tierwohl und Umwelt. Es vermeidet dadurch unter anderem den Lebendtransport von österreichischen Kälbern über lange Strecken ins Ausland. Der „Tiroler Jahrling“, Fleisch vom Almrind oder Almschwein mit dem Qualitätssiegel „Qualität Tirol“, sind Beispiele für Produkte, für die die Agrarmarketing Tirol die Herkunft Tirols garantiert, also den Begriff Regionalität auf das eigene Bundesland bezieht. Neben den genannten Beispielen gibt es zahlreiche weitere, etwa „Salzburg schmeckt“, „Genussland Kärnten“ oder „Ländle Gütesiegel“.
Forderung: gesetzlich verpflichtende Herkunftskennzeichnung für Gastronomie
Um insgesamt mehr österreichische Lebensmittel auf die Wirtshausteller des Landes zu bringen, argumentiert die Landwirtschaft für eine gesetzlich verpflichtende Herkunftskennzeichnung für die Gastronomie. Zwar würden dadurch nicht automatisch 100 Prozent Österreich am Teller landen, aber zumindest ließe sich durch die hergestellte Transparenz beim Restaurantbesuch eine informierte und bewusste Wahl treffen. Auch die Motivation in Richtung österreichischer Herkunft könnte dadurch wachsen.
Die Gastronomie wiederum befürchtet zusätzlichen bürokratischen Aufwand und steigende Kosten. Zum Beispiel dadurch, dass die Speisekarte öfter geändert werden muss, wenn etwa ein bestimmter Lieferant einen kurzfristig entstehenden Mehrbedarf nicht abdecken kann oder es zu einem unerwarteten Produktionsausfall kommt.
Quellen
78 austriatourism.com: Wie sich Österreich als führende Kulinarik-Destination positioniert (Zugriff: 04.08.2025)
79 Zischg et al. (2012): Einfluss der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung auf alpine Naturge- fahren – Eine zusammenfassende Betrachtung; Conference Proceedings 12th Congress INTERPRAEVENT
80 Wittmann et al. (2019): Ökologisches Pistenmanagement – Zur Biodiversität von Skipisten auf der Schmittenhöhe, Studie der Schmittenhöhebahn-AG
81 waldviertel.at: Hard – dörfliches Leben und Herrschaft im Mittelalter (Zugriff: 22.01.2026)
82 Institut national de la statistique et des études économiques (insee.fr): Full set of local data Municipality of Val-d'Isère (Zugriff: 23.01.2026)
83 Werner Bätzing (2015): Die Alpen – Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft, S. 162–163
84 Hugo Penz (2012): Die Wirtschaft Tirols im Zeitalter der „Großen Depression“ 1873–1896 und die Entstehung der „Klassengesellschaft“, S. 57/58
85 Bauernhaus-Museum Allgäu-Oberschwaben Wolfegg (schwabenkinder.eu): Daheim war nirgends kein Verdienst (Zugriff: 06.10.2025)
86 Paul Tschurtschenthaler (1993): Der Tourismus im Bundesland Tirol 1918–1990, S. 192
87 ourworldindata.org: Share of consumer expenditure spent on food, 2023 (Zugriff: 08.10.2025)
88 JOANEUM RESEARCH (2021): Evaluierungsprojekt Cluster Urlaub am Bauernhof
89 JOANEUM RESEARCH (2021): Evaluierungsprojekt Cluster Urlaub am Bauernhof
90 Theresa Mitterer-Leitner, Management Center Innsbruck – MCI (2023): Tourismusgesinnung von Landwirt:innen in der Region Wilder Kaiser
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.
Sperrstund’ is’! – Vom Sterben unserer Wirtshäuser
In Österreich gibt es immer weniger Gast- beziehungsweise Wirtshäuser. Was sind die Ursachen für das „Gasthaussterben“? Und wie lässt sich traditionelle Gasthauskultur auch in Zukunft bewahren?
In Österreich gibt es immer weniger Gast- beziehungsweise Wirtshäuser. Laut Daten der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), Fachverband Gastronomie, erreichte die Zahl Gasthäuser hierzulande im Jahr 1983 mit fast 16.000 einen Höchststand. Seitdem schwindet ihre Anzahl allerdings fortlaufend. Im Jahr 2024 waren noch rund 6.500 Gasthäuser übriggeblieben. Das entspricht einem Einbruch von annähernd 60 Prozent (58,8 Prozent). Weit mehr als die Hälfte aller österreichischen Gasthäuser hat also seit Anfang der 1980er-Jahre zugesperrt. Im selben Zeitraum wuchs die Zahl der Restaurants, also der definitionsgemäß „gehobenen Gastronomie“ sowie der Gastronomiebetriebe insgesamt deutlich.
Mehr Zahlen sowie Definitionen der Begriffe „Gasthaus“ oder „Restaurant“ findest du in unserer Grafik und im Kasten unten.
Mit jedem Gasthaus geht allerdings mehr verloren als „nur“ ein Ort, an dem Gäste bewirtet werden. Gasthäuser erfüllen nämlich schon seit Jahrhunderten gleich zwei zutiefst menschliche Grundbedürfnisse: das Grundbedürfnis nach Nahrungsaufnahme sowie jenes nach sozialem Miteinander.
Schon in der Frühgeschichte des Menschen versammelten sich unsere Vorfahren um das Feuer, um gemeinsam zu essen und zu kommunizieren. So entstand wissenschaftlichen Theorien zufolge erst die Sprache. Und so manche Idee, die später einen Fortschritt für die gesamte Menschheit mit sich brachte, dürfte ums Lagerfeuer herum, am Küchentisch oder eben im Gasthaus entstanden oder zumindest diskutiert und verfeinert worden sein. Mit anderen Worten: Gasthäuser sind auch traditionelles Kulturgut und soziales Bindeglied, nicht zuletzt in Österreich.
Über das Wiener Beisl schrieb das Wien-Museum anlässlich seiner Ausstellung „Im Wirtshaus“ im Jahr 2007: „Hier verkehrten Kommerzialräte und Kutscher. Im halb-öffentlichen Raum des Wirtshauses trafen sich Stammtischrunden, Vereine und politische Gesinnungsfreunde. Verbote und Bespitzelungen waren die Folge. 1848 verabredeten sich die revolutionären Studenten in Gasthäusern, später wurden in Hinterzimmern Arbeitervereine gegründet.“91
Auch das Wirtshaus als Ort der Vergnügung wird thematisiert. „Hier spielten Harfen- und Zitherspieler um Almosen, hier sorgten Volkssängerinnen mit obszönen Liedern für Stimmung. Berühmt-berüchtigt war die Lokalszene von Neulerchenfeld: Fast jedes zweite Haus hatte Wein- oder Bierausschank.“
Abseits der großen Stadt Wien hatte beziehungsweise hat das Gasthaus vielleicht sogar noch größere Bedeutung. Auch in kleineren Gemeinden gab es häufig mehrere Gaststätten, die zum Teil gleichzeitig Brauereien und landwirtschaftliche Betriebe waren. In den langen Zeiten vor Erfindung des Fernsehens und des Internets war am Land das Dorfgasthaus einer der wenigen Orte, an denen Menschen zusammenkommen und dem Arbeitsalltag entfliehen konnten. „Neben dem Marktplatz, der Kirche und dem Rathaus hatte das Wirtshaus wegen seines multifunktionalen Charakters (…) eine zentrale Stellung im öffentlichen Leben dörflicher sowie städtischer Gesellschaften“, heißt es in einer im Jahr 2024 veröffentlichten Studie zum „Wirtshausalltag in Wien und Niederösterreich 1800–1850“.92
Auch für die Landwirtschaft sind Gasthäuser traditionell von Bedeutung. Unter anderem auch deshalb, weil sie – laut einer Studie93 der Universität Innsbruck – „als Vermittler der Regionalität heimischer landwirtschaftlicher Produkte“ dienen.
Was ist (k)ein Gasthaus?
Laut Wirtschaftskammer (WKO) sind Gasthäuser „Gastgewerbebetriebe, die ausschließlich der Verabreichung von Speisen jeder Art und dem Ausschank von Getränken dienen.“ Dabei erreicht ein Gasthaus bezüglich Ausstattung, Speisenangebot sowie allgemeiner Charakteristik „in der Regel nicht den Standard eines Restaurants.“ In Österreich wird das Gasthaus häufig auch als Wirtshaus, Beisl (Wirtshaus mit typisch Wiener Küche) oder Gaststätte bezeichnet.
Der Gasthof dagegen unterscheidet sich dadurch, dass er neben Speisen und Getränken zusätzlich auch Beherbergung anbietet. Im Gegensatz zu einem Hotel wiederum weist der Gasthof eine einfachere Ausstattung, kaum Zusatzeinrichtungen sowie eine geringere Anzahl an Zimmern auf. In den Statistiken der WKO liegt die Grenze bei acht Gästebetten.
Allerdings existiert bei den Namen der einzelnen Betriebe keine harte Trennung zwischen den Begrifflichkeiten. So nennen sich aus Gründen der Tradition auch manche gehobenen Hotels oder Restaurants selbst Gasthof oder Gasthaus.
Was sind die Ursachen für das „Gasthaussterben“?
Der wahrscheinlich wichtigste Treiber hinter dem Gasthaussterben ist im allgemeinen gesellschaftlichen Wandel zu suchen. Dieser wirkt sich mit seinen vielen Facetten sowohl über Veränderungen im Arbeitsleben als auch bei der Freizeitgestaltung auf Gasthäuser aus.
Wie erwähnt war das Gasthaus früher in vielen Dörfern ein fixer Treffpunkt. Auch deshalb, weil es sehr viel weniger alternative Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gab als heute. In einer Vorarbeit zu oben genannter Studie der Uni Innsbruck wird eine damals 65-jährige, nicht namentlich genannte Amtsperson – ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin – mit den Worten zitiert: „Das Gasthaussterben ist eine Folge der Freizeitbeschäftigung und des menschlichen Verhaltens. Wenn ich zurückdenke an meine Jugendzeit vor 40 Jahren. Da war es normal, dass nach der Arbeit ein bestimmter Bevölkerungskreis ins Gasthaus gegangen ist.“94 Auch nach dem sonntäglichen Kirchgang war der Besuch des Wirtshauses für viele Familien ein regelmäßiges Ritual.
Zwar leben in Österreich inzwischen mehr Menschen, die im Durchschnitt außerdem sowohl über ein höheres Einkommen als auch über mehr Freizeit verfügen. Aber wer früher ins Gasthaus ging, kann heute zwischen vielen weiteren Freizeitgestaltungsmöglichkeiten wählen: vom sogenannten Home-Entertainment mit seinen unzähligen TV- und Streaminganbietern, Internet und Social Media, über Vereins- und Kulturangebote bis zu vielerlei Sport- und anderen Freizeitangeboten. „Junge Menschen gehen immer weniger in Gasthäuser“, stellen Forscherinnen und Forscher der Uni Innsbruck in derselben Arbeit fest.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Menschen sich heutzutage weniger bekochen lassen. Ganz im Gegenteil: Der Außer-Haus-Verzehr ist heute wesentlich bedeutender als früher. Aber statt der oft einzigen gastronomischen Alternative „Gasthaus“ gibt es inzwischen etliche unterschiedliche Lokale und neue Essensformate, wie den Döner-Imbiss oder den Lieferservice in den Städten. Und damit auch mehr Konkurrenz für Gasthäuser.
„Heute gibt es Ethnoküche, IKEA, McDonald’s, Burger King, Döner. (…) Früher gab es alternativlos das Gasthaus und heute ist das Angebot dementsprechend mehr und somit verteilt sich natürlich auch der Kunde auf die verschiedenen Sparten“, zitiert die oben genannte Forschungsarbeit eine weitere anonyme Quelle. Mit dem Begriff „Ethnoküche“ sind Speiselokale mit traditioneller Küche anderer Länder gemeint (italienisch, griechisch, mexikanisch, arabisch etc.).
Das klassische Gasthaus hat im 21. Jahrhundert also nicht nur durch ausgebaute Freizeitangebote Konkurrenz bekommen, sondern auch in Form von gastronomischen Alternativen.
Weniger Familienbetrieb, mehr Personalbedarf
Der gesellschaftliche Wandel wirkt sich auch über die Veränderungen am Arbeitsmarkt auf die Gastronomie aus. Seinen Lebensunterhalt als Wirtin, Kellner oder Köchin zu bestreiten, ist oft mit langen und unregelmäßigen Arbeitszeiten verbunden, die schwerpunktmäßig an Abenden und Wochenenden liegen. Gleichzeitig zeichnen sich andere Berufsfelder durch leichter planbare, regelmäßigere Arbeitszeiten und bessere Bezahlung aus. Das macht es für die Gastronomie im Allgemeinen schwieriger, Personal zu finden und auch zu halten.
Diese Umstände wirken sich in ähnlicher Weise auch auf die Nachkommen von Gasthausbetreiberinnen und -betreibern aus. Die Mithilfe im Betrieb sowie eine spätere Übergabe innerhalb der Familie sind heute weniger vorgezeichnet als in früheren Zeiten. Die Aussicht auf viel Arbeit bei mutmaßlich geringem finanziellen Erfolg schreckt viele ab.
Dies sei der Grund, „weshalb Gasthauskinder oft einen Bildungsweg abseits von Gastronomie und Tourismus einschlagen. Früher war es üblich, dass das Stammpersonal aus Familienmitgliedern bestand. Heutzutage ist das nicht mehr der Fall. Deshalb benötigen Wirtsleute qualifiziertes Personal, welches angesichts des vorherrschenden Fachkräftemangels schwer zu finden ist“, heißt es im Endbericht der genannten Studie.
Dieser Fachkräftemangel zeigt sich nicht zuletzt in der Lehrlingsstatistik der Wirtschaftskammer. Demnach waren innerhalb des Fachverbands Gastronomie noch im Jahr 2010 rund 4.900 Lehrlinge registriert. Danach schrumpfte die Anzahl jener, die sich für eine Ausbildung etwa zur Köchin oder zum Gastronomiefachmann entscheiden, relativ kontinuierlich auf rund 2.500 im Jahr 2024. Das entspricht einem Rückgang von 49 Prozent innerhalb von nur 15 Jahren.
Hohe Investitionskosten und verschärfte Auflagen
Wurde in einen Betrieb lange zu wenig investiert, unter anderem aufgrund zu geringer Erträge, dann erhöht sich die Hürde für eine Übernahme zusätzlich. Wenn Küche, Gastraum, Heizung und Sanitäranlagen gleichzeitig Sanierungsbedarf aufweisen, können hohe Summen anfallen. Gleichzeitig ist unsicher, ob sich diese Investitionen über ausreichend Gäste amortisieren beziehungsweise langfristig auszahlen.
Zusätzlich klagt die Gastronomie – wie auch andere Bereiche der Wirtschaft – darüber, dass bei einer Übernahme beziehungsweise bei einem Umbau die zwischenzeitlich erhöhten gesetzlichen Standards schlagend werden. Dies gilt für viele Bereiche wie Hygiene, Brandschutz, Arbeitsschutz und so weiter. Auch dies verursacht zusätzliche Kosten, auch wenn die Erfordernisse aus Sicht der Gastronomie nicht immer nachvollziehbar sind.
In dieselbe Kerbe schlägt der Psychologe und Betriebswirt Alexander Plaikner. Er beschäftigt sich an der Tiroler Privatuniversität UMIT sowie der Uni Innsbruck unter anderem mit den vielschichtigen Übergabeprozessen von Gasthäusern. Diese gehen weit über verschärfte Hygienestandards hinaus: „Unsere Forschung offenbart einen wahren ‚bürokratischen Dschungel‘, in dem die Fülle an Vorschriften sowie komplexe steuer- und erbrechtliche Regelungen gerade jüngere potenzielle Nachfolger:innen psychisch und finanziell überfordern kann“, stellt der Gasthausforscher fest. „Häufig sind externe Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung nötig, was die Einstiegskosten weiter erhöht.“
Unterm Strich sieht Alexander Plaikner das „Gasthaussterben weniger als schicksalhafter Markttrend, sondern als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Wertewandel, Fachkräftemangel, Bürokratie, Investitionsdruck und familieninternen Nachfolgeprozessen.“
Bleiben Investitionen und die Anpassung an veränderte Ansprüche der Kundschaft aus, dann verliert das Gasthaus weiter an Attraktivität – sowohl für die Wirtsleute, deren potenzielle Nachfolger und das Personal als auch für die Gäste.
Gasthaussterben trotz Tourismusboom
Neben anderen gastronomischen Angeboten sind Gasthäuser auch elementarer Bestandteil der touristischen Infrastruktur. Gäste aus dem Ausland suchen und schätzen die typisch österreichischen Traditionsgasthäuser, sei es das Wiener Beisl oder das Landgasthaus, wie es in Tirol, Vorarlberg, Salzburg und anderen Orten quer durch Österreich zu finden ist.
Wie ist es in diesem Zusammenhang zu erklären, dass es im Tourismusland Österreich überhaupt ein Gasthaussterben gibt? Warum scheinen zig Millionen Nächtigungen im Jahr dem Negativtrend nicht entgegenwirken zu können, und warum ist selbst in stark vom Tourismus geprägten Bundesländern wie Vorarlberg oder Tirol die Zahl der Gasthäuser seit Jahren rückläufig?
„Das typische ländliche Gasthaus ist nicht unbedingt automatisch mit dem Tourismus verbunden. Es lebt traditionell mehr von der lokalen Klientel, auch wenn in ein ‚besseres‘ Gasthaus natürlich auch die Touristen kommen“, erklärt Markus Schermer von der Uni Innsbruck. Der Soziologe bestätigt den beschriebenen allgemeinen Wertewandel – neben Personal- und Nachfolgeproblemen – auch hier als wesentliche Ursache. „Das Dorfgasthaus als sozialer Treffpunkt ist nicht mehr so wichtig, da die Leute mobiler geworden sind und ihre sozialen Beziehungen auch außerhalb der Dorfgemeinschaft pflegen. Zudem ist man im Dorf stärker über Vereine organisiert, die oft eigene Vereinslokale betreiben.“
Hinzu kommt, dass natürlich auch in den tourismusstärksten Bundesländern nicht alle Dörfer und Landesteile gleichermaßen vom Tourismus profitieren.
Hat das Gasthaus eine Zukunft?
Welche Bedingungen sind notwendig, damit die österreichische Gasthauskultur auch in 20 Jahren noch existiert und sowohl von Einheimischen als auch Touristen erlebt werden kann? Auf diese Frage findet sich eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen und Ansätzen, zum Teil auch ungewöhnliche. Sie reichen von finanziellen Förderungen, Steuererleichterungen, Bürokratieabbau oder Imagekampagnen für gastronomische Lehrberufe bis hin zur Neugründung eines Gasthauses auf genossenschaftlicher Basis durch Bürgerinnen und Bürger.
Als zentral wird häufig die grundsätzliche Notwendigkeit betrachtet, das Angebot eines Gasthauses an den gesellschaftlichen Wandel anzupassen, sei es etwa bezüglich der Speisekarte oder digitaler Kommunikation mit der Kundschaft. Schon in einer Untersuchung der Uni Linz in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer Oberösterreich aus dem Jahr 2011 heißt es: „Bei aller Sympathie mit den traditionellen Landgasthäusern wird man den WirtInnen auch eine entsprechende unternehmerische Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel abverlangen müssen: eine bessere Kundenorientierung, neue Marktnischen und Zusatzangebote (…), Nutzung von Jugendtrends (…), Ausbau der Nutzung regionaler und saisonaler Besonderheiten usw.“95
Auch für Alexander Plaikner hat das Gasthaus eine Zukunft, sofern die Menschen dahinter flexibel bleiben und sich veränderten Gegebenheiten anpassen. „Wird ein Wirtshaus rechtzeitig modernisiert, der Charakter bewahrt und das Konzept klug weiterentwickelt, finden sich durchaus Nachfolger:innen, auch aus dem bisherigen Team oder als engagierte Quereinsteiger:innen.“
Der Begriff der Regionalität taucht immer wieder auf, wenn es um Möglichkeiten der Spezialisierung und des Sich-Abhebens von der Konkurrenz geht. Beobachten lässt sich, dass erfolgreiche und zukunftsfit erscheinende Gasthäuser häufig auf hochwertige Zutaten und regionale Lieferketten setzen und ihr Angebot als individueller Betrieb am jeweiligen Ort mit seinen Besonderheiten auf ein klar definiertes Zielpublikum abstimmen.
Auch aus Sicht der Landwirtschaft kann das standortangepasste Landgasthaus mit einer regionalen beziehungsweise lokalen Speisekarte als wichtiges Aushängeschild und Bindeglied zwischen Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus dienen. Gleichzeitig warnt Experte Markus Schermer vor übersteigerten Erwartungen: „Regionale Gasthauskultur zielt vorrangig auf lokale GenießerInnen. Und sie ist ohne Zweifel eine wichtige Nische, gerade auch in ihrer Funktion als Kulturträger“, sagt Schermer. „Man muss sich aber bewusst sein, dass GenießerInnen nicht die breite Masse sind. Regionale Produkte in der Gastronomie allein werden weder das Gasthaussterben verhindern noch können sie die Landwirtschaft ‚retten‘.“
Quellen
91 wienmuseum.at (2007): Im Wirtshaus – Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit (Zugriff: 04.02.2026)
92 Hofbauer (2024): „der Plebs ist hier Souverain“ – Wirtshausalltag in Wien und Niederösterreich 1800–1850)
93 Plaikner et al. (2021): Gasthaussterben in Tirol – eine Evaluierung der Hintergründe, Herausforderungen, neuen Konzepte und Lösungsansätze
94 Plaikner et al. (2020): Gasthaussterben in Tirol – eine Evaluierung der Hintergründe und Herausforderungen (Zwischenbericht), S. 9
95 Hunger et al. (2011): Landgasthäuser – Bedeutung und Zukunft – Eine empirische Untersuchung in Oberösterreich, S.88
Dieser Artikel ist Teil des Reports „Landwirtschaft, Lebensraum und Tourismus“.